Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 wald sich bereit erklärte, Rede und Antwort zu stehen, und eine seinem Vortrage folgende Diskussion ankündigte, trat Ruhe ein. Mehrere Versammlungsteilnehmer (meldeten sich schriftlich zum Worte und der Referent konnte seine pathetischen Ausführungen ungestört zu Ende führen. Er begnügte sich mit der immer wiederkehrenden Behauptung, daß Sombart die Juden in seinem Vortrage geschmäht habe und. blieb jeden Beweis schuldig. Lärniszenen im Saal. Kaum hatte Dr. Grunwakl geendet, so erhob sich Dr. Stern und erklärte die Versammlung' für geschlossen. Herr Dr. Stern scheint bei dem Vortrage seines Rabbiners eingcschlafen zu sein und geträumt zu haben, daß er sich in einer Sitzung des Kultusvorstandes befindet, wo er Wortanmeldungen ungestraft unter den Tisch werfen kann. Sonst wäre dieser in einer öffentlichen Versammlung verübte Gewaltstreich einfach (unerklärlich. Ein ungeheurer Sturm brach los. Die Zuhörerschaft stürmte gegen das Podium. Lediglich den Bemühungen der anwesenden Gesinnungsgenossen Ob.-Ing. Stricker und Dr. Plaschkes gelang es, Tätlichkeiten zu verhüten und einige Gemeindediener, die sich außerordentlich frech und roh gebärdeten, vor wohlverdienten Hieben zu bewahren. Es muß bei dieser Gelegenheit hervorgehoben werden, daß sich ein Teil der anwesenden Gemeindebediensteten einfach schändlich benommen hat. Es wäre hoch an der Zeit, daß sich die anständigen Elemente in der Seitenstettengasse dagegen verwahren, daß ihre p. t. Kollegen mit. solch brutalem Eifer Hausknechts- und Spitzeldienste versehen und den Ruf der Beamtenschaft schwer schädigen. Den Elerrn „Ordnern“ sei folgendes mitgeteilt: Die Zionisten sind dieser Frechheit satt. Sie werden beim nächsten Anlässe jeden „diensthabenden“ Rohling separat aufs Korn nehmen und entsprechend behandeln. Also aufgepaßt, ihr Edeln! Fortsetzung der Versammlung. Nachdem sich der Tumult etwas gelegt hatte, erschienen Dr. Grunwald und Dr. Koim neuerlich im Saale und ersterer erklärte, auf eine Diskussion einzugehen. Es soll hervorgehoben werden, daß di e v e rübten G e w a 11 - taten lediglich auf das Konto des Dr. Stern zu setzen sind. Die anderen Herren haben kein Teil daran, daß ein gegebenes Versprechen in brüsker Weise gebrochen wurde. Dem greisenhaften Starrsinn und dem unbändigen Machtdünkel des Herrn Präsidenten sind alle Lärmszenen zuzuschreiben. Hoffentlich merkt er sich für die Zukunft, daß man nicht ungestraft an Zionisten sein Mütchen kühlt. Oberingenieur Robert Stricker und Herr Adolf Böhm, Obmann des Zentralkomitees, traten nunmehr den Ausführungen Doktor G r u n w a 1 d s entgegen. Ersterer wies nach, daß die ganze, scheinbar dem Prof. Sombart geltende Hetze lediglich gegen die Zionisten gerichtet ist, denen man nachsagen will, daß ihre Bundesgenossen lediglich Antisemiten, sind. Er erklärte, daß die Zionisten keineswegs in allen Punkten auf Sombarts Theorien schwören, daß es aber eine jämmerliche Komödie sei, Sombart zum gefährlichen Antisemiten stempeln zu wollen. Ad. B ö li m machte dem Referenten zum Vorwurf, auch nicht mit .einem Worte das eigentliche Thema berührt zu haben. Er ging Herrn Dr. Grunwald so hart an den Leib, und dieser mußte schließlich selbst eingestehen, daß er nicht zur Sache gesprochen habe. Unter lebhaftem Beifall, welchen die Anwesenden dem Gegenredner spendeten, schloß die Versammlung. Auf der Straße. Vor dem Gebäude hatten sich nach und nach Tausende angesammelt. Während die Zeitungen von jüdischen Studenten sprachen, bildeten in Wirklichkeit das jüdische bürgerliche Element die üb er wiegende Mehrheit. Ueber das Vorgehen Dr. Sterns und die Roheit seiner bezahlten Knechte herrschte ein Urteil. Obzwar noch für Hunderte Platz war, durfte niemand den Saal betreten. Die Erregung wuchs immer stärker an und imachte sich in Rufen gegen den Kulturvorstand, insbesondere aber gegen Dr. Stern Luft. Um S Uhr sperrte ein stackes Polizeiaufgebot die angrenzenden Gassen ab. Es kam hiebei' zu Zusammenstößen mit der Wache und mehreren Verhaftungen. Rundschau. Berthold Auerbach. Aus Anlaß des 10!). Geburtstages Berthoid A uerbachs wird der Name dieses einst volkstümlichsten Dichters der Vergessenheit entrissen. Denn während die Feuilletons von Speidel und Kürnberger aus dem Moder vergilbter Zeitungen geholt werden und Auflage um Auflage erleben, wird der Name Berthold Auerbach kaum genannt und die Lektüre seiner Schriften als nicht schick und modern empfunden. Dieser lindank trifft Auerbach nicht nur nach seinem Tode. Auch bei Lebzeiten hatte er unter verschiedenen Verfolgungen zu leiden. Ahasvers Doppelwesen fand in ihm vollendeten Ausdruck: er bemühte sieh mit allen Fasern seines Herzens deutsch zu sein, war jedoch zu stolz, das Judentum zu verlassen um fahnenflüchtig zu werden. Er hoffte, daß der Gegensatz des „jüdisch-deutschen Connubiums“ durch ein Zeitalter der Humanität verschwinden würde. Er täuschte sich und erlebte noch die ersten .Stürme des Antisemitismus unter Stöckers Anführung. Vor Schmerz, sein Ideal der vollständigen jüdischen Einbürgerung zertrümmert zu sehen, zog er sich aus Deutschland zurück. Er starb in Verarbeitung des Olivenholzes in der im ersten Kapitel geschilderten Weise wird bekanntlich in Palästina in großem Maßstab geübt. Ein Mißstand besteht in der Art der Besteuerung der Olivenernte durch die türkische Regierung. Man erntet meist im November und Dezember, muß aber häufig die Früchte in Haufen liegen lassen, bis es dem Steuerwächter beliebt, die Besteuerung vorzunehmen. Dann salzt man sie ein, um zu verhindern, daß sie zu sehr faulen, beides natürlich zum Schaden des Oeles. Natürlich wäre es ratsamer die Schätzung wie in Nordtunis vor der Ernte vorzunehmen. In Syrien muß für jeden zu vollem Ertrag gekommenen Oelbaum eine Steuer von Dy Piaster (zirka 23 Pfennige) entrichtet werden. Vom Fuße des Taurus bis zur Wüstengrenze im Süden Palästinas, vom Gestade des Mittelmeeres bis zu der östlichen Grenze, wo, etwa 100 Kilometer landeinwärts, die übergroße Trockenheit und das Fehlen von Berieselungswasser allem Anbau ein Ziel setzt, ist der Oelbaum der charakteristische Baum des Landes, ja in manchen Gegenden von Syrien und Palästina der einzige Baum, in anderen nur mit dem Feigenbäume wechselnd. Ueber die Beteiligung der Juden an der Oli'- venkultur Palästinas war bis in die letzten Jahre nicht viel zu berichten. Der Weinbau und die Orangenkultur wurden von jeher von den jüdischen Kolonisten bevorzugt. Erst neuerdings wurden in manchen jüdischen Kolonien größere Olivenpflanzungen angelegt, die aber noch zu jung sind, um schon jetzt in der Produktion des Landes eine wesentliche Rolle zu spielen. (Von den von dem Verein „Oelbaumspendc“ angelegten Pflanzungen ist hierbei abgesehen.) Die jüdischen Kolonisten schlagen nicht wie die Araber die Früchte mit Stöcken herunter, sondern nehmen sie mit der Hand ab und erreichen so, daß ihre Oelbäume ziemlich gleichmäßig Frucht tragen, während die Araber cs in der Eigenart des Baumes begründet glauben, daß er nur ein Jahr über das andere Frucht trägt. Was die Oelfabrikation anbelangt, so war bereits davon die Rede, daß die primitivsten Kleinbetriebe, in denen die Extraktion des Oeles auf chemischem Wege ganz unbekannt war, bis vor wenigen Jahren ausschließlich in den Hiincien der Araber waren. Neuerdings haben sich jüdische Kapitalisten diesem Industriezweig zugewandt. Zurzeit gibt es drei größere jüdische Oelfabriken in Palästina (bei Lydda, bei Haifa und bei Jerusalem), die im wesentlichen nicht Oliven, sondern, wie oben ausgeführt, die Preßrückstände der arabischen Betriebe verarbeiten. Doch haben die Fabriken selbst bereits Pflanzungen und Baumschulen angelegt, um die jüdischerseits betriebene Oeiproduktion zu vergrößern. Dieselbe Gesellschaft, Athid genannt, betreibt in ihrer Haifaer Fabrik gleichzeitig Seifenfabrikation. Ueber die Rentabilität der Olivenkultur, nach in Palästina gemachten Erfahrungen zu sprechen, würde hier zu weit führen. Es sei nur bemerkt, daß — ebenso wie das bezüglich der Oelgewinnung bereits ausgeführt wurde — auch bei der Olivenzucht durch sachgemäßere Methode und liebevollere Pflege, als sie bei der arabischen Bevölkerung üblich ist, eine wesent- Frankreich. Knapp vor seinem Tode tat er den berühmten Ausspruch: „Da hast du zwei Menschenalter als Deutscher gelebt und stirbst in der Fremde wie ein Hund.“ Die Enkel der Auerbachschen Zeit, die nüchterner ins Leben blicken und wissen, daß Humanität und Kosmopolitismus nur Schlagworte waren, die in Selbsttäuschung eiiilüllten, feiern das Gedächtnis Berthold Auerbachs in Verehrung und ehrlichem Mitgefühl mit dein guten Menschen und stolzen Juden Auerbach, der — hätte er in unserer Zeit gelebt — den Gegensatz Jude — Deutscher so gelöst Ratte, wie jeder rechtschaffene Mensch, der Jude ist: er wäre einer der Unserigen geworden. DOPPEL- MALZ* BIER. Austria-Brauerei Wien-Neudorf. Julius Jlfe in l Eine interessante Versammlung. Dienstag, den 27, Februar fand im Hotel Guth eine von ungefähr 500 Personen besuchte, von einem Komitee galizischer Juden veranstaltete Versammlung statt, deren Verhandlungen ein kennzeichnendes Licht auf die Verhältnisse in der Wiener Kultusgemeinde warfen. O affe n 11 i c h wurde dem orthodoxen Rabbiner Maver M ayersohn vorgeworfen, daß er ein Wucherer sei, sein Amt mißbrauche, unmäßig hohe Gebühren verlange, Protektionswirtschaft treibe und noch vieles andere auf dem Gewissen habe, was eines Bürgers, geschweige denn eines Wiener Gemeinderabbiners unwürdig sei. Zahllichc Steigerung des Wertes erreichbar ist. So erlangen die deutschen Kolonisten in Haifa, die den Boden pflügen und düngen, die Früchte nicht abschlagen, sondern mit der Hand abnehmen und so den Baum schonen, als Ertrag eines Baumes 20 Frcs., so daß sich der Baum in drei Jahren bezahlt macht. (Ein Baum von 50 Jahren kostet höchstens 6(5 Frcs.) Wer sich für die Rentabilität von Olivenpflanzungcn interessiert, die ein Kapitalist für sich — als Kapitalsanlage — oder eine Familie die vom Ertrage leben will, anlegt oder anlegen läßt, den verweisen wir aut das vom Palästinaamt in Jaffa herausgegebene Schriftchen: „Die Anlage von Pf tan Zungen in P a 1 ä s t i n a.“ Für die vom Verein „Oelbaumspende“ anzulegenden Pflanzungen waren, wie erwähnt, 6 Mark als die Kosten eines Baumes bis zur Selbsterhaltung und 2.40 Mark als Jahresertrag angenommen worden, indessen erwies sich die erstere Zahl als etwas zu niedrig angesetzt. Der Zweck unserer Ausführungen war nur der, auf die hohe Bedeutung der Olivenkultur für die Mittelmeerländer im allgemeinen, für Palästina in besonderem hinzuweisen. Mit welchem Erfolge die Agitation für diese wichtige, oft unterschätzte Seite der Palästinakolonisatioi. bisher betrieben worden ist, ist dem Leser bekannt. Zusammenfassend sei hier nur festgestellt, daß bisher 320.000 Mark für diesen Zweck gestiftet worden sind. 1 m „H e r z 1 w a 1 d“ sind allein an 15.000 Bäume bereits gepflanzt. Ein verheißungsvoller Anfang — aber nur ein Anfang!