Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 im Polenklub wie auch auf sein Reichsratsmandat verzichtet. Dadurch kommt die sogenannte demokratische Partei ans Ruder, denn ihr Anhänger Dr. Leo wird zum Obmann des Polenklubs gewählt werden. Die demokratische Partei ist mit den Konservativen eng liiert und gegenwärtig die Hauptstütze des galizischen Statthalters. Mit Ausnahme des jüdischen Allpolen Qall und der konservativen Dr. S t'e i n - haus und Stern gehören die anderen Polenklubjuden der demokratischen Partei an. Bilinskis "Rücktritt und des „Demokraten“ Leo Wahl bedeuten also für die Juden nicht viel Gutes. Gehupft wie gesprungen. , Durch Bilinskis Nomination ist das Rzeszower Reichsratsmandat frei geworden und das Wahlfieber hat in dem Bezirke Rzeszow eingesetzt. Es flattern Namen verschiedener Personen — darunter einiger waschechter Antisemiten — auf, weiche pich um das Mandat bewerben. Von einer-Rücksichtnahme auf den großen Prozentsatz jüdischer Wähler in diesem Bezirke ist wenig zu merken. Zur Dokumentierung ihrer Selbständigkeit und um nicht eine Beute der einander bekämpfenden Stimmenkäufer der verschiedenen Parteien zu werden, sollten die Juden einen selbständigen jüdischen Kandidaten aufstellen. Die vereinigten jüdischen Stimmen werden dann in der Stichwahl nach politischen Grundsätzen in die Wagschale geworfen werden können. Gerade in Anbetracht der Landtagswahlreform muß der Beweis erbracht werden, daß die Juden nicht gewillt sind, als herrenloses Stimmvieh behandelt zu werden, das jedem antisemitischen Kandidaten oder politischen Abenteurer zur Verfügung steht. Unsere nationale Selbständigkeit ist der Eckstein unseres politischen Programmes. Diesem Grundsatz bei jeder sich darbietenden Gelegenheit Geltung zu verschaffen, ist die natürliche Konsequenz. Man muß sich nur an die letzten Ersatzwahlen in Zloczow und Drohobycz erinnern, um zum Schlüsse zu gelangen, daß man die jüdischen Massen nicht führerlos lassen darf. Die Führer der jüdisch-nationalen Politik mögen dessen bewußt sein und das jüdische Volk von der Schmach der Ersatzwahl Drohobycz reinwaschen. Aus dem jüöilclien Geben. Bosnische Sephardim in Palästina. Jaffa. Am 9. Februar traf hier eine Gruppe von dreißig sephardischen Juden aus Sarajewo ein. Die Teilnehmer der Reisegesellschaft . sind gutsituierte Kaufleute mit einem Chacham an ■der Spitze. Gleich nachdem sie hier eingetroffen waren, besuchten sie den Chachambaschi LIsiel, bei dem sich zu ihrer Begrüßung einige Mitglieder der Gemeinde versammelt hatten. Der Chachambaschi hieß die Gäste mit herzlichen Worten willkommen und legte ihnen ans Herz, in Erez-Israel nicht nur die Denkmäler unserer ruhmreichen Vergangenheit zu besichtigen, sondern auch den neuen Schöpfungen unseres Volkes im Lande der Väter ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Mitglieder der Reisegesellschaft begaben sich sodann in die Mädchenschule der russischen Chowewe-Zion (Beth-Sefer Lebanoth) und folgten mit Interesse dem in hebräischer Sprache erteilten Unterricht. Nach einer eingehenden Besichtigung des jüdischen Stadtviertels Tel-Awiw reisten sie nach Jerusalem. Von dort aus werden sie eine Rundreise durch die jüdischen Kolonien unternehmen. Es wäre zu wünschen, daß das Beispiel der bosnischen Sephardim auch unsere spaniolischen Brüder in den anderen Ländern, insbesondere in der europäischen 'Türkei, zur Nachahmung anaifam möchte. Bisher haben sephardische Juden nyr in Aegypten . ähnliche Gesellschaftsfahrten nach Palästina veranstaltet'. Ankunft jemenitischer Juden in Palästina. Jaffa. An demselben Tage, tan dem die bosnischen Sephardim hier landeten, traf auch eine größere Anzahl jemenitischer Juden ein. Sie haben* die Absicht, sich in den jüdischen Kolonien, insbesondere in Pethach-Tikwah, als Landarbeiter niederzulassen. Die Jemeniten werden von den Kolonisten sehr gern als Arbeiter verwendet, weil sie anspruchslos, nrbeitssam und ehrlich sind. Insbesondere werden sie auch ihrer großen Frömmigkeit wegen von den Kolonisten orthodoxer Richtung gern gesehen und vielfach den aus Rußland stammenden aschkenasischen Arbeitern vorgezogen. Die Jemeniten, bei denen auch die Frauen und Kinder arbeiten, sparen im Laufe der Zeit von ihrem Arbeitslohn einiges Geld, das sie zum Ankauf kleiner Parzellen und zur Errichtung eines Häuschens verwenden. Es wäre für 'Palästinafreunde eine überaus dankenswerte Aufgabe, diesen strebsamen, sympathischen Ansiedlern durch kleine Darlehen den Bau eines Häuschens und den Erwerb eines Stückchen Landes zu ermöglichen. In letzter Zeit sollen die Juden in Jemen, da die kleineren Stammesfürsten (Imame) wieder an Macht geWonnen haben, in manchen Teilen des Landes schweren' Verfolgungen ausgesetzt sein. Die neu eingetroffenen Jemeniten erzählen, daß sehr viele ihrer unglücklichen Brüder den Wunsch gehabt hätten, sich ihnen anzuschließen, um sich durch Uebersiedlung nach Palästina vor den Verfolgern zu retten, daß sie aber leider keine Mittel für die Reise gehabt hätten. Die Neuankömmlinge selbst haben ihre geringe Habe verkauft, um die Reise unternehmen zu können. Von der Kunstgewerbeschule Bezalei in Jerusalem. Jerusalem. Dieser Tage besuchte Rabbiner Levy aus San Francisco, der Großmeister der Ordens Bnai-Brith in Amerika, die Bezalelscliule, und äußerte sich in begeisterter Weise über den Eindruck, den die Leistungen der Anstalt auf ihn gemacht haben. Er versprach der Leitung der Schule, seinen ganzen Einfluß als Ordensgroßmeister :aufbieten zu wollen, um sämtliche Bnai-Brith-Logen in Amerika zum Anschluß an den Verein „Bezalei“ zu veranlassen. Mitte Februar wurde in Kairo eine Bezalel- Ausstellung eröffnet, die sehr erfolgreich zu werden verspricht. Jüdische Landeskonferenz in Budapest. Budapest. Auf Anregung des Präsidenten der jüdischen Kultusgemeinde in Szabadka, Doktor Adolf Klein, fand am 20. v. M. in Budapest eine Landeskonferenz der jüdischen Kultusgemeinden statt, an der über 600 Delegierte der Kultusgemeinden des Landes teilnahmen. Die Konferenz hatte den Zweck, die Frage zu erörtern, auf welche Weise eine einheitliche Autonomie der in drei Lager gespaltenen jüdischen Kultusgemeinden (orthodoxe, neologe und Status quo-Gemeinden) erzielt werden könnte. Es wurde eine Resolution angenommen, derzufolge noch im Laufe dieses Jahres ein Landeskongreß der jüdischen Gemeinden aller Richtungen einberufen werden soll, der die Aufgabe haben wird, den Frieden zwischen den verschiedenen jüdischen Parteien im ungarischen Judentum wiederherzustellen, damit der jüdischen Glaubensgemeinschaft die ihr im Sinne der Gesetze gebührende Autonomie auf einheitlicher Basis gesichert werden könne. — Die Einheitsbestrebungen, deren Wortführerin die Landeskonferenz war, werden übrigens von der Landesvertretung der orthodoxen Kultusgemeinden (orthodoxe Landeskanzlei) entschieden bekämpft. Diese strebt eine separate Autonomie der orthodoxen Gemeinden an und will von einer organisatorischen Gemeinschaft irgendwelcher Art mit den fortschrittlich (liberal) gesinnten Gemeinden nichts wissen. Bisher hat es die’ ungarische Regierung vermieden, in dieser Streitfrage Stellung zu nehmen. Von ihr allein aber hängt es ab, ob die ungarische Judenheit nach dem Muster der christlichen Konfessionen eine autonome Verfassung überhaupt — auf einheitlicher oder dualistischer Grundlage — erhalten wird. Große Neigung, den Juden dieses Zugeständnis zu machen, scheint bei der Regierung nicht vorhanden zu sein, vielmehr bietet ihr die Haltung der orthodoxen Landesvertretung offenbar den erwünschten Vorwand, den Juden das ihnen gesetzlich zustehende Recht zu versagen. Die Bezalel-Ausstellung in Lodz. Lodz. Wie bereits mitgeteilt, fand hier eine großangelegte Ausstellung der jüdischen Kunstgewerbeschule „Bezalei“ in Jerusalem statt. Die Ausstellung blieb über vier Wochen geöffnet und hatte einen glänzenden Erfolg. Sie war von ca. 13.000 Personen besucht, und der Wert der Bestellungen auf die Erzeugnisse der Schule beläuft sich auf nahezu 10.000 Rubel» Die polnische und deutsche Presse widmete der Ausstellung eingehende sympathische Besprechungen. Eine neue hebräische Zeitung in Tunis. Tunis. Die nationaljüdischen Bestrebungen haben neuerdings auch bei der arabisch sprechenden jüdischen Bevölkerung von Nordafrika lebhaften Anklang gefunden. Besonders: unter den Juden in Tunesien gibt sich reges Interesse für die hebräische und jungjüdische Renaissancebewegung in allen ihren Formen kund. In den letzten Jahren sind in der Hauptstadt Tunis und in einigen Provinzstädten, wie Beja u. a., zionistische Vereine entstanden, deren Mitglieder auch die moderne hebräische Sprache und Literatur eifrig pflegen. Seit kurzem erscheint nun in Tunis auch eine hebräische Monatsschrift, unter dem Namen „Hapardes“, die von Herrn Simah Levy herausgegeben wird. Die erste Nummer enthält interessante Mitteilungen über das jüdische Vereinsleben in j Tunis. Das Jubiläum der „Hazefirah“. Warschau. Die hiesigen jüdisch-literarischen Kreise treffen umfassende Vorbereitungen zur Feier des 50 jährigen Jubiläums der hebräischen Tageszeitung „Hazefirah“, das am 15. Adar (4. März) d. J. festlich begangen werden soll. Die „Hazefirah“ wurde im Jahre 5622 (1862) von dem bekannten jüdischen Schriftsteller und Mathematiker Ch. S. Slonimsky, zunächst als Wochenblatt, gegründet, ln der Geschichte der modernen hebräischen Publizistik nimmt das gegenwärtig von Nahum .Sokolow und (David Frischmann geleitete Blatt eine hervorragende Stelle ein. Aus Anlaß der Jubelfeier sollen dem Chefredakteur Sokolow, der seit Jahrzehnten an der Spitze der Zeitung steht und sie zum führenden Organ der hebräischen Tagespresse erhoben hat, mannigfache Ehrungen erwiesen werden. Unter anderem haben die Verehrer Sokolows in Aussicht genommen, auf seinen Namen eine gemeinnützige Stiftung in Palästina ins Leben zu rufen. Verainsnadtfiditen. Verein zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl“. Sonntag, den 3. März, > .8 Uhr abends, im „Jüdischen Volksheim“, II., Stefaniestraße 12, Vortrag über den jüdischen Maler Samuel Hirszenberg mit Lichtbildern. — Referent: Herr Osias Herschdörfer. Entree 30 h. Wien. (Verein zion. Hochschüler „Theodor Herzl“.) Seminarprogramm: Dienstag, 5. März: Jüdische Vorlesung. Mittwoch, 6. März: Zionistisches Seminar. Mathias Achcs: Die jüdische Moderne. Ref. Bb. Emil Lederer. Samstag, 9. März: Bb. Fritz -Winter: Der Dubnowsche Nationalismus. — Sonntag, den 10. März, halb 5 Uhr, findet im Jüdischen Volksheim eine „Perez-Matinee“ statt, bei der Dr. Hugo Zuckermann konferieren wird. Herr Egon Brecher vom Josefstädter-Theater hat in liebenswürdiger Weise seine Mitwirkung zugesagt. Wien. (Wiener zionistische Vereinigung, IX., Müllnergasse 35.) Die Ausschußwahlen für das Sommersemester ergaben folgendes Resultat: Cand. ing. Eugen Knebel, Präses; iur. Jakob Landau, Vizepr.; techn. Karl Neumann, Schriftführer; techn. Ernst Freud, Kassier. — Die nächste Zusammenkunft findet Dienstag, den 5. März, 3 Uhr .abends, statt. Es ist Pflicht aller Mitglieder, zu erscheinen. Für die W. Z. V. Jakob Landau, Vizepräscs. Wien. (Jüdische Toynbee-Halle, XX., Othmargasse 46.) Vortragsprogramm für die Zeit vom 2. März bis 8. März 1912. Samstag, den 2. März: Konzert, Arrangement Herr Antscherl; Sonntag, den 3. März: Literarischer Abend (Jiddische Literatur), Herr Siegfried Schmitz und Herr Berthold Lechner; Montag, den 4. März: Ueber Lord Lister und seine Lehre, Dr. J. Samuely; Dienstag, den 5. März: Das Ratengesetz und das- Ratengeschäft, jur. Bickel; Mittwoch, den 6. März: Ludwig Philippsohh (zu seinem 100. Geburtstag), Schulrat Professor Baß; Donnerstag, den 7. März: Jüdische Geschichte (Zyklus), Dr. K. Kupfer; Freitag, den 8. März: Bibelvortrag.