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Jüdische Zeitung · 1912-02-23 · 8 (23.2.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 8 sehen hat. Der Feldzug gegen die Veranstalter des Sombartvortrages endete blamabel. Die Zionisten haben bewiesen, daß man durch unerschrockenes und ehrliches Auftreten den Willen der Klique brechen kann. Der Herr Kultusppäiiöent. An der Agitation gegen den Sombartvortrag hat natürlich auch Herr Dr. Stern höchstpersönlich teilgenommen. In seiner bekannten selbstherrlichen Manier hat er, charakteristischerweise zu einer Zeit, als bereits in seinem Leiborgan, der Bloch'schen Wochenschrift, der saubere Schimpfartikel des Unionsekretärs Fleischers gedruckt war und seine Rabbiner ihre Schmähreden von Stapel gelassen hatten, das Komitee für den Sombart-Abend mittels eines an unseren Gesinnungsgenossen Dr. Zweig gerichteten Schreibens „vorgeladen“. Die iNaivität großer Männer ist doch unbezahlbar! Seit Jahren bekämpft und verdächtigt Dr. Stern die Zionisten in unqualifizierbarer «Weise, läßt ihnen gegenüber die primitivsten Anstandsregeln außer Acht und hegt die komische Ansicht, daß diese selben Zionisten gewillt sind, nach seiner Pfeife zu tanzen, sich von ihm kommandieren zu lassen. Die Antwort, welche auf seine Vorladung .erteilt wurde, wird ihn vielleicht darüber aufklären, daß momentan im zionistischen Lager die Nachfrage nach Stemschen Ratschlägen eine sehr schwache ist, und insolange keine stärkere werden wird, als nicht Herr Dr. Stern seine Haltung zu ändern belieben wird. Die Antwort des Komitees lautete: Wien, am 15. Feber. An ein hochlöbliches Kultuspräsidium! In höflicher Beantwortung ihres geschätzten Schreibens bedaure ich nach Rücksprache und im Einvernehmen mit dem veranstaltenden Komitee, welches sich aus Gesinnungsgenossen zusammensetzt, mitteilen zu 'müssen, daß wir Ihrer Einladung nicht Folge leisten können. Die Gründe, welche uns zu dieser Absage nötigen, sind folgende: Wiederholt wurden Zuschriften und Eingaben der zionistischen Partei und ihrer legitimierten Vertreter seitens eines hochlöblichen Präsidiums unerledigt und unbeantwortet gelassen. Bei jeder Gelegenheit hat das hochlöbliche Präsidium in demonstrativer Weise zürn Ausdrucke gebracht, daß es auf die Meinungen, Willensäußerungen und Vorschläge der zionistischen Partei, welche auch in Wien einen großen Teil der judensdiaft repräsentiert, keinerlei Wert legt und sie in keiner Weise zu berücksichtigen gewillt ist. Schließlich haben wir die bedauerliche Wahrnehmung gemacht, daß Vertreter unserer Partei gelegentlich persönlicher Vorsprache seitens eines hochlöblichen Präsidiums nicht mit der ihnen gebührenden und von uns unbedingt geforderten Achtung behandelt wurden. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Zweig. Oie Geriffeniten unter den jüöildien flffimilanfen. Dienstag, den 20. d. M., sprach der sozialistische Jude Dr. Bauer über nationale Assimilation. Bei diesem Anlasse nahm er auch zum Vortrage Prof. Sombarts Stellung. Weil den roten Assimilanten und seiner jüdisch-sozialistischen Zuhörerschaft die Kritik Sombarts an der Judenassimilation {nicht paßte, machte er bei Besprechung der Judenfrage die geistreiche Bemerkung, daß Marxens Judenbuch mehr wert sei als die dickleibigen Bücher, mit denen uns der gerissenste Kaufmann unter den deutschen Professoren beschenkt. Wiehernde Freude des nur zum Teile konfessionslosen {sprich: fahnenflüchtigen) Auditoriums bewies, daß die Assimilationsschäbigkeit Dr. Bauers nicht vereinzelt ist. Sonst hat die Wiener sozialistische Presse vom Vorträge Sombarts keine Notiz genommen. Solange Sombart nicht über Juden schrieb und spradi, wurde er gern als Kronzeuge für die allein selig machenden Wahrheiten des Sozialis-1 mus zitiert. Wie Sombart jedoch von Juden zu schreiben begann, und zwar als Fremder in unparteiischer Weise, da fühlten sich die Herren Bauer, Austerlitz, Hartmann, Danneberg, Großmann — wer kennt alle die Namen der roten Mauschel? — nicht wohl und sie straften ihn nach biblischer Art, indem sein Name in ihrer Gemeinde und in ihren Zeitungen nicht ger.ant wurde, oder sie verhöhnten ihn, wie es Genosse Bauer tat. Daß Bauers Attacke an die berühmte Geschichte vom Löwen und vom . . . Fußtritt erinnert, hat der liebe sozialistische „Wissenschaftler“ nicht bedacht. Der wackere Kornelius. Kornelius Spitzer, der Vertreter der Wiener Handelskammer im Landtage, biederte sich den Christlichsozialen an. Unlängst beweinte er einträchtig mit ihnen die falsche Berichterstattung der liberalen Presse. O wackerer Kornelius, Was wetzt du deine Fresse? Die Zeitung macht dir gar. Verdruß, Die liberale. Presse? D i r, der doch immer aufgeblickt, Als deutscher, treuer Jünger, Zur Eiche Moriz Benedikt .Zur Esche Mendel Singer?! Da niemand mehr zu schmeicheln wagt, Den schwarzen Grenadieren, Willst grade du — zu Buß gesagt Sie rehabilitieren! Was willst du, kleiner Herostrat, Mit deinem Katzenjammer, Du bist ja Handelskammerrat, Und handelst Wie ein Chammer! Nur so, wie folgt, war diesesmal, Wohl der Bericht ein rechter: Herr Spitzer (Christlichsozial) Ergreift das Wort (Gelächter), „Als deutscher Mann! (Oho und Heil!) „Hab ich schon oft empfunden .... (Der Redner ist im Hinterteil Des Landmarschalls verschwunden). Bemberger Brief. ^Von-iunserem1 Berichterstatter.) Der Landtag ist vertagt, die polnisch-ruthenischen Verhandlungen fanden ein Ende — die Juden sind vorläufig noch nicht endgültig entrechtet. Im Herbste soll der Landtag zu einer Session einberufen werden; die Wahlreformfrage wird wieder aktuell sein. Werden die verantwortlichen jüdischen Faktoren in Galizien die siebenmonatliche Frist ausnützen? Diese Frage muß jeder stellen, welcher Gelegenheit hatte zu beobachten, wie unvorbereitet und unorientiert die jüdische Bevölkerung Galiziens gelegentlich des Wahlreformkampfes war. Die jüdischen Massen brachten dem Kampfe um die Reform bei weitem nicht das Interesse entgegen, welches sie bei den letzten Reichsratswahlen bekundeten. Aus welchen Gründen? Apathie? Resignation? Oder mangelndes Vertrauen in die Führung? Wohl aus all diesen Gründen. Nun ist Waffenstillstand. Sieben Monate bleiben zur Vorbereitung und Agitation. Soll es da wirklich unmöglich sein, zusammen mit verschiedenen Gruppen im Lande vorzugehen, sich bezüglich gewisser Forderungen zu einigen und gemeinsam für deren Erreichung zu kämpfen? Man komme uns nicht mit dem Einwurf, daß die Zionisten in Galizien isoliert sind. Radikale Ruthenen, jüdische Sozialisten, Breiter und sein Anhang sind für die Forderung des allgemeinen Wahlrechtes zu haben und werden für eine Erhöhung der Mandatszahl der allgemeinen Kurie mit Vehemenz eintreten. Man vermißte bisher eine Kooperation dieser Faktoren. Ist es denn wirklich unmöglich gewesen, eine derartige Waffenbrüderschaft zustande zu bringen? Allerdings gehört (dazu 1/ertrauen -bei Freund und Gegner. Es würde zu weit gehen, wollte man alles anführen, was nicht geschah. Möge es in Hin-i kunft besser werden. Es ist nicht richtig, daß 11 Prozent, der Bevölkerung, die geschlossen in Städten siedeln, bei entsprechender Führung entrechtet werden können. Nur passive Ghettomenschen können sich einer derartigen Erkenntnis fügen. Tatenfreudige Demokraten ziehen mit dem Willen zu siegen in den Kampf. Und das hat man bisher leider in Galizien nicht konstatieren können. * * * Am 11.. Februar fand. die diesjährige Generalversammlung der Lemberger Kreditunion statt. Aus dem Berichte geht hervor, daß die ausgezahlten Anteile die Summe von 500.000 Kronen übersteigen. Der Reseryefond beträgt 35.000 Kronen. Im Laufe des Jahres wurden Wechsel im Gesamtbeträge von 12,000.000 Kronen eskomptiert. Der Reingewinn pro 1911 beträgt 46.051 Kronen, wovon 4600 Kronen dem Reservefond, 18.C00 Kronen dem Spezialreservefond zugewiesen und 1000 Kronen für verschiedene vom zionistischen Zentralkomitee zu bestimmende Zwecke verwendet wurden. In der Debatte über den Bericht wurde der Direktion vollste Anerkennung gezollt, jedoch konstatiert, daß die Kreditunion noch nicht in der Lage sei, allen an sie gestellten gerechtfertigten Wünschen zu entsprechen. An der Debatte nahmen die Herren Dr. Braude (Lodz), Dr. Waldmann, Tropp und Glas teil.- Nachdem dem Aufsichtsrate und der Direktion das Absolutorium erteilt wurde, wählte man an Stelle der statutengemäß ausgetretenen acht Mitglieder des Aufsichtsrätes die Herren Dr. Braude, Dr. Dogilewski, Philipp, Dr. Rappaport, Adolf Stand, Karl Stand, Trop und Dr. Waldmann. In die Direktion wurden die Herren Eisler, Dr. Hausmann, Orange und als Vertreter Bart, Buchstab und Landau berufen. * Die letzte Nummer des „Wschöd“ weist in einem Artikel „Die Gymnasien und die jüdischen Schüler“ auf den an den galizischen Mittelschulen herrschenden, schier unerträglichen Antisemitismus fiiin. Die!anige Skalar der Schikanen, 'Verhöhnungen, Ungerechtigkeiten wird aufgezähP, die in Bezug auf die jüdischen Schüler Anwendung finden. Während einerseits polnische Lehrer jüdische Schüler malträtieren, werden andererseits die jüdischen Lehrer von den Behörden in schrecklicher Weise schikaniert. Dieser Zustand ist uicht nur an einzelnen Gymnasien zu konstatieren, er herrscht in gariz Galizien und ist ein Produkt des autonomen galizischen Landesschulrates, woraus ersehen werden kann, was der Juden harrt, wenn die polnische Autonomie in Galizien weitere Fortschritte machen wird. ' ' * * * Das Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees, Nahum S o k o I o w, weilt in Lemberg. Er folgte einer Einladung hiesiger Gesinnungsgenossen, um über „Die kulturelle Zukunft der Juden“ zu sprechen. Die Maskenredoute - des zionistischen Mädchenvereines „Moriah“ findet am 5. März '1912 im Hotel Continental, II., Taborstraße, statt'. Anmeldungen für die Gruppen und Anfragen sind zu richten an das, Komitee, „Jüdisches! Volksheim“, II., Stefaniestraße 12. mmmm. Aus dem jüdilchen Beden. Die Generalversammlung der russischen Chowewe-Zion. Odessa: Mittwoch, den 14. d. M., wurde die Generalversammlung der „Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Palästina und Syrien“ durch den Vorsitzenden, Ingenieur M. Ussischkin, eröffnet. Die Tagung fällt mit dem dreißigjährigen Jubiläum der Gesellschaft zusammen und gestaltete sich deshalb besonders feierlich. Außer 200 Delegierten aus allen Teilen des russischen Reiches nahmen zirka 800 Gäste an den Beratungen teil.

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