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Jüdische Zeitung · 1912-02-23 · 8 (23.2.1912) · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Jüdischer Verlag, (Geschäftsstelle für Oesterreich-Ungarn, „Jüdische Zeitung“, Wien II/3, Stefaniestraße 12. MITTEILUNG. Die Leitung des „JÜDISCHER VER¬ LAG, BERLIN“ hat mit Zustimmung des Engeren Aktionskomitees 'der „JÜDI¬ SCHE ZEITUNG“, Wien, II/3, Stefaniestraße 12, die Alleinvertretung für Oesterreich-Ungarn übertragen. Fortan sind alle Bücherbestellungen an die „Jüdische Zeitung“ zu richten. Der „Jüdische Verlag“ besorgt durch seine neue Geschäftsstelle den Vertrieb der eigenen als auch aller in anderen Verlagen erschienenen Büchern und Schriften. Die P. T. Interessenten, insbesondere aber die Gesinnungsgenossen werden ersucht, ihren gesamten Bücherbedarf beim „Jüdischen Verlag“ zu decken. Die neuerrichtete Geschäftsstelle „Jüdische Zeitung“, Wien 11/3, Stefaniestraße 12, wird für prompte Erledigung aller Aufträge sorgen. Empfehlenswerte Neuerscheinungen: Werner Sombart: Die Zukunft der Juden.K 3.— — Judentaufen.K 2.40 Heinrich Löwe: Die Sprache der Juden . . ... . . K 2.40 Dr. Arthur Ruppin: Die Juden der Gegenwart, brosch. K 6.— geb.K 7.20 — Protokoll des X. Zionistenkongreß brosch. Kl.80, geb. K 2.70 Theodor Herzl: Feuilletons, 2. Aufl., soeben erschienen 2 Bände.K 7.20 — Purimgeschichte der Königin Esther ........ K 0.50 Die heilige Inquisition. Die Redaktion der „Jüdischen Zeitung“ hat den berühmten Nationalökonomen und Soziologen Professor Werner Sombart eingeladen, vor dem Wiener Publikum über das Thema „Die Zukunft der J u d e n“ zu sprechen. Der überaus glänzende Verlauf der Veranstaltung ist an anderer Stelle geschildert. Hier sollen nur einige höchstinteressante Vorkommnisse, die sich während hohen Geländer umfriedete Standort des Vorbeters, von der Decke hingen große und kleine Kronleuchter herab, deren Lichter während des Gottesdienstes nach und nach angezündet wurden. Der Gottesdienst begann, als wir noch im Gespräch begriffen war, mit dem ungleichmäßigen Einsetzen eines Gesanges, der ohne ■ die geringste Pause fast eine Viertelstunde währte und von Alt und Jung kräftig' mitgesungen wurde. Dann betrat der Lehrer die Kanzel und betete vor, wobei die Gemeinde von Zeit zu Zeit einficl oder doch mindestens ein „Amen“ rief. Auch die Wehklage fehlte nicht, wurde vielmehr durch lautes Schluchzen- und lebhafte Gesten zum Ausdruck gebracht. Dann erhoben sich alle, stellten, sich so auf, daß ihre Gesichter dem Heiligtum zugewandt waren, und begannen ein stilles Gebet, das ebenfalls eine Viertelstunde dauern mochte. Darauf setzte man sich wieder, und es wurde nün ein Lied gesungen, dessen Singweise der des Eingangsliedes sehr unähnlich war und, unserem europäischen Öhr gar nicht so fremd klang.“ Die Juden in der Schweiz. Die schweizerische Judenheit hat ihre eigene leidreiche und kampfbewegte Geschichte. Ehedem unter dem Schutze der deutschen Kaiser und ihrer Rechtsnachfolger, galten sie nur als geduldete Landsassen, die so und so oft mit und ohne Grund verfolgt und ausgewiesen, sich aber immer wieder zu behaupten wußten. Meh- JÜD1SCHE ZEITUNG der Vorterei ung dieses Vorfrage; zugetragen haben, besprochen werden. Sic beweisen, daß Neigung zum Dunkelmännertum und zur Ketzerriecherei auch in der jüdischen Gemeinschaft zu vermerken sind. Nur fehlt es den Trägern dieser Neigung glücklicherweise an Machtmitteln, sie würden sonst eine veritable Inquisition einrichten, ein Hetzpfaffentum etablieren, jeden, der selbständig zu denken wagt, blutig verfolgen. So aber macht sich die Gesellschaft nur lächerlich. Werner Sombart, der Arier, der Gelehrte von Weltruf, erblickt in dem Streben. nach Erhaltung der jüdischen Eigenart, im Zionis mus, die einzige Lösung der Judenfrage, er erblickt im N ation.alJuden den einzig möglichen jüdischeq Zukunftstypus. Er ist ein Gegner aller assimilatorischen Bestrebungen. Sein offenes Bekenntnis zu dieser Ansicht hat aber für ihn die unangenehmsten Folgen gezeitigt. Mit einem Schlage ward aus dem bewunderten und gehätschelten, in der Presse viel und enthusiastisch besprochenen Manne der Wissenschaft ein geächteter, zur harten Strafe des Totgeschwiegen Werdens verdammter Verbrecher. Er hat die Kühnheit, sich mit der Judenfrage zu befassen, an dem Vollgermanentum der jüdischen Zeitungsschreiber zu zweifeln, den Juden Erhaltung ihrer Eigenart zu predigen, teuer bezahlen müssen. Und als er gar so verwegen war, es als eine Geschmacklosigkeit zu bezeichnen, daß Herr Levy im „Berliner Tagblatt“ über die innere protestantische Kirchen- * Verfassung leitartikelt, wurde er einfach zum Antisemiten gestempelt! Und der Fluch ist ihm über die Grenzen feines Heimatlandes nach Ceite. reich gefolgt. Kühles Schweigen war . sein Empfang. Auch nicht die kleinste Voranzeige seines Vortrages bat im redaktionellen Teil der liberalen Presse ein Plätzchen gefunden. Diese Tagespresse, welche über dressierte Varietepudel, über die Unterröcke der Metternich und den dümmsten Theaterklatsch spaltenweise berichtet, hat ihn einfach ignoriert. Das war die kalte Behandlung, die warme wurde ihm von der streitbaren „israelitischen Kirche“ zuteil. Die Kultusgemeinde ließ das Gerücht verbreiten, rcre Tagsatzungsbeschlüsse in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts haben die Juden_ grund« sätzlich aus der Schweiz ausgewiesen. Ganz judenleer wurde aber das Land trotzdem nicht. Wohl hörten mit dem 16. Jahrhundert in der Schweiz die großen Judenverfolgungen auf. Aber die Ausweisungsgebote wurden unvollständig durchgeführt. Das wäre schon wegen des Widerstandes der Nachbarn, das fremde Volk aufzunehmen, schwierig gewesen. Dazu kam den Juden in den Üntertanenlanden die Käuflichkeit der Landvogteibeamten zugute. Eine von den Juden für ihre Tätigkeit von jeher bevorzugte Gegend war das Gebiet der Grafschaft Baden. Hier waren schon die so weither besuchten Zurzacher Messen für die Juden ein besonderer Anziehungspunkt. Die Grafschaft Baden wurde trotz der geradezu zahllosen Befehle der Tagsatzung nie judenfrei und später, als sie kein eidgenössischer Ort mehr dulden wollte, wurde die Grafschaft von der gleichen Tagsatzüng geradezu als eine Domäne zur Ansiedelung bestimmt. Die Ausweisungsgebotc wiederholten sich zwar immer wieder, aber dessenungeachtet zählte man im Jahre 1634 in der Grafschaft zwanzig Judenfamilien. Als die Grafschaftsleute bei den Tagherren wiederholt darauf drängten, die Juden „abzuschaffen“, kamen die Herren im Jahre' 1641 zu dem Schlüsse, der Judenschutz sei ein obrigkeitliches Regal, das nicht vermindert werden dürfe. Es war und blieb von nun an der Geschäftsstandpunkt, der die Gnädigen Herren in der Judenfrage bestimmte. Während Seite 3 Sombart sei ein wütender Antisemit, die wohlbestallten Pfäfflein predigten von der Kanzel Feuer und Schwefel und beschworen die Zuhörer bei ihrem Seelenheile, den Vortrag zu meiden. Dieselben Herren kriechen sonst in der unleidlichsten Weise vor dem rüdesten antisemitischen Fairghunde, vor Lueger haben sie scharwenzelt,, für sein Denkmai haben sie Geld gegeben, seinen Tot haben sie bitter beweint. Dem Sombart gegenüber sind sie auf einmal empfindlich geworden und weil er sich auf die Seite der Zionisten stellt und von dem lächerlichen Gehaben deutschtümelnder Geldjuden keinen Respekt hat, wird er zum Judenfresser gestempelt. Im offiziellen Blatte der Kultusgemeinde, in der Wochenschrift des Rabbiners Bloch, tischte der Sekretär der „Union“, Fleischer, den Lesern einen Haufen moralischer Entrüstung auf. Er schreit: „Sombart verdient am Judentume Geld, er läßt sich seine Bücher und Vorträge bezahlen!“ Na, na! Sind die Mitgliedsbeiträge der „Union“, von welchen Herr Fleischer lebt, christliches Geld? Und wenn er heute im deutschliberalen, morgen im freiheitlichsozialen Komitee arbeitet, in Wien deutsche und in der Provinz jüdischnationale Politik an die Juden verschleißt, so wissen wir, daß er sich seine Arbeit gut bezahlt macht. Man kann sich überhaupt schwer etwas komischeres vorstellen, als einen Sekretär Fleischer oder einen Rabbiner Grunwald in der Aufregung darüber, daß jemand durch die Beschäftigung mit jüdischen Fragen Geld verdient. Es wäre allerdings von Sombart sehr nett, wenn er die genannten Herren an dem Ertrage seiner Bücher und Vorträge sich beteiligen ließe. Vielleicht wäre er dann in den Augen der Wiener Kultusleute kein gar so großer Antisemit. Aber alle Liebesmühe der dunkeln Kompagnie erwies sich als vergeblich. Der Andrang zum Vortrage Sombarts war ein ungeheurer. Kein Plätzchen des größten Saales Wiens blieb leer. Und die Berichterstatter der großen Wiener Zeitungen mußten seufzend einbekennen, daß man in Wien selten noch, ein so — um im liberalen Zeitungsjargon zu sprechen — „vornehmes, intelligentes undempfängliches“ Publikum beisammen gesie im Jahre 1654 den Landvogt von Baden neuerdings beauftragten, er solle. Juden, Zigeuner und anderes Gesindel der alten Ordnung gemäß nicht dulden, erließen sie dem Juden Salomon Guggenheim von Lengnau, der wegen eines Vergehens aus dem Lande verbannt worden war, doch die verhängte Landesverweisung gegen blanke 600 Gulden. Im 13. Jahrhundert vermehrte sich die Judenschaft -in der Grafschaft Baden ziemlich rasch. Im Jahre 1702 waren es 35 Familien; 1744 schon 70 und 1776 112 Familien. Bemerkenswert,. ist dabei das große Uebergewicht der männlichen jüdischen Bevölkerung. So gab es im Jahre 1776 216 unverheiratete männliche gegen 131 weibliche Israeliten. Die Volkszählung von 4860 ergab für Endingen 850, für Lengnau 448 jüdische Ein-, wohner. Es war dies unmittelbar vor der Lösung der Judenemanzipationsfrage im- Aargau. Bis dahin war das Niederlassungsrecht der Juden beschränkt. Eine Ansiedelung außer den beiden Dörfern Endingen und Lengnau bedurfte einer ausdrücklichen Erlaubnis der Regierung. Seit der Gewährung der freien Niederlassung und der Gleichstellung in den staatsbürgerlichen Rechten ist die jüdische Bevölkerung in den beiden Judendörfern rasch zurückgegangen. Nach der Zählung von 1910 wohnen in Endingen noch 155, in Lengnau 91 Juden, wobei an letzterem Orte die Insassen des Altersasyls inbegriffen, sind.

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