Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite,2 \ .. , JÜDISCHE ZEITUNG_,- . Nr. 8 liegen, daß zur Zeit' ein irgendwie geeigneteres Territorium als Palästina für .die Unterbringung der' Juden-; njdit'e vorhanden ist. Die Ein wände, welche gegen 'Pallstinjf. erhoben werden"; sind nidit stidihfitig. öute ^Kenner Palästinas versichern,. daß'-bei systematischer Kolonisation in Palästina iind seinen Nachbarländern sehr viele /.Menschen angesiedelt werden könnten. Es ist ziwünschen, Jfaß alle Bestrebungen,'-.dk. Ostt jyden unterzubringeri, Sicht auf die Kolonisation Palästinas^ vereinigen, einstweilen mit dem nüchternen Ziele*-'möglichst vielen Juden menschenwürdige Lebensbedingungen zu verschaffen. Es ' erscheint jedoch zweifelhaft, ob man aüf die - Ansiedlung von Bauern so großen Nachdruck legen sollte. Ganz anders verhält es sich mit den westlichen' =Juden, die sich — einzelne Ausnahmen ünberücksichtigt -— in günstigen ökonomischen Verhältnissen befinden. Ueberall haben sie sich im wirtschaftlichen Leben eine führende Stellung erobert. Aber auch im Kulturleben ihrer Wirtsvölker haben sie einen viel größeren Anteil, als er ihrem ziffermäßigen Stärkeverhältnisse entspricht. Im politischen Leben spielen sie, trotz der kurzen Zeit, seitdem sie emanzipiert wurden, eine große Rolle. Aus diesen Tatsachen ziehen viele Juden den Schluß, daß die. natürliche Entwicklung der Juden auf Assimilation gerichtet sei. Eine „Judenfrage“, meinten diese Israeliten, existiere nur in den Köpfen der Geschäftsantisemiten und der Jüdisch-Nationalen, welche noch' schlimmer . seien, als die schlimmsten Antisemiten. Am besten sei es, wenn man sich überhaupt um ,-die ganze Sache nicht kümmere. Daher rührt die Vertuschungspolitik bezüglich der nationalen Bewegung lind -der Schwierigkeiten der jüdischen Assimilation. Ist die Assimilationspolitik richtig? Man mub da zuerst die Frage beantworten, ob die Assimilation der Juden in absehbarer Zeit möglich ist. Ich verneine diese Frage. Man muß aber in Betracht ziehen, daß unter Assimilation verschiedene, Dinge verstanden werden. Versteht man darunter das Aüfgeben der Eigenart, ejen Verzicht auf bestimmte Sitten und Gebräuche, das Ableugnen der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft, so steht es in jedermanns Entschließung, sich soviel zu „assimilieren“, als er will. Wenn ein Jude den Sabbat nicht heiligt, Schweinefleisch ißt und sich darum für assimiliert hält, so kann ihn kein Mensch hindern, daran zu glauben. Allerdings ist er nur in. seinem Sinne assimiliert. Assimilation kann aber soziale Mimikry, Anähnelung bedeu¬ Kleines Eeuilelton. Die schwarzen Juden in Indien. Unter'den Nationen, die sich im Laufe der Geschichte, sei' es als Eroberer, sei es, um Handel zu treiben oder eine' Zuflucht zu suchen, auf der Halbinsel Vorderindien niedergelassen haben, Sind auch die Juden vertreten. Die bedeutendste ihrer Niederlassungen, die von Kotschin an der südlichen Malabarküste, ist noch besonders ' merkwürdig dadurch, daß ein Teil dieser Juden schwarz ist, das heißt dunkel- ' häutig wie die Hindus. Hermann v. Staden lernte dieses wunderliche Völkchen, dessen historischer Ursprung in Dunkel gehüllt ist, gelegentlich eines Ausfluges kennen und gibt über seinen Besuch bei den schwarzen Juden im „B. T.“ eine 'interessante Schilderung, der wir das folgende entnehmen: " „Die „schwarzen Juden“ zeigen in ihrem Typus eine wunderliche Mischung von jüdischen und indischen, däs heißt vorzugsweise dravidischen' Rassemerkmälen und muten in ihrer dunkeln Haut höchst eigentümlich' an. Schriftliche Aufzeichnungen über Zeit und Ursache ihrer Einwanderung existieren nicht. Die Tradition, die ihren Ursprung auf die ins Exit geschleppten zehn Stämme Israels zurückführt, wird meist' angefochten. Meines Erachtens jedoch ohne zureichenden Grund. Denn schon die Ansiedelung der weißen Juden an der Malabarküste — nidit in Kotschin, sondern der nördten. Eine derartige Assimilation setzt viel Anpassungsfähigkeit und Willen, sich anzuähneln, voraus. Auch diese Art von-. Assimilation ist möglich, wenn es auch für diese Assimilation Grenzen gibt, namentlich wo däs spezifisch Blut- ■ mäßige der Veranlagung zutage tritt. Ganz anders liegen die Verhältnisse, wenn man unter Assimilation die Verschmelzung mit. einem anderen -Volke zu e i n e m Volksganzen versteht. Diese' Art von Assimilation steht nicht mehr im Belieben eines Teiles; dazu gehören immer zwei. Der zweite Teil aber wünscht diese Assimilation nicht. Trotz , der vielen Mischehen ist diese Assimilation der Blutsmischung nicht vorwärts gekommen. Wenn sich in Deutschland, wo die Juden ein‘Perzent der Bevölkerung ausmachen, ein Perzent der Deutschen bereit erklären würde, sich mit den Juden zu verbinden, so wäre der Gegensatz zwischen Juden und Germanen doch nicht aus der Welt geschafft. Es müßten die verbleibenden 9S Perzent des deutschen Volkes diese Verschmelzung gutheißen. Die Gegensätze zwischen Juden und Nichtjuden sind in den letzten Menschenaltern verschärft worden, wenn auch dieser Gegensatz nicht unbedingt Haß sein muß. Der Blick für das Blutmäßige ist schärfer geworden. Der getaufte Jude kann daher für die Nichtjuden nie aufhören, als Jude zu gelten. Aus sf?fner Rasse kann er nicht austreten. 1 Diese Erkenntnis mag .vielen Juden unangenehm sein. Diesen ist jedoch nur zu raten, da sie nicht Deutsche werden -können, Juden zu bleiben. Vor die Alternative Arterhaltung oder . A r t v e r n i ch t u n g gestellt, sollten ' sich die Juden für Arterhaltung entscheiden. -Vom allgemeinen Standpunkte ist es ein Gewinn, wenn, irgendwelche Art auf dieser Erde vor der Vernichtung bewahrt bleibt. Jede Art zu erhalten, ist ein Gewinn. Gerade die Periode, in. die das Judentum jetzt eintritt, die jüdische Renaissance, wird, wertvolle Eigenarten zur Entfaltung bringen. Die Frage, ob die Juden als Jüdisch-Nationale gute Staatsbürger sein können, ist wohl in Oesterreich, wo so viele Nationen leben, zu bejahen. Ein nationaler Jude kann ja am allgemein staatlichen Leben und der Weltkultur Anteil haben, unbeschadet seiner Eigenart. Für die Jüdisch-Nationalen, welche voraussichtlich in den Ländern der Diaspora bleiben werden, ist ein Judenstaat von ‘großer .Bedeutung^ Schon das Streben zur Erreichung eines Judenstaates erweist sich als regulative Idee der jüdisch-nationalen ^Bewegung. lieh davon gelegenen Stadt Kranganor, die später zerstört worden ist — reicht urkundlich weit in das erste christliche Jahrtausend zurück und ist wahrscheinlich nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus erfolgt. Die-, weißen Auswanderer haben sich aber trotz der langen Zeit und •blutiger Verfolgungen rein weiß erhalten, und es ist kaum anzunehmen, daß sie die schwarzen Glaubensgenossen inihrer Nachbarschaft geduldet haben würden, wenn diese aus Abtrünnigen aus ihrer eigenen Mitte hervorgegangen wären. Vielmehr müssen die schwarzen Stammesgenossen ältere Rechte gehabt haben, und es erscheint mir wahrscheinlich, daß ihre Vermischung in einer frühen Zeit stattfand, wo die Juden sich noch nicht so strengvon anderen Völkern absonderten. Auch der Umstand, daß die schwarzen Stämme von jeher wenig Gesetzeskenntnis und nur wenige heilige Schriften besessen haben, sondern von Zeit zu Zeit durch die weißen Brüder mit heiligen Schriften versehen worden sind, spricht für eine sehr frühe Einwanderung. Bekanntlich vermischte sich auch der aus dem ersten Exil - nach Samaria zurückgekehrte Teil der zehn Stämme mit den dortigen heidnischen Einwohnern und, wurde ' deswegen von den nach Jerusalem zurückkehrenden rein gebliebenen Juden verachtet. Aehnlich wird es sich auch mit den von Assyrien durch ganz Asien nach -Afghanistan, China und Indien weitergewanderten Familien ’ verhalten haben. Wir durchfuhren langsam das ganze lange Ghetto — nebenbei bemerkt, die bei weitem Man könnte meinen, daß die Behandlung, des Jüdenproblemes durch einen Nichtjuden taktlos sei. , Das aber ist nicht der Fall, denn die Entwicklung des Judentums ist identisch mit dem ferneren Schicksal der Kultur, worum sich aber jeder Mensch zu kümmern das Recht hat.“ * *. Der Vortrag Professor Sombarts wird der Wiener Gesellschaft, namentlich - aber den Wiener Juden, lange in Erinnerung bleiben. Zum erstenmale hörte man aus dem Munde eines Vertreters vorurteilsloser Wissenschaft, die weit entfernt ist von dem Rassenstandpunkt eines Chamberlain oder dem Radau eines Stöcker, Wahrheiten, die aus einer genauen Kenntnis der Judenfrage fließen. Durch den Mund Sombarts sprach das fortgeschrittenste, kulturelle nichtjüdische Europa. Die Zionisten haben oft und eindringlich von dieser Stimmung der europäischen Kulturwelt der Judenassimilation gegenüber berichtet. Wertvoll ist auch Sombarts Bekenntnis der großen Achtung, die ihm aufrechtes, mannhaftes Nationaljudentum einflößt. Noch einmal ist es erhärtet worden, daß der Zionismus nur von Assimilanten bekämpft w i r d. Wir hegen jedoch die Hoffnung, daß sich die Zahl der dem Zionismus Uebelwollenden verringern wird, denn die Assimilation ist,, man mag sie vom Standpunkte eines Juden oder Nichtjuden betrachten, weder eine ethische noch eine mögliche und im allgemeinen Kulturinteresse gelegene Lösung der Judenfrage. neuer Ernte Julius JJ/teüz l reinlichste von allen Straßen der Stadt — und sahen zuerst die weißen, darauf die schwarzen Juden. Im weißen Quartier erinnerten die oft mehrstöckigen, unmittelbar an der Straße liegenden und eng aneinander gebauten Häuser eher. an mittelländische als an indische Städte. Da es Samstag war, schaute alles in Feiertagskleidern zum Fenster heraus. Wir sahen prächtige Typen; ein Künstler würde hier herrliche Studien machen können. Besonders lieblich waren die rassig geschnittenen, zarthäutigen Gesichter der Kinder, und unter den älteren Männern gab es Patriarchengestalten von ungemein ehrwürdigem Aussehen. Von allen Seiten grüßte man uns, nickte und winkte uns freundlich zu. „Saläm! Salami“' rief es uns aus Kindermund entgegen, und auf unseren Gegengruß folgte fröhliches- Lachen. Wir wandten uns hierauf dem Quartier (der Schwarzen zu. Auch hier ein unaufhörliches Rufen, bis wir vor, der Synagoge der Schwarzen anlangten. Bereitwilligst ließ man uns eintreten, und bald umstand uns eine Schar von alten und jungen - Männern in Feiertagskleidung, über dem langen Obergewand eine kurze Weste von bunten Farben, einzelne von kostbarem Stoff. Das war nicht, indische, sondern syrische, -palästinensische Tracht; und dabei die braune Haut, die Sprache der Malayen oder auch gebrochenes Tamulisch und einzelne englische Brocken — es War eine seltsame Versammlung! Die geräumige Synagoge war außen und innen einfach; in der Mitte war der erhöhte, von einem