Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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.HRTJML -JUDI5CHE5 ÜRBRN -t'.p Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ ' _ tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterm reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. R 5.—, viertel]ähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ .p Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.-V Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ■ Nr.. 8 Wien, Freitag, den 23. Februar 1912 VI. Jahrgang Zionistifta Zentralfond. An die Zionisten in Westösterreich! Der X. Kongreß in Basel hat unserer Weltorganisation eine neue Leitung gegeben. Arbeitsfreudige, vom besten Willen und von der größten Opferfreudigkeit beseelte Männer sind es, die die schwere Aufgabe auf sich genommen haben, unsere Weltorganisation zu leiten, vor allem aber < die Arbeit im! Lande unserer Hoffnungen, in Palästina, zu organisieren. Vor Antritt ihres Amtes haben sie dem Kongresse dargelegt, daß die ihnen zur Verfügung gestellten Mittel, die regelmäßig einlaufendeh Beiträge, unzulänglich sind. Der Kongreß hat das anerkannt und ihnen versprochen, die Mittel zur . Arbeit beizustellen. Er hat zu diesem Zwecke den Zentralfond geschaffen, zu welchem jeder Zionist beizutragen hat. Unsere Leitung in Berlin hat uns seit ihrem Amtsantritte Beweise ihrer Arbeitsfreudigkeit una ihres Pflichtbewußtseins geliefert. An uns ist es nun, unsere Zusage zu erfüllen. Zionisten Westösterreichs! Erfüllet eure PfliCht! Leistet euren Beitrag für deit. ZentraF fond! Das zionistische Zentralkomitee für Westösterreich. Eingänge aus West Österreich: Böhmen: Max Klein (Pisek) K 125.—: A. Glaser (Prag) K 50.—; R. Gutmann K 1.20. Innerösterreich: Kais. Rät Carl Hirsch K 500.—; A. Böhm 100.—; H. Lederer 100.—; Dr. J. IMargulies K (30.—; lIng. G. jPopper K 30.—; E. Torczyner K 25.—; Dr. J. Weleminskv 25.—; M. Markus K 10.—; M. Marmorek K 5.—; „Chewra“ K 8.—; M. Elkan K 120; Dr. E. Zweig K 40.—; „Hyrkania“ K 0.50; „Neure Jehuda“ K 25.—; Alex. Geller K 5.—. Mähren-Schles.: Dr. G. Zweig (Proßnitz; K 40.—; Dr. E. Ullmann K 10.—. Summe der Eingänge aus Westösterreich bis 11. Februar 1912: K 1130.90. Eingänge, ausgewiesen im Ausweis Nr. 1 der Zentralleitung: (Galizien K 2294.—; Deutschland M 2291.30; Gesamteingang für den ZF. seit 1. Juli 1911 M 11.548.25. Jüdischer Volksverein für die Leopoldstadt. Samstag, den 2. März 1912, um! halb 9 Uhr abends, im Jüdischen Volksheime, II., Stefaniestraße 12 Purim-Feier Akademie. Tanz. Entree im Vorverkaufe K 1.22. An der Abendkasse K 1.52. Karten im Volksheime und bei den' Vertrauensmännern erhältlich. Näheres siehe „Vereinsnachrichten“. Werner Sombart in Wien. Werner Sombarts Vortrag „Die Zukunft der Juden“, war ein gesellschaftliches Ereignis. Die Person des Vortragenden, das Thema und nicht zuletzt die Hetzarbeit der Kultusgemeinde und ihrer Abhänger füllten den Sophiensaal bis auf das letzte Plätzchen. Die Anwesenden — unter ihnen viele Stockässimilanten, welche zum erstenmale einen derartigen Vortrag besuchten, folgten den Ausführungen Sombarts mit sichtlichem Interesse. Was die Zionisten seit Jahren predigen, was sie durch tausende Beispiele erhärtet und bewiesen haben, das sagte Professor Sombart in der ruhigen Weise eines ernsten Forschers. Die Wahrheiten, denen er Ausdruck verlieh, klangen vielen Ohren nicht angenehm, aber da leider eine große Anzahl unserer Volksgenossen taub ist füt die Worte ihrer eigenen Brüder, so muß sie dieses Memento aus dem Munde eines obj'ektiven, aufrichtigen, aber frem'den Kenners der Judenfrage hören. Wenn auch alle Juden den Weg der konsequentesten Assimilation, den der Blutmischung einschlagen würden, so wäre die Assimilation nicht vollzogen, weil der Bewußtseinsinhalt der nicht jüdischen Welt sich dagegen sträubt. Diese Worte Sombarts, der kein germanischer Rassenfanatiker ist, der die Bedeutung der jüdischen Kultur würdigt, ' übten großen '"Eindruck:. Und viele, die gleich Bileam ausgezogen waren, zu fluchen, wurden eines besseren belehrt. Sogar die Rabbiner, welche von Berufswegen zur Opposition verurteilt sind, stimmten den Ausführungen Sombarts, die sich ganz im zionistischen Gedankengange bewegten, innerlich bei. Das Publikum spendete den Ausführungen lebhaften Beifall, der bei einzelnen Stellen der Rede, wie bei der Forderung nach jüdischer Arterhaltung, spontan einsetzte. Nachstehend geben wir den Vortrag im Auszuge wieder: Eingangs reagierte Sombart auf den ihm gemachten Vorwurf, er sei Antisemit, in folgender Weise: „Wer Juden auf der Welt sieht oder eine Menschengruppe konstatiert, die eine besondere Volkseigenart hat und diese dann als jüdische charakterisiert und ferner der Meinung ist, daß diese Juden ihre Eigenart behalten, auch wenn sie das mosaische Bekenntnis nicht mehr haben — wenn das ein Antisemit ist, dann bin ich’s. . Ich bin Antisemit auch in dem1 Sinne, daß ich einen Gegensatz zwischen deutscher und jüdischer Art und ein großes Problem darin sehe, wie die Juden in der deutschen Volksgemeinschaft leben sollen. Damit aber ist mein Antisemitismus zu Ende. Ich kann mir nicht ivorstellen, was es heißt, Feind einer großen Gruppe zu sein; ich hasse sie nicht, ich liebe sie nicht. Liebe und Haß kommen nur in persönlichen Beziehungen zum Ausdruck. Kollektive kann man weder lieben noch1 hassen. Ich stehe der jüdischen Kultur bewundernd, aber, nicht sympathisch gegenüber. Mir ist Goethe lieber als Jeremias und Hegel, lieber als Maimonides. Die Juden sind unser Schicksal, das Erlebnis aller Völker, unter welche die Juden versprengt sind. Die jüdische Kultur hat ein eigenartiges Gepräge. Judentum und Technik sind die Fundamente, auf welchen sich die Welt auf baut. Nach diesen einleitenden Worten wandte sich Sombart der Behandlung seines Themas zu. In der Judenfrage muß man genau zwischen Ost- und Westjuden unterscheiden. Die Ostjuden zählen ungefähr 7 Millionen, wovon 5 Millionen auf Rußland, je eine Million auf Galizien und Ungarn und eine Viertelmillion auf Rumänien entfallen. Die Ostjuden -leben zum größten 1 Teile in kümmerlichen Verhältnissen. Besonders miserabel ist die ökonomische Lage der russischen Juden. In Galizien ist das Bild nicht anders. Die Lage der Ostjuden, die eine besondere, von den Wirtsvölkern streng geschiedene Nation darstellen,, ist unerträglich. Wie wird sich ihre Zukunft, namentlich der russischen Juden gestalten? An eine Aenderung der rechtlichen Verhältnisse der Juden in Rußland, an ihre Emanzipation ist vorderhand nicht zu denken. Die russische Judenpolitik der letzten 30 Jahre läßt leider nichts Gutes erhoffen. Man muß also damit rechnen, daß der heutige Zustand zunächst, aruiauern wird: ökonomisches Elend und Pogrome, gemildert durch die Möglichkeit, sich diesen' durch die Abwanderung zu entziehen. Was aber wird geschehen, 'wenn sich dieses einzige Ventil verschließt? Man muß •nun in der Tat mit dieser Möglichkeit rechnen. Da in den letzten Jahren nur noch die Vereinigten Staaten als Einwanderungsgebiet in Betracht gekommen sind, so muß sich die Aufmerksamkeit ihnen zuwenden. Es läßt sich feststellen, daß dort die Vorschriften für die Einwanderer immer mehr verschärft werden. Zuerst verbot man den Kranken, Verbrechern und unmündigen Personen, die für sich nicht sorgen konnten, die Einwanderung. Dann führte man -einen Zensus ein, in dem man von jedem Einwanderer den Nachweis von Vermögen verlangte. Eine Bill fordert sogar die Zurückweisung „aller Personen, die ökonomisch nicht (wünschenswert sind“. Der Einwanderungskommissär William Williams handhabt die Vorschriften mit außerordentlicher Schärfe. Ohne Gesetz hat er es durchgesetzt, daß jeder Einwanderer ein Vermögen von 25 Dollar nach weisen muß. Tatsächlich sind auf solche Weise viele Tausende zurückgewiesen worden; abgesehen von jenen, Auswanderungslustigen, die schon von iden Schifffahrtsgesellschaften zurückgewiesen werden* ln Amerika ist der soziale Antisemitismus stärker als in Europa. . Das Ergebnis dieser Betrachtung ist: Man muß Mittel und Wege ausfindig machen, wie man die östlichen Juden an einer anderen Stelle der Erde in kompakten Massen unterbringt. Das Problem der östlichen Juden ist ein Unterbringungs- oder Umsiedlungsproblem. Es würde zu weit führen, wollte man alle Versuche jüdischer Kolonisation aufzählen. Einen großen und allgemeinen Ausdruck fanden die Umsiedlungsbestrebungen erst in der Bewegung des Zionismus. Neben der zionistischen bildete sich eine Partei der „Territorialisten“. Außerdem existieren noch andere Kolonisationsgesellschaften. Was sich dem unbeteiligten Beobachter als Tatsache aufdrängt, ist das Obsiegen der zionistischen Bewegung über die anderen. Bestrebungen. Der Grund mag vor allem darin