Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr: 7 b e 11 e 1 s. ln einer säuberlich präparierten Rede erzählt er in allen Kultusgemeinden, so auch in Znaim, von „diesem Krebsschaden des Judentums, der uns in den Augen unserer christlichen Mitbürger empfindlich schädigt, denn nicht die arbeitsamen Juden sind es, auf welche unsere Gegner hin weisen, sondern jene Elemente, welche im Bettel von Ort zu Ort, von Haus zu Haus ein willkommener Anlaß für Judeninsulten sind.“ Fleischer regt eine Gesamtorganisation der österreichischen Kultusgemeinden an, um durch diese dem Wanderbettel am wirksamsten zu begegnen. Wohl werden einzelne Kultusgemeinden einen Teil ihrer Einnahmen an diese Organisation abführen und -so mithelfen, einige gutdotierte Stellen zu schaffen, idas jüdische Massenproletariat werden sie dadurch nicht beseitigen, im Gegenteil, die Reihen der wahrhaft Bedürftigen' werden durch eine solche Aktion nur vermehrt werden. Die Gesamtorganisation soll auch Arbeitsstätten für nichtquali'izierte Arbeit für solche Schnorrer schaffen, welche arbeitsfähig und arbeitswillig sind, damit diese auf ehrliche Weise ihr Brot verdienen, während geschulte Arbeiter bei jüdischen Meistern und Fabrikanten untergebracht werden sollen. . Nun ist es doch leider eine feststehende Tatsache, daß wir eine Großzahl jüdischer Unternehmer haben, welche siph weigern, jüdische Arbeiter aufzunehmen, sei es aus prinzipiellen Gründen, weil es eben Juden sind, oder daß sie dieselben für arbeitsscheu oder inferior halten und schon im vorhinein gegen solche Arbeitsuchenden eine Aversion haben. Die von der „Union“ ausgehende Propaganda kann wohl nicht der richtige Weg sein, dem jüdischen Wanderbettel zu begegnen, wohl aber wäre es gut, wenn sich in jeder Kultusgemeinde eine zionistische Ortsgruppe bilden würde; dann wäre nicht nur die Frage gelöst, wie man den jüdischen Wanderbettel beseitigt, sondern die Judenfrage selbst. Mit helfen an der Durchführung unserer Befreiungspläne und an der Verwirklichung unseres großen Ideals, unseren armen, zum großen Teil auf den Wanderbettel angewiesenen bedrückten Brüdern eine Heimat zu geben, soll die Parole sein und dann wird mit einem Schlage der jüdische Wanderbettel der Vergangenheit angehört haben. Anschließend an das Thema vom Wanderbettel gab Fleischer noch einige Märchen zum Besten von der Tätigkeit der „Union“ in Rechtsschutzangelegenheiten. Er suchte u. a. den Zuhörern weiszumachen, daß es das alleinige Verdienst der j,Union“ und ganz besonders seine Person gewesen sei, im Vorjahre anläßlich der Gemeindewahl im I. Wiener Gemeindebezirk die Wahl Von getauften und antisemitischen Wahlwerbern unmöglich gemacht zu haben. Ebenso gebühre ihm vor allem das Verdienst, den Wahlbezirk Dr.'Weiskirchners bei der Reichsratswahl 1911 den Christlichsozialen entrissen zu haben. 1 Wahrscheinlich haben sich nach Ansicht Fleischers die Wiener .Jüdischnationalen und Zionisten inzwischen für einen Blumeniag oder eine Christbaumfeier vorbereitet. Auch wußte Fleischer von der Judenfreundlichkeit des mähr.- schles. Oberlandesgerichtspräsidenten v. B1 e y - leben zu erzählen, der nach Ansicht Fleischers unterschiedlos Arier und Nichtarier zur Richterkarriere zulasse. Leider wissen wir aus einer Reihe von Fällen, daß dieser Herr das größte Gewicht bei der Kompetierung um eine Anstellung zum .Richteramt auf die Beibringung des Taufscheines und nicht auf die persönliche Qualifikation des Bewerbers legt. So macht der Herr Sekretär für sich und alle möglichen Leute Propaganda zum;,Heile des Judentums“. Zum Schluß jeder Versammlung folgt natürlich der Bettel um Beitritt zur „Union“. Viele fallen herein, die Gimpel sterben noch nicht aus. L. B. Lembergep Brief. (Von unserem Berichterstatter.) Im Paschalik Feuerstein weht Morgenluft. Die Drohobyczer .Juden hatten alles mögliche versucht, die Macht Feuersteins zu brechen, was aber in Anbetracht der behördlichen Unterstützung, die Feuerstein genießt, bis jetzt mißlang. Nach dem furchtbaren 19. Juni schien es, daß Feuerstein nie mehr den Schauplatz seines entsetzlichen Wirkens aufsuchen würde. Er kam jedoch zurück und unter Anwendung aller galizischen Praktiken und Mittel gelang cs ihm, Löwenstein neuerdings zum Abgeordneten von Drohobycz zu machen. Gesellschaftlich blieb Feuerstein jedoch isoliert. So weit ging die Erniedrigung der Drohobyczer Judenschaft nicht, daß sie dem moralischen Urheber der schrecklichen Juniereignisse die Hand reichten. Feuerstein versucht nun, sich eine gesellschaftliche Position zu schaffen und veranstaltet einen Ball, dessen Reinerträgnis für einen assimilatorischakademischen Verein bestimmt ist. Da hat aber Feuerstein die Rechnung ohne die jüdische Jugend — der doch auf Bällen die Hauptrolle zufällt — gemacht, denn die jüdischen Hochschüler und akademisch Graduierten in Drohobycz richteten an die Drohobyczer Bevölkerung einen offenen Brief, in welchem sic vor dem Besuch des von Feuerstein veranstalteten Balles warnen. Diese Warnung hat in der Stadt Eindruck gemacht — und bis auf 3 Hochschüler — Stellenjäger und Assimilanten — haben sich alle jungen Leute, auch Mädchen, verpflichtet, den Ball zu boykottieren. Herr Feuerstein wird sich also mit den erwähnten drei Mauscheln begnügen müssen. * * * Die galizische Assimilationspartei hat sich gespalten. In Alt- und Jungassimilanten. Der Unterschied ist: Die Alten fressen aus der Krippe, die Jungen möchten an die Krippe gelangen. Diese Charakteristik bedarf jedoch in bezug auf die Jungassimilanten noch einer Ergänzung. Es sind nicht lauter Streber unter ihnen; einige s ind Dümmköpfe und andere gehören zur Klasse der jüdischen Antisemiten. Jung- und Altassimilanten befinden sich in blutiger Fehde. Die Jungen sind radikale Allpolen und machen in Demokratie. Die Alten sind zumeist fortschrittliche Demokraten (sie nennen sich so!) und machen in Konservatismus. Die Alten sind den Jungen zu jüdisch, und die Jungen den Alten zu frech. Die Alten haben Mandate, Ehrenstellen und als Leibjournal den „Tug“; die Jungen sind von Amt und Würden ausgeschlossen und verkünden ihre Grundsätze in der „Jednosc“. Von unserem Standpunkte betrachtet, sind beide gleich wert und es will uns bedünken, daß die Alten und die Jungen, daß sie alle beide . . . mit der Zeit vom Schauplatze verschwinden werden. Denn die jüdische Masse sieht in ihnen das was sie sind: Unwürdige Nachkommen großer Geschlechter. * * * Der Kampf um Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Lemberger Hochschulen hat noch immer keinen Erfolg gebracht. Er wird darum mit unverminderter - Heftigkeit geführt. Anfangs dieses Monates fand im Hause der jüdischen Hochschüler eine Massenversammlung statt, welche sich mit der Frage der Anerkennung beschäftigte. Das Präsidium der Versammlung setzte sich aus zwei Zionisten, einem Poale - Zionisten und einem jüdischen Sozialdemokraten zusammen. Das Referat wurde von Dr. Rothfeld, die Koreferate von Gellmann und Bristiger erstattet. Am Schlüsse wurde eine Resolution folgenden Inhaltes angenommen: Die jüdische Hochschuljugend protestiert gegen das Verhalten der akademischen Behörden, verlangt die Anerkennung der jüdischen Nationalität, die Schaffung von Lehrkanzeln für jüdische Geschichte, hebräische und jüdische Sprachwissenschaft und Literatur, das Reclü sich in Universitätssälen versammeln zu dürfen (welches Recht ihr seit einigen Jahren entzogen wurde), die Anerkennung aller jüdisch-nationalen-akademischen Vereine und die Aufnahme der Klausel .natione Judaeus* in die Diplome jüdisch-nationaler Rigorosanten. Weiters forderte (die Versammlung die jüdischen Promoventen auf, di.‘ Annahme von gegen i ren Willen mit der Klausel „natione Polonus“ versehenen Diplomen zu verweigern und im Instanzenwege der Wahrheit gemäß ausgefüllte Diplome zu erkämpfen. Schließlich kündigte die Versammlung an, daß sie eine andre Taktik einschlagen werde, wenn man ihren so oft erhobenen Forderungen auch in Hinkunft keine Rechnung tragen wird. BezalelsRusstellung. Der „Verband jüdischen Frauen zur Förderung der Kulturarbeit in Palästina“ veranstaltet in den Räumen des jüdischen Nationalfondes, IX„ Türkenstraße 9, eine Schaustellung orientalischer Spitzen u. Erzeugnisse der Kunstgewerbeschule rfBezalet“ Die Besichtigung findet vom 11. bis 18. Fe- | bruar 1912, täglich von 10—1 Uhr vormittag i und von 3—6 Uhr nachmittag statt. Eine Bialibmatinee in Wien. Die Rührigkeit des Vereines zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl“ ist e«- gelungen, im großen Saale des „jüdischen Volksheim“ am letzten Sonntag ein zahlreiches Publikum zu versammeln. Es war dies die zweite literarische Matinee, mit der dieser Verein im laufenden Jahre vor die jüdische Oeffentlichkeit trat und der starke Zuzug aus verschiedenen Kreisen bewies am besten, daß diese Veranstaltungen einem tiefen Bedürfnis der jüdischen Bevölkerung entsprechen. Gewidmet war die Matinee dem hebräischen Dichterfürsten C h a i m Nachman B i a I i k, der unsere zeitgenössische Dichterschar himmelhoch überragt. Denn er ist nicht nur Poet von Gottes Gnaden, nicht bloß Meister der Form und der Sprache, und seine Größe liegt nicht nur darin, daß er die Natur, die Liebe wie keiner vor ihm besingt; in erster Linie ist er Gesandter Gottes, ein Prophet, das verkörperte Gewissen des Volkes, das Volk en miniature. Schon dieser Umstand sowie das feindurchdachte Programm und dessen vollendete Ausführung bewirkten es, daß der Abend aus dem Rahmen des rein Literarischen hinauswuchs und sich im Strom der jüdischen Renaissance verlor. Die Vortragsmatinee wurde durch eine gelungene Conference Dr. Dawid Rothblums eingeleitet, der er verstand, in lebhafter Weise den „ereignislosen aber richtunggebenden Lebensgang Bialiks vor die Augen der Zuhörei4 zu führen. In schlichten aber gediegenen Worten schilderte er die Eigenart des Dichters1, dessen Stellung in der hebräischen Poesie und Bedeutung für das jüdische Volk. „Die Werke Bialiks kann man in drei Gruppen einteilen: die erste hat die Person des Dichters, die zweite die Natur, die dritte das Volk zum Gegenstand. Die drei Motive fließen jedoch sehr oft ineinander und werden immer von einem mächtigen Gefühle, dem Gefühle der Liebe getragen. Nach diesen mit warmem Dank aufgenommenen Ausführungen Dr. Rothblums las Frl. Helldorf vom Intimen Theater Gedichte von Bialik in deutscher Uebersetzung. Der Vortrag, der sich durch eine klare, präzise Diktion auszeichnete, be-