Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1912-02-16 · 7 (16.2.1912) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438380-2438387--2867-2442582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 7 tum erschöpfe sich in der Liebe nach Macht und der Aufschrei der gequälten Seele ihres Kollegen Dr. Steiner, welcher den Bankerott eines 25jährigen Strebens in alle Welt hinausruft, störe ihre Ruhe weder bei Tag noch beim Tarockspiel. - Doch stille: das Turnier beginnt. Gehüllt in einen Tabakqualm, wie. einst die Götter des hohen Olymp in ihre Wolken, ertönt die Stimme des auch sonst in seinem Palais unnahbaren Antragstellers des Herrn K u f f n e r, welcher, gesichert durch seine Wahl im Großgrundbesitz, den Antrag stellt, die Beratung und Beschlußfassung über die Statutenänderung zu vertagen. Umsonst sucht der dort wirklich in seiner ehrlichen Verve grotesk wirkende Dr. Schreiber die Augen seines Nebenmannes durch die brennende Zigarre in Gefahr zu bringen, es gelingt ihm nicht einmal, diesen Volksmann vom Vertagungsantrage abzubringen. Man überläßt den temperamentvollen Redner dem Schrecken der Volkswut, welche sein politischer Bück durch die abgrundtiefe Skrupellosigkeit eines solchen Spieles mit der politischen Moral entfesselt sieht und setzt die Beratung des Statutes auf die Tagesordnung des nächsten Purimabends an. Und nun gemahnen einige langgezogene Töne im Saale gleich einer Orgel daran, daß wir uns der Beratung eines Gegenstandes nähern, von dem eingestandenermaßen unser Sein oder Nichtsein abhängt. Doch das Licht der Oeffentlichkeit läßt audi hier die schrille Stimme, der Wahrheit durch die Wolken des sonst einschläfernden Zigarrendampfes wahrnehmen. Oh, dieser Dr. Schreiber, denkt mancher im Saale. Und als dieser Sprecher im höchsten Pathos es als politisch unaufrichtig und unanständig erklärt, die eine seit Jahren für dringlich erklärte Reform auf die Tagesordnung zu setzen, um sie sofort zu vertagen und die andere an den Lebensnerv des Judentums greifende Frage zu beraten, ohne daß die Kultusräte auch nur eine Stunde vorher die bezügliche Vorlage zu Gesicht bekommen hätten — da lächelt der Alte vom Berge spöttisch und ruft dazwischen, ol> bloß im' öffentlichen' Leben Aufrichtigkeit und Anständigkeit am Platze sei ur.d nicht auch im Privatleben? Die Herren vom Vorstande wissen wohl recht gut, warum jede öffentliche Sitzung ihren Appetit stört. Wer diesen Hohn aut Würde und Anstand von Ort und Gelegenheit begriffen hat, den packt mit Macht das Verlangen, nur noch eine einzige Sintflut von Weihwasser auf diese Versammlung herabzuflehen, damit sie schon nach 40 Tagen und 40 Nächten spurlos verschwinde. Zum Schluß, wie sichs gebührt, ein ulkiges Begräbnis: Die von Dr. Steiner angeregte Reform, zugestutzt, daß sie der eigene Erzeuger nicht mehr erkennt, soll an drei Anstalten von den besten drei Lehrern versuchsweise durchgeführt werden: wir wollen es nur gleich verraten, daß die Reform gelingen wird und warum denn -auch nicht? Wenn der für jeden Praktiker als an öffentlichen Schulen in seiner Wesenheit gänzlich undurchführbar erkennbare Plan in zwei Lehrkonferenzen angenommen und von jden Inspektoren jmit Entzücken begrüßt ist, trotzdem dieselben Lehfer und dieselben Inspektoren mit ihren Erfolgen auf Grund eines ganz entgegengesetzten Lehrplanes durch Jahrzehnte höchlichst zufrieden waren, dann ist nicht einzusehen, warum jetzt dieselben Faktoren mit den Ergebnissen ihrer Tätigkeit unzufriedener werden sollten. Weil ein ganz anderes Stück gespielt werden soll? Du guter Gott! Wenn in das Schauspielhaus kein Gast sich je verirrt und das Urteil von der Comparserie abzugeben ist, dann wird immer dröhnender Beifall die Mauern erschüttern, und auf daß kein Unberufener die heiligen Hallen betrete, dafür sorgt schon die altbewährte Weisheit und Milde unseres Kultuspräsidenten. Dr. Jakob Kohn. LEISTIFTE, 16 h per Dutzend Verkaufspreis 48 h per Dtz., feine Qual gemischt auch Tintenstifte etc. Probesendung 50 Dtz. um K 8.— Nachnahme liefert: „Propaganda“ in Budweis, fV|277. Der Mädchenverein „Moria“ veranstaltet am 5. März im Saale des Hotel Continental eine grobe IMenreöoute deren Reingewinn für zionistische Zwecke verwendet wird. Wie. voriges Jahr, plant der Verein auch heuer einen Aufzug von historischen jüdischen Gruppen. Bis. jetzt sind folgende Gruppen namhaft gemacht. 1. Haman mit seinen zehn Söhnen; 2. Königin Esther mit ihrem Gefolge; 3. Bar Kochba mit seinen Getreuen; 4. Jüdische Schulkinder; 5. Die Einführung des Jubel-jahres. Die nächste Komiteesitzung findet Sonntag, den 18. d. um 3 Uhr nachmittags statt, und es werden alle diejenigen Gg., welche sich einer Gruppe anschließen wollen, zu dieser Sitzung höfl. eingeladen. Mittwoch, am 21. Februar veranstaltet obiger Verein im „Jüdischen Volksheim“, II. Bezirk, Stefaniestraße 12, ein Komitee-Kränzchen mit Vorträgen und Tanz. Regiebeitrag 60 h. Beginn 8 Öhr abends. Alle Gg. werden höfl. dazu eingeladen. Jüdischer Volksverein für die Leopoldstadt. Samstag, den 2. März 1912 findet im Jüdischen Volksheim, II. Be*z. Stefaniestraße, eine Purimfeier statt. Akademie, Tanz. Karten ä K 1.22 im Vorverkauf im Volksheim und bei den Vertrauensmännern erhältlich. Mer füttert den Rntifemitismus? Das von Juden geschriebene und gelesene „Olmützer Tagblatt“, welches vom Kultusvorsteher Dr. Eben herausgegeben wird, schreibt: „Große Legate für öffentliche Zwecke hat der dieser Tage verstorbene Herr Albert Redlich gemacht. Das gestern eröffnete Testament ist ein Dokument für das nationale Empfinden und die glühende Heimatsliebe dieses edlen Mannes. Seit dem Testamente des verstorbenen Herrn Bernhard Kaufmann (!) konnte keine letztwillige Verfügung in der Öffentlichkeit so sensationell berühren, wie diese. Diese großen Stiftungen, die in erster Linie nur das Deutschtum als solches ins Auge gefaßt haben, haben vor allem die vom Erblasser ganz gewiß ganz unbeabsichtigte Bedeutung, daß sie jene schmählichen Anwürfe entwaffnen müssen,. die — entgegen allen deutlichen Erscheinungen des realen Lebens — dem Judentume Sinn und Herz für das Deutschtum absprechen, wollen. Solche Werke glühender V o I k s 1 i e b e konnte nur ein Mensch auf-, richten, dessen ganzes Wesen wurzeltest und organisch mit dem Deutschtum verwachsen war! An solchen in die Zukunft ragenden Werken zerschellen die unterspülenden Wellen der Weltfremden Theorien des Antisemitenkalenders. Sie, leuchten durch die^Welt wie das tröstende Licht eines-friedlichen Sonnenunterganges. Herr Albert Redlich hat letztwillig vermacht: 50.000 K zur Errichtung eines" neuen deutschen Theaters in Olfnütz, 50.000 K zur Errichtung eines deutschen Hauses in Olmütz und 10.000 K zur Verteilung unter deutsche Arme, speziell unter verarmte deutsche Bürger. Ferner: 50.000 K zur Errichtung einer städtischen Lichtanlage in Mähr.-Neustadt, 50.000 K zur Errichtung einer Trinkwasserleitung in Mähr.-Neustadt und 10.000 K zur Verteilung unter deutsche Arme von Mähr.-Neustadt. Bezeichnend für diese letztwillige Verfügung ist auch der Punkt des Testamentes, der für die Verteilung' der Gaben unter die Armen vorwiegend die W e i h n a c h t s f e i e r t a g.e bestimmt. Mit dem interessanten Testamente hat der Erblasser seinen Namen für ewige Zeiten in das Gedächtnis der hcranwachsendetf Generation eingeschrieben!“ Der Jude Redlich hat, wie Gewährsmänner berichten, im Antisemitennest Mähr.-Neustadt gelebt, wo der Übermut der Deutschradika'.en den geehrten israelitischen Nachläufern gar arg zusetzte. — Der Verstorbene selbst wurde ebenso zum Gegenstände des antisemitischen Boykotts gemacht, wie die Juden ,in 'diesen Gegenden überhaupt. Vor dem. Sterben aber weiß er nichts Gescheiteres zu tun, als die Bedränger mit Geld und Gut zu überhäufen, ihnen neue Waffen für die Bekämpfung seiner jüdischen Brüder in Hülle und Fülle zu liefern. Er macht die Theorie vom Wurme, der sich krümmt, zuschanden. Der germanische Kultusvorsteher von Olmütz, sieht in dem Testamente „ein Werk glühender Volksliebe, es leuchtet durch die Welt, wie ein tröstendes Licht“. Wir sehen in diesem Testamente was anderes. Vor allem den Ausdruck des unmännlichen und jeglichen Stolzes entbehrenden Geistes der Assimilationsjuden! Diese rückständigen Ghcttcjuden haben jedes Gefühl für Würde verloren, sie empfinden die ihnen erteilten Hiebe wie etwas notwendiges, etwas selbstverständliches. Sie bauen „Deutsche Häuser“, die zu betreten den Juden verwehrt ist, sie errichten Trutzschuleh, in denen Verachtung der Juden gelehrt wird, sie fördern politische Parteien, deren einziger und unabänderlicher Grundsatz der Judenhaß ist. Dieses Testament ist ein Zeugnis der G e - tühlsiosigkeit und Undankbarkeit gegenüber dem eigenen jüdischen Volke. Wir wissen ja, wie schwer sich diese reichen Assimilationsjuden die paar Kronen für jüdische Zwecke abqüälen. Das Elend muß zum Himmel schreien, die Not zum öffentlichen Ärgernisse werden, früher rücken sie nicht heraus. Und was sie geben, das geben sie widerwillig. Sie geben, wenn es hoch geht, für Zwecke der unmittelbaren Gegenwart, für die Vorbeugung jüdischer Not, für Zwecke einer gedeihlichen Zukunft des jüdischen Volkes haben sie nichts übrig. Wir Zionisten wissen ein Liedchen davon zu singen 1 Für Prachtpaläste, in welchen Antisemiten trinken und singen, gibt so ein Redlich Geld her, für unsere braven Kolonisten im H.eimatlande Palästina spendet er nicht die kleinste Bretterhüfte! Dabei hat ganz Israel an dem Hasse, welcher auf dem Gelde dieser Leute ruht, schwer zu tragen. Den Neid und die Entrüstung, welche der Redlichsche Reichtum bei den Nichtjuden erweckt, haben hunderte kleiner jüdischer Kaufleüte in Mähren in Form des Boykottes zu verspüren bekommen. Vom Fluche dieser Schätze erhält Juda sein reichlich Teil, vom Segen nichts. Dieses Testament ist schließlich auch der beredteste Ausdruck der politischen Dummheit der mährischen Assimilationsjuden. Sie leben mitten in einer slawischen Majorität, verkehren und handeln fast ausschließlich mit Tschechen. Sie sehen, wie ein aufstrebendes Volk mit unbesiegbarer Gewalt vordringt, und haben nichts vernünftiges zu tun, als sich an die Seite der zurückweichenden, vorwiegend antisemitischen deutschen Minorität zu stellen. Statt Neutralität im Nationalitätenstreite zu wahren, hetzen sie durch unbesonnene und unwürdige Deutschtümelei die Tschechen gegen die Juden. Das famose Redlichsche Testament wird von den Tschechen als neuerlicher Beweis dafür hergestellt werden, daß die Juden Germanisatoren und erbitterte Feinde der gerechten tschechischen Bestrebungen sind. Die Juden werden die Redliche Freigebigkeit bitter büßen und der deutsche Antisemit streicht lachend das Geld ein. Aus einer Uanderversammlung der «Union». ' Aus Znaim schreibt uns ein Gesinnungsgenosse : Sekretär Fleischer von der „Oesterr.IsraeL Union“ reist seit Monaten mit einem Artikel in Böhmen und Mähren herum, er heißt: Die Bekämpfung des jüdischen Wandqr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.