Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 verschwunden, wenn sich nicht hier und dort die Nationalliberalen dazu hergegeben hätten, sie herauszuhauen, und wenn vor allem nicht das Zentrum schon im ersten Wahlgange antisemitische Kandidaten mit seinem ganzen Anhang unterstützt hätte.“ So sagt das nationalliberale Blatt. Es kennt seine Leute. Ganz ähnliches soll sogar beim sogenannten entschiedenen Liberalismus passiert sein, indem angebliche Fortschrittler (in «Hersfeld-Rotenburg ‘den Antisemitenhäuptling Werner, in Bautzen-Kamenz den Antisemiten Gräf wählten. Immerhin besteht aber die Möglichkeit, daß eine (1er (vollen jüdischen Gleichberechtigung günstige Majorität durch gerecht denkende Mitglieder des demokratischen Flügels des Zentrums herbeigeführt wird, welche hierin wahrscheinlich den schwarzblauen Block im Stiche lassen werden. Klarheit wird ja bald geschaffen werden. Geeignete Probleme der Gesetzgebung sind genügend vorhanden: Die Reform der Verwaltung, die Erfüllung der Reichsverfassung. Schon die Etatsberatung kann einschlägige klärende Debatten bringen und es wird den jüdischen Mitgliedern des Reichstages vor allem obliegen, sie herbeizuführen:“ Schikanierung der jüdischen Einwanderer in den Vereinigten Staaten. Der bekannte Einwanderungskommissär Williams handhabt die Einwanderungsgesetze mit größter ßtrenge Und Unerbittlichkeit und die ihm unterstehenden Aerzte wirken ganz in seinem Sinne. In letzterer Zeit ist es sogar vorgekommen, daß Leute, die Jahrzehnte in Amerika gewohnt haben, als sie von einer Rußlandsreise zurück nach Amerika wollten, von der Behörde wegen einer angeblichen Krankheit zurückgeschickt wurden. Im Jahre 1011 betrug die Gesamtzahl der Einwanderer in Newyork rund 500.000, von denen nicht weniger als 65.000 auf der Einwanderungsinsel zurückgehalten wurden. 30.000 Emigranten wurde dann die Landung gestattet. Von den übrigen wurden 12.000 zu- . rückgeschickt, während der Rest auf dem Wege der Appell ation oder durch Eingreifen von Freunden und philantropischen Organisationen sich noch mit knapper Not Eingang ins Land verschaffen konnte. Wie nicht anders zu erwarten, haben diese scharfen Maßnahmen einen sehr ungünstigen Einfluß auf die Auswanderung nach Amerika ausgeübt. Während/1910 182.000 Mann über Bremen den Weg nach Amerika angetreten hatten, betrug im Jahre 1911 die Zahl der Amerika-Auswanderer in diesem Ha- Zfen nur 140.000. In Hamburg schifften sich 1911 87.000 Personen nach Amerika ein gegen 120.000 im Vorjahre. Eine neue Wendung in der Affäre des Kiewer Knabenmordes. .»■ Kiew. In Angelegenheit der Ermordung des Knaben Justschinsky, die von den reaktionären Kreisen Rußlands bekanntlich als „Ritualmord“ hingestellt wird, hat der Mitarbeiter des „Russkoje Slowo“, Brasul Bruschkowski, der Kiewer 'Staatsanwaltschaft eine Denkschrift überreicht, die sensationelle Enthüllungen enthält. Bruschkowski ist auf Grund eines von ihm gesammelten umfangreichen Materials zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Mord das. Werk einer berüchtigten Verbrecherbande ist, die unter der Leitung des in Kiew ansäßigen französischen Staatsangehörigen Mifle und der Verwandten des ermordeten Justschinsky steht. Für Mifle und Konsorten war die Beseitigung Justschinskys notwendig, weil dieser Kenntnis von ihrem verbrecherischen Treiben hatte und sie -Verrat von seiner Seite fürchten mußten. Zwei Zeugen, die mit der Verbrecherbande in Beziehung standen, die ehemalige Geliebte Mifles, Tschebirjakowa, und der Tischler Petrow, haben außerordentlich schwerwiegende Tatsachen bekundet, die zur Feststellung der wirklichen Mörder führen müssen. Dieser Tage -hat nun Bruschkowski ' die beiden genannten Zeugen der Staatsanwaltschaft vorgeführt. Die anwesenden Staatsanwaltsgehilfen weigerten sich aber, die' Bekundungen der Zeugen, die die Situation völlig ändern und Licht in das Dunkel bringen, entgegenzunehmen, und begründeten ihre Weigerung damit, daß der Hauptstaatsanwalt in Angelegenheit Justschinskis nach Petersburg abgereist sei. Ein Kongreß der jüdischen Gemeinden Griechenlands. Athen. Im nächsten Frühjahr findet hier ein Kongreß der jüdischen Gemeinden Griechenlands statt. Die Zahl der -Juden des Königreichs wird auf etwa 8000 Seelen geschätzt; die bedeutendsten sind die in Trikala, Korfu, Larissa, Vollo und Athen. Eine jüdische Schule gibt es bloß in Larissa. Dieselbe'wird von der Regierung subventioniert. Obwohl die Juden Griechenlands in ihren Reihen eine ansehnliche Zahl wohlhabender Personen zählen, ist doch infolge des allgemeinen Indifferentismus allem Jüdischen gegenüber im ganzen Lande kaum eine nennenswerte jüdische Institution vorhanden. So z. B. gibt es selbst in Athen keine einzige jüdische Schule. Wohl hat der Präsident der jüdischen Gemeinde Athens, Herr Constantinides, vor Jahren 500 Pfund für die .Errichtung einer Synagoge samt Schule gespendet, doch konnte man den Bau bis heute nicht in Angriff nehmen, angeblich, weil das Zentralkonsis’torium, auf dessen Namen die Gebäude eingetragen werden müßten, seit vielen Jahren aufgelöst ist, ohne daß eine Neuwahl vorgenommen wird. — Aus dem gleichen Grunde ist es unmöglich', die Gemeindemitglieder zu besteuern, da .eine solche Besteuerung der Genehmigung des Parlaments auf Grund einer Eingabe des Konsistoriums bedürfte. Diesen unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen, ist eben der geplante Gemeindekongreß berufen, für den sich im ganzen Lande — auch unter den Nichtjuden — lebhaftes Interesse kundgibt. Eine Emigrationskonferenz in Petersburg. Petersburg. Wie erinnerlich, begab sich vor einigen Monaten eine Anzahl Petersburger Herren im Aufträge einer jüdischen Notabeinversammlung nach Berlin und Wien, um die dortigen führenden Gemeindekreise für die Einberufung eines allgemeinen jüdischen Emigrationskongresses zu gewinnen. Die Deputation mußte 'unverrichteter 'Dinge' heimkehren, hauptsächlich, weil Mr. Jacob Schiff, der damals in Deutschland weilte, sich entschieden gegen diesen Plan aussprach. Die Abordnung ließ deswegen auch ihren ursprünglichen Plan, von .Berlin nach London zu reisen, fallen. Da jedoch die Petersburger jüdischen Kreise, die sich für die Regelung der Emigrationsfrage interessieren, nach wie vor von der unumgänglichen Notwendigkeit eines Emigrationskongresses überzeugt sind, hielten sie vor kurzem wieder eine Beratung über diese Angelegenheit ab, und faßten den Beschluß, einen zweiten Versuch zu unternehmen und insbesondere die amerikanischen Juden für den Emigrationskongreß zu Interessieren. Zu diesem Zwecke soll eine neue Abordnung nach Amerika reisen, und zunächst Mr. Schiff aufsuchen, um seine Bedenken gegen die Abhaltung eines Emigrationskongresses zu zerstreuen. Damit die Deputation einen mehr repräsentativen Charakter erhält, fand vorige Woche eine Delegiertenversammlung in Petersburg statt, die aus Kowno, Minsk, Witebsk, Charkow, Kiew, Warschau, Hornel, Mohilew und Riga beschickt war. Die Versammlung beschloß mit 19 gegen 9 Stimmen, die Abordnung nach Amerika zu entsenden. Eine Zeitschrift für hebräische Sprachwissenschaft. Petersburg: Der hiesige hebräische Sprachverein „Chowewe Sephath Ewer“ gibt von Anfang d. J. ab eine Monatsschrift unter dem 'Titel „Hassapha“ (Die Sprache) heraus, die ausschließlich der modernen hebräischen Sprachwissenschaft und den Bestrebungen zur Neubelebung und Weiterbildung der hebräischen Sprache gewidmet sein soll. Die Zeitschrift wird ihr Augenmerk insbesondere der wissenschaftlichen Pflege und Ausgestaltung der Sprache des täglichen Lebens, sowie der Sammlung und Bereicherung der wissenschaftlichen Terminologie und des technischen Sprachguts zuwenden. Sämtliche hebräischen Neuerscheinungen sollen ferner in der Zeitschrift vom sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkte besprochen werden, wobei auf die gebräuchlichen Irrtümer und Verstöße gegen die Sprachgesetze — namentlich in der modernen Journalistik — hingewiesen werden soll. ZeiffAfitfenTdiaii. „Palästina“, Nr. 1 (1912) dieser vortrefflichen Monatschrift hat einen reichen Inhalt. Dr. Müller spricht über „Palästina im jüdischen Volksbewußtsein“ und macht einige sehr tiefe Bemerkungen, die nachgelesen zu werden verdienen. Agronom Doktor P i c k h o 1 z, der bekanntlich ein Jahr in den Herzlwald-Pflanzungen gearbeitet hat, macht „Einige Vorschläge zur Förderung der Landwirtschaft in Palästin a“. Der Bezug von Kunstdünger, mit welchem im Handel viel Schwindel getrieben wird, müßte organisiert und überwacht werden, in den Kolonien sollen Verschleißgenossenschaften gegründet werden. P. befürwortet die Einrichtung eines landwirtschaftlichen Inspektorates, welches alle landwirtschaftlichen Verhältnisse studieren und überwachen sollte, u. a. m. Die dankenswerten Vorschläge werden gewiß an den maßgebenden Stellen Beachtung finden. Dr. Aron Sandler schreibt „Ueber die Bedeutung der Olive n k u 11 u r“. In seiner bekannten wissenschaftlich^jründlichen Art hat Sandler alles zusammengetragen, was er in der Literatur über dieses Thema fand. Es ist außerordentlich interessant, seine ausführlichen Schilderungen über die eminente Bedeutung der Oelbaumkuttur in allen Mittelmeerländern — einige sind ausschließlich auf diese angewiesen — zu lesen und daraus zu entnehmen, was die „Oelbaumspende“ für Palästina bedeuten kann. Der Aufsatz wird im nächsten Hefte fortgesetzt werden. Des weiteren enthält die Nummer einen ausführlichen Auszug aus dem „Bericht der I CA für 1910“, sowie eine von H. Franzos verfaßte übersichtliche und instruktive „Statistik der Auswanderung nach Palästina über Wien 1911“. Miszellen, Zeitschriften, Bücher und Nachrichtenschau, in der bekannten knappen, aber charakteristischen Art redigiert, ergänzen das reichhaltige und interessante Heft. — Das Abonnement, dieser vortrefflichen Zeitschrift kann jedem Zionisten wärmstens empfohlen werden. Der Preis ist nur K 3.— pro Jahr. Bestellungen nimmt auch die Administration der „Jüdischen Zeitung“ .entgegen. . „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden“, Heft 1 (1912), enthält : Max Grünfeld: Die Juden in Mecklenburg-Schwerin von 1810—1911 mit dem Resume: Die Darstellung zeigt das allmähliche Verschwinden der jüdischen Bevölkerung aus ‘Mecklenburg-Schwerin .... ein weiteres Kapitel zu der allmählichen Entjudung des platten Landes und der Städte. Dr. Jacob S e g a 11 schreibt über den „Stand der jüdischen Bevölkerung auf Grund der Volkszählung vom 1. Dezember 1910. Der .Prozentsatz der Juden ist von 10.3°/0O (im Jahre 1867) auf 8°/00 (1910) gesunken. Segall sieht als Grund des Rückganges die Abwanderung der Juden nach der Pfalz, in außerbayrische Gegenden und nicht die „Taufseuche“ an. Doch betont auch er die Zunahme der Mischehen und Kindertaufen, sowie den Rückgang der jüdischen Ehen. Im „Statistischen Archiv“ wird ein reiches Zahlenmaterial aus verschiedenen Ländern geboten. Einige davon seien hier wiedergegeben: In Preußen kommen Selbstmorde auf je 100.000 Protestanten 27, Katholiken 11, Juden 31 (!). Die Zahl der Juden in Württemberg geht ständig zurück (1905 waren es 12.053, 1910 11.952), in Baden ist sie 1910 gegen 1905 nahezu gleich geblieben, in Hessen ist eine kleine Abnahme zu verzeichnen. In Rumänien ist die Zahl der jüdischen Geburten von 46.53 Prozent (1871) auf 29.33 (1910) zurückgegangen, was auf die starke Auswanderung zurückgeführt wird. Aufruf. Zu Beginn d. J. wurde eine neue Organisation, die den Namen „Wiener zionistische Vereinigung“ trägt, begründet. Der Zweck dieser Vereinigung ist, durch Abhaltung von Vorträgen und Diskussionen für die Heranbildung einer gesinnungstüchtigen und von unserer Idee durchdrungenen Jugend zu sorgen. Da die Vereinigung ihre Arbeit nur auf ein Gebiet beschränkt, verspricht sie der Sammelpunkt aller zu werden, denen ihre Verhältnisse nicht gestatten, sich in ■ eine, straff gefügte Organisation einzugliedern. Mitglieder der Vereinigung können Absolventen nur'Wiener Mittelschulen, Handelsakademien und ähnlicher Lehranstalten werden. Die Zusammenkünfte finden einmal wöchentlich im Vereinslokale, IX., Müllnergasse 35, statt. Hospitiumsanmeldungen sind an den Unterzeichneten zu richten, iur. Jakob Landau, Präses, Wien, II., Zirkusgasse 10.