Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 in spiritiieller Hinsicht. Schon darum ist es unmöglich, in dieser Hinsicht auf diese' Frage nur eine Antwort zu geben. In politischer und ökonomischer Hinsicht aber wird die Judenassimilation nur in den Ländern Aenderungen schaffen, in denen die Juden noch politisch oder ökonomisch mindere Rechte haben. In anderen Ländern aber, in denen sie Bürger sind, wie alle anderen, sind sie ja schon ..politisch und ökonomisch assimiliert. 2. Wenn die Erfüllung der zionistischen Idee bedeutet, daß die überwiegende Menge aller Juden nach Palästina zurückkehren würde, dann werden die Völker, die sie verlassen, einen großen Verlust — geistig, politisch und ökonomisch — erleiden, während die Juden selbst den Grundstein zu einem Staate legen werden, der in einem oder zwei Jahrhunderten wieder auferstehen läßt, was Hellas Ruhm und. Roms Größe ausmachte. _ 3. Wenn aber keiner 'von idiesen (beiden Fällen eintrifft, so wird sich die Geschichte wiederholen: Wirren, und Verfolgungen aller Arten und Größen immer von neuem. 4. Gewiß wäre von jüdischem Standpunkt Nr. 2 das einzig Wünschenswerte. Da aber ■keine der Möglichkeiten praktisch durchführbar ist und da alle die Möglichkeiten sich zu gleicher Zeit durchzusetzen versuchen, so werden die Juden auch in Zukunft die Rückschläge und schlimmen Seiten von allen erdulden müssen. Erlauben Sie mir mit einem Zitat aus meinem Stück, das ich gerade probe, zu schließen: „Hätt uns der Christ stets christlich angefaßt: Kein einziger Jude lebt’ heute in Europa!“ . Heinrich) Mann. ’ Auf Ihre Fragen erwidere jch: Assimilierung halte ich für wünschenswert, sofern sie nicht Aufgehen bedeutet, sondern Annäherung und Einwirkung. Die Juden dürfen sich nicht mit dem' Ideal durchdringen, Germanen zu werden. Nicht nur der Jude ist verloren, der sich totschießt, weil er nicht Reserveleutnant wird, sondern., auch, ,d£rJ.;)dei;i,e5„wjr<J,.;D,ejin , für, ihn .ist es. zu Ende mit dem;-Zwang, Qeist: zu, haben (wozu Fragwürdigkeit und Abseitigkeit ihn nötigen), mit dem Zwang, den Geist wenigstens zu lieben" und ihn bei seinem „Wirtsvolk“ geltend zu machen. Was aber soll, wenn auch die Juden versagen, aus einem „Wirtsvolk“ werden, das schon, jetzt an geistiger Unterernährung krankt? Wenn kein Jude mehr das öffentliche Leben ein wenig geistiger macht, und keine Jüdin mehr die Liebe? Die Folgen der vollständigen Assimilierung und die der Trennung wären gleich schauderhaft. Hus dem Geldiäftsberidit des „Bezalel“. Nachfolgende Ziffern über die Entwicklung der von der zionistischen Partei in Jerusalem gegründeten Kunstgewerbeschule „Bezalel“; zeigen das rapide Wachstum derselben. Es wurden an. der Schule beschäftigt im Jahre 1908 zirka 1Ö0 Personen, im Jahre 1909 zirka 150 Personen, im Jahre 191.0 zirka 270 Personen, im Jahre 1911 zirka 457 Personen, die sich im verflossenen .Jahre auf die einzelnen Abteilung gen wie folgt verteilten: . 19 Lehrer und Meister, 11 Schüler, 113 Arbeiterinnen im. Teppich-Atelier, 21 Arbeiterinnen im Seidenteppich-Atelier, 60 Arbeiter im Filigran-Atelier, 31 Arbeiter im Kupfer-Atelier, 43 Arbeiter im Holzbearbeitungs-Atelier; 35 Arbeiter im Atelier für Metalltreibarbeiten, 15 Arbeiter im Atelier für Batikgegenstände, 6 Arbeiter im Atelier für Elfenbeinschnitzerei, 4 Arbeiter in der Korbflechterei, 67 Arbeiterinnen in der Spitzen-Abteilung, 14. Arbeiter in der Kolonie Ben-Schamen, 18 Büro-. und . Hilfspersonal; zusammen 457 Personen. , Es wurden hergestellt: Im Jahre 1908 Erzeugnisse im Werte von zirka 20.000 Frs.; im Jahre 1909 Erzeugnisse im Werte von zirka 35.000 FrsJ im Jahre 1910 Erzeugnisse im Werte von zirka 90.000 Frs.; t im Jahre 1911 Erzeugnisse im Werte von zirka 133.000 Frs. An dieser Produktion wurden verdient: Im Jahre 1908 0 „ „ 1909 0 „ „ 1910 zirka 1.500 Frs. ' „ „ 1911 „ 29.000 * Wir können demnach .mit großer Befriedigung feststellen, daß es zum ersten Male gedungen ist, an dem Absatz der Produktion einen recht .erheblichen Verdienst fzu erzielen. Das durch die gütige Unterstützung des Direktoriums ' des ' J ü d i s c h ’e n Nationaltonds errichtete neue Tepich-Atelier, ermöglichte, die . Teppich-Abteilung ■ ganz erheblich zu vergrößern. Einschließlich der Abteilung für Seidenteppiche konnten in demselben 36 neue Teppich-Knüpferinnen Aufnahme . finden. Die Erzeugnisse dieses Ateliers weisen gegen früher außerordentlich große Fortschritte auf. In der Muster-Abteilung wurden neue Teppich-Entwürfe angefertigt, nach denen Teppiche zur Herstellung gelangten; welche in- Zeichnung und in Farbenzusammenstellung--'den besten Perserteppichen gleichwertig sind-., Wir verarbeiten die beste Qualität englischer Wolle, so daß unsere Teppiche auch qualitativ' nichts zu wünschen übrig lassen. Eine grbße Anzahl der Knüpferinnen haben eine solche Fertigkeit erlangt, daß wir damit beginnen konnten, dieselben in ihren eigenen Behausungen arbeiten zu lassen. Damit wird der nötige Platz zur Aufnahme neuer Schülerinnen geschaffen. Wir können daher mit den in dem Teppich-Atelier erzielten Resultate in jeder Weise zufrieden sein. Unsere auf dem Boden des Jüdischen Nationalfonds im Vorjahre errichtete Arbeiter-Kolonie Ben-Schamen hat sich ausgezeichnet entwickelt und unseren Erwartungen entsprochen. Die dort angesiedelten jemenitischen Filigranarbeiter arbeiten für Rechnung der Schule. Es wäre auf das Höchste zu. wünschen, damit wirdie im Filigranatelier ausgebildeten. Arbeiter dort ansiedeln können, daß uns die Mittel zur Errichtung neuer Arbeiterhäuser zur Verfügung gestellt werden. Es wäre hier den Freunden' der Schule Gelegenheit gegeben, durch das Stiften von Arbeiterhäusern, eine ungemein segensreiche Tat zu vollbringen. In der i. Kupfer-Abteilung konnte gleichfalls eine Vermehrung der .Arbeiter vorgenommen werden. Werin auch die hergestellten Kupfergegenstände in der seitherigen Weise flott abgesefzt wurden, beabsichtigen wir, trotzdem dieses Atelier später mit dem Atelier für Metalltreibar.heiten zu. vereinigen und -durch eine Verschmelzung beider Techniken neuartige Gegenstände an den Markt zu bringen. Auch die; . . Abteilung für Holzbearbeitung hat sich weiter bedeutend, aus.dehnen können. In . derselben wurden außer,. Bilderrahmen eine große Anzahl von Gebrauchsgegenständen aus Olivenholz herges'tellt, die mit ’ Permutt- Und Galalitheinlage versehen wurden: Auch bei diesen Erzeugnissen sind ganz bedeutende Fortschritte festzustellen. Er werden ferner Vasen, Kästchen etc. für die Batikabteilung verfertigt, die in der letzteren mit Verzierungen versehen werden. In dem neu errichteten Atelier für Metalltreibarbeiten werden bereits 35 Arbeiter beschäftigt. Die Leitung dieses,, wie auch .des Ateliers für ^Elfenbeinschnitzerei, wurde dem neu engagierten Lehrer, Herrn Erich Goldberg, einem Sohne des neuen Direktors, übertragen. In dem begabten und strebsamen jungen > Künstler hat die -Schule eine (rehet Wertvolle Kraft gewonnen. Der größte Teil der neuen Modelle wurde von demselben entworfen: Die Erzeugnisse dieses neuen Ateliers finden allgemeinen Anklang. Auch aus dem 1 j Atelier' für Elfenbeinschnitzerei in dem bereits eine große Anzahl beschäftigt sind, gingen hübsche Arbeiten hervor. Hier wurden in Elfenbein geschnitzte Miniaturen her- - gestellt, welche zur Verzierung von Metall- und Holzgegenständen verwendet werden. Auch in diesem Atelier wird sich für eine größere Anzahl Arbeiter Arbeitsgelegenheit 'finden. Die neue Batik-Abteilung lieferte viele Modelle in Metall und Holz in tadelloser Ausführung. Dieselben sind mit ornamentalen und figürlichen Zeichnungen versehen und erweisen sich als außerordentlich gut verkäuflich. Es wurden auch: Tischläufer und ähnliches aus gebatikten Stoffen hergestellt, die gleichfalls als gelungene, geschmackvolle - Arbeiten anzusehen sind. Wir haben daher die. beste Aussicht, auch in dieser Abteilung einer großen Anzahl von Arbeitern Beschäftigung ' geben zu können. r-: Zur .Ergänzung -tier Ateliers, Sn denen Metallgegenstände hergestellt werden,, haben wir eine Werkstätte für Metalldrückerei eingerichtet. Durch die notwendige Anschaffung einer Anzahl von Drehbänken und eines Motors; war dieselbe mit bedeutenden Unkosten verbunden. Wir können jetzt die Metallgegenstände in der Schule selbst herstellen, brauchen solche nicht mehr aus-dem Auslande zu beziehen, wodurch eine neue Arbeitsgelegenheit geschaffen wurde. Auch hier wird sich für eine größere Anzahl Arbeiter Verwendung finden. Die von dem Jüdischen Frauenverband für Kulturarbeit jra Palästina {subventionierte am „Bezalel“ unterhaltene Spitzen-Abteilung wurde im verflossenen Jahre gleichfalls bedeutend vergrößert und beschäftigt 67 Arbeiterinnen. Die tadellosen Erzeugnisse, deren Vertrieb vom Jüdischen Frauenverband vorgenommen wird; finden allgemeine Anerkennung und flotten Absatz. Epieöpidi flep 6poöe und die Men. In Preußen feierte man in diesen Tagen in gehobener patriotischer Stimmung den zweihundertjährigen Geburtstag des großen Königs, der den schönen Ausspruch getan hat: „In meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden.“ Von antisemitischer Seite bemüht man sich nun nachzuweisen, daß sich dieses Königswort auf die Juden nicht bezog, da er sie als einen gleichberechtigten Teil der deutschen Bevölkerung nicht betrachtete. Ob Friedrich der Große den Juden mehr oder weniger wohlgesinnt war, ließe sich heute höchstens an Hand von Bestimmungen feststellen, die zu seiner Zeit, also mit seiner Sanktion, den Juden gegenüber bestanden, oder an gelegentlichen Zuvorkommenheiten, die er einzelnen mit ihm in Berührung kommenden Juden gezeigt hat. Was den ersteren Punkt betrifft, muß leider konstatiert werden, daß er im allgemeinen auf eine Besserung der jüdischen Lage in Preußen wenig bedacht war. Im Generalreglement für die Juden, welches in den letzten Jahren seiner Regierung zustande kam, sind keine sonderlichen Privilegien für die Juden vorgesehen. Vielmehr werden darin die alten Beschränkungen beibehalten und zum Teile verschärft. Besonders wurde durch ein Gesetz, das die Zahl der jüdischen Ehen beschränkt, einer Vermehrung und Ausbreitung der Juden vorgebeugt. Das Handwerk und viele Handelszweige blieben ihnen verboten. Mit Ausnahme des Trödelgeschäftes waren die Juden fast aus allen Berufszweigen ausgeschlossen. Der jüdischen‘ijemeinde zu. Berlin wurde ein Staatsbeamter aufgedrängt, der sich in alle innerjüdischen Angelegenheiten beratend und entscheidend hineinmischen durfte. Die Zahl der Juden in Berlin betrug damals 1945 Seelen, die zusammen 333 Haushaltungen bildeten. Die (reicheren Juden genossen als „Schutzjuden“ einige Privilegien; die Zajil dieser Privilegierten durfte äber 150 nicht übersteigen. Unter vielen anderen mittelalterlichen Gesetzen war auch die harte Bestimmung zu Recht bestehen geblieben, die für gewisse Verfehlung eines Juden (wie Hehlerei) die ganze Gemeinde haftbar machte. In den letzten Jahren Friedrich des Großen gelang es den Juden, sich noch einige Rechte zu erkämpfen. Auch einzelnen Judenbegegnete Friedrich der Große nicht immer mit Wohlwollen. Bekannt ist, daß er Moses Mendelsohn die Aufnahme in die Akademie verweigerte. Uebrigens war er auch auf die getauften Juden nicht gut zu sprechen, wie nachstehendes, an das Churmärkische Konsistorium gerichtete Schreiben zeigt: „Von Gottes Gnaden Friederich, König von Preußen. Unsern gnädigen Gruß zuvor. Würdiger, Hochgelahrter, Lieber Getreuer! Da die Erfahrung vielfältig gezeiget hat, daß die zur Christlichen Religion übergegangene Juden, nicht sowohl aus wahren Triebe und lautern Absichten, als vielmehr aus unerlaubtenEndz wecken gehandelt; so haben Wir zu beschließen geruhet: Daß keine Juden zum Unterricht in der Christlichen Religion angenommen werden sollen, bis nicht von ihrem unsträflichen Wandel sichere Nachrichten eingezogen, und darüber schriftliche glaubhafte Atteste, eingereichet worden. Ihr werdet Euch hiernach gehorsamst zu achten wissen, und empfangt von dieser gedruckten Verordnung Exemplaria, um solche ex officio an die Behörde unter Eurer Unterschrift abgehen zu lassen. Sind Euch mit Gnaden gewogen. Gegegeben zu Berlin, den 20. Juli 1774. Fr(iedrich). An das Chur-Märckische Consistorium, ingleichen an alle Regierungen und geistliche Collegia.“ f