Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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m r* ■ £ 7 *•- Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG_._- , . _ Nr. 6 tion ansieht, werden wir niemals riiitmachen. Die Richtigkeit und Ehrlichkeit dieser ' Anschauungen werden auch die Mitglieder der tschechischen Abordnung nicht verkannt haben. Sie werden aber auch die Notwendigkeit einer Revision ihrer Anschauungen über den Zionismus erkannt haben und zur Überzeugung komr men müssen, daß bei Verhandlungen* zwischen Juden und Tschechen die Vermittlung der das Gegenstück der deutsch-- nationalen Juden repräsentierenden Herren des Verbandes tschechischer Juden nicht als zweckdienlich erscheint. , Rundschau. Georg Brandes. Der größte Literaturagent des -19. Jahrhundderts,, Georg B r a u d e s, feierte vor einigen Tagen seinen siebzigsten Geburtstag. Aus diesem Anlässe verlieh ihm der dänische König einen hohen Orden; die Universität Kopenhagen errichtete ein Brandes-Archiv; die Völker des’ Nordens, Schweden,, Norweger, Dänen und Fin-:: nen bereiteten ihm mannigfache Ehrungen. Denn Georg Brandes war jahrzehntelang Reisender der Firma „Nordische Kunst“. Er hatte’ die Vertretung der größten Produzenten und machte für, ihre Rechnung gute Geschäfte. Allerdings war die Ware nicht schlecht, aber es hieße ungerecht sein, wollte man die Verdienste , des' Generalvertreters Brandes, der wie kein zweiter die Vorzüge seiner Herren herauszustreicheh verstand, irgendwie schmälern. Dem Verdienste uneingeschränktes Lob: Georg Brandes hat mit umfassendem Geschäftsblick den Export nordischer Kunstprodukte organisiert und gehoben. Er hatte übrigens von Natur aus diese Tüchtigkeit zum Geschäfte. Das Schicksal hatte ihn als Sohn .eines Juden geboren werden lassen und ihm den Namen Moritz Kohn gegeben. Ein, Reisender darf sich aber nicht zu erkennen geben.. Er. nahm "darum den Namen Georg Brandes“ an und entfernte sich von seiner armen. Verwandtschaft, damit sie ihm im Geschäfte nicht hinderlich sei. - Er schmeichelte allen Völkern, denn das gehört einmal zum Beruf. Ein Agent'muß höflich und liebenswürdig sein. So gelang es ihm also, die Freundschaft .der Polen, Finnen, Serben, Bulgaren etc. zu gewinnen und mit ihnen in Geschäftsverbindung zu treten. Er führte jeden Artikel: Lyrik; Drama, Roman, Polentum, Deutschtum, Freiheit, Naturalismus, je nachdem eine Ware besonders modern war und zog. Nur das 'Judentum war für ihn Pöfel. Er handelte «licht damit, verweigerte entschieden die Annahme einer Vertretung für diese Branche und blieb diesem Grundsätze bis zum heutigen Tage treu. Als er sich einst auf einer geschäftlichen Literaturreise in Finnland befand, machten ihn die russisch-jüdischen Zeitungen darauf aufmerksam, daß die von Rußland unterdrückten Finnen die Juden in ihrem Lande noch schlimmer behandeln, als sie selbst behandelt würden. Diesen Eingriff in seine Geschäftstätigkeit ließ sich aber Brandes nicht gefallen. Er jagte sogar einen russisch-jüdischen Studenten, der seine Unterstützung für die finnischen Juden verlangte, zur Tür hinaus. * 1 2 3 Unsere Vertretung hat Brandes nie geführt. Bei seinen Verbindungen hätte er auch manches für das Haus Israel tun können. Da er das nicht tun wollte, haben wir keinen Anlaß, ihn zu feiern. Er war bei der Konkurrenz in Kondition-und nur diese ist verpflichtet, ihren hervorragenden Agenten zu entlohnen. —w. Aus dem Reiche der Antisemiten und Täuflinge. Im Witkowitzer Eisenwerk der Herren Rothschild un'd Guttmann werden bekanntlich keine Juden angestellt Es beliebt den genannten Herren in diesem Riesenetablissement, den antisemitischen Generaldirektor Schuster so schalten und walten zu lassen, daß es für einen jüdischen Techniker tatsächlich leichter geworden ist, bei einer christlichsozialen Unternehmung oder Behörde Arbeit zu finden, älS in Witkowitz unterzukommen. Allerdings sind der hochmögende Herr Direktor.ßchuster sind seine untertänigen Gebieter- Rothschild und Guttmann keine Rassenantisemiten, und wer sich' taufen läßt,, findet Gnade vor den Augen dieser eisernen Dreieinigkeit." Natürlich wird diese liebenswürdige Schwäche, .. .welche der fromme Rothschild und üer noch frömmere Guttmann' für: Renegaten hegen, weidlich äusgenützt, und die'; Täuflinge ' bringen es ziemlich weit.' ■ Generaldirektorstellver.tretef ist . der getaufte Jude Dr. Sonn e.n sc h et n, welcher zum Gaudium der Ostr'aüer Bevölkerung erst kürzlich in' den Tageszeitungen' „eine' streng christliche Erzieherin für ferne,- streng christliche Familie“, gesucht hat. Er:ünd Schuster fördern die Taufjuden in jeder Weise., Noth' befinden sich zirka 1.4 Juden unter ‘den 1400 Werksbeärhten. Teils stammen sie aus..der guten alten Zeit, teils stehen sje unter, so allmächtigem . Schutze; daß selbst Guttmann" und Schuster nachgeben und sie aüfnehmen mußten. Aber die -Lage dieser räudigen Schäfchen ist die -denkbar unerquicklichste, und so iäf es keiri: Wunder, daß hie und da eines abfällt'-'und in den -Schoß-der allein selig machenden, Kirche einzieht. Und es ist ganz merkwürdig, wie glänzend sich die. weitere Karriere dieser.: „jungen Christen“. . gestaltet. Zwei Beispiele:-Ein jüdischer Chemiker läßt sich vor Weihnachten, taufen, am 1. Januar wird er auf einen Posten versetzt, der d r.e i.m a 1 sohoch; dotiert ist wie der:alte.1 Der,' Ingenieur Spitzer neigt: sein Haupt über dem ‘ Tauf-' betken, als Patengeschenk verleiht ihm die Firma Rothschilds und Quttmähn eine Direktorsteile bei'.dem- Witkowitzer- Büro-in Wiens Der letzte Fall ist.tim so bemerkenswerter,'als sich Herr Guttmann bisher, darauf beschränkte,, die Taufjuden in Witkowitz zu halten.. Jetzt,importiert er sie sogar dach Wien, ’ w d "e-r-;K u' 1-- tusvorstand ist! Die Herren, Rothschild und Guttmann dienen der Kirche eifriger als alle christlichen Behörden. Selbst ’ invielen österreichischent''Staätsbetrieben ‘ ist'-‘man davon abgekommen,,j',getaufte j: Juden den treu gebliebenen vörzüzieheri. Rothschild ' und Guttmann .aber bleiben unentwegte Förderer Und Züchter der häßlichen Gesellschaft der Taufjuden. ' «■' Aus .einer :Wiener.. Kultusvorstaridssitzung. Die Sitzung ist öffehtlich. Von 36 Räten sind 22 erschienen. 'Sonst kommen-• weniger. Einige im Smoking, denn 1 Sie müssen fort...-, zu‘einem Bankette, zur Sitzung einer' fortschrittlichen a Körperschaft. “Siq sind 'nämlich fortschrittlich unsere Kultusgewaltigen. Allerdings nur draußen. In 'der Kültusgemeinde; unter sich, sind sie stockreaktionär. ’ Auf der Tagesordnung steht: Aenderung der Statuten. Soll etwa das Wahlrecht geändert, die Besteuerung modernisiert, die Schande des. § 2, der Steuerzahler^, mögen.sie 30 Jahre -gezahlt haben,, das Wahlrecht .nimmt, wenn sie für das laufende;Jahr im, Rückstände, sind.aus der Welt geschafft werden? Der frühere- Kultuspräsident, Heinrich1 Klinker, hat ' die Handhabung dieses ominösen Paragraphen als einen Akt der Roheit bezeichnet,; dje Wählerschaft heischt seine Streichung. Vielleicht ist der harte Sinn der Fortschrittsmänner der „Neuen .Freien“ und ,der Erzrückschrittler i. den / Kultusgemeinde gebrochen? Weit gefehlt.'! Der Punkt wird von der "Tagesordnung . abgesetzt, weil ein besonders verdienstvolles Mitglied des Vorstandes, der darüber was' sagen könnte, nicht anwesend ist. Also verschoben! Ad'• calendasgräecas! Und die Corona der würdevollen Ratsherfen schweigt. Dr. Stern gebietets und da ziemt es sterblichen Kultusräten zu .schweigen. Dann wird über Aenderung des Religions- Lehrplanes . an dgn . zwei obersten Klassen der Mittelshuden gesprochen. Kultusrat Maximilian Steiner hatdie Aenderung: angeregt. Er' möchte einen neuen Geist in die Jugend "tragen. Beileibe keinen nationalen! Aber einen anderen, als heute die meisten Religionslehrer verzapfen. Seine Forderung findetnicht viel Verständnis, aber Annahme. Denn für ihn spricht Dr. Gustav Kohn.' Stern hat sein placet gesagt und da sind die Interessen der offiziellen Juden gewahrt. Nur drei Räte gehen auf die Sache näher ein. Spitzer möchte den Geist der Jeschubah und des Cheder wieder auferstehen lassen. Kaiserlicher Rat Weil meint, daß die Jugend für jüdische Dinge Interesse habe. Die zionistische Bewegung, sagt er, habe diesbezüglich Hervorragendes geleistet;^ ft werden Eltern durch ihre Kinder jüdisch. Dr. Samuely spricht in gleichem Sinne; nur verklausulierter. Der Lehrplan wird angenommen und bestimmt, daß er versuchsweise an drei Lehranstalten zur Durchführung gelange. Damit ist die Tagesordnung der öffentlichen Sitzung erschöpft. Die „Oeffentlichkeit. zieht sich zurück“ und die Kultusräte können ruhig weiterschlafen. Interessant ist das Geständnis des kaiserlichen Rates Weil gewesen, denkt "man im ' Nachhausegehen und fragt sich, ob die Götterdämmerung in der Kultusstube angebrochen sei. Dann aber — von bösen Erfahrungen gewitzigt — besinnt man sich und weiß, daß dieselben Herren, welche heute den heilsamen Einfluß des Zionismus bestätigt haben, bei der nächsten Wähl im Brusttöne tiefster Ueberzeugung zum Kampfe gegen die zionistischen Zerstörer auftordern werden. Deutschfreiheitliche Vertragstreue. Der Abgeordnete von Neutitschein, Ulrich, wurde...mit Hilfe der Juden gewählt. Um ihre Stimmen zu gewinnen, hat er öffentlich und feierlich beschworen, kein Antisemit zu sein und nie dem deutschnationalen V erb a n d e beizutreten. Vorige Woche ist dieser Wortsmann der radikalen Judenf r es s e r p ä r t ei des K. H. Wolf beigetreten. Die Juden seines Wahlkreises können'nunmehr' sechs 'Jahre über deutsche Vertragstreue nachdenken. Sie haben die Warnungen der Jüdischnationalen hochmütig überhört und dem’Ullrich' Gefolgschaft 'geleistet. Daserhebende1 Gefühl, einen Erzantisemiten in den Reichsrät gebracht zu haben, ist ihr Lohn. Juöentaufen“ von Werner Sombart*) neuer Ernte Julius eMefn l Israel Zangwill. Ich •; bedaure, - Ihre Fragen; nur in kurzen Zügen beantworten zu können, da mich die Proben zu einem ‘ neuen Stück stark in Anspruch nehmen. ., 1. judenassimilation durch Taufe ist, etwas ganz anderes als durch Mischehen,-wenigstens *) Wir entnehmen : diesen Beitrag einem im -Verlage von G. Müller, München (Preis M. 2) unter dem Titel „Judentaufen“ erschienenen Buche, das Prof. Wern. Sombart herausgibt und in dem unter änderen Herrn. Bahr, Matthias Erzberger, ,M. d. R., Pfarrer Naumann, ‘Max Nordau, Geheimrat Professor Köhler und Zangwill zu folgenden, von Dr. Artur Landsberger gestellten Fragen Stellung nehmen. 1. Welches sind die voraussichtlichen Fol- 2. Welches sind eben diese Folgen im Falle gen in geistiger, wirtschaftlicher, politischer Bedurch Massenüberiritte, Mischehen usw.? Ziehung im Falle der, Assimilation «aller Juden der Verwirklichung der zionistischen Idee: . a) für die judenreinen Staaten; b) für den Zionistenstaat? 3. Wenn wed'er 1 hoch 2 eintritt: sind Konflikte zu befürchten? Falls „ja“: welcher Art werden diese Konflikte sein? Schluß: „Ist demnach 1,2 oder 3 wünschenswert?“ U