Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 5 Nach Begrüßung durch Gg. Dr. Körner wurden die Gg. L. Sitzmann zum Vorsitzenden, W a 1 d m a n n und L ö b 1 zu Schriftführern, G e w i t s c h und W a 11 u c h zu Kassarevisoren gewählt. Zum ersten Punkt der Tagesordnung „Tätigkeitsbericht des abtretenden DK.“ gab Gg. Doktor Körner einige Ergänzungen zu dem in einer Beilage zu Nr. 4 der „Jüd. Ztg.“ abgedruckten Bericht. Nach der Diskussion, an der sich die Gg. Böhm, F a n 11 (Stockerau), G e - witsch und Waldmann beteiligten, wurden folgende zwei Resolutionen einstimmung und unter großem Beifall angenommen: 1. Der am 28. Jänner tagende ordentliche Distriktstag spricht dem Distriktskomitee, insbesondere seinem Obmann, Gg. Dr. Körner und seinem Schriftführer Gg. Ing. Groag den herzlichsten Dank 'für die ganz außerordentliche, unermüdliche, vorbildliche und erfolgreiche Tätigkeit aus. (Antrag Böh m.) 2. Der Distriktstagbeschließt die Eintragung des innerösterr. DK. des Jahres 1911 ins‘Golde ne Buch des J N F. (A n t r a g G e w i t s c h.) Die am D^T eingeleitete Sammlung für diesen Zweck ergab die Zeichnung des vollen Betrages per K 240. Hierauf erstattete Gg. Böhm ein ausführliches Referat über den 111. westösterr. Zionistentag, in welchem er besonders das erfreuliche Ergebnis der Brünner Tagung in den Fragen der Landespolitik hervorhob. Die vom Deleg. Dr. Beer beantragte Resolution: „Der DT. erklärt sich mit den Beschlüssen des ZT. vollkommen einverstanden, billigt das Verhalten der innerösterr. Delegierten und spricht ihnen seinen wärmsten Dank aus“, wurde einhellig angenommen. Nach dem Referate des Gg. Ing. Groag über die „Lösung der zion. Finanzfrage“ wurde in der, am Nachmittag fortgesetzten Tagung das Budget pro 1912 beraten. Folgende Anträge des Referenten, wurden einstimmig zum Beschluß erhoben: 1. Der DT. hält an der in Brünn beschlossenen Steuer an Organisationsbeiträgen (Schekel- und Parteisteuer) per Kronen 4.—’ pro organisiertes Mitglied und pro Jahr fest und führt diese Steuererhöhung schon für das Jahr 1912 obligatorisch ein. 2. Die Einhebung erfolgt a) bei den Studentenvereinen und beim Mädchenverein „M o r i a“ in zwei Semesterraten per 2 Kronen, von denen die erste Rate bis längstens 1. März die zweite bis längstens 1. Mai d. J. erlegt werden muß; b) bei den Wiener Bürgervereinen im vollen Betrage bis längstens 1. März 1912; c) bei den Provinz vereinen gemäß der zwischen den Vereinsleitungen und dem DK. zu treffenden Vereinbarungen. 3. Für die Entrichtung .der Steuerbeträge seitens aller Vereinsmitglieder haften die einzelnen Vereinsleitungen, die für die Eihhebung entsprechende Normen zu schaffen haben, wovon das DK. sofort zu verständigen ist. Ein vom Gg. G e w i t s c h eingebracliter und vom DT. angenommener Antrag, der die Schaffung eines Distriktsfonds beinhaltet, wird mit den Anträgen des Gg. Ob.-Ing. Stricker, der Vorschläge für die Art und Weise der Einhebung erstattete, in der nächsten Nummer dieses Blattes besprochen und verlautbart werden. Nach der Budgetberatung wurden die Neuwahlen für das DK. vorgenommen, die foK’ gendes Ergebnis hatten: Gg. Ludwig B a \ 6, Obmann, ferner als DK.-Mitglieder die Gg.: R. F r ä n k 1, Ing. Groag, Dr. K a d i s c h, Dr. Körner, Ing. Kramer, Reizes, Dr. Weiner, Dr. Walter Werner, Frau Fanni Weiß. Das vom Gg. Dr. Weiner erstattete Na^ tionalfondsreferat gab eine jibersiclitliche Zusammenstellung über die Leistungen des Distriktes und dessen Vereine zu den Sammlungen des JNF. iund der palästinensischen Institutionen. In der Beratung über das neue Statut der innerösterr. Distriktsorganisation wurde der in Nr. 4 der „Jüd. Ztg.“ veröffentlichte und dem. DT. vorgelegte Entwurf des Gg. Ing. Groag einstimmig genehmigt. Nach dem vom Gg. Reizes erstatteten Kulturreferat, das in ausführlicher Weise insbesonders die Frage der Verbreitung der hebräischen Sprache im Distrikt nach der praktischen Durchführungsmöglichkeit hin behandelte, wurden die vom Referenten beantragten Resolutionen genehmigt. Dieselben lauten: 1. Der DT. beschließt die (sofortige Gründung einer Kommission aus fünf Mitgliedern, die sich mit der Frage der jüdischen Kulturarbeit eingehend zu befassen hat. 2. Der DT. fordert die „Jüdische Zeitung“ auf, eine Rubrik unter dem Titel „K u 1 - turbewegung“ einzuführen. Ein vom Gg. Gut mann eingebracliter Antrag dahingehend, die zion. Hörerinnen an den Wiener Hochschulen zu organisieren, wurde vom DT. als Anregung an das DK. weitergegeben.' Am Schlüsse der Beratungen ergriff der Obmann des DK., Gg. B a 16, das Wort, um in seinem Namen und im Namen der neuen Distriktsleitung für die Wahl zu danken Und die Delegierten und deren Vereine aufzufordern, an der Erfüllung der zahlreichen und wichtigen Aufgaben rege mitzuarbeiten. Mit dem Dank an das Präsidium des DT. schloß die Tagung, die eine Aera neuen Schaffens inauguriert. bemfterger Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Der Kampf um die Landtagswahlreform hat eine eigenartige Wendung genommen: Polen und Ruthenen haben das Säbelrasseln aufgegeben und tun so, als ob sie Frieden schließen wollten, ln Wirklichkeit hat sich aber nichts geändert und man ist von der Verständigung ebenso weit entfernt wie früher. Die Krone hat mit Rücksicht auf die äußere Politik den Wunsch geäußert, daß Frieden geschlossen werde. Die loyalen polnischen Politiker fügen sich scheinbar den höheren Weisungen; tatsächlich sind sie fest entschlossen, ihre Hegemonie nicht preis-- zugeben und nicht schmälern zu lassen. Die Ruthenen kennen die geheimen Absichten der polnischen Politiker und wollen, in Kenntnis der ihnen durch die Krone zuteil gewordenen Förderung, zuwarteri, bis der harte Sinn der polnischen Machthaber, gebrochen ist. Darum ist auch die Aeußerung des galizischen Statthalters in einer der vielen Ausgleichskonferenzen, daß die Regierung gegen die Schaffung von Wahlkreisen mit jüdischer Majorität ist, vorläufig nicht sehr tragisch zu nehmen. Diese Erklärung scheint übrigens vom Herrn Statthalter ohne Einvernehmen mit der Zentralregierung abgegeben zu' sein, denn diese hat sowohl in der Wahlkreiseinteilung für den. Reichsratj wie anläßlich der Landtagswahlreform in der Bukowina und der Einführung des Landtages in Bosnien Wert darauf gelegt, daß für die Juden Wahlkreise mit jüdischer Majorität vorgesehen werden. Sie dürfte auch jetzt nicht anderen Sinnes geworden sein und Bobrzynskis Erklärung deckt sich wahrscheinlich mit dem Willen des Ministeriums des Innern nicht. Allerdings verrät diese Aeußerung des galizischen Obersatrapen, von welchem Geiste die „freiheitsliebenden, judenfreundlichen und gerechten“ Polen erfüllt sind. 11 Prozent der gesamten Bevölkerung der Vertretungsmöglichkeit berauben wollen, heißt nicht nur den Gipfel des brutalsten Unrechtes, sondern auch der politischen Dummheit erreichen. Denn nur einer verschwindenden Minorität gegenüber — und auch einer solchen nicht auf die Dauer — könnte man ungestraft eine' derartige Unterdrückungspolitik ^betreiben; Der — vorläufig geplante — Anschlag auf die politische Existenz der Juden könnte dem Herrn Statthalter und den polnischen Machthabern teuer!zu stehen kommen. Immerhin ist es unbedingt notwendig, gegen den galizischen „Vizekönig“ Stellung zu nehmen. ln tausenden Versammlungen sollen die Stimmen der Entrüstung vernommen werden. Das gesamte Volk muß dem Statthalter die Antwort auf seine Frechheiten geben, umsomehr, als die patentierten Judenvectreter im Landtage Löwenstein, Kolischer, Rittei, Landau und Sare — zur Schmach seien ihre Namen aufgezählt — in Untätigkeit verharren und durch ihre Existenz das an den' Juden begangene Unrecht rechtfertigen. Die zionistische Partei muß beweisen, daß sie ihrer Aufgabe gewachsen ist. Möge sie deputativ beim Minister des Innern erscheinen und ihn fragen, ob Bobrzynski die Wahrheit, gesprochen hat! Bis zum heutigen Tage sind wohl viele Volksversammlungen in den meisten galizischen Städten abgehalten worden, in welchen der Wille des jüdischen Volkes eindeutig zum Ausdruck gelangte. Das ist noch zu wenig. Die Agitation muß von Haus zu Haus getrieben werden. Das gesamte Volk soll dem Statthalter seine Entrüstung und den Polenklubjuden die Verachtung ausdrücken. Wenn man — was unwahrscheinlich ist — auf diese Weise vielleicht keine Berücksichtigung der jüdischen Interessen erzwingen wird, so hat man wenigstens das Volk aufgeklärt und nicht zum Mitschuldigen an der Erbärmlichkeit der Löwensteine et tutti quanti werden lassen. * ■ * * Das Ergebnis der Ende 1910 vorgenommenen Volkszählung ist nunmehr in einer statistischen Zusammenstellung der galizischen Landesregierung bekannt. Galizien -zählte am 31. Dezember 1910 8,029.387 Personen; davon bekannten sich zur römisch-katholischen Religion: 3,735.145 (46.52 "o), zur griechisch-katholischen: 3,878.451 (42.08 "n) und zum Judentume: 872.975 (10.87%). Vom Jahre 1900 bis 1910 wuchs die Zahl der jüdischen. Bevölkerung um 61.792. Relativ sank die Bevölkerungszahl von .11.09 auf 10.87 "h. In Ostgalizien wohnten 659.706, in Westgalizien 213.269 Juden, ln Ostgalizien' sank der Perzentsatz der jüdischen Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung von 12.85 “o aut 12.36 "<i. In Westgalizien stieg der jüdische Perzentsatz der jüdischen Bevölkerung von 7.69 auf 7.92 »ii. * * * Das neugewählte zion. Zentralkomitee hat sich konstituiert und zum Vizepräsidenten den Gg. Dr. Gerson Zipper gewählt. Die Agenden des ZK. sind in drei Ressorts geteilt und zu Ressortleitern die Gg. Dr. Ringel, Dr. Reich und Dr. Schreiber bestimmt worden. Zum Parteisekretär wurde Gg. Dr. .M. Geyer bestellt. Als nächste Aufgaben des Zentralkomitees ■ werden im dieswöchentlichen .Leitartikel des „Wschöd“ die Aktion für die Landtagswahlreform, die Agitation für den Zentralfonds und den hebräischen Schulverein bezeichnet. « * * In der letzten Zeit haben 12 Schüler der Ackerbauschule in Slobödka beschlossen, nach Palästina auszuwandern. Der Leiter der Oppenheimerschen Siedlungsgenossenschaft in Palästina, Herr Dyk, hat während seiner Anwesenheit in Galizien die jungen Leute zur Auswanderung nach Palästina bewogen. * * * Am 28. Jänner fand die konstituierende Sitzung des Vereines „Selbsthilfe“ statt. Außer den Vertretern der einzelnen Parteien — im Namen der Zionisten waren die Herren Stand, Dr. Thon, Direktor' Eisler, Dr. M. B a I a - ban anwesend — nahm auch der Vertreter-der Ica, Herr Taubes, an der Sitzung teil. Den •Vorsitz führte Schmelke- Horowitz. Die abgeführte Debatte beschäftigte sich vornehmlich mit Organisationsfragen. Der Abgeordnete von Stanislau, Herr Rauch, benützte die Gelegenheit, um die Zionisten anzurempeln, worauf ihm entsprechend geantwortet wurde. Schließlich wurde der „Beschluß“ gefaßt, die geäußerten Wünsche als iResolutionen zu betrachten, im nächsten Monate in Wien eine Konferenz mit den Vertretern außergalizischer Hilfsgesellschaften abzuhalten und ins Komitee neue Mitglieder — bis Szur Anzahl von 50 — zu kooptieren. Alles in allem: Recht magere Resultate!