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Jüdische Zeitung · 1912-02-02 · 5 (2.2.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
5 (2.2.1912)
Date
1912-02-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Avortet hatte. Bei allen Nationen und Korporationen wird Fahnenflucht als Verrat betrachtet. Nur der Jude verkehrt mit dem Getauften, als wäre nichts vorgefallen. Diese Mißachtung der eigenen Würde muß den Schülern in voller Nacktheit vorgehalten werden, damit sie sich und das Judentum vor solcher Selbstbefleckung bewahren. Was Dr. Steiner über Mädchenschulen sagt kann nicht auszugsweise gebracht werden. Das will vom ersten bis zum letzten Wort gelesen werden.;Es ig'enügt 'das Eitat: j,Mit der 'Abnahme des Familiensinnes hält der sittliche Verfall gleichen Schritt. Der Typus der jüdischen Frau ist in Vergessenheit geraten.“ Und nun das Schlußwort Dr. Steiners. „Die vorstehenden Ausführungen sind als Fragment anzusehen, als eine. Skizze, welche einen praktischen Versuch anzuregen bestimmt ist. Der Reformplan möge kritisiert, analysiert, amendiert werden, nur soll kein Lehrer und kein Vorst an d der Anregung gleichgültig gegenüberstehen. Totschweigen läßt sicfh der Reformgedanke nicht mehr — zehnmal verworfen, wird er zum elften Male wiederkehren. Allerwärts dämmert die Erkenntnis auf, daß die Schule von heute ihren wahren Aufgaben nicht gewachsen ist — nicht die Profanschule, nicht die Religionsschule. Allein nirgends reicht der Notstand so hoch hinan als bei der jüdischen Religionsschule. Hier handelt es sich um nichts Geringeres als um Sein und Nichtsein. Nur eine vollständige U m kehr, eine an Revolution grenzende Neu gestalt ung kann zur Palingenese führen. Wem das Judentum am Herzen liegt, der greife zu, ehe es zu spät ist.“ Am 23. Dezember v. J. kam nun der des geistigen Kindesmordes angeklagte Wiener Kultusvorstand zu Wort. In seiner öffentlichen. Plenarsitzung von diesem Tage wurde über das mehr {tilg 3 Millionen fbetragende (Budget referiert. Das Unterrichtswesen verlangt ein Viertel der gesamten Zuschüsse. Also abgesehen von seiner Bedeutung für den Bestand des Judentums bezieht sich hierauf eine der bedeutendsten Ausgabeposten. Einer der berufendsten Männer aus der Mitte der Kultusvorstehung erklärt den Bankerott dieser Tätigkeit des Kultusvorstandes und ruft nach einer an Revolution grenzenden Neugestaltung. Und was antwortet darauf die Regierung in der Seitenstettengasse? Gemäß dem Berichte ihres Moniteurs hat der Finanzreferent, Herr Max Frank, für diese Frage überhaupt keine Zeit gefunden. Nach ihm gelangte der seinerzeitige Donnerer in den •\- - - - Fremde. Die äußere Pracht 'der christlichen Kirche tat es ihnen an und flugs hatten die Rabbiner ihre Bäffchen und Talare, die Synagogen ihre Orgel. Die althergebrachten hebriischen Gebete wurden durch deutsche ersetzt und zuguterletzt ward die Mädchenkonfirmation eingeführt. Auch wir fühlen das Unwürdige unserer Lage, auch wir stehen auf dem Boden der europäischen Kultur, auch wir 'bewundern die Leistungen anderer Völker. Aber wir bleiben bei unserem Judentume. Alte jüdische Bräuche und Ideale sind durch uns verjüngt worden. Die erste Institution, die wir wieder eingerichtet haben, ist der Schekel, der einst im Judenlande zur Erhaltung des Heiligtums diente. Und diesem Zwecke wird er auch heute nicht entzogen. Er zeigt uns unsere Stärke, er ermöglicht uns die straffe Zusammenfassung unserer Kräfte. Dem Weihefeste gaben wir seinen urwüchsigen Charakter zurück, der mit der Zeit völlig entschwunden war. Das Chanukafest galt bloß als Erinnerung an flas Wunder des Oelkriigleins. Daß es auch Makkabäer gab, ward nur nebenbei erwähnt. Wir feiern wieder des Makkabäerfest. Und wir sollen nicht an das größte Frühlingswunder der letzten Jahre vergessen: Das Erwachen der totgesagten hebräischen Sprache. Die Hebraisierung des jüdischen Volkes ist kein Traum mehr. Die he; öffentlichen Versammlungen der Kultusgemcinde Herr Dr. Schreiber zu Wort. Da er nunmehr zur Teilnahme an der Regierung „verdonnert“ ist, säuselt er auf die blutigen Anklagen des die Revolution herbeiwünschenden Kollegen Sieiner folgendes: „Ist aber vom Religionsunterricht die Rede, so sei der Reform nicht vergessen, welche über Initiative des Herrn Vorstehers Dr. Steiner eingeleitet wurde, und wenn es auch nicht an Bedenken gegen diese Neuerung gefehlt hat, so soll doch erst das Ergebnis dieses Versuches abgewartet werden in der Erwägung, daß nichts unversucht bleiben soll, wenn es, was uns am meisten am Herzen liegt, die Erziehung und Heranbildung des Nachwuchses im jüdischen Geiste gilt.“ Der Rest war tiefes Schweigen. Aber nicht an ihren Worten, an den Taten sollt ihr sie erkennen. Während der hier angekündigte Versuch an zwei Anstalten in aller Stille mittlerweile begraben wurde und die Ankiindung bloß eine Beruhigungspille für den verehrten Kollegen in der Regierung enthalten sollte, verlangt derselbe Vorstand die Leistung erhöhter Steuern, um dieselben auch für die anderen Gebiete seiner Tätigkeit gleich erfolgreich verwenden zu können. Wollen solches die Kultuswähler Wiens verhindern, dann ist es ihre Aufgabe, das Schlußwort des Herrn Dr. Steiner in die Tat umzuwandeln. Dr. Jakob Kohn. Judentaufen“ von Werner SombarD . Hermann Bahr. Ich kenne Juden, die völlig Deutsche geworden sind, höchstens eine gewisse Gewaltsamkeit ihres Deutschtums verrät, daß es ihnen nicht angeboren ist und was es sie gekostet *) Wir entnehmen diesen Beitrag einem in den nächsten Tagen im Verlag von Georg Müller, München (Preis 2 Mark) unter dem Titel Judentaufen erscheinenden Buche, das Professor Werner Sombart herausgibt und in dem unter anderen Hermann Bahr, Matthias ‘Erzberger, M. d. R., Pfarrer Naumann, Max Nordau, Geheimrat Professor Köhler ünd Zangwill zu folgenden von Dr. Artur Landsberger gestellten Fragen Stellung nehmen. 1. - Welches sind die voraussichtlichen Folgen in geistiger, wirtschaftlicher, politischer Beziehung im Falle der Assimilation aller Juden durch Massenübertritte, Mischehen usw.? 2. Welches sind eben diese Folgen im Falle der Verwirklichung der zionistischen Idee? a) für d ie judenreinen Staaten; b) für den Zionistenstaat. 3. Wenn weder 1 noch 2 eintritt: Sind Konflikte zu befürchten? Falls „ja“: Welcher Art werden diese Konflikte sein? Schluß: „Ist demnach 1, 2 oder 3 wünschenswert? bräischen Versammlungen im vergangenen Jahre, der Aufschwung des hebräischen Schrifttums, die zunehmende Zahl der Juden im Westen, die da bestrebt sind, sich die Vätersprache zu eigen zu machen, sind allesamt ein beredtes Zeugnis für eine Erneuerung. Die Assimilation führte bisher zur Christianisierung, zur Entjudung, zur Entnationalisierung des Judentums, zur Heuchelei. Alles wird im Namen der „heiligen Religion“ getan, um die sich niemand schert. Wir Nationalen fühlen wie die Assimilation den Zusammenhang mit den Vätern, mit ihren Idealen und Bestrebungen, Sitten und Gebräuchen gelockert hat. Mit all unseren Kräften wollen wir daher bestrebt sein, diese vermißte Kontinuität im jüdischen Leben wieder herzustellen, und mit jedem Feste, dem wir neues Leben einhauchen und Inhalt verleihen, mit jedem Brauche, den wir verjüngen, nähern wir uns dem Ziele. Froh wollen wir - daher das Fest des chamischa assar b’schewat begehen, froh, weil es ein Sinnbild der Verjüngung unseres Volkes werden kann. Es kommt in diesem Feste die Liebe zur Natur und die Liebe zur Urheimat zum Ausdrucke — Gefühle, die uns modernen Juden beherrschen, ln fremder Kälte wollen wir den Einzug des frühlings in das Judenland feiern, und es wird ein Fest des neuen jüdischen Lebens sein! haben muß. Ich leugne also nicht, daß es einzelnen Juden gelingen kann, sich in Deutsche zu verwandeln, ganz ebenso, wie es einzelnen Deutschen gelungen ist, selbst oder doch in ihren Nachkommen, Franzosen, Engländer, Ungarn oder Tschechen zu werden. Es gibt sicherlich eine Kraft der geistigen Umbildung, die zuletzt auch das Blut zu verändern scheint. Ich kann i mir aber nicht denken, daß sich die Masse der unter uns lebenden Juden ins Deutsche verwandeln wird. Ich glaube das nicht, weil es eine geistige Geschmeidigkeit voraussetzt, die einzelne Juden in hohem Grade haben, nicht aber die Masse der immer noch aus dem Osten zudringenden Juden, weil es ferner einen starken Willen, sich selbst aufzugeben und dafür ein fremdes Wesen anzunehmen, voraussetzt, der dieser Masse fehlt, und weil es endlich bei den Deutschen selbst eine Neigung, dieses fremde Element aufzunehmen, voraussetzt, die sie nicht haben, aus Angst, ihr eigenes Wesen dadurch zu beschädigen. Ich halte für die nächste Zeit eine Assimilation der Masse der Juden für unmöglich ünd die Versuche, die ich aus der Nähe beobachten konnte, habeh meistens Zwitter ergeben, die sich für keine der beiden Nationen entscheiden konnten und innerlich heimatlos wurden. Ich halte den Judenstaat für möglich. Aber ich glaube nicht, daß wir dann so sehr viel weniger Juden haben werden als jetzt. Es wird die armen Juden anziehen und sie werden dort, was ihnen jetzt unter uns versagt ist, ein menschenwürdiges Leben finden. Die Juden aber, die bei uns seßhaft geworden sind und sich eingewöhnt, sich akklimatisiert haben, werden hier bleiben, aber in einem besseren Zustand des Gemüts, innerlich beruhigt durch das Gefühl. einer Nation anzugehören, die wieder ein Vaterland hat. Das wird sie nicht hindern, gute Bürger der Staaten zu sein, in denen sie wohnen, ganz wie die Deutschen in der Schweiz oder in Oesterreich ihre Liebe zum großen deutschen Vaterland nicht hindert, gute Schweizer oder gute Oesterreicher zu sein. Ich glaube nicht, daß es viel Sinn hat, sich zu fragen, was man für „wünschenswert“ hält, die Assimilation oder den Judenstaat oder den jetzigen Zustand. Die Assimilation erscheint mir nun einmal nicht möglich. Die Deutschen haben wohl keinen Grund, sich gegen den Judenstaat zu wehren, viele Juden wollen ihn und kein Jude wird gezwungen sein, sich ihm anzuschließen. Der jetzige Zustand scheint mir unhaltbar, weil in ihm viele Juden das Gefühl haben, unterdrückt und um ihr Recht betrogen zu sein, und wieder viele Deutsche das Gefühl, in ihrer Eigenart bedroht zu sein. Haben die Juden erst ihren eigenen Staat, und damit eine Zuflucht, so werden sich auch Juden und Deutsche nicht mehr so befangen gegenüber stehen wie jetzt, wo beide stets glauben, an ihrer Seele Schaden zu leiden. neuer £rnte Julius Jlte 122 [ Mitteilungen des inneröstero. Distrikte Komitees. Offizielles Komuniquee betreffend den ordentlichen Delegiertentag der zion. Distriktsorganisation, Wien, <28. Jänner 1912. Sonntag, den 28. Jänner fand der ordentliche innerösterr. Distriktstag statt, an welchem sich 27 Vereine mit 40 Delegierten beteiligten. Weiters waren anwesend: Seitens des westösterr. ZK. die Gg- 'Präsident Adolf Böhm und Ob.-Ing. Robert Stricker und die Mitglieder des innerösterr. DK.

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