Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 5 losen Judenschinders hergeben, wenn Dämchen ausder wohledlen Familie derer von Guttmann sich Arm in Arm mit dem wackeren B i e 1 o - h 1 a we k bei offiziellen Anlässen photographieren lassen, braucht man sich nicht darüber zu wundern, daß es sich jüdische Politiker kleinen und kleinsten Kalibers nicht verdrießen lassen, um die Antisemiten herumzusehwänzeln. Nur werden diese Herren in letzter Zeit etwas unverschämt und beschränken sich nicht, wie bisher, auf kleine Konventikel, Wahlkomitees und Vereinssitzungen, sondern schänden vor der breitesten Oeffentlichkeit die Ehre des Judentums. So hat der Abgeordnete der Wiener Handelskammer Cornelius Spitzer den Mut aufgebracht, in einer der letzten Sitzungen des niederösterreichischen Landtages für ein Zusammengehen der freisinnigen, d. h. jüdischen Elemente und den Chrisilichsozialen zu plaidieren. Von seiten der Christlichsozialen hat er bereits den Lohn empfangen, indem die „Reichspost“ von diesem Momente ab in ihren Berichten hinter seinem Namen nicht mehr die usuelle Bezeichnung (Jud) oder (judcnliberal) setzt, sondern ihn als „Abgeordneten der Handelskammer“ bezeichnet. Hs erübrigt nunmehr, daß auch die jüdische^ Oeffentlichkeit Herrn'S p i t z e rs politische Tätigkeit entsprechend würdige. Der Name des Mannes, welcher die Juden den Herren Schneider, Kunschak und Konsorten zuführen will, verdient genannt und hervorgehoben zu werden. Neues vom Herrn von Löwenstein. Nicht erschrecken! Keine Wahlen, also keine Toten. Zur Abwechslung etwas Amüsantes. Im polnischen „Monitor“ erscheint die Abbildung einer „Schandmünze“, welche die preußischen Polen geprägt und verbreitet haben. Sie soll an die iVolksverräter erinnern, welche polnischen Grundbesitz an die Deutschen verschachern. Sie trägt auf der einen Seite die Widmung: „Jenen, welche das Vaterland um Geld verraten und verkaufen“, auf der anderen Seite die Namen der -Verräter. Vier polnische Adelige und N. v. Löwenstein! Der gute Herr und glühende polnische Patriot hat nämlich gegen angemessene Provision den Verkauf eines polnischen Gutes an die Erzfeinde des polnischen Volkes vermittelt. Es wäre gut, Exemplare dieser Münze an die geehrten Herrn Wähler von Drohobycz zu verteilen. Die Polen sdieinen sidi also über Herrn Löwenstein ein definitives Urteil gebildet zu haben. Bei den Juden ist das trotz der dreißig Toten von Drohobycz nicht der Fall. — ln Galizien wurde in diesen Tagen unter großem Reklamegeschrei der Verein „Selbsthilfe“ gegründet. Präses ist Feuilleton. Frühling im Judenlande. ' (Zum 15. Schewat.) Von Ludwig B a t ö. Das graue, eintönige Regenwette-r, das seit dem Laubhüttenfeste in den judäisclien Gefilden herrscht, weicht. Und die Sonne spendet Segen dem durchnäßten, aufgeweichten Boden, die Saat geht auf, es grünen die Felder und die Bäume treiben herrliche Blüten. Der Lenz ist da! Und der Bauer betrachtet vergnügt den Wandel in der Natur. So war es vor Jahrtausenden im Judenlande und so ist es jetzt wieder geworden — nach einer Unterbrechung von fast zwei Jahrtausenden. Unsere Altvorderen begingen den Einzug des Frühlings mit Sang und Klang, die Jugend begrüßte ihn mit fröhlichem Reigentänze. Die Väter der im Ghetto naturscheu gewordenen Juden waren nodi keine Naturschwärmer im modernen Sinne, allein sie lebten in der Natur. Ihr Aufleben erfüllte sie mit Freude und Jubel, ihr Absterben verursachte ihnen Schmerz. Dem Naturleben und der Naturliebe bereitete der" Verlust der eigenen Scholle ein jähes Ende und die verbannte Nation verlor jeglichen Zusammenhang mit der Natur. Im Leben des Juden, der in der dumpfen Judengasse über seinem Talmudfolianten kauerte, hatten Frühling und Herbst, Sommer und Winter keine Be- Herr Schmelke von Horowitz und im vorbereitenden Komitee sitzt sein Schwiegersohn Löwenstein. Neben ihm „Vertreter“ von anderen jüdischen Gruppen. Wir beglückwünschen diese Herren „Vertreter“! Die Leute, müssen starke Nerven haben! Das Rückgrat scheint weniger ausgebildet. Als Dekoration für. das Beratungszimmer empfehlen wir: Ein Sammtkissen mit Schand münzen und die Photographien von den Toten von Drohobycz! Eriihling In Palästina (Chamischa assar b’schwat). Der bereits angekündigte Festabend des Jüdischen Volksvereines für die Leopoldstadt findet Samstag, den 3. Februar I. J. im „Jüdischen Volksheim, II., Stefaniestraße 12, statt. Die Festrede wird Herr Dr. Georg Weiner halten. Ihre freundliche Mitwirkung haben zugesagt: Frl. Mary Stern (Konzertsängerin), Frl. Winternitz (Rezitation), Herr Emil Scharf (Violinvirtuose), Herr Dr. Benno Wünsch (Mitglied des Johann Straußtheaters). Nach den Vorträgen: Tanz. Beginn halb 9 Uhr. Karten im Vorverkauf ä K 1.22 bei allen Ausschußmitgliedern und im „Jüdischen Volkshean“ erhältlich, sowie an der Abendkasse ä K 1.52. Das Sdilubwort des Kulfusvopsteiiers Dr. Steiner. Für den 23. Dezember v. J. war die Verhandlung über die Ae-uß e r u n g e n wider den Wiener 'Kultusvorstand — Dr. Stern und Genossen — angesagt, welche des Totschlages an dem lebendigen Geiste der jüdischen Jugend beschuldigt worden waren. Nadi 24jährigem Wirken in der Schulsektion des Wiener Kultusvorstandes hatte sich der Ankläger Herr Dr.- S feiner zu dem Alarmruf. veranlaßt gesehen, welcher der Oeffentlichkeit das Debacle des jüdischen Religionsunterrichtes enthüllt. Seine „Vorschläge betreffend eine Reform des jüdischen Religionsunterrichtes an den obersten Klassen der Mittelschulen“ mögen Schwierigkeiten enthalten, welche es schwer denkbar erscheinen lassen, Aelm- Iiches im Rahmen der öffentlichen Schule durchzuführen. Immerhin enthält das Kritische sowohl als auch das Positive dieser Publikation nichts, was zu dem Bilde eines hochgebildeten Menschen und besten Juden nicht passen könnte. Mit umso größerer Genugtuung muß es uns deutung. Die Jahreszeiten gingen über ihn hinweg, ohne daß er ihrer gewahr wurde. Aus' den alten Folianten quoll Erdgeruch hervor, Liebe zur Natur. Der Ghettojude betete beim Laubhüttenfeste um Regen, flehte beim Feste der Freiheit den Tau herab. Es waren Feste voll Erinnerungen, aber ohne Leben. . . . * * * * Das graue eintönige Regenwetter, das seit zwei Jahrtausenden über dem Haupte des jüdischen Volkes schwebt, weicht den durchdringenden Sonnenstrahlen. Und die Sonne spendet Segen. Das jüdische Volk erhebt sich, sein Rückgrat erstarkt; das Nationalgefühl erwacht, und mit ihm kommen die alten Sitten und Bräuche wieder zu Ehren. Uns Zionisten gebührt das Verdienst, um die Wiederbelebung des bisher nur in der Form erhaltenen Nationalfestes, des 15. Schewat. Wie kann man dem Feste einen neuen Gehalt geben, einen Zusammenhang mit dem Leben? Frühling im Judenlande! Wir hüllen uns ängstlich in die Winterröcke: Donnerwetter, wie kalt! Es ist das alle Lied: die Juden ohne Land beten um. Regen und Tau, die Zionisten feiern in grimmiger Kälte fhr Frühlingsfest. Eine zionistische Julfeier im Februar! Und trotz alledem! Wir haben die innere Wärme! Die Sonne, die jetzt im Judenlande die Saat hervorlockt, die Pflanzen z,urn Blühen daher erfüllen, wenn ein Mann »’on solchen Eigenschaften trotz seines jahrzehntelangen Wirkens innerhalb einer Körperschaft, die den Bestrebungen der Zionisten nichts weniger als freundlich gegenübersteht,' im Rahmen der Schule durchgeführt sehen will, was das Ziel der unterbrochenen Tätigkeit fast aller zionistischen Vereine und Korporationen ausmacht, nämlich die J u g e n cl zu Juden heranzubilden. Während somit Herr Dr. Steiner autoritativ feststellt, daß die Kultusgemeinde trotz jährlichen Aufwandes von Hunderttausenden von Kronen diesem Ziele ferner ist denn je, wird es ohne weiters auch von dem unfreundlichsten Beurteiler unserer Bestrebungen zugegeben, daß es uns gelungen ist, einen großen Teil der jüdischen Jugend für unser Volkstum zu begeistern. Darum ist es nicht zu verwundern, daß dem Verfasser des Reformplanes die Anwendung der gleichen Mittel vorschwebt, wie er sie in Zionistenkreisen geübt sieht: Vorträge der Lehrer mit daran schließender freier Diskussion, Bildung von Schulgemeinden mit Selbstverwaltung, Frühlingsausflüge, Pflege jüdischen Chorgesanges. Als Schlußstein ein spezieller Gottesdienst mit aktuellen Vorträgen, zum Beispiel über die sozialpoiitiscnen Folgen der galizischen Schänkergesetze! Im Lehrplan der Geschichte Würdigung des Kulturwertes der Juden, Stand der Bibelforschung, Entstehung des Christentumes, der Unterschied zwischen Judentum und Christentum, Charakterbilder über das politische und soziale Schicksal des jüdischen Volkes in der Zerstreuung, die Greuel der Inquisition usw.:,,Aus diesen Umständen kann die Jugend die Qualität derer ersehen, in deren Reihen man sie R ocken will. Sie soll aber auch würdigen, daß in den Strömen von Blut und Schmutz das Banner des Judentums unbefleckt erhalten blieb und daß die Ahnen der K.o h n und L e w i sich lim das Menschentum verdienter gemacht haben als die der Montmorency und der Schwarzenberg e.“ ' Die Kenntnis der österreichischen Geschichte will Dr. Steiner, der Jugend vermitteln lassen bis in die jüngste Zeit: „Sie soll kennen lernen die Härte der patriachalischen Zeit des Vormärz, wie der Verfassungsregierungen gegen die Juden, die Unaufrichtigkeit der Liberalen, die Gehässigkeit der Antisemiten, die Großziehung des Antisemitismus muß besprochen werden vom Tisza-Eszlarerprozeß bis auf Lueger und bis auf Hilsner.“ „Ganz besonders muß auf die Gleichgültigkeit hingewiesen werden, mit welcher der Jude dem Taufjuden die Hand reicht, gleich nachdem derselbe bei der Taufe seines frühenen Stammesbruder der ewigen Höllenpein überantbringt, wärmt unsere Herzen und läßt uns die Kälte der Umwelt vergessen. Der 15. Schewat beginnt wieder ein palästinensisches, bodenständiges Fest zu werden und gewinnt damit den Zusammenhang mit dem Leben. Frühlingsfest! Unser Volk hat schon so manchen Frühling durchgekostet. Aber nicht jeder Frühling hat ihm gut bekommen. Die dein Jahre 1848 beigelegte Benennung „Völkerfrühling“ mag für andere Völker ihre Richtigkeit haben. Auch uns brachte dieser Völkerfrühling Rechte, doch haben diese Rechte mit dem Leben nichts zu schaffen, sie waren papierne Rechte und sind es bis zum heutigen Tage geblieben. Der Völkerfrühling bedeutet für uns — mit Achad-Haam zu sprechen — äußere Freiheit und innere Knechtschaft. Um den Frühling, der am nächsten Sabbat im Judenlande beginnt, ist es anders bestellt. Er ist ein jüdischer Frühling und gerade in seinen Tagen tritt der .Unterschied zwischen uns und den Abtrünnigen, den Assimilanten, kraß hervor. Das Assimilantentum hat etwas gemeinsames mit dem Nationaljudentum. Die Anhänger beider Richtungen fühlen das Unwürdige der heutigen Lage und sehnen sich aus dem Ghetto heraus. Da ist aber auch schon der Scheideweg. Denn die Assimilanten, die sich mit heißer Gier in die Arme der europäischen Kultur warfen, verpönten alles Jüdische und vergötterten alles