Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 4 der langjährige Präsident der „Oesterreichischisraelitischen Union“ und ehemalige liberale Wiener Gemeinderat Sigmund Maver, welcher anläßlich seines achtzigjährigen Geburtstages seine Memoiren veröffentlicht. Er hat, ein Sprößling des Vormärz, die interessanteste Epoche der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Oesterreichs und der österreichischen Judenschaft durchgelebt und weil er offenherzig und wahrheitsgetreu schildert, ist auch sein Buch interessant und lesenswert. Zu bemerken ist, daß der Verfasser mit seiner Offenheit wohl dem Leser, keineswegs aber seiner eigenen Person, seiner Umgebung und seiner Partei einen guten Dienst erweist. .Indem er sich streng an die Wahrheit hält, wird er unwillkürlich zum erbarmungslosen Richter seiner Zeit und seiner Gesinnungsfreunde. Die Schwunglosigkeit, die Kälte dieser „liberalen“ Gesellschaft, die in der größten Zeit klein bleibt, inmitten der Völkerstürme jeder befreienden Tat abhold, ist wohl selten so getreu geschildert worden, als von diesem studierten Kaufmanne. M a y e r d e r Jude. Er ist im Preßburger Ghetto geboren und schildert das Leben in seiner Heimatsgemeinde, genau, bis in die kleinsten Details. Aber es ist nur immer die Form dieses jüdischen Lebens, die er betrachtet, den Inhalt bleibt er uns schuldig. Er wird auch nicht müde, bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit zu versichern, daß er mit diesem jüdischen Leben auch nicht das geringste gemein gehabt habe. Und doch ist er ein Kind dieses Ghettos, aus dessen geöffnetem. Tore eine große Zahl talentierter und fähiger, aber haltloser, blutarmer und gemütsloser Menschen; hervorgegangen sind. Eine ganze Anzahl von Großkaufleuten, Fabrikanten, Professoren und Politikern hat dieses Preßburger Ghetto der Menschheit und der — Kirche geliefert; das Judentum ist leer ausgegangen. Den Verfasser selbst hat nur die Rücksicht auf die Eltern vor der Taufe zurückgehalten. Er mußte, so erzählt er, schleunigst aus der Universitätsstadt in die Heimat flüchten, sonst hätte auch er der Versuchung nicht widerstehen 'können -und ’ sich 'taufen lassen. Er beteuert beständig, daß er ganz enfjuder ist. Erst die. antisemitische Bewegung bringt dem schon bejahrten Manne die „unangenehme Tatsache“, daß er Jude ist, in Erinnerung. Und nun widmet er sich der jüdischen Gesellschaft. Tritt allen möglichen israelitischen Vereinen bei, der Union, dem galizischen Hilfsverein etc. Er folgt keinem inneren Triebe, pur der Umstand, daß seine Gesellschaft und Politik Schiffbruch erlitten haben, drängt den Greis, der die Tätigkeit im öffentlichen Leben nicht missen kann, zu dieser Beschäftigung. Man kann sich nun leicht vorstellen, wie diese Beschäftigung 'aussieht. Eine kleinliche Geschäftigkeit, deren Hauptinhalt Klagen und Proteste gegen antisemitische Provinzredakteure, Veranstaltungen von Konferenzen und Enqueten, die nie ein Resultat zutage gefördert haben, bilden. Und der greise selbstgefällige Herr, der gewissermaßen in seinen alten Tagen zum Juden gepreßt .wurde, mißt sich als gnädigem Schutzherren der österreichischen Judenschaft eine ganz unerhörte Bedeutung bei. Mit der Zunge und der Feder ist er auch ganz bei der Sache, aber das Herz, welches in Judenfremdheit alt und starr geworden ist, bleibt völlig außer Spiel. So repräsentiert Mayer, der Jude, den weit verbreiteten Typus des offiziellen Kultusjuden, des Mannes, welcher sein Schäfchen im Trockenen hat und mangels anderweitiger Beschäftigung Ehrenstellen in jüdischen Korporationen annimt und herz- und geistlos verwaltet. Dieses Urteil ist noch ein gelindes. fMan bedenke: der Zionismus als einzige jüdische Massenbewegung, der natipnaljüdische Gedanke: für Mayer sind das Dinge, die einfach zu ignorieren sind. Er nennt als jüdische Kapazitäten diverse Spediteure, Wollhändler, Vereinsbeamte, dafür kommt der Name Theodor Herzl in seinem Buche nicht vor! Mayer, der Politiker! Der völlige Bankerott des österreichischen Liberalismus, der Umstand, daß ein Haufen ungebildeter, unmanierlicher und tölpelhafter Burschen, wie Gregorig, Schneider, Bielohlavek und Konsorten eine Fülle von Intelligenzen, denn als solche müssen ja die liberalen Führer der 80er und 90er Jahre gewertet werden,' über Nacht aus dem Sattel werfen und verjagen konnten, ist vielen ein Rätsel. Das Buch Mayers macht den Inhalt dieses Rätsels dem blödesten Auge erkenntlich. Mayer ist der Vertreter dieser verjagten politisierenden Intelligenzler und gehört zu ihren Besten und Markantesten! Nun kann man sich wirklich nichts Volksfremderes vorstellen, als eben diesen Herrn Mayer. Enthusiasmus, IdealismuSj Wagemut, kurz alles, womit man das Volk fesseln kann, sind Waren, welche Mayer und seine Freunde nie auf Lager geführt haben. Nüchterne, trockene, kleinliche Gesellen, in deren Nähe es fröstelt! Mit 17 Jahren tritt Mayer ins Revolutionsheer ein, marschiert zwei Stunden mit, dann kalkuliert er: besser ist besser, wirft die Flinte weg und geht seelenruhig nach Hause. Man denke: Mit siebzehn Jahren und mitten im Volke rfrühling, der alles berauscht und beseligt! Er verdient und verdient und bis er genug hat, beginnt er sich dem öffentlichen Wohle zu widmen 'und wird Politiker. Nach Mayers Ansicht haben überhaupt nur diejenigen, welche „genug“ haben, in der Oeffentlichkeit etwas zu suchen. Er schildert den Kampf der Liberalen . gegen die Reaktion,, er bezeichnet sich als den Führer in diesem Kampfe. Selbst' in den Zeiten größter Not läßt er sich nicht herbei, mit Wählern, mit dem Volke fn Berührung zu treten. Die bleiben. für ihn Nebensache. Er tüftelt lieber Wahlkataster aus, versucht es mit Bestechungen von Beamten bei Wahlen, denunziert antisemitische Lehrer und ist auf alles riesig stolz. Man weiß nicht, was man meh anstaunen soll: die Tatsachen selbst oder die Offenheit, mit welcher der Autor sie aufzählt! Das Buch Mayers ist ein wertvolles Dokument. Es schildert die Fäulnis und Hohlheit des absterbenden Liberalismus und seines wichtigsten Anhängsels, des assimilatorischen Judentums, mit einer schonungslosen Offenheit, für welche wir dem Verfasser dankbar sind. Das Buch ist lesenswert, wie selten eines. Jüdischer VolksverJn für die Leopoldstädt Kultuswähler! Gegenüber der seit Jahren erhobenen Forderung der Opposition, durch Einführung eines modernen Wahlrechtes für die Kultusstube sowie durch Herabsetzung des Steuerminimums ivion K 20.— auf K 5.— das Interesse der breiten jüdischen Volksmassen Wiens für die Angelegenheiten dter Kultusgemeinde zu erwecken und die Steuerkraft des gesamten Wiener Judentums für ihre Zwecke heranzuziehen, hat sich der gegenwärtige Kultusvorstand auch in den letzten Plenarsitzungen schroff ablehnend verhalten. Statt dessen aber ist er gegen einen großen Teil der Steuerzahler in durchaus planloser und ungerechtfertigter Weise mit horrenden Steuererhöhungen vorgegangen und hat damit wiederum seine vollkommene Unfähigkeit zu einer modernen und gerechten Verwaltung der Kultusstube bewiesen. Es ist an der Zeit, daß die Kultuswähler gegen diese Mißwirtschaft entschieden Stellung nehmen. Kultuswähler! Erscheint zahlreich zu der am Mittwoch, den 31. Jänner 1912, 8 Uhr abends, im Jüdischen Volk sh e im, II., Stephaniestraße 12, stattfindenden Kultuswähler-Versammlung. Referent: Dr. Egon Zweig. Der Ausschuß. Merger Brief. (Von unserem Berichterstatter.) Wie fruchtbar die zionistische Arbeit innerhalb der jüdischen Massen gewesen ist, beweisen die verschiedenen Aktionen in der letzten Zeit, welche allesamt nur aus dem Drange, das Schicksal mit eigener Hand zu schmieden, erklärbar wird. Sonntag den 21. d. fand die angekündigte Konferenz der jüdischen Religionslehrer statt. Alle größeren Kultusgemeinden waren vertreten, dem Drang gehorchend, kamen die „jüdischen“ Abgeordneten und auch der Polenklub sah sich gezwungen, durch einen Vertreter, Dr. German, Unterstützung zu versprechen. Einige Tage vorher tagte eine große Scliänkerversammlung, welche die Herabsetzung der Schanksteuer, beziehungsweise ihre Umwandlung in einen Steuerzuschlag beim - Bezüge der auszuschänkenden Getränke verlangte. Einige Tage später erschien .eine Schänkerdeputation beim Landmarschall und überreichte ein entsprechendes Memorandum, dessen .Berücksichtigung in Aussicht gestellt wurde. In einigen Tagen wird eine-aus Vertretern verschiedener jüdischer kaufmännischen Organisationen bestehrtide Abordnung beim Statthalter erscheinen, um eine Milderung des Sonntagsruhegesetzes zu erwirken. Die jüdischen Kaufleute fordern, daß man ihnen erlaube, ihre Geschäfte am Sonntag bis 3 Uhr offen zu halten. Sonntag den 28. d. wird die konstituierende Sitzung der „Selbsthilfe“ stattfinden. So sehr im Interesse der galizischen Juden zu wünschen ist, daß die „Selbsthilfe“ halten möge, was sie verspricht, so muß man doch am Erfolge zweifeln. Nicht einseitige Parteirücksichten — wie das Verleumderblatt „Tug“ in Krakau gelegentlich einer dem Geiste von Löwenstein und Rauch bezahlter Schreibkulis entsprechenden Polemik gegen die „Jüdische Zeitung“ behauptet — bewegen zu diesem Mißtrauen, sondern die genaue Kenntnis der Verhältnisse. Die Assimilation ist ihrem Wesen nach lendenlahm, ihre Vertreter haben nicht das geringste Verantwortlichkeitsgefühl. Wie oft muß der Gemeinplatz wiederholt werden, daß Programme, hinter denen nicht schöpferischer, ehrlicher Wille steht, nichts wert sind? Eher könnte man annehmen, daß der galizische Landesausschuß den Juden helfen wird, als glauben, daß Schmelke Horowitz, der mit seiner Clique den erdrückenden Einfluß im Verbände hat, segensreich wirken kann. Anders verhält es sich mit den eingangs erwähnten Aktionen. Die Initiative ging bei dcsen aus der Mitte der Fordernden und Bedürftigeren hervor. Massenwille und demokratische Organisationen sind die' Motore der Aktionen, welche somit ein Ausdruck erwachender Selbsthilfe sind. Die Machenschaften eines Horowitz, mögen sie sich mit' dem Namen „Selbsthilfe“ schmücken, sind aber so diplomatisch klug eingefädelt, daß man versucht ist, sie' herzlich dumm zu nennen. * * * Donnerstag den IS. Jänner fand in Lemberg eine große zionistische Versammlung statt, in welcher Adolf Stand die zionistischen Forderungen anläßlich der Landtagswahlreform in wirkungsvoller Rede begründete. Die Lemberger Versammlung leitete die Aktion im ganzen Lande ein. Jeder Einsichtige gibt zu, daß die zionistischen Forderungen berechtigt sind. An den „jüdischen“ Abgeordneten [im Landtage ist es, für die Berücksichtigung jler jüdischen Wünsche zu wirken. Ihre bisherigen Schritte beweisen allerdings, daß sie die Kreierung jüdischer Mandate verlangen, aber beileibe nicht auf Grundlage allgemeiner Wahlen. Löwensteins famoser Antrag, den Kultuspräsidenten von Krakau und Lemberg Virilstimmen zuzuerkennen, zeugt, .von dieser Tendenz und rief sogar den Widerstand der Jungassimilanten (die Assimilation löst sich in verschiedene Cliquen, die an die Krippe gelangen möchten, auf) hervor. - * . * Wie berechtigt die Organisationsbestrebungen der galizischen Juden sind, beweisen die verschiedenen Preßstimmen in polnischen und auch ruthenischen Zeitungen. So fordert das Organ der Allpolen in Krakau, die „Ojczyzwa“ zum Boykott der Juden auf. Das es hiebei nicht ohne rohe Ausfälle und böswillige Verleumdungen abgeht, ist selbstverständlich. In urbanerer Form, aber von demselben wirtschaftlich-antisemitischen Geiste getragen sind die 'Ausführungen des neuen ruthenischen Tagblattes „Nowe Slowo“, welches die Bekämpfung des jüdischen Einflusses in den - ostgaljzischen Städten verlangt. Der Weisheit letzter Schluß ist also der Herzische Satz: „Ein Volk muß sich selbst helfen; kann es das nicht, so ist ihm nicht zu helfen.“ Hoffentlich werden sich die galizischen Juden doch zu helfen wissen.