Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 4 Darstellung hält und ihm dieser Unterschied nicht entgangen sein konnte. Tritt Herr Frank aber (dagegen (auf, fdaß /man Neumayer (und (seinen Stab bekämpfe, dann Unterstützt er diese Gruppe durch die von ihm vorgeschlagene Taktik und darf sich darüber nicht aufregen, wenn man von ihm behauptet, daß er für ein Zusammengehen mit Christlichsozialen plädiert. Unwidersprochen läßt Herr Frank auch unsere Behauptung, (daß (christliche (Mitglieder des Wahlkomitees wegen dieser seiner Stellung gegen ihm aufgetreten sind. Wäre dies auch der Fall gewesen, wenn Herr Frank in der Komiteesitzung „für die allerschärfste Bekämpfung der Christlichsozialen eingetreten“ wäre, wie er dies in seiner Berichtigung behauptet? Die Beteuerung, daß Herr Frank stets für den allerschärfsten Kampf gegen die ' Christlichsozialen eingetreten ist und die Versicherung, daß er dies auch in Zukunft tun werde, ist für. uns wertlos. Denn, was bisher von seiner Tätigkeit bekannt wurde, sieht einem „allerschärfsten Kampf“ nicht sehr ähnlich. Hat Herr Kultusvorsteher Frank dagegen protestiert, als der Kultusvorstand jene berüchtigte Reverenzbezeugung vor den Manen Luegers beschloß oder hat (er (sich nicht (am /Ende (gar (für die Absendung des famosen Kondolenzschreibens eingesetzt? Und wie war seine Stellung in der H r a b a a ffaire? Wenn die liberalen Tagesblätter nicht gelogen haben, rief er den Christlichsozialen zu: „Sie mögen so handeln, wie dies Lueger getan hätte, der Mann piit den hervorragenden Eigenschaften und den reinen Händen.“ Wirklich ein scharfer, ' ein schneidiger Kämpfer! Noch weniger Bedeutung hat aber seine Versicherung für die Zukunft. Die Zeit ist noch nicht so fern, wo Herr Frank noch jüdischnational und Zionist war und er wird wahrscheinlich auch damals mit Emphase ausgerufen haben, „d a ß er diesen Standpunkt stets einnehmen werde.“ Heute schwimmt er aber, schon reclrt munter im deutschfreisinnigen Bächlein. Schon am 8. Juli v. J. schrieben wir angesichts der Luegeranbeterei Franks: „Lueger als Symbol der Gerechtigkeitsliebe! Bravo! Herr Max Frank ist Wiener Kultusrat, hervorragendes Mitglied der großen jüdischen Vereinigung der „Bnei Brith“, stand auch lange Zeit im Gerüche, Zionist und Nationaljude zu sein, hat Schekel gezahlt, war in diversen Ehrenkomitees und wurde als jüdischer Trutzkandidat gegen die Getauften gewählt. Und dieser „Volljude“ Benützt die erste Gelegenheit, um dem grimmigsten Feind seines Volkes, dem rücksichtslosesten Unterdrücker aller freiheitlichen Regungen sein'-'untertänigstes'Kompliment zu machen, den klassischen Repräsentanten der Parteiwillkür, die vor den Aermsten und Kleinsten nicht Halt machte, als Symbol der Gerechtigkeitsliebe hinzustellen.“ ' Herr Frank hat uns damals nicht berichtigt und wir haben auch heute keine Veranlassung, unser Urteil über ihn zu revidieren: Unsere Behauptung, daß Herr Frank gegen die Bekämpfung Neumayers — bekanntlich eines der gehässigsten Rassenantisemiten und seines Stabes — plädierte, halten wir auch weiter aufrecht. Wir behaupten ferner, daß ihm ’ hiebei eine große Anzahl seiner eigenen Parteigenossen, darunter auch Christen, entgegengetreten ist und seine Haltung als die liberalen' und jüdischen Interessen äufs schwerste schädigend energisch bekämpft hat. Die uns zugekommenen Informationen sind so präziser Art, daß wir sie vor jedem Forum zu vertreten bereit sind. neu et Ernte Julius JWetnC Der Hllianzseftrefär als GeKriiiifits- Philosoph. Die Leser unseres Blattes werden sich erinnern, daß wir ihr vor einiger Zeit Herrn Dr. Kaminka, Sekretär der Wiener Allianz, gewesenen Zionisten, als einen Soziologen ersten Ranges vorstellten, ln einem Expose hatte nämlich dieser Forscher erklärt, die jüdische Massenemigration nach Amerika sei „weder etwas ungewöhnliches, noch etwas beunruhigendes“. Als Beweis für diese ungeheuerliche Behauptung führte Herr Dr. Kaminka an, daß die 114.239 Juden, welche 1908 nach Amerika auswanderten, nur 44 Prozent der Auswanderung aus Rußland ausmachten. Er mußte sich von uns belehren lassen, daß die jüdische Auswanderung aus Rußland (da in diesem Reiche nur äVs Millionen Juden und 140 Millionen Nichtjuden -wohnen) verhältnismäßig 2 2 m a 1 so groß ist, wie die nichtjüdische. .Herr Dr. Kam i n k.a, der sich inzwischen (anläßlich der Mossinsohnversammlung) wieder einmal als „wahren“ Zionisten, und zwar als Anhänger eines Kulturzionismus, bezeichnet hatte, für den wir organisierten Zionisten kein richtiges Verständnis hätten, versucht sich, neuestens als Geschichtsphilosoph. Im Jubiiäumsheft des „Haschiloach“ .paradiert errniit einem Artikel über die Judenfrage, wie er sie versteht. So unbedeutend dieser Artikel ist, so wirft erdoch auf Zu den Wiener Gemeinderatswahlen. Wir brachten in der letzten Nummer unseres Blattes unter der Marke ..Ein christlich sozialer Hausjude“ die Haltung des Gemeinderates Max Frank in der Frage der bevorstehenden Gemeinderatswahlen zur Sprache. Wir schrieben: ..In den Sitzungen der liberalen Wahlkomitees tritt dieser Herr dagegen auf. daß man den Bürgermeister Neumayer und seinen Stab bekämpfe und nlaidiert für ein Zusammengehen mit - den Christlichsozialen. Er nützt seine Stellung als Kultusvorstand auch dahin aus. daß er für den Fall, als sein Vorschlag akzeptiert wird, die Bürgschaft dafür übernimmt, daß alle Wiener Juden so stimmen werden, wie das Wahlkomitee vorschreibt, also auch antisemitisch. Es muß hier hervorgehoben werden, daß selbst den christlichen Komiteemitgliedern dieses Treiben zu bunt wurde und sich die merkwürdige Situation ergab, daß Christen dem Kultusvorstande Frank gegenüber das Interesse und den guten Ruf der Wiener Juden wahren 'mußten.“ Herr Frank ersucht uns nun um Aufnahme folgender Berichtigung: Es ist nicht wahr, daß ich in den Sitzungen der liberalen Wahlkomitees (oder anderswo) für die Wahl des Bürgermeisters und seines Stabes eintrete und für ein Zusammengehen mit den Christlichsozialen plaidiere. Es ist also auch nicht wahr, daß ich eine Bürgschaft dafür übernahm, daß alle Wiener Juden so stimmen werden, wie das Wahlkomitee vorschreibt, also auch antisemitisch. Wahr ist daß ich selbstverständlich immer für die allerschärfste Bekämpfung der Christlichsozialen eingetreten bin und diesen Standpunkt stets einnehmen werde. Es ist also natürlich auch nicht wahr, daß ich (oder irgend ein anderer unserer Partei) bei der christlichsozialen Partei wegen eines Kompromisses angeklopft habe, wahr ist, daß an eine solche Monstruosität kein Mensch je gedacht hat. Indem ich Sie nochmals um vollinhaltliche Aufnahme dieser Zeilen ersuche, zeichne ich Hochachtend Max Fran k. Wir bringen diese Zuschrift, obwohl sie in keiner Weise den gesetzlichen Anforderungen entspricht, um loyalerweise auch Herrn Frank- Gelegenheit zu einer Aeußerung zu geben. Wir müssen jedoch feststellen, daß seine Berichtigung dem' Kernpunkt’der Frage ausweicht. Er widerspricht Behauptungen, die wir nicht äufgestellt haben und läßt andererseits einen Teil unserer Behauptungen unberührt. Herr Frank erklärt es als unwahr, , ,daß er für die Wahl des Bürgermeisters und seines Stabes eintrete“. Wir behaupten jedoch, Herr Frank trete dagegen auf, daß man Neumayer und seinen Stab bekämpfe. Und dieser, unserer Behauptung widerspricht Herr Frank nicht, Obwohl er sich im übrigen an den Wortlaut unserer Jüdiicher Volhsliederabenö in Prag. Der Festabend des Vereines jüdischer Hochschüler „Barkochba“ in Prag, der am 18. Jänner den großen Festsaal des „Hotel Zentral“ bis zum letzten Plätzchen füllte, hat alle Erwartungen weit überboten. Die Absicht des Volksliederabends war es, die Prager Studentenschaft diesen genußreichen Einblick in die volkstümliche Psyche der Ostjuden gewinnen zu-lassen; und mit dieser Absicht war die Hoffnung verknüpft, in unseren angeblich so ganz assimilierten Westjuden würde das eigene jüdische Gefühl, sich dem wesensgleichen Geiste auischließen. Daß diese Hoffnung erfüllt worden ist, das hat jeder erkannt, der die Versammlung Prager Juden aufjubeln gehört hat, als die Lieder Gollanius durch den Saal klangen, ln der innersten Falte seines Herzens kann noch ein jeder Westjude — wie Nathan Birnbaum sagte — das Schlüsselchen finden, das ihm das Tor zum jüdischen Volke, zu seinem ureigenen jüdischen Lebensinhalt aufsperrt. Dr. Nathan Birnbaum, zu Beginn seiner Rede lebhaft begrüßt, hielt über das Lied der Ostjuden die einleitende Conference. Birnbaum ging aus von der Polemik gegen die Mißverständnisse, in denen die übliche Besudelung der Ostjuden, der Mehrheit unseres Volkes, wurzelt. Er wandte sich zuerst mit bitterer Anklage, dann mit feuriger Forderung, gegen die Vorurteile, die die Eigenart der Ostjuden für alle Nichtjuden und leider auch für die meisten Westjuden in verzerrende Beleuchtung rücken. Wenn Nichtjuden vielleicht niemals der jüdischen Eigenart restlos gerecht werden können, so müssen doch die Westjuden den Weg zur Erkenntnis und Wertung des lebendigen jüdischen Geistes, der in unseren ostjüdischen Volksgenossen wirkt, suchen und sie können ihn finden. Am leichtesten ist das Verständnis für das jüdische Volk aus der jüdischen Dichtkunst und vor allem aus der Volkskunst zu schöpfen, die das jüdische Volkslied geschaffen haben. Der Redner wußte in scharfcharakterisierender Analyse einige Hauptzüge des jüdische^ ‘Volkscharakters aus dem Volkslied der Ostjuden zu erschließen. Die Ostjuden sind nicht, wie man zu urteilen gewöhnt ist, Menschen, die stets jammern, die niedergedrückt und resigniert ihr Judentum wie einen Katzenjammer empfinden. Der jüdische Weltschmerz ist eine westjü’dische Erfindung und, auf die Ostjuden bezogen, ein optischer Irrtum. Die Ostjuden sind ganze, lebensfrohe und lebenskräftige Menschen, mit einem starken ursprünglichen Humor, der wertvoller ist als der westjüdische Witz. Eine natürliche Ursprünglichkeit, die sich besser mit intellektuell überspitzter Klugheit verträgt, ist bei ihnen ebenso zu finden, wie tiet jüdische Gedankenphilosophie, wie das echtjüdische große religiöse Pathos, das, frei von jeder Salbung, in die Ewigkeit hinauflangt. Die synagoga- 1 e n Lieder verlieren nicht dem Zusammenhang mit dem Leben; denn zwischen Religion und Volkstum ist die Kluft nicht aufgetan, die das westliche Judentum zur Konfession zu ändern scheint. In kurzen Worten umschrieb Birnbaum die Bedeutung des chassidischen Weltgefühls für die ostjüdis.che Psyche, das ein verinnerlichtes freudiges Leben mit Gott und mit der Welt ist und mit dem entarteten Ausdrucke des Wunderrabbitums, dieser kompromittierenden Geberde des Chassidismus, im Wesen nichts gemein hat. Und nun kommen die J ü d i s c h e n Volkslieder, von Leo Gollanius aus Berlin, in künstlerischer Vollkommenheit interpretiert. Die Volkslieder sind fast alle in tiefste Innerlichkeit getaucht. Man war tief ergriffen, als Gollanius die tiefe Tragik verdolmetschte, die aus dem Lied „Di mame un dos Kind“ klingt; man teilte das Selbstbewußtsein des alten Lehrers, der die Kinder das „Alef-Beiß“ lehrt und „Dos peckele“ hob über alles Golusleid hinaus, daß man unerschüttert an die Zukunft des jüdischen Volkes glaubte! Der Sänger von seiner Frau lda G o 1 a n i u s verständnisvoll auf dem Klavier begleitet, mußte einige Lieder wiederholen und, als das Publikum Zugaben verlangte, riachgeben - und das Programm noch durch einige Lieder bereichern. Im zweiten Teil des Programms rezitierte Fräulein Margarete N eff, vom kgl. Deutschen Landestheater, ostjüdische Dichtungen von J. Sc'nnejr, Abr. Reisen, Nomberg, Dr. Frischmann, JVienachem. Diese Dichtungen, von Dr. Hugo herrmann und Dr. Hugo Zuckermann mit liebevoller Treue dem Original gegenüber und mit seinem sprachlichen Verständnis ins Deutsche übertragen, fanden in Fräulein Neff' eine ausgezeichnete Interpretin, der es gelang, die reichnüanzierten Feinheiten auch in die Uebersetzungen hineinzutragen. Rauschender Beifall belohnte sie für ihre großartige Leistung.