Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 3 Sturm mit den hohen Regionen der Ethik wie der Religion erbärmlich wenig Berührungspunkte. Auf die Qualen des wissenschaftlichen Gewissens aber muß mit wenigen Worten eingegangen werden. Sie haben einen tiefen gesellschaftlichen Untergrund und sind für die Beziehung betreffender Kreise zu unserem •Problem sehr be-, zeichnend. Ehrwürdige Religionslehrer und blutjunge hoffnungsreiche Kandidaten zum Rabbineramt zogen viribus unitis mit den schwersten Waffen ihrer Gelehrsamkeit gegen den Feind ins Feld. Hat der Kritiker alle unsere heiligen Schriften eingehend studiert? Ist er im Talmud zu Hause? Ist er in die Weisheit des Sohar und der Kabbala eingeweiht? Ist ihm der Schulchan- Aruch geläufig? Wie ist es bei ihm mit den 613 Geboten bestellt? Und viele, viele andere inhaltsschwere Nüsse hagelten auf des Kritikers Haupt nieder. Na, die Nüsse waren für ihn zu hart. Nein, er war kein ^chriftgelehrter und fühlte sich keineswegs berufen, die Schätze, die in den literarischen Denkmälern der jüdischen Vergangenheit unstreitbar enthalten sind, zu sichten oder gar zu beurteilen.' Was er in allgemeinen Umrissen skizzieren wollte, sind bloß die offenkundigen' geistigen Unzulänglichkeiten der jüdischen Gegenwart, die jeder aus eigener Erfahrung sowie aus der Beobachtung der unmittelbaren Umgebung ersehen und schmerzhaft (empfinden muß. Und wer einmal das Ghetto mit offenen Augen gesehen hat, dem konnte es unmöglich entgangen sein, daß die Förderung und Fortpflanzung dieser in den Diasporabedingungen wurzelnden Unzulänglichkeiten — dem rabbinistischen Konfessionalismus zugeschrieben werden muß. Für uns ist das Judentum weder ein Objekt der archäologischen noch der historisch-philologischen Forschung, sondern ein lebender, wenn auch krankender Organismus, dessen Gebrechen und Leiden augenfällig sind und dem der Weg zur Gesundung geebnet werden muß. Deshalb gilt es-heute in erster Reihe nicht das Judentum zu studieren, sondern es umzugestalten. Allzu genau kennen wir die Hinterabsicht der „westlichen“ Oberschicht, die das Juden- •tum als Mumie behandeln möchte, die man vermittelst einer apologetisch-kosmetischen „Wissenschaft des Judentumes“ womöglich gründlicher balsamieren müsse, um sie unverzüglich ins weltgeschichtliche Museum zu befördern. Nicht erfreulicher steht es mit den „östlichen“ Unterschichten. Auch für den alten Ghettojuden, der sein Geschick protestlos über sich ergehen läßt, ist das Judentum ein Objekt der lebenslänglichen Forschung. Die Vergangenheit muß ihn über die als Gottesstrafe fatalistisch hingenommene freudelose Gegenwart hinüberleiten. Wir aber wollen und können uns weder mit der Erforschung noch mit der Erduldung unserer Geschichte begnügen, denn wir wollen sie vor allem — machen! -Alles andere ist uns Mittel. Und was uns den Weg hemmt, muß restlos weggefegt werden. Und zu den bedeutendsten Hemmnissen gehört auch die Hegemonie der Synagoge. Oie allgemein^ Jüöisdie Kolonisation* Organisation in Oien. Die Allgemeine Jüdische Kolonisationsorganisation (AJKO.), die es bekanntlich unternimmt, nichtjüdische Kreise für die jüdische Palästinakolonisation zu erwärmen, hat in jüngster Zeit auch in Wien eine gewisse Tätigkeit entfaltet. Herr Dr. Nossig sprach im Saale der Kultusgemeinde vor einem geladenen Publikum, doch wurde kein informierter Zionist eingeladen, der imstande gewesen wäre, von den großen Fehlern welche die AJKO. begangen hat, zu sprechen. Ueber den Verlauf der Sitzung geht uns ein langes Kommunique zu, aus dem ersichtlich ist, daß die Herren Dr. Alfred Stern, Dr. Gustav Kohn, Dr. Jerusalem, W. Anninger, Jonas Weil und — — — Dr. Ofner sich in begeisterten Worten für die Jüdische Orientkolonisation ausgesprochen haben. Allerdings — von irgend •einer Geldzeichnung ist im Zirkular nichts zu lesen. Dr. Nossig scheint mit seiner Orient-' bank wenig Glück zu haben. Wir wollen Herrn Dr. Nossig das .Unternehmen nicht stören. Wenn er wirklich imstande sein würde, den Antizionisten nicht nur schöne Redensarten, sondern auch ansehnliche Beträge für die Palästinaarbeit - zu entlocken, kann es uns recht sein. Er wird aber verzeihen, wenn wir diesbezüglich etwas skeptisch sind. Was uns aber nicht gleichgültig sein könnte, wäre, wenn Herr Nossig den Fehler wiederholen würde, den er im vorigen Jahr machte, als er auf eigene Faust mit der türkischen Regierung verhandelte, die ihn natürlich für einen zionistischen Mandatar hielt, wodurch eine furchtbare Verwirrung angerichtet wurde. Wenn Herr- Nossig Geld haben wird, so wird er gut tun, nur im Einvernehmen mit allen anderen in Palästina arbeitenden Institutionen vorzugehen, sonst wird er der guten Sache eher schaden als nü.tzen. Wir' behalten uns vor, auf die Angelegenheit noch zurückzukommen. Jüdischer .Volksverein für die Leopoldstadt. Jüdische Politik in Oesterreich. Ueber dieses Thema sprach in einer stark besuchten Versammlung des Volksvereines Gg. Dr. Kadi sch. Wir entnehmen seinen interessanten Ausführungen: „Die Fortdauer der Natiönalitätenkämpfe in beiden Reichshälften muß immer von neuem den Rassenantisemitismus erzeugen und steigern, die wirtschaftliche 'Not vermehren und Wasser .auf die Mühle der Reaktion ih allen ihren verschiedenen Maskierungen treiben. Daß diese nackte Tatsache noch nicht, zum Bewußtsein der österreichischen Bevölkerung im allgemeinen und der Juden'im besonderen gekommen ist, ist zum guten Teile auf ihre politische Unbildung und auf den Umstand zurückzuführen, daß die bestehenden parlamentarischen Parteien und die ihnen dienende Tagespresse in dem Kampfe aller gegen alle ihre Existenzbedingungen finden. Und so könnte denn dieser traurige, bereits fünf Jahrzehnte dauernde Zustand vielleicht ebensolange noch fortdauern, wenn nicht die Vorgänge in der äußeren Politik, die in einem weit höheren Maße als alle diese zahlreichen Volksbeglücker im Bezirke,- Gemeinde, Land und Reich unsere innere Politik beeinflußen, zum letzten Akt der dualistischen Tragikomödie drängen würde. . Es ist die orientalische Frage, die Vorgänge in der Türkei und in den Balkanstaaten, welche .zu einem neuen Kurs in Oesterreich drängen, Vorgänge, welche naturgemäß zu einer neuösterreichischen Politik zwingen. Vom richtigen Erfassen dieser Vorgänge und der Stellung der nationalen Jungjuden zur neuösterreichischen Politik hängt ihre Zukunft ab. Um dies zu verstehen, muß man vor allem im Auge behalten, daß Oesterreich in der Zeitperiode von 1866 bis 1912 aus einer Vormacht des Deutschen Reiches der größte Balkanstaat geworden ist und infolgedessen ein enger Konnex zwischen dem österreichischen und dem orientalischen Problem besteht, der seit der Okkupation Bosniens und , der Herzegowina das Donaureich immer mehr ostwärts rückt. Eine richtige Lösung des österreichischen Problems erleichtert daher auch die endgiltige Lösung der orientalischen Frage, respektive des Balkanproblems und andererseits wird die^Schicksalsfrage der habsburgischen Monarchie mcht beim'. grünen Tisch der deutschtschechischen Konferenz in Prag, sondern am Balkan entschieden werden. Gewiß wünschen wir sowohl als Juden wie als Oesterreicher die Regeneration des ottomanischen Kaisertums und Tatsache ist es, daß maßgebende österreichische Politiker wünschen, die Türkei möge an Stelle Italiens in den Dreibund eintreten. Aber wir müssen als Juden, wie als Oesterreicher mit der traurigen Möglichkeit rechnen, daß das Entgegengesetzte geschieht, langsam aber sicher der Zusammenbruch des türkischen Staatswesens erfolgt. Wir müssen, somit auch darauf, sowie auf die daraus resultierenden Folgen in unserer Palästinaarbeit als auch in unserer österreichischen Landespolitik, uns einrichten. Wird nämlich wieder die gesamte orientalische Frage aufgerollt und mit ihr das südslawische Problem in seinem ganzen Umfange, dann steht Oesterreich vor einem zweiten Jahre 66, es steht vor der Wahl, entweder die Einigung der. Südslawen selber in die Hand zu nehmen, ihren Schwerpunkt innerhalb der schwarz-gelben Grenzpfähle zu verlegen oder die südslawische Einigung ebenso gegen sich vollziehen zu sehen, wie sich die deutsche und italienische Einigung ohne und gegen Oesterreich vollzogen hat. Eine antiösterreichische Lösung des südsla-. wischen Problems,- das Entstehenvon Balkan-“ Staaten unter dem zaristischen Protektorate würde Oesterreich nicht nur wirtschaftlich vom Balkan abschneiden und auf diese Weise seinen materiellen Ruin beschleunigen, sondern auch für alle Zukunft seinen südslawischen Länderbesitz bedrohen. Nach' dieser Abschweifung von der jüdischen zur allgemein-österreichischen Politik und der gründlichen Beleuchtung ihrer treibenden Motive möchte ich als Leitsätze der jüdisch-österreichischen Politik in nationaler Richtung das proklamieren, W'as ich bereits am 9. Jänner 1903, also vor neun Jahren, im „Jüdischen Volksblatt“ niederschrieb. „Nicht nur den Juden, sondern auch dem österreichischen Staate und dem allgemeinen Fortschritt kann 'nur die Organisation der österreichischen Juden auf national-sozialer Basis helfen. Eine solche jüdische Organisation als Bannerträgerin sozial-österreichischer Grundsätze, als geschlossene Phalanx der jüdischen Wähler könnte in gemischtsprachigen Ländern das Zünglein an der Wage bilden und einen moralischen Druck auf die andersnationalen Parteien und Abgeordneten ausüben, auf dem Boden der nationalen Autonomie und der Gleichberechtigung eine Verständigung untereinander sowie mit den — Juden herbeiführen. Nur eine solche nationalsoziale Organisation der österreichischen Juden wäre aber auch in der Lage, in zahlreichen Wahlbezirken durch geeignete Bündnisse die heutigen „Volksvertreter“ zu beseitigen, um unseren Interessen entsprechende an deren Stelle zu setzen. Auf diese Weise könnte allmählich nach Herstellung der nationalen Ordnung eine Umgestaltung des morschen und vollständig verlotterten Parteiwesens in Oesterreich angebahnt und ein engerer Zusammenschluß aller nationalautonomistischen sozial-österreichischen Elemente der verschiedenen österreichischen Nationalitäten herbeigeführt werden. Nur auf diesem Wege — und nicht durch Anbiederungsversuche an verschiedene assimilatorische Organisationen — ist eine Einigung der österreichischen Juden untereinander, und in weiterer Linie mit den österreichischen Völkern möglich, ein Ausweg aus dem Sumpfe, in dem die Juden durch eine Scheinliberale, scheinfortschrittliche assimilatorische Politik getreten ist. In scharfem Gegensatz zu dieser jüdischassimilatorischen Politik habe ich bereits vor fünf Jahren, im Jahre 1907 Taktik und Programm unserer jungjüdischen Gruppe in folgende vier Punkte zusammengefaßt: 1. Organisation der österreichischen Juden auf national-sozialer Basis;- 2. Trennung des* alljüdischen Problems von der österreichischen Politik; 3. Ein national-autonomes soziales Groß- Oesterreich und Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Nationalität in dem reorganisierten nationalföderativen Völkerreiche; 4. Verständigung mit jenen Gruppen, welche dieses Programm vertreten. Lemberger Brief. Von unserem Korrespondenten. Durch die ruthenische Obstruktion im gälizischen Landtage ist das öffentliche Interesse Oesterreichs wieder auf Galizien gerichtet. Es bedarf außerordentlicher Ereignisse, wie den Massenmord in Drohobycz oder einer Massenverurteilung ruthenischer Akademiker oder wilder Obstruktion im Landtage, bevor man merkt, daß in Galizien halbasiatische Zustände herrschen. Polnischer Einfluß in Wien führt durch falsche Berichterstattung die Oeffentlichkeit irre und die Völker“ Galiziens schmachten unter dem Drucke der Stanczyken, ohne daß ihnen von außen zumindest moralische Unterstützung geboten würde. In den letzten Wochen haben die ruthenischen Parteien eine fieberhafte Tätigkeit entfaltet. Hunderte Versammlungen von Hunderttausenden besucht, sprachen sich einmütig für die ruthenischen Forderungen aus und nahmen Resolutionen an, welche einen Massenaufmarsch ruthenischer Wähler vor dem Lemberger Landhause in Aussicht stellen. Unter dem Drucke des allgemeinen Kamp-“ fes um die Landtagswahlreform und zur Wahrung der jüdischen Interessen, hat auch das Lemberger Zionistische Zentralkomitee mit der Propaganda für die Landtagswahlreform eingesetzt. Die Forderungen der Juden wurden in einem Aufrufe zusammengefaßt, welcher an die galizischen Juden erlassen wurde. '. Die jüdisch-nationalen Forderungen sind: Allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht für. alle volljährigen Personen, also auch die Frauen; Einführung von nationalen Kurien, also auch einer jüdisch-nationalen Kurie; Zuerkennung eines der jüdischen Bevölkerungszahl entsprechenden Prozentsatzes der Mandate. Mit Rücksicht darauf, daß die ersten zwei prinzipiellen Förderungen keine Aussicht haben durchzudringen und daß die . Reform 200 Mandate vorsehen wird, verlangen die Jüdisch-Nationalen 20 Mandate, die folgendermaßen aufzuteilen wären: Zwei Virilmandate ‘ für den Vorsitzenden und den Stellvertreter der zu gründen-