Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 JÜDISCHE ZEITUNG Seite S Auswanderer zur Verwendung gelangt, ihnen genau auf den Heller ausgezahlt wird. 3. Es ist .unrichtig, daß durch die, Schuld der Wiener Allianz die Emigranten zu kostspieligem Aufenthalte in Wien gezwungen werden; richtig ist vielmehr, daß, soweit arme Emigranten .über Sabbat und jüdische Festtage in Wien bleiben müssen, Sie für unsere Rechnung beherbergt und verköstigt werden; wahr ist ferner, daß jeder einzelne Emigrant, soweit er von uns nicht Barunterstützungen erhält, durch besondere Vergünstigungen, und Erleichterungen durch unsere Vermittlung eine wesentliche Verbilligung seiner Reise erlangt. 4. Es ist Unrichtig, daß die Allianz beim Geldwechseln trotz des höheren’ Kurses bloß K 2.50 für den Rubel zahlt; richtig ist im Gegenteil, daß die Allianz die Emigranten, soweit sie Rubel einzuzahlen haben, vor einer Benachteiligung beim Geldwechsel dadurch schützt, daß sie die Rubel in einem Bankgeschäfte zum 'Tageskurse für sie wechseln läßt. 5. Es ist unrichtig, daß die Emigranten in unserem Bureau eine demütigende Behandlung erfahren; richtig ist vielmehr, daß die Emigranten mit der größten Rücksicht und in humanster Weise behandelt werden. Für den Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien“ Gutmann, Dr. Katzau. rararanrarajarararararannrara Frühling in Palästina. (Chamischa assar b’schwat.) Am 3. Februar |1912, um halb 9 Uhr abds., findet im Jüdischen .Volksheim, II-, Stefaniestraße 12, anläßlich des Frühlingsanbruches in Palästina ein Festabend statt. — Festrede — Akademie — Tanz. — Ausführliches Programm wird rechtzeitig bekanntgegeben. — Reklamation von Einladungen im Jüdischen Volksheim. — Entree K 1.52, im Vorverkauf K 1.22. Karten im Volksheim erhältlich. IWAWAWAWAWAWAWATja Briefe aus tem nilfifdien Ghetto. von Maxim A n i n. Säkularisation der jüdischen Kultur. II. Wenn wir die konfessionelle Hülle, als Dokumentierung und Projizierung unseres Judentums in die Außenwelt, beibehalten, so müssen wir mit umso größerer Energie den Konfessionalismus und. Rabbinismus als einen innerhalbdes Judentums wirkenden ideologischen Faktor, und insbesondere als Erziehungssystem der heramvachsenden Generationen bekämpfen. Denn in dieser Beziehung haben wir es hier’ mit den bedeutendsten innerlichen, geistigen Hemmnissen auf dem Wege unserer nationalen Wiedergeburt zu tun. Wie bei keinem anderen Volke hat es unsere Geistlichkeit verstanden, die nationalkonservierende Bedeutung der Konfession und die Diasporamisere auszunutzen, um ihre geistige Herrschaft über dem Volke zu befestigen und ihre krankhaft-spiritualistische Wertungsweise alles Geschehens dem Volke einzuimpfen. Ihren ganzen Scharfsinn und ihre Spitzfindigkeit haben die Träger des geistlichen Prinzipes im Judentum darauf gerichtet, um das gesamte Leben des Volkes in ein konfessionelles Gewand zu hüllen. Alle wahrhaft gesunden urwüchsigen Werte und Faktoren im Judentum suchten sie auf ihre Tonart umzustimmen, d. h., zu entwerten. Und darin besteht die große Gefahr des Feindes, daß er fast unfaßbar ist. Denn wollten . wir ihn auf dem Gebiete der eigentlich religiösen Stimmungen und Empfindungen suchen, würden wir sehr bald zur Ueberzeugung gelangen, daß wir ihn hier am allerwenigsten bekämpfen können; seine bedeutendsten Streitkräfte sind auf den anderen — eigentlich weltlichen Gebieten des jüdischen Lebens verteilt. Wie eine - plasmodienhafte Substanz hat der Priestergeist alle Lebensäußerungen des Volkes durchtränkt. Der Rabbinismus hat uns unsere Geschichtsquellen überliefert, aber — was hat er aus ihnen gemacht? — Das wirksamste Instrument seiner geistigen Hegemonie. Alles, was die ungefälschte Geschichtsforschung uns über das alte Israel berichtet, zeigt von einem ungeheuren Tatendrang, von selbstbewußtem Heldenmut und kühnem Selbstvertrauen, die diesem kleinem Volke innewohnten und seinen historischen Weg oft so glanzvoll und farbenreich gestalteten. Ein Volk, dem das eherne Schwert ebenso vertraut war, wie seine eminpnte Geisteswaffe. Was hat unser Priestertum aus all dem gemacht? Wo sind unser Heldenepos, unsere heroischen Legenden? Der „judaistische Verdauungsschleim“ (Wellhausen) des Priestertums hat sie in seinen wässerigen Motiven der färb- und kraftlosen Geistigkeit^ ertränkt. Mit genialer Schärfe hat dieses größte Fälschungswerk der Weltgeschichte Nietzsche gebrandmarkt, der das wahre ungefälschte Judentum richtig einzuschätzen und zu würdigen wußte. „Unter den Händen der jüdischen Priester wurde die große Zeit in der Geschichte Israels eine Verfallszeit; das Exil, das lange Unglück, verwandelte sich in eine ewige Strafe für die große Zeit — eine Zeit, in der der Priester noch nichts war ‘. . . . Sie haben aus den mächtigen, sehr frei geratenen Gestalten der Geschichte Israels je nach Bedürfnis armselige Ducker und Mucker oder „Gottlose“ gemacht. Sie haben die Psychologie jedes großen Ereignisses auf die Idioten-Formel „Gehorsam oder Ungehorsam gegen Gott“ vereinfacht.“ („Der Antichrist“, Leipzig 1906, p. 247.) Und diesen Gott selbst haben sie nach ihrem Ebenbilde bald umgestaltet und ihren Bedürfnissen angepaßt: Aus einem mächtigen Kriegsgott („Jschmilchomo“) wurde er bald zu einem weich-weinerlichen Mitleidsgott („Eil rachum vw’chanun“) degradiert. ... Nachdem so die ganze Geschichte Israels ins Rabbinistische übertragen wurde, nachdem ' „aus ihr ein stupider Heilsmechanismus von Schuld gegen Jahve und Strafe, von Frömmigkeit gegen Jahve und Lohn“ gemacht wurde, erschien das alte Israel als eine kraft- und willenlose Herde, die automatisch den Geboten dieses Mechanismus Folge leistete. Und das wird als die Geschichte unseres Volkes seit Jahrhunderten dem zarten, leichtempfänglichen Jugendalter eingeimpft. Konnte sich das Priestertum ein wirksameres Instrument schaffen, um aus uns ein Volk von „Verächtern des Leibes“ zu züchten, ein Volk mit einer Moral der idealisierten, selbstzufriedenen Ohnmacht, ein Volk, das in allem, stets und überall in blinder Passivität dem Herrgott, will sagen: seinen irdischen Vertretern und Pächtern seiner Gnaden gehorcht. Das Fälschungs\^erk des Rabbinismus in allen seinen Verzweigungen zu verfolgen, hieße — das gesamte geistige Leben unseres Volkes zu rekonstruieren. Wer kann es heute unternehmen, einen vollständigen Sündenregister des Rabbinismus aufzustellen? Die Volkspoesie, das Epos — unterschlagen. Die Lyrik — entstellt. Die Geschichtsquellen — gefälscht. Die Moral — verkrüppelt. Die Ästhetik — verunstaltet. Kunst und Wissenschaft — lahmgelegt. Das ganze Leben t— Leid und Freud, ‘Kraft und Liebe, Wochen- und Feiertage — alles in die Zwangsjacke der „613“ Gebote gesteckt. Der ganze Judaismus in eine mechanistischrationalistische Konstruktion verwandelt. Der aktiv-schöpferische Messianismus in eine Narkose zur Einlullung der Volkskräfte umgemodelt. Der Chassidismus aller seiner regeneratorischen Potenzen beraubt. Die absolute Herrschaft des. tötenden. Formalismus. . . Das ist in wenigen Strichen das Fazit der geistigen Hegemonie des Rabbinismus, der die ohnehin negativen Tendenzen des Diasporalebens zur höchsten, und vollsten Blüte getrieben hat. Und wenn heute noch manches Gesunde und Große im Judentume keimt und reift, so ist es zweifellos trotz der rabbinistischen Herrschaft. Wir wissen es nur zugut, wie sich diese Kreise in ihrer Massezur zarten Pflanze des jüdischen Nationalismus verhalten. „Ein Spinneneifer, der mit seinem aschfahlen Gewebe den Goldrand des Freudenbechers umspinnt, zum Ekel des Durstenden. . .“ *) Um möglichen Mißverständnissen aus dem Wege zu gehen, muß hier mit Nachdruck betont werden, daß ich. den Judaismus, als Gesamtsumme, als Quintessenz der geistigen Leistungen des jüdischen Volkes, und den klerikalen Rabbinismus, als spezifische Ideologie mit einer eigenartigen Wertungsweise, scharf auseinanderhalte. Und zwar nicht ausschließlich im Sinne des Gegensatzes von weltlich-nationai und geistlich-konfessionell, sondern im weitesten Sinne des Gegensatzes zwischen dem ungehemmt-unmittelbaren Schaffen auf allen Betätigungsgebieten des jüdischen Genius und — seiner klerikal-spiritualistischen Bemäntelung und Entstellung, die sich ebenfalls auf alle Lebenssphären auszudehnen strebt. Wir wollen keinen Augenblick den eminenten Kulturwert der historischen Leistungen unseres Volkes in Frage stellen. Dadurch, daß z. B. das hohe „Lied der Lieder“ vom Rabbinismus als (eine Art) theologischer Traktat, als allegorische Unterredung zwischen Gott und seiner Braut — Israel ausgelegt wird, deshalb hört es gewiß nicht auf — der erhabenste und genialste Hymnus auf die Schönheit und Macht der Liebe zu sein. Diese prächtige Interpretation dokumentiert bloß — die ethische Heuchelei und ästhetische Perversität unseres Klerikalismus. Dadurch ferner, daß unser legendarischer Volksheros Rosch-Lokisch, ein Naturkind, mächtig und urwüchsig, im Talmud durch das bloße Versprechen des Thorastudiums seine männliche Kraft einbüßt und zum golusbeladenen geängstigten Ghettojuden degradiert wird, — dadurch wird diese Gestalt in ihrer ursprünglichen Größe aus der jüdischen Sorgenwelt nicht gemindert. Diese talmudistische Metamorphose zeigt bloß vom unablässigen Bestreben des Rabbinismus — alles Naturgemäße, Starke und Gesunde — naturfeindlich, schwach und krank zu machen, . Denn „krank - machen ist die eigentliche Hinterabsicht des ganzen Heilsprozedurensystems der Kirche“ (Nietzsche, I. c.) wie der Synagoge. Der jüdische Nationalismus will und soll keineswegs der gesamten jüdischen Vergangen-, heit den Krieg auf Leben und Tod erklären, sondern er muß vielmehr, an dieselbe anknüpfend, durch eine interne kritische Läuterungsarbeit eine innige und vollkommene kulturelle Kontinuität der Vergangenheit und Zukunft herstellen. Was uns Not tut, ist — den gesunden Kern von der faulen Schale zu reinigen. Er wird dann die wirksamste Waffe in unserem Befreiungskämpfe werden. Die faule Hülle aber ist für unseren Kulturkern ebenso wenig wesentlich, wie der Wurmstich für die Frucht, mögen die geistlichen und weltlichen Verfechter des Konfessionalismus noch so viel vom immanent und unvergänglich-konfessionellen Wesen des Judentums predigen. Ein bedeutendes russisch-jüdisches Zentrum mit vorwiegend „westlichem“ Gepräge. Eine ehrwürdige Versammlung von „Verständnisvollen und Mitleidsreichen“, vom üblichen Dekorationsrahmen ähnlicher Veranstaltungen, d. h. Indifferenten und Schaulustigen, umgeben. Ist ein günstigeres Auditorium denkbar, um die Treffsicherheit und Lebensfähigkeit der skizzierten Kritik unseres geistigen Status quo zu prüfen? Wie mitleidsbedürftig wäre da die Kritik, wenn die „Schau- und Hör-Lüsternen“ nicht auf ihre Rechnung kämen! Erfreulicherweise aber könnte der gewissenhafte Berichterstatter den allerlebhaftesten „Entrüstungssturm“ konstatieren, und zwar einer qualifizierten Entrüstung mannigfaltigster — ethischer, religiöser und wissenschaftlicher — Beschaffenheit. Von der gehörigen Abschätzung des ethischen und religiösen Gehaltes dieser Entrüstung muß aus ästhetischen Rücksichten Abstand genommen werden. Jedenfalls hatte genannter *) Spinoza bei Kolbenheyer („Amor Dei“) über den Rabbinismus.