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Jüdische Zeitung · 1912-01-19 · 3 (19.1.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 3 gung des Cliarakters des Semmerings als Tummelplatz der reichsten Müßiggänger befürchten. Mit ihnen protestieren auch viele der geehrten Gäste, welche ein Privileg auf alles Schöne in der Natur zu haben glauben. Anfangs haben sie die Gefahr der Verseuchung durch die armen Kleinen ins Treffen geführt. Nachdem die Gutachten der größten medizinischen Autoritäten diesen Einwand beseitigt haben, treten der brutale Egoismus der Semmeringspekulanten und die nicht minder abscheuliche Gier der Semmeringgäste nach ungestörtem „vornehmen“ Milieu in diesem Streite, nackt zutage. Weg. mit diesen blassen Kindergesichtchen! Daß nur um Himmelswillen kein Blick aus ihren traurigen Augen auf das trauliche Plätzchen fällt, wo die feudale Sportgans mit dem goldbetreßten Pferdemenschen, die Textilfabrikantin mit dem kniebehosten Sanatoriumsarzt flirtet! Das wäre sooo uuunangenehm! Die Gesellschaft hat die heir lige Verpflichtung, die kranken Kinder zu verjagen, Gemeinderat, Landtag und Reichsrat müssen da mithfelfen. Und was für die Semmeringleute recht ist, wird dann für alle anderen billig sein. Ueberall wird man protestieren und Erholungsstätten für arme kranke Kinder werden schließlich nur in Kanälen und Senkgruben errichtet werden dürfen! Herrlich offenbart sich die Humanität! Unter den Protestierenden liest man auch jüdischklingende Namen. Sie gehören jener Sorte von Juden an, die möglichst unjüdisch sein wollen. In diesem Falle ist es ihnen gelungen, sie benehmen sich diesmal wirklich und absolut un jüdisch. — In den nächsten Tagen soll in Wien .wieder ein Blumen tag abgehalten werden. Geputzte Weiber und geschniegelte Tagediebe werden Straßenbettel zugunsten klerikaler Zuchtanstalten betreiben. Angeblich werden auch andere Vereine beteilt. Ueber das Ausmaß der Beteilung dieser „an-- deren“ Vereine verlautet natürlich kein Wort. Sie werden höchstwahrscheinlich ein Prozent kriegen, oder noch weniger. Juden, Taschen zu! Eine ttarnung. (Zur galizischen Hilfskomödie.) Seit mehr als anderthalb Jahren schwirren im Lande Gerüchte herum, daß die Ica (Baron- Hirschs Kolonialgesellschaft) eine große Aktion zur wirtschaftlichen Hebung der verarmenden jüdischen Bevölkerung in Galizien plant. Die Pläne sind in geheimnisvolles Dunkel gehüllt und die ärmere jüdische Bevölkerung hegt die abenteuerlichsten Hoffnungen, die jeder künftigen positiven Arbeit hindernd im Wege stehen werden. Gleichzeitig hatte der Landesausschuß die bekannte Enquete über die Lage der Juden nach Lemberg einberufen. Als der Landesmarschall, ein langjähriger Freund von mir, mich zur Teilnahme an diesen Beratungen einlud, nahm ich zuvor in die Liste der Eingeladenen Einsicht und lehnte hierauf sehr höflich ab, da ich keine Lust hatte, mich an Komödien zu beteiligen, die gewissen politischen Strebern zuliebe aufgeführt werden. Ich verlangte, daß zu dieser Versammlung, welche über die Lage des jüdischen Kleinbürgertums zu beraten hat, auch Vertreter dieser Klasse geladen werden, und nicht nur politische Intriganten, Bankiers, Bürokraten, Advokaten, Journalisten und Philologen. Ich bezeichnete eine solche Versammlung als „Purimspiel“. Ebenso dachten alle besonnenen Juden in Galizien und die Tatsachen haben uns recht gegeben. Es hat allgemein verblüfft, als die Ica nach Wien zweimal Konferenzen einberief und hiezu dieselben Kreise, die die Beratungskomödie im Landhaus zu Lemberg aufgeführt hatten, einlud. Das waren Leute, denen das Leben und der Kampf ums Dasein der Provinzjuden, in den kleinen Städten und Dörfern, besonders in Ostgalizien, wo 75 Prozent der gfaiizischen Juden leben und darben, völlig unbekannt ist und die mit den verachteten Provinzjuden, besonders der ärmeren Schichten, nichts zu tun haben wollen. Und dennoch haben sie sich, zum größten Staunen aller Einsichtigen, bei der ersten Konferenz verpflichtet, binnen drei Monaten einen vollkommen umgearbeiteten, detaillierten Aktionsplan vorzulegen. Selbst ein genauer Kenner der Verhältnisse müßte zur Ausarbeitung eines brauchbaren Planes mindestens ein Jahr verwenden. Ich, liabe mich auch über diese Komödie nicht gewundert. Denn ich war zufällig während der Konferenzkomödie in Lemberg und habe dort den Wiener Vertreter der Ica, der keiner der Landessprachen kundig ist, als stummen Zeugen bei den Beratungen gesehen, ln den Pausen jedoch konferierte er sehr eifrig mit Herrn Dr. von Löwenstein und seinem Protektor Jankiel Feuerstein aus Drohobycz über die Mittel zur Beglückung der Juden! Ich staunte über die Naivität und vollständige Unkenntnis der Verhältnisse und der Personen, die dieser gewiß wohlmeinende Herr, dem die. Ica eine so wichtige Aufgabe übertragen hat, an den Tag legte. Denn es gehört unglaubliche kindliche Naivität dazu, die zwei verhaßtesten und verachtetsten Personen Galiziens zu Vätern einer Hilfsaktion für die galizischen Juden zu machen! Man kann sicher^sein, daß alles, was von diesen Herren unternommen wird, auf heftigen, einmütigen Widerstand a 11 e r Schichten der Juden stoßen wird. Es sei denn, die Ica will unter Polizeiassistenz und unter dem Schutze der Waffen, die galizischen Juden aus der Not erlösen. Von Feuerstein abgesehen, dessen Namen seit diesem Sommer traurige Berühmtheit erlangt hat, fragt sich jeder denkende Jude, was die. Herren von Löwenstein, von Horowitz und Konsorten für die Interessen der Juden getan haben, seit sie die jüdischen Wählermassen tyrannisieren, irreführen und betrügen. Jeder weiß, was die Herren für sich und ihren A n h am g ergattert haben: Glänzende -Geschäfte, Orden, Adelstitel, Einfluß und die Möglichkeit zu peinigen und zu demütigen. Aber was hat das jüdische Volk in Galizien ihrer Führung zu verdanken? Der praktische ökonomische Antisemitismus wächst von Tag zu Tag mehr; die Juden werden mit Hilfe der Behörden und unter ihrer Patronanz, vermittels der öffentlichen Gel-, der, die doch zum großen Teil von jüdischen Steuergroschen herrühren, aus allen Erwerbszweigen verdrängt; eine Jüdin kann nicht Lehrerin werden; die Schanker wurden mit unglaublicher Brutalität brotlos gemacht und auf Ihre Kosten die reichen Großgrundbesitzer mit Liebesgaben bedacht (die Herren von Horowitz, von Lcwenstein und Kolischer bekamen hiebei manch fetten Bissen); die Landesbank unterbindet den jüdischen Genossenschaften den Kre-' dit. Der offizielle Antisemitismus nimmt immer bedrohlichere Formen an; im öffentlichen jüdischen Leben herrscht Intrigue, Falschheit und Heuchelei, so daß sielt die gesunden urid . anständigen Elemente zurückziehen. Das sind für das jüdische Volk die Resultate der Herrschaft, welche die Horowitz, Löwenstein und Konsorten an sich gerissen haben. ' Sie können ja mit Hilfe der Feuersteins, der Polizei und der.Korruption sich Abgeordnetenmandate und ähnliche Ehrenstellen erringen, aber zu Führern und Lenkern des jüdischen Volkes sind sie nicht geeignet. Nun b e r e i t e t :s i c h jetzt etwas v o r, wobei der ICA eine Rolle zugemutet wird, vor der ich sie doch dringend warnen möchte. Das Resultat der gedachten zwei Wiener Konferenzen war nicht eine energische Hilfsaktion, sondern der Beschluß, unter der Patronanz der Wiener Großkapitalisten einen Verein zu gründen! Es ist allgemein bekannt, daß das Wiener Großkapital der gewerblichen und kommerziellen Entwicklung Galiziens feindlich gegenübersteht und ihr alle möglichen Hindernisse in den Weg legt. Diese Herren nun zu Patronen der Gewerbeförderung unter den Juden in Galizien zu ernennen, heißt den Bock zum Gärtner machen. . Was soll der zu gründende Verein überhaupt für einen Zweck haben? Wenn die ICA daran denkt, eine für die galizischen Juden wirklich nützliche Aktion einzuleiten, so muß sie sich sagen, daß ein von den galizischen Juden gegründeter Verein hier nichts nützen kann. Wäre dies der Fall, so würden sich d'ie galizischen Juden ja schon selber geholfen haben. Allein die von Herrn von Löwenstein und“Konsorten aufgebrachte Idee eines Vereines zur Linderung der Judennot in Galizien bezweckt ja etwas ganz anderes. Und die Herren rechnen hierbei auf die schon oft bewährte, vollständige Unkenntnis der Verhältnisse auf Seiten der ICA und hoffen, diese mächtige Institution in ihr Schlepptau zu nehmen, sie ihren eigenen Zwekken dienstbar zu machen und die ehrgeizigen Bestrebungen der Klique zu fördern. . Herr Samuel von Horowitz, der Vater der Wahlkorruption unter den galizischen Juden, steht an der Spitze des ganzen Unternehmens. Alle anderen sind‘nur Handlanger. Was will dieser Herr „von“ Horowitz? Unter dem Statthalter Badeni hat er sich als Hauptorganisator der Wahlkorruption das „von“ verdient. Jetzt möchte er zu gern ins Herrenhaus gelangen. Der Statthalter Bobrzynski hat ihm versprochen, ihn beim nächsten oder zweitnäch.sten Pairscliub dorthin zu befördern, wenn er die Juden in Galizien, die seit einigen Jahren bedenkliche Symptome politischer Selbständigkeit zeigen, kirre macht. Die Juden wählen oppositionell. Bei den letzten Ergänzungswahlen hat der Feuerstein nur dank einem unvergleichlichen Aufwand von Militär und einem Bündnis mit den Sozialdemokraten vermocht, seinen teueren Löwenstein durchzubringen. In dem anderen Bezirk unterlag der offizielle Kandidat einem politischen Neuling. Was soll nun bei den nächsten Landtagswahlen geschehen? Um die Juden zu zähmen, soll nun der Verein „Jüdische Selbsthilfe“ gezimmert werden, Dieser Verein soll den Juden die Gründung von allerlei Vorschußkassen etc. versprechen und sie derart von den oppositionellen -irrwegen weg auf die Bahnen locken, die Herrn Bobrzynski genehm sind. Derart beabsichtigt die Klique um Horowitz und Löwenstein nicht nur die Regungen der politischen Selbständigkeit unter den Juden zu ersticken, sondern auch die von auswärts für die Juden geplante Hilfe in die Hände der ausgesprochen judenfeindlichen herrschenden Mächte auszuliefern, die jeden Kampf der Juden um Verbesserung ihrer .Lage schon zu lähmen wissen werden. t Wird die ICA sich zu einem solchen Volksbetrug hergeben? - Ich habe es für meine Pflicht gehalten, sie davor zu warnen. Die polnischen und ruthenischen wirtschaftlichen Organisationen bind streng darauf bedacht, alle politischen Streber von ihrer Leitung fern zu halten. So müßte auch die ICA, wenn sie es aufrichtig mit den galizischen Juden meint, direkte Fühlung mit der Masse des Volkes suchen, die ihrer Hilfe bedarf. Josef Kaufmann, Gutsbesitzer. Zawalöw (Galizien). Julius Jlleüz l Die ttirtsriiaff in der Wiener „Israel, flllianz.“ Sie berichtigt! Wir haben vor wenigen Wochen in einer kurzen Notiz einige Anklagen, welche der „Fraind“, ein angesehenes jüdisches Blatt in Rußland, unter Anführung von Namen und Tatsachen gegen die „Wiener Allianz“ erhoben hatte, wiedergegeben. Daß wir die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wieder einmal auf das vom Allianzsekretär so oft und in so salbungsvollen Worten gepriesene „segensreiche Hilfswerk“ lenkten, haben die Allianzmänner recht unangenehm empfunden. Sie überschütteten uns mit einer Flut von Berichtigungen, als ob sie in Tinte die Wahrheit ertränken könnten. Den schweren Anschuldigungen des „Fraind“ weiß die Allianz nur allgemein gehaltene Redensarten entgegenzusetzen. Mit § 19-Berichtigungen wird sie Tatsachen nicht aus der Welt schaffen und die werden unsnicht abhalten, ihrer Tätigkeit nach wie vor besonderes Augenmerk zuzuwenden. Nachstehend eine der Berichtigungen: An die Redaktion der „Jüdischen Zeitung“, Wien, II., Stefaniestraße 12. Wir ersuchen Sie auf Grund des § 19 des Preßgesetzes mit Bezug auf den iij Nr. 49 Ihres Blattes, S. 2 gebrachten Artikel „Die Wirtschaft in der Wiener Israel. Allianz“ folgende Berichtigung aufzunehmen: 1. Es ist unrichtig, daß ein Polizist, welcher im Bureau ständigen Dienst hat, die Emigranten mit Brachialgewalt entfernt; richtig ist vielmehr, dafi der an den Tagen eines besonders starken Parteiandranges, an welchen nicht nur Emigranten, sondern auch allerlei zweifelhafte Individuen im Bureau erscheinen, zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Vorzimmer anwesende Wachmann mit den Emigranten nichts zu tun hat. 2. Es ist unrichtig, daß, trotzdem jeder Auswandernde schon in Rußland 3 Rubel für eventuelle Ausgaben der Wiener Allianz an die russischen Bureaus entrichtet, die Emigranten in Wien keinerlei Förderung finden; richtig ist vielmehr, daß die umfassende und mit großen Kosten verbundene Förderung, welche die .Emigranten durch die Israel, Allianz in Wien, sowie durch unsere zahlreichen Filialen und Grenzkomitees finden, ihnen ganz unabhängig von dem zu ihren Gunsten auf Veranlassung der Ica- Komitees gesandten Betrage zuteil wird und der erwähnte Betrag den Emigranten, soweit er nicht \ x

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