Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDGDC ZEITUNG ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht züröckgesteilt. — Abonnementspreise: Für Oester- M ” reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K. 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ® ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ■ Nr. 3 Wien, Freitag, den 19. Jänner 1912 VI. Jahrgang llortraq Oes Professor Werner Sombart " „Die Zukunft der Juden“ am 18. Februar 1912, um halb 9 Uhr abends im Sofiensaal. Karten ä Kronen 10, 8’ (Fauteuil- und Podiumsitze) 5, 4, 3, Entree K 2, erhältlich inr Kartenbureau Kehlendorfer, I., Krugerstraße 3 und im Jüdischen Volksheim, II., Stefaniestraße 12. Da die Karten in der kürzesten Zeit vergriffen sein werden, ersuchen wir insbesondere die gesinnungsgenössischen Vereine resp. deren Mitglieder ihren Bedarf sofort zu decken. Schriftliche* Bestellungen sind an das Volksheim zu richten. JÜDISCHES VOLKSHEIM II., Stefaiiiestraße 12. Volkstümliche Vorträge im Jüdischen Volksheime. Der Verwaltungsausschuß wird an allen Sonntagnachmittagen der Saison volkstümlich gehaltene Vorträge wissenschaftlichen undkünstlerischen Inhaltes, denen Kunstproduktionen (Gesang, Rezitation, Instrumentalmusik etc.) angeschlossen werden, veranstalten. Sonntag, den 21. Jänner spricht Herr Ludwig Batö über „Die Juden in Italien“. Beginn halb 5 Uhr nachmittags. Rundschau. Ein christlichsozialer Hausjude. In der letzten Nummer dieses Blattes wurde bereits nachgewiesen, daß einzelne liberale jüdische Politiker daran arbeiten, die Stimmen jüdischer Gemeindewähler den Antisemiten christlichsozialer und deutschnationaler Kouleur zuzufüh’ren. Das Dunkel, in welches diese politische Kupplerarbeit fürsorglich gehüllt wurde, beginnt sich zu lichten und die Personen, welche das- Geschäft besorgen, werden erkenntlich. Den Hauptanteil an diesem sauberen Handel nimmt Herr Max Frank, Gemeinderat und Wiener Kultus Vorstand. In den Sitzungen der liberalen Wahlkomitees tritt dieser Herr dagegen auf, daß man den Bürg er m eis t e r N e u - mayer und seinen Stab bekämpfe undplaidiert für ein Zusammengehen mit den Christlichsozialen. Er nützt seine Stellung als Kultusvorstand auch dahin aus, daß er für den Fall, als sein Vorschlag akzeptiert wird, die Bürgschaft dafür übernimmt, daß alle Wiener Juden so stimmen werden, wie das Wahlkomitee vorschreibt, also auch ,a n t i s e m.i t i s c h. Es muß hier hervorgehoben werden, daß selbst den christlichen Komiteemitgliedern dieses Treiben zu bunt wurde und sich die merkwürdige Situation ergab, daß Christen dem Kultusvorstande Frank gegenüber das Interesse und den guten Ruf der Wiener Juden wahren mußten. Man kann sich jwohl jede weitere Kritik ersparen. Ein Jude in offizieller Stellung, welcher für die Verbreiter des Ritualmordmärchens, für die blutigen Fanghunde Luegers, für die Schneiderleute, für die Rathauschristen, für die Verdummer und Verdunkler pesterreichs eintritt, repräsentiert einen Typus, den man nicht näher zu beschreiben braucht. Aber eine Frage darf man doch nicht offen lassen: Wie werden sich der Wiener Kultusvorstand und die Vereinigung Bnai Brith zu ihrem Mitgliede Frank stellen;, die gewählte Interessenvertretung der Wiener Juden und der Verein, welcher sich rühmt, die edelsten jüdischen Zwecke zu besorgen? Stillschweigen wird diese beiden Korporationen von der Verantwortung für das Tun und Treiben ihres Mitgliedes gewiß nicht befreien. — Daß die Situation ein Eingreifen ferheischt, geht auch aus einer Aeußerung hervor, die der Kurator S t e i n e r in der letzten Sitzung der christlichsozialen Parteileitung getan hat. Er hat nämlich davon gesprochen, daß ein Kompromis mit den „gemäßigten bürgerlichen Elementen“ in Vorbereitung sei! Also scheint Frank auch dort bereits angeklopft zu haben. Deutsche Art. Eine widerlichere Gesellschaft als die deutschfreisinnige Antisemitenklique kann man sielt schwer ausdenken, in der Oeffentlichkeit wird aut die inferiore Judenrasse losgedroschen und es vergeht fast kein Tag, an welchem der jüdische Bürger nicht einen im kriecherischen Winselton abgefaßten, von deutschradikalen Größen Unterzeichneten Bettelbrief irgend einer deutschnationalen Institution erhielte. ■ Gerade jetzt versendet wieder die unter deutschantisemitischer Leitung stehende „Kreditanstalt der Deutschen in Böhmen“, welche den Zweck hat, deutschen Besitzstand vor der slavischen Konkurrenz zu schützen, demütige Schnorrepistel an die „gemeinen und wucherischen Salzgries- und Kaijuden“. Die dummen Juden sollen ihre ärgsten Feinde unterstützen! Bis jetzt haben sie es auch getan, aber weil doch in einigen Köpfen die Einsicht zu dämmern beginnt, fließen die Spenden spärlicher. Darob geraten die „edel- und teutschrassigen“ Fechtbrüder aus dem Häuschen. Ein kleines Pröbchen dieser Berserkerwut liefert die deütschradikale „Deutsche Wacht“ in Iglau. Sie schreibt: „Zionistischer Deutschenhaß. Wie groß der Deutschenhaß der Zionisten ist, geht ans folgenden Beispielen hervor: Der Lotterieausschuß’des Bundes der Deutschen in Böhmen hatte unter anderen an einen Herrn K. in Wien mehrere Lose mit der Bitte um Abnahme geschickt. Der Brief kam mit folgendem Vermerk auf der Rückseite des Losumschlages zurück: „Wir sind Juden, lassen Sie uns mit deutschen Sachen in Ruhe! Die deutschen Kinder sollen krepieren!“ Und ein zweiter Wiener Jude schnitt von den Losen die- Losnummer weg und sandte die so entwerteten Lose — natürlich unfrankiert! — mit der Bemerkung an den Lotterieausschuß: „Zurück, weil die Deutschen in Böhmen lauter Lumpen sind!“ Kommentar überflüssig!“ Zu diesen Ausführungen schreibt uns ein Gesinnungsfreund aus Mähren: „Seit einiger Zeit bemüht sieh dieses deutsch-radikale Blatt, die Zionisten zu verdächtigen. Auf. die Juden im allgemeinen getraut sich das Blatt nicht zu schimpfen, weil die treudeutschen Männer, welche die „Deutsche Wacht“ wöchentlich von sich geben, mit den Iglauer Fortschrittlichen, also auch mit den lglauer Israeliten, ein Schutz- und Trutzbündnis zur Ergatterung von Mandaten geschlossen haben. Die Mandate wurden ihnen auch dank einer unverzeihlichen Schwäche der Iglauer Fortschrittlichen in einer Anzahl überlassen, die weder der Stärke noch gar dem Einflüsse der deutsch-radikalen Partei entspricht. Infolge dieses famosen Bündnisses dürfen die Iglauer Israeliten in der „Deutschen Wacht“ nur hie und da mit Samthandschuhen geohrfeigt werden. Da man also die Israeliten im allgemeinen nicht beschimpfen darf, ein echter teutschradikaler Mann aber keine Freude am Leben hat, wenn er nicht, wöchentlich einmal wenigstens, einen Juden auffrißt, so ist *die „Wacht“ auf den sonderlichen Einfall gekommen, statt die Juden im allgemeinen, die Zionisten im speziellen zu begeifern. Von Zeit zu Zeit erscheinen kleine Notizen, eine gewöhnlich dümmer und lügenhafter als die andere, die darauf berechnet sind, an den Zionisten nachzuholen, was man an seinen Iglauer Bundesgenossen versäumt. Die vorstehende Notiz gehört in diese planmäßige Lügenserie.“ Humanität. Der Semmering, das schöne Fleckchen österreichischer Erde, bildet jetzt das Objekt eines häßlichen Streites. Dr. Kuppelwieser will dort eine Erholungsstätte für schwachbriistige Proletarierkinder erbauen. Die steinreichen Villenbesitzer und Hotehvirte der Gegend aber protestieren dagegen, weil sie eine Beeinträchti-