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Jüdische Zeitung · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 jüdische zeitung Nr 2 und des § 2 glaubt er zuversichtlich, mit den von der Steuerieistung unabhängigen Stimmen der Gemeindebeamten und sonstiger Abhänger über den hoch aufgestapelten Groll seiner Untertanen zu triumphieren. Jüdische Steuerträger, laßt Euch von dem Schlußwort des Zirkulars, worin dieser volksfeindliche Kultusvorstand Eueren Gemeinsinn und Euere Opferwilligkeit anruft, nicht provozieren, zahlet auch die erhöhte Kultussteuer, wenn Ihr könnt, rettet Euer Wahlrecht und macht Sterns Pläne zunichte! Zur osterreidiildien Organisationsfrage. Wir erhalten folgende Zuschrift: Die letzte Nummer des „Wschöd“ bespricht den Brünner Parteitag — und nimmt zu der dort einstimmig gefaßten Resolution, welche dem Wunsche Ausdruck gibt, daß alle österreichischen Zionisten in einer gemeinsamen Organisation wirken mögen, Stellung. Die diesbezüglichen Ausführungen lauten in wortgetreuer Uebersetzung: „Wir betrachten es ials vollständig verfehlt, wenn das >neue Wiener Zentralkomitee sich in erster Linie bestreben würde, seinen Einfluß auch auf Galizien auszudehnen und wir lenken darum schon jetzt die Aufmerksamkeit der entsprechenden Faktoren darauf. Die galizische Organisation entstand aus eigener Kraft und war schon um die Zeit, als der Zionismus in den westlichen Ländern sich in den Anfängen befand, ziemlich stark. Aus diesen Gründen war der Zusammenhang der galizischen Zionisten mit den westösterreichischen sehr lose und die Tatsache der vollständigen Loslösung Galiziens war vernünftig. Neden verschiedenen Gründen, wie die große Entfernung Galiziens von Wien, verdient ‘ besonders die differente, Behandlung der Landespolitik durch uns und durch die west.-österr. Gesinnungsgenossen Erwähnung. Bei uns stellt die Landespolitik einen integralen Bestandteil der Parteiaufgaben dar, während' sich gemäß dem Brünner Parteitagsbeschlusse der „Jüdische Nationalverein“ damit zu befassen hat. Die Leitung der Landespolitik kann jedoch nur den in Galizien wohnhaften Gesinnungsgenossen anvertraut werden, denn hiezu ist Kenntnis der Verhältnisse im Lande notwendig, welche der Nationalverein nidit besitzen kann. Zweifellos muß die jüdisch-nationale Politik in ihren Zielen überall gleich sein, aber die Verwirklichung dieser Ziele, die Organisation und die Taktik sind so stark mit den Verhältnissen der einzelnen Länder verbunden, daß man an eine einheitliche Leitung dieser Politik in ganz Oesterreich einfach nicht denken kann. Uebrigens drängt sich bei' Betrachtung dieses Problems die Frage auf, wozu wir eigentlich neue Organisationsversuche anstellen sollen, wo eigentlich das Bedürfnis eines einheitlichen Zusammenwirkens aller österreichischer Gesinnungsgenossen liegt? Wir finden diese gerechtfertigten Fragen unbeantwortet. Wir sind im Gegenteil der Ansicht, daß wir galizische Zionisten im Rahmen der allgemeinen zionistischen Organisation ganz selbständig über unsere Landespolitik zu entscheiden haben, als die einzigen, die hiezu auf Grund der Kenntnis der Landesverhältnisse berufen sind. Diese paar Bemerkungen schicken wir den zahlreichen Stimmen westösterreichischer Gesinnungsgenossen zur Antwort, um die vollkommen überflüssige und unerwünschte neue Streitfrage aus der Welt zu schaffen.“ Die für die „entsprechenden Faktoren“ bestimmten Ausführungen des „Wschöd“ erheischen Berichtigung. Vor allem sei festgestellt, daß die Inaugurierung der zionistischen Gegenwartsarbeit, später Landespolitik genannt, von westösterreichischen Gesinnugsgenossen ausgegangen ist und sich unter Mitwirkung der Begründer der galizischen Organisation vollzogen hat. Es ist nicht richtig, daß der heutige Zustand in Galizien allgemein gebilligt wird. So stehen die meisten älteren galizischen Zionisten, unter ihnen der Begründer der zionistischen Organisation, Dr. Abraham Salz, auf dem Standpunkte der gemeinsamen Organisation. .Es entspricht ferner nidit den Tatsadien, daß der Zusammenhang zwischen Galizien und Westösterreich ein loser gewesen ist. Wir erinnern nur an die gemeinsamen Konferenzen in Krakau, an die Aktionen anläßlich der Wahlreform, an die ersten Jahre der Tätigkeit des Jüdischen Klubs, an die Persönlichkeit Dr. Heinrich G a b e 1 s. Hervorgehoben sei die Bemerkung des „Wschöd“, daß die jüdisch-nationale Politik in ihren Zielen überall gleich sein müsse. Dieser Auffassung stimmen wir vollkommen bei und gerade in Konsequenz dieser Anschauung verlangen wir eine gemeinsame Organisation. Die Betrachtung der heute obwaltenden Verhältnisse in Westösterreich, Galizien und in der Bukowina, lehrt, daß die jüdisch-nationale Politik in diesen Gebieten längst aufgehört hat, in ihren Zielen einheitlich zu sein. Man komme nicht mit verschwommenen Worten, wie Hebung der Lage und faktische Gleichberechtigung etc. — Oft ist es vorgekommen, daß von jüdisch-nationalen Organisationen an einander vorbei, Avenn nicht gegeneinander gearbeitet wurde. Siehe Bukowina! Auch wir sind der Ansicht, daß gewisse Aktionen nur von den im Lande wohnenden und mit den Verhältnissen bekannten Genossen durchgeführt werden kennen, sind aber so unbescheiden zu verlangen, daß nichts von irgend einer Organisation unternommen werden darf, •was über den knappen Rahmen der lokalen Interessen hinausgeht, ohne daß die anderen Organisationen verständigt werden. Man bedenke nur: Jüdische-nationale Organisationen desselben Reiches stehen in keiner Verbindung! Sehen denn die Herren in Galizien nicht ein, daß durch eine hermetische Abschließung die von uns allen ersehnte Vereinigung von Ost und West unmöglich gemacht wird! Verkennen sie wirklich die Bedeutung der Vereinigung von ost- und westjüdischen Genossen in kultureller und auch materieller Beziehung? Als Zionisten sind wir doch — in Galizien und in Wien — der Ueberzeugung, daß wir schließlich doch zur vollständigen Nationalisierung und zur’ Einheitlichkeit der 'österreriihschen Judenhelt gelangen werden. Warum also künstliche Schranken aufrichten? Haben die galzischen Zionisten wirklich ein so kurzes Gedächtnis, . daß sie sich nicht erinnern, mit welcher Vehemenz ihre Führer Dr. Braude, Stand und Thon sich für die Vereinigung aller österreichischen Kultusgemeinden eingesetzt und wie scharf sie die galizischen Kahalsgrößen, die sich diesem Verlangen widersetzten, bekämpft haben? Und uns führen die verantwortlichen Faktoren der galizischen Partei dieselben Argumente ins Treffen, wie seinerzeit Dr. Czeszer und Edmund Rauch, die Kultushäupter von Lemberg und Stanislau. Die Lemberger Herren fragen womit das Bedürfnis des Zusammenwirkuns eigentlich begründet ist. Wir antworten: Mit unserem zionistischen Programm! Wir verweisen auf die bösen Folgen der Zersplitterung, erinnern nur an den Streit Keliner-Straucher und glauben damit allein bewiesen zu haben, wie nottvendig eine Zentralbehörde ist. Oder sind die Herren in Lemberg der Ueberzeugung, daß diese Vorkommnisse in der Bukowina uns genützt haben. Mit Entschiedenheit müssen wir uns gegen die Auffassung wenden, als ob die westösteri reichischen Zionisten so lebhaft für die Schaffung einer Gesamtorganisation eintreten, weil sie in Galizien Einfluß gewinnen wollen. Diese Auffassung ist ein Ausfluß kleinlicher Denkart und ebenso kleinlich ist es, die Forderung nach einer einheitlichen Organisation als Aufrollen einer „überflüssigen, unerwünschten und unzeitgemäßen . Streitfrage“ zu bezeichnen. Diese Forderungist eine im Programm des Zionismus begründete, daher notwendig und zeitgemäß. Prager Brief. (Von unserem Berichterstatter.) Die böhmische Judenschaft hat hohen Besuch erhalten: Die österreichisch-israelitische „Union“ ist mit dem ganzen stehenden Heere in der königlichen Hauptstadt Prag erschienen und die autochthone Bevölkerung „unseres Glaubens“ ist schon einige Tage vorher durch massenhaft verbreitete Einladungen auf dieses wichtige Ereignis, auf die Ankunft des Sekretärs und den Herrn Präsidenten Samuel}', schonend vorbereitet worden. Nun hat die große Volksversammlung gestern abends im Jüdischen Rathaus stattgefunden und nur dem herrlichen Winterwetter, das einen großen Teil der Prager Judenschaft zu Ausflügen auf den schneebedeckten Hradschin gelockt hatte, ist es zuzuschreiben, daß der Besuch der Versammlung manche allzu hoch gespannte Erwartungen enttäuschte. Vor einem Auditorium von 54 Zuhörern (darunter 19 Zionisten) entrollte Sekretär Fleischer ein berückendes Bild von der Bedeutung der Union, für die er mit Geschick neue Mitglieder zu werben suchte. Im zweiten Teile seines Referates, der besonders wirksam vorgetragen wurde, behandelte er zunächst die sicherlich wohltätige Wirkung des Rechtsschutzbüros,- Avenn es auch gerade nichts neues war, daß in Böhmen die Deutschen und die Tschechen in ganz gleicher Art antisemitische Betätigungen lieben; die bezüglichen Fakten sind den Juden Böhmens ja durch ihre eigene jüdischnationale Presse bekannt und es ist immerhin erfreulich, daß die „Union“ die in zionistischen Organen registrierten und bekämpften Fälle in ihren Versammlungen. reproduziert. Auch die von der Union immer wieder durchgesetzten Konfiskationen antisemitischer Provinzblätter finden in Böhmen vielleicht u m des Prinzips willen eine gewisse Anerkennung, wenn man allerdings bei uns nur allzugut weiß, daß die Konfiskation eines vor einer Woche erschienenen Artikels praktisch keinen Erfolg bedeutet; der wirkliche Kampf gegen den Antisemitismus wird eben ganz anders geführt. Das Interessanteste waren die politischen Ausführungen. Plötzlich vernahm man in Prag, daß die Union den Deutschen Nationalverband als durchaus antisemitisch immer und überall bekämpft hat und bekämpft; wir. hörten in Prag, daß von der Union der Kampf gegen die getauften Juden in den letzten Wiener Gemeinderatswahlen ausgegangen sei, von der Union sei der Geist ausgegangen, der die Wahl eines getauften Juden zum Vizepräsidenten der Wiener' Advokatenkammer verhindert hat und die jüdischen Herzen im Prager Rathaussaal schlugen höher, als der Referent mit markigen Worten .den Sieg der Freiheitlichen im Juni 1911 — der nicht ohne die Union möglich war — bejubelte. Uns naiven Provinzjuden ist es allerdings nicht ganz klar geworden, wie man zugleich über die Niederlage des getauften N e u m a n n . . . und über den Sieg des getauften Friedmann . . . . jubeln kann. Die Union scheint uns eben eine gute Politik zu treiben; sie ist dem Eindruck nach,- den ihre Fanfaren in der Provinz hinterlassen — immer bei den Siegern; wenn der getaufte Jude fällt — ist es eine gute jüdische Tat; wenn der getaufte Jude — mit Hilfe Kurandas und seiner Genossen — siegt — ist es ein gutes freiheitliches Werk. Aber für Böhmen ist diese Politik doch nichts; wir können uns nicht auf zwei Stühlen halten und mißtrauen denen, die es können. Im ersten Teile seines Referates besprach Sekretär Fleischer die Organisation des Wanderbettels und erklärte die Ausschaltung Galiziens dadurch, daß dort ganz besondere Verhältnisse zu berücksichtigen Avären. . Darauf ist nur zu erwidern, daß auch in Pilsen, Pardubitz, Eger und Prag ganz andere Verhältnisse sind als in Wien. Die Juden Böhmens würden der Organisierung in den Fragen des Wanderbettels, gerne zustimmen, wenn sie wüßten, daß die von der Union zu errichtenden Büros nicht in jenem Geiste geleitet werden, in dem die Wiener Alliance russische Auswanderer behandelt. Ob der Ton, in dem Sekretär Fleischer hie und da von den die -wohlhabenden Westjuden kompromittierenden östjüdischen Wanderbettlern — die sicher zum Teile arbeitsscheue Professionsbettler sind — spricht, dafür eine Gew'ähr bietet, ist fraglich. * * - * Der Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kochba“ in Prag veranstaltet am 18. Jänner im Hotel Zentral seinen 'großen Festabend, der

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