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Jüdische Zeitung · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 So schämen wir uns mit eurer „Liebe“, auf unseren Haß sind wir stolz. * Der Gegensatz der schonungslosen, weil aus Liebe gebornen Kritik und der schwächlichen, im Grunde unaufrichtigen, weil aus Feigheit erzeugten Apologetik offenbart (sich nirgends so klar, wie bei der Beurteilung und Behandlung unserer historischen Traditionsw'erte und insbesondere der konfessionellen Form, in die sie in ihrer großen Mehrzahl gehüllt sind. Wie soll sich der jüdische Nationalismus zu diesem Problem stellen? Für uns ist die Konfession weder das Wesen des Judentums noch ein Deckmantel der Nationslosigkeit. Sie ist aber auch keine für die Gesamtheit indifferente j,Privatsache“. Indem wir in der Konfession für das gesamte heutige Judentum die bedeutsamsten Symbole des äußeren nationalen Abgrenzung von 'der Umgebung erblicken, müssen wir den Austritt aus derselben, die Taufe als nationalen Verrat brandmarken und bekämpfen. Denn die Wand, die die Ueberläufer heute zwischen sich und der jüdischen Konfession errichten, ist im Grunde nur ein Schirm, der die viel fundamentalere Wand verstellen soll, die sie zwischen sich und der jüdischen Nation errichten. Gewiß ist die Konfession eine veraltete archaische Form, die aber gegebenenfalls einen ewig-jungen .Inhalt beherbergt, einen Inhalt, der nun um eine neue ihm kongeniale Form ringt. Wir sind — innerlich — aus den Kinderschuhen herausgewachsen, doch müssen wir so lange in denselben stecken, bis wir unsere Meilenstiefel fertiggestellt haben. Als ideologisches System aber müssen wir den ‘konfessionellen Traditionalismus, als „inneren Feind“ schonungslos bekämpfen. Der jüdische A n t i k 1 e r i k a 1 i s m u s ist historisch nicht minder berechtigt und hat nicht minder bedeutende Aufgaben vor sich, als der Antiklerikalismus der bodenständigen Nationen. Doch wäre eine volle Analogie hier gänzlich deplaziert. Weder ist bei uns der Feind derselbe, noch ist der Kampfplatz der gleiche, wie dort. Wenn man die Bedeutung der jüdischen Konfession im historischen Konservierungsprozeß der jüdischen Nation innerhalb einer fremden und feindlichen Welt richtig eingeschätzt hat, wird man leicht zur Einsicht gelangen, daß man sich hier mit einer simplen Negation, mit einem •bloßen „Anti“ nicht begnügen kann. — Andererseits aber muß es doch als unverzeihliche Leichtgläubigkeit bezeichnet werden, wenn man bei uns fast allgemein die irabbinistische Behauptung akzeptiert, die Konfession sei das einzige Heil gewesen, das unser Volk vom historischen Untergange bewahrt hat. Nicht die Konfession, sondern unsere eminent i n t e 1 - lektualistische Veranlagung war es, die unseren Platz und unsere Rolle in der Kulturgeschichte überhaupt bestimmt hat und die auch die zahlreichen Anpassungsformen geschaffen hat, die die Lebens- und Leistungsfähigkeit der Juden bei allen Völkern und zu allen Zeiten begründet haben. Der Intellektualismus ist es auch, der unseren historischen Wanderungs prozeß, diesen bedeutsamsten sozialen Konservierungsfaktor in der jüdischen Geschichte, geistig belebte und förderte. Da bleibt, für die Konfession in Wahrheit ein sehr bescheidener Platz übrig. Sie ist eben nur eine der mannigfaltigen Aeußerungen unseres intellektualistischen Geistes. Der genannten Leichtgläubigkeit ist unter anderen auch S o m b a r t zum Opfer gefallen. Es liegt kein genügender Grund vor, die kapitalistische Befähigung und Betätigung der Juden, die in innigstem Zusammenhänge steht mit dem Wanderungsprozeß, rein spiritualistisch zu einem bedeutenden Teil auf die jüdische Religion zurückzuführen. Aus den Sombartschen Ausführungen selbst kann man leicht ersehen, daß die Quintessenz wie des Judaismus so auch des Kapitalismus sich vom rassenmäßig verankerten geistigen Habitus der Juden ableiten läßt. Die Konfession soll unser einziger nationserhaltende Faktor sein? Hat denn die Geschichte dec neuesten j ü dis c h nationalen Bewegung nicht zur Genüge bewiesen, daß cs gerade die Assimilation ist, die sich — besonders im Westen — mit Vorliebe in die konfessionelle Toga hüll t,*) während die Träger unseres nationalen Freiheitsgedankens — wenigstens ihr bester Teil — gänzlich frei sind vom rabbinistischen Traditionalismus! — * Ich sagte, daß eine volle Analogie zwischen dem allgemein-europäischen und jüdischen Antiklerikalismus gänzlich verfehlt wäre. Eine kurze Parallele wird uns den Unterschied hell beleuchten. Die Macht des europäischen Klerikalismus beruht bekanntlich einerseits auf der kräftigen und allseitigen Stütze, die er in den meisten Ländern von Seiten der staatlichen Gewalt genießt, andererseits — auf dem niedrigen geistigen Niveau der Volksmassen. Mit der Demokratisierung des Staatslebens und mit der Einbeziehung der Volksmassen in den Kreis der modernen Kulturwerte werden die Kirche und die Geistlichkeit fast automatisch in den Hintergrund des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens geschoben. Alle Elemente der Nation — die oberen und niederen Schichten — wachsen gewissermaßen organisch und gemeinsam, wenn auch in verschiedenem Tempo, in eine und dieselbe weltliche Kultur hinein. Deshalb besteht die Hauptaufgabe des allgemeinen Antiklerikalismus in der möglichen Beschleunigung des bereits im Leben vor sich gehenden Prozesses und in der rechtlichen Eliminierung der Konfession aus dem staatlichen und bürgerlichen Leben. Paßt dieses Bild auch auf unsere Verhältnisse? — Die staatlich-politische Basis und Förderung fehlt unserem „Klerikalismus“ gänzlich. Auch bildet nicht der Mangel aus geistiger Entwicklung seinen Nährboden bei uns, sondern im Gegenteil vielmehr die dank den ungesunden Diasporaverhältnissen hvpertrophierte Geistigkeit; die Notwendigkeit bei Abwesenheit von staatlich-politischen und objektivierten kulturellen Einigungs- und Koordinierungsfaktoren, sich um geistige und spiritualistische Momente zu scharen. Andererseits finden wir bei uns auch kein einheitlich-organisches Hineinwachsen aller Schichten und Elemente des Judentums in eine gemeinsame weltlich-nationale Kultur. Wir können hier vielmehr eine entgegengesetzte Tendenz konstatieren — eine bedeutende Divergenz der kulturellen Entwicklungslinien innerhalb des heutigen Judentums. Einerseits werden unsere oberen Schichten, die Intelligenz, mit ihrem geistigen Wüchse größtenteils der weltlichen Kultur der fremdnationalen LJmgebung zugeführt, auch wenn sie dem jüdischen Nationalismus huldigen, der ihnen leider mehr Prinzipals Lebenssache ist. Und da bleibt diesen Schichten in den meisten Fällen — sofern sie das Band mit dem Judentume nicht gänzlich reißen wollen — die „mosaische Konfession“, als die einzige objektivste Form des Jüdischen, an die sie sich klammern. — Dagegen beginnen die unteren Schichten mit ihrem kulturellen Aufschwünge eine eigene weltliche Volkskultur zu schaffen, die allerdings noch äußerst arm ist und die fast ausschließlich die rein geistige Form der Kunst — insbesondere aber der belletristischen und publizistischen Literatur — annimmt. Diese Anfänge einer national-jüdischen Kultur können selbstredend unmöglich die geistigen Bedürfnisse und Ansprüche der jüdischen Intelligenz — selbst der nationalen — befriedigen. Das organisch-kulturelle Zusammenwachsen ist hier unmöglich, solange die naturnotwendige Grundlage für die Schaffung und Entwicklung einer a 11 s e i t i g e n weltlich-jüdischen Kultur, die einerseits sämtliche Sphären des Volks- *) Eine prägnante Illustration aus jüngsten Tagen: Der Held von Drohobycz, der Polenjude v. Löwenstein — in der Rolle des Verfechters der Synagoge, beantragt ihre amtliche Vertretung im Landtag. . . . lebens — von den technisch-materiellen bis zu den abstrakt ideologischen — sowie andererseits sämtliche Schichten des Volkes umfassen soll. Durch irgend ein ideologisches Palliativmittel — sei es auch eine gemeinsame »Sprache — können die genannten Konflikte und Divergenzen unmöglich überwunden werden. (Ein Schlußartikel folgt.) Kulfussfeuep-Ephöhnng. Dieser Tage wurde die — für das heuer begonnene Triennium erfolgte — Neubemessung der Kultussteuer durch die Steuervorschreibung an die einzelnen Wiener Zensiten verlautbart. Die Neubemessung war fast durchwegs eine radikale Höherbemessung. Um diese bittere Pille zu versüßen, fst der Steuervorschreibung ein die Erhöhung begründendes Zirkular beigelegt, dessen Argumente ebenso schwach sind als sein Stil. Die Ansprüche für Kultus und Unterricht seien im Wachsen. Dann wörtlich: „In der allgemeinen Zunahme der jüdischen Bevölkerung Wiens ist weitaus größer die Verhältniszahl unserer auf die Hilfe der Kultusgemeinde angewiesenen Glaubensgenossen.“ . . . „Von den großen Aufgaben der Gemeinde aus jüngster Zeit und in nächster Zukunft sei nur der Anlage des mit einem Kostenaufwand von annähernd zwei Millionen Kronen neu zu errichtenden jüdischen Friedhofes, für den bisher, innerhalb fast Jahresfrist, die höchst einfache Baulinienbestimmung nicht zu erreichen ist“, des Baues eines Amtshauses und sonstiger unabweisbarer Wünsche gedacht. Die Teuerung erfordere Zuschüsse für die Wohlfahrtsanstalten und Beamtengehalte. „Und endlich müssen wir offen und frei des Umstandes gedenken, daß die uns obliegenden Lasten uns infolge der bekannten Zeitverhältnisse erschwert und erhöht werden“. Falls das eine Anspielung auf das in Wien und Oesterreich herrschende, uns Juden überall brutal schädigende antisemitische System sein soll, dann ist diese Aeußerung des löblichen israelitischen Kultusvorstandes gerade so offen und frei, so männlich und mustergiltig als jene Kondolenz nach Luegers Tod!! Das Steigen der Bedürfnisse zugegeben, müßte eine vernünftig geleitete. Gemeindever-' waltung die am meisten ins Gewicht fallende Ausgabe, nämlich jene für den neuen Friedhof, nicht seit Jahrzehnten klar voraussehen und hiefür durch Anlage von Reserven Vorsorge treffen? Hat ferner der Kultusvorstand schon jene mächtige Steuerquelle erschlossen, welche ihm durch Herabsetzung des Steuerminimums unter 20 K, nicht nur nach der Ueberzeugung der zionistischen Opposition, sondern auch-nach der des Finanzreferenten Max Frank bereitliegt? Dreimal nein, lieber soll das immer wieder feierlich verpfändete Wort der Kultusvorsteher gebrochen werden, denn die mit der Vorbereitung der Steuerbasis unabweislich verbundene Erweiterung des Kreises der Wahlberechtigten verträgt und duldet der Gemeindepascha Doktor Stern nicht. „Fällt ihm nicht ein!“ Hat der löbliche Kultusvorstand auch die Steuer für die Mitglieder des Hauses Rothschild erhöht? Wenn dies nach dem derzeit geltenden Statut, welches nur eine Steuer von höchstens 12.000 K per Zensit zuläßt, nicht angeht, hat er die seit Jahren von der Opposition auch diesbezüglich urgierte unabweisliche Statutenänderung durchgeführt? Dreimal nein, denn die Rothschilds dürfen nicht gereizt werden, sonst ließen sie sich am Ende taufen. . . . Und die anderen Steuerträger können gereizt werden? Dr. Stern antwortet ironisch lächelnd, sie sollen sogar gereizt werden, denn wenn sie die erhöhte Steuer nicht prompt bezahlen, dann wird bei der heurigen Kultuswahl zum dritten Male der patente § 2 der Statuten angewandt und die Unzufriedenen werden das Wahlrecht verlieren. So wird der Giftzahn der Opposition schmerzlos für Dr. Stern extrahiert, der sich heuer nach sechs Jahren wieder zur Wahl stellen muß. Im Wahlgang 1Q05 rutschte das geliebte Gemeindeoberhaupt mit 35 Stimmen über die absolute Mehrheit noch knappdurch, dank der Struererliöhung ab.r

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