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Jüdische Zeitung · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 2 Briefe aus dem ruffiiäen Ghetto. von Maxim A n i n. I. Säkularisaton der jüdischen Kultur. Man hat im Westen eine Formel geprägt: „Ost und West“. Zweifellos hat sie viel zur Klärung der Verhältnisse im heutigen Judentum beigetragen. Nun droht aber diese Formel immer mehr in eine tötende Schablone auszuarten. Soll die Gegenüberstellung von Ost und West auch heute ihre Berechtigung bewahren, so dürfen diese Begriffe jedenfalls nicht in rein geographischem, sondern vielmehr im sozial-kulturellen Sinne aufgefaßt werden. Der „Westen“, das sind unsere „oberen Zehntausend“, die aus dem Ghetto sozial und kulturell hinausgewachsen sind oder jedenfalls hinauszukommen streben. Das Gros des Judentums, das vom äußeren sozialen und politischen Druck und von inneren gemeinsamen Kulturmomenten zusammengehalten wird, bildet den „Osten“. In diesem Sinne steht auch vor dem russischen Judentum schon heute, wo alle seine Elemente von'einem eisernen Ringe umklammert sind, das Problem „Ost und West“ in seiner ganzen Schärfe. Wir wollen hier dieses Problem nur in seiner Beziehung zur stets aktuellen Streitfrage „Nationalität und Konfession“*) kurz betrachten. Die Zwitterhaftigkeit des — geographischen — Westens ist ja in dieser Beziehung allbekannt. Das nach außen zu 'den Wirtsvölkern gerichtete Janusantlitz ist kriegerisch-antiklerikal — in Bezug auf das Christentum — und draufgängerisch-nationalistisch, ja nicht seiten chauvinistisch in weltlich-politischen Dingen. Dagegen ist das nach innen zugewandte Sabbathantlitz — salbungsvolI-„religiös“ (mosa'isch) in der Synagoge und feig-nationsscheu, ja nicht selten wütend-antinational in weltlich-jüdischen Dingen. (Die Wiener Allianz: Ihre Beziehung zum Sabbath und zu den jüdischen Emigranten!!) •Diese „Religiosität“! . . . Wurde dieser Begriff je so profaniert, wie von dieser personifizierten Skepsis, die jedes positiv-unmittelbaren Natur- und Weltempfindens bar ist? *) Konfession als Institution, die auf gewissen äußeren Erscheinungsformen basiert: Synagoge, Kultus, Ritus und eine gewisse gesellschaftliche Gruppe mit einer spezifischen Ideologie zum Träger hat — den Rabbinismus. Die Frage der jüdischen Religion in ihrer Gesamtheit entfällt dem Rahmen unserer Betrachtung^ Kleines Eeuilelton. Die anatolischen Juden. Der Großrabbiner der Türkei erhielt dieser Tage von der Judengemeinde in Bas Kaie in Anato'ien einen interessanten Brief. Die Juden dieser Gegend sprechen eine eigenartige Sprache, deren Existenz bisher kaum bekannt war. Es ist ein Gemisch von Chaldäisch und Persisch und es scheint, daß die Juden dort die hebräische Sprache gar nicht kennen. In dem Briefe bitten die Juden von Chacham Baschi, er möge ihnen eine Elementarschule errichten und wenn dies nicht möglich wäre, ihnen zumindest einen Lehrer senden, der die Fähigkeit besitzt, Unterricht in der türkischen und hebräischen Sprache zu erteilen, da sie das Verlangen haben, die offizielle Sprache des Landes erlernen und unsere heilige Lehre im Urtexte lesen zu können. Die Judengemeinde In Saloniki. Schon in den Briefen des Apostel Paulus wird erwähnt, daß bereits im 2. Jahrhundert der christlichen Aera in Saloniki eine zahlreiche Judengemeinde bestanden habe. Im 15. Jahrhundert ließen sich wieder zahlreiche Juden aus Norddeutschland, Ungarn und Foen in Saloniki nieder. Die stärkste jüdische Einwanderung erfolgte jedoch nach 1492, dem Zeitpunkte der Vertreibung der Juden aus Spanien. Gegen Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunde ds fiedelten sich ungefähr zwanzigtausend juden in Saloniki ah. Sie bildeten scchsunddreißig verschiedene Gruppen. Zwei Gruppen Diese hier skizzierte „Zweieinheit“ ist aber keineswegs das privilegium odiosum des Westens. Unser Osten steht ihm heute in dieser Beziehung wenig nach. Und mit dem Gegensatz der wahren' Religiosität und Irreligiosität hat diese „Zweieinheit“ auch hier nichts gemeinsam. Sie ist vielmehr unzertrennbar verknüpft mit dem Gegensatz des Glaubens in die freie n a t i o - nalc Zukunft des Judentums und der verzagenden Bejahung seines Vegetlerens und Unterganges in der Diaspora. Denn wer mit dem Golus paktiert, der muß eo ipso auch die Konfession, als das gegenwärtig einzige gemeinsame Abgrenzungsmerkmal nach außen anerkennen. Deshalb müssen sich alle unsere Golusnationalisten, auch die radikalsten und antiklerikalsten, gemeinsam mit den „Russen, Polen, Deutschen usw. mosaischer Konfession“ früher oder später in den morschen Wänden der Synagoge Zusammentreffen, es sei denn, daß sie die Kirche oder der Eistempel des Moloch „Ratio“ vereinigen wird. — Es zeigt sich hier mit besonderer Klarheit, daß der Unterschied zwischen dem Goluspatriotismus und dem assimilatorischen Traditiona'ismus mehr phraseologischer als wesentlicher Natur ist. Beide bauen auf demselben unterhöhlten Boden, beide muß derselbe Abgrund verschlingen. . . . Gewiß war die Konfession einer der stärksten Schutzwälle des Golusjudentums. Ist sie es aber heute noch? Wirdsie es morgen sein? Mit dem kulturellen Erwachen des Juden muß und wird das einigende Band der „Jüdischkeit“ immer lockerer werden. Welch einen objektivzementierenden Faktor kann die Diaspora an Stelle der Synagoge erzeugen? . Die historische Berechtigung und Möglichkeit der radikalen Bekämpfung des konfessionellen Traditionalismus kann .nur jenen zuerkannt werden, die das Judentum aus der altgeheiligten Synagoge in ein neues, sozial und national freies Heim hinleiten wollen. Nur hier ist die zerstörende Tat gleichzeitig eine schaffende. . . . Für unseren „Westen“ ist die Konfession der einzige Stützpunkt seines Judentums oder gar •— dynamisch betrachtet — eine Narkose, die ihm die Wehen des Ueberganges in ein „besseres“ — will sagen fremdnationales Jenseits lindern soll. — Und zu diesem einheimischen Westen wir mit unserer Kritik der Konfession und der Diaspora, als sich beiderseitig bedingender und in vielen Beziehungen sich gegenseitig fördernder Faktoren . . . von Juden hatten die spanischen Flüchtlinge bereits in Saloniki vorgefunden; die Aschkenasim und die Italiener. Rabbi Jakob Ben Habib de Zamora erzählt in seinem historischen Werke, daß er in Saloniki eine Anzahl hervorragender Rabbiner vorgefunden habe. Die italienischen Juden besaßen hier zwei Synagogen und zwar eine der sizilianischen und eine der Juden von Puiia. Der Rabbiner cjer italienischen Judengemeinde hieß Samuel Franko. Der größte Teil der aus dem Lande des katholischen Ferdinand und Isabella geflüchteten Juden war auf der Suche nach einem Zufluchts!and und wendete sich an Bayazet I. und bat ihn um seine Gastfreundschaft. Der Sultan gewährte sie ihnen mn Vergnügen, denn er war froh, neue Untertanen zu gewinnen, sie durch das Band der Dankbarkeit an seine Krone zu binden und überdies Saloniki, das damals noch sehr schwach bevölkert war, durch eine Anzahl tätiger und ergebener Elemente zu bevölkern. Bezeichnend für diesen Sultan ist der verbürgte Ausruf, den er vor seinem Hofstaate gemacht hat. Man sagt: „Ferdinand sei ein weiser König. Wie kann das möglich sein, wenn er sein Land verarmen läßt, um das meinige zu bereichern!“ Bayazet trug seinen Gouverneuren auf, die Juden entgegenkommend autzunehmen und ihnen die Ansiedlung zu erleichtern. Diejenigen, we'che die juden unterdrückten oder ihnen ein Leid zufügten, wurden strenge bestraft. Rabbi Caspar! erwirkte vom Sultan große Vergünstigungen für seine Glaubensbrüder. Die Juden, die sich in Saloniki ansiedelten, waren so zahlreich, daß die übrigen Elemente schließ'icn in Was Wunder, daß unsere kritische' Stimme einen -Sturm der „moralischen und religiösen Entrüstung“ erzeugt! Verrat! Frevel! Selbstmord! Haß! Leidet unser Volk wenig von seinen äußeren Feinden? Ist denn kein Funke von Liebe zu ihm in euren steinernen Herzen? — So rufen sie entrüstet, unsere Verständnisvollen und Mitleidsreichen, die das geplagte Volk gegen uns, den „inneren Feind“ in Schütz nehmen. . . , Nun lasset euch sagen, was wir von eurer „Liebe“ halten. Eure „Liebe“ ist — unser Haß. Diese geheuchelte, bestenfalls impotente „Liebe", blind wie die Nachteule im Sonnenschein, feig wie die Sklavenseele in Ketten, ohne Stolz der Vergangenheit, ohne Verantwortungsqual für die Zukunft! . - Ist es denn nicht die Maske eurer eigenen Armut, die Furcht, in die eigene Seele ZU schaden Und dort die gähnende Leere zu erblicken, die Leere, die nicht zu hassen vermag, weil sie keiner wahren tätigen Liehe fähig ist? . . . Wenn Wir Worte der Erbitterung, des Hasses und der Verdammung im Munde führen, so geschieht das nur Weil wir im Herzen den tiefsten Kummer über das Völks- Ieid empfinden. Haben etwa auch unsere Propheten das Volk gehaßt und dem Verfalle zugetrieben? Oder haben ihre Stimmen nicht schroff und niederschmetternd genug geklungen, den faulen Zeitgeist, das Morsche im Volke verdammend? Wie sollte es auch-anders sein? Die zwecksetzende Liebe mit offenem Auge muß die Unzulänglichkeiten der ‘i, Gegenwart schonungslos bekämpfen. Schopenhaiigraind Nietzsche — den Deutschen, Herzen ü^d>.^Baküninw — den Russen gegenüber. Sie mufften:^iple-'aus Litbe zu ihrem Volke mit feurigem Hasse die Schwächen ihrer Volksgenossen brandmarken. Julius Jl/le in [ üd’.i Hintergrund traten. Der Dichter Samuel Asguf nennt Saloniki: „die Mütter Israels“, weif es den verfolgten Juden Schutz und Obdach gewährte. Die kastilianische Sprache wirde beibehalten, jedoch allmählich verderbt im Gebrauche und durch die Sprachen, die die Juden hier von ihrer Umgebung täglich hörten. Die spanischen Juden lebten in ihrer neuen Heimat sehr glücklich. Sie luden ihre Verwandten, die sicn aut 'der Flucht in andere Länder nach Frankreich und Italien ' gewandt hatten, ein, gleichfalls nach Saloniki zu kommen. Don Juda Senor Bombanesta, der Sohn eines spanischen Finanzministers, dem es gelungen war, -einen großen Teil seines Vermögens zu retten, ließ sich ebenfalls in Saloniki nieder und gründete daselbst eine große Bibliothek, die er den Studierenden zur Verfügung stellte. Man nahm das Talmudstudium wieder aut, gründete eine Hochschule, in welcher rabbinische Wissenschaft und Astronomie gelehrt wurde. Der wirtschaftliche Wohlstand stellte sich allmählich wieder ein, dank dem Unternehmungsgeiste der Juden und Beziehungen,, welche diese mit ihren Glaubensbrüdern in aßen Ländern unterhielten. Der Fiskus fand in dieser Tätigkeit eine wichtige Quelle neuer, reichlicher -Einnahmen. Die Juden haben ihre Sitten erhalten. Sie haben ihren Kult in der alten Ursprünglichkeit bis auf die heutige Zeit überliefert. Sie waren sehr fromm und wirtschafti£h. Allmählich verbanden sich die einzelnen .Gruppen miteinander und waren für ihre Umgebung ein Gegenstand der Bewunderung und des Neides.

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