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Jüdische Zeitung · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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B3SS -judi5i:he5 asm ggg JUDBCHE ZEmiNO ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße ' Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ™ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. * ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. . ■ Nr. 2 Wien, Freitag, den 12. Jänner 1912 VI. Jahrgang Zionisten! Der X. Kongreß hat allen unseren Gesinnungsgenossen dringend empfohlen, „die Leitung durch freiwillige Jahresbeiträge zu unterstützen“. Er hat die bestimmte Erwartung ausgesprochen, daß überall nicht nur die zionistischen Organisationen, sondern auch jeder einzelne Zionist eine energische Agitation für diese Jahresbeiträge entfalten wird. Bei diesem Beschluß sollte es sich nicht um eine einmalige Maßregel handeln, nicht darum, augenblicklichen Finanznöten ein Ende zu machen; vielmehr hatte sich schon seit Tanger Zeit die unabweisbare Notwendigkeit ergeben, eine Einnahmequelle zu schaffen, die für alle Zeit den Arbeiten der Zentralleitung eine sichere und ausreichende finanzielle Grundlage gewährleistet. Schon in der Aktions-Komiteesitzung vom 22. bis 24. November. 1910 war beschlossen vworden:- _vUnter Beibehaltung des Schekels als obligatorischer Leistung, mit der das Kony•'j*reßWaliTrecht verbunden ist, einen Zentralfonds zur Befriedigung der Bedürfnisse der Organi- 'Sätion ^zu bilden.“ 'In 5er darauffolgenden Sitzung des Aktionskomitees vom 27. bis 28. April 1911 wurde fieser Beschluß in folgender Fassung wiederholt: „Zur Deckung der Ausgaben hat ' . i’ddenJjförist außer dem Schekel einen jährlichen Beitrag zu entrichten; das Aktionskomitee er- ' $(ir eine Pflicht der Landesorganisationen, die Sammlungen sofort einzuleiten.“ ‘‘•»fcAvVjV^Sodärin wurde zwecks Prüfung verschiedenartiger, die Finanzfrage behandelnder ProjSJfteV'und Anregungen, eine Finanzkommission eingesetzt, die nach gründlicher Erörterung sämtlicher Vorschläge folgende Resolution angenommen hat: „Dieser Vorschlag (die __ Schaffung eines Zentralfonds) erscheint als der .geeignetste Weg, den Geldbedarf _ des Aktionskomitees zu decken, weil ein derartiger Fonds die Möglichkeit bietet, dem Aktionskomitee dauernde und regelmäßige Einnahmen zu schaffen.“ ln Ausführung dieser mehrfach wiederholten Beschlüsse haben wir jetzt die Arbeit für die Schaffung eines Zentralfonds eingeleitet. Wir sind der Ansicht, daß es in diesem Augenblick keine wichtigere Aufgabe für unsere Organisation gibt. Wirerwarten daher von der Opferwilligkeit und dem Pflichtbewußtsein jedes Gesinnungsgenossen hingebungsvolle Arbeit bei dieser neuen Sammeltätigkeit. Zionisten! Das Herumgehen mit dem Klingelbeutel ist gewiß immer eine peinliche und wenig würdige Beschäftigung -gewesen, fürdie jede zionistische Leitung Zeit und Energie hat aufwenden müssen. Sicherlich möchten auch wir uns lieber ausschließlich mit den größeren Fragen beschäftigen, deren Lösung unsere eigentliche Aufgabe darstellt. Aber diese Aufgabe erfordert erhebliche Geldmittel. Wir haben eine Reihe von Kongreßbeschlüssen durchzuführen; wir haben vieles auszubauen und’ vieles neu zu schaffen. Zu der - Aufklärungsarbeit im Orient, die mehr nach außen gerichtet ist, und die wir unaufhörlich durch energisches zielbewußtes Vorgehen zu fördern bestrebt sind, tritt heute die Kulturarbeit, die uns die Führung des palästinensischen’ und orientalischen Judentums sichern soll. Wir dürfen uns nicht mehr der Sorge um die Pflege der höchsten Güter unseres Volkes mit der tröstlichen Hoffnung entschtagen, daß die Dinge sich von selbst entwickeln werden. Der X. Kongreß hat mit voller Klarheit erkannt, das nur durch allseitige planvolle Tätigkeit der Zionismus einen erneuten Aufschwung erfahren und! im Orient den längst ersehnten, ihm gebührenden Einfluß auf die nationale Erziehung und Entwicklung erlangen kann. Mit diesem Programm und unter diesen Voraussetzungen haben wir die Arbeit übernommen. Damit sie sich zuverlässig, dauerhaft und fruchtbringend gestaltet, benötigen wir eine sichere finanzielle Basis. Denn der Mangel an Mitteln erstickt jedes Projekt im Keime. Der Zionismus muß aber im Bewußtsein seiner Kraft und seines Wertes jeden Tag zu neuer Arbeit bereit sein können. Die Arbeitsmöglichkeit muß stets durch unsere Organisation garantiert sein, denn wer den Zweck will, muß auch die Mittel zu dem Zweck gewähren. Aus der Envägung, daß wir unsere Fonds und Institutionen nicht schmälern sollen, ist die Besteuerung derselben vom Kongreß abgelehnt worden. Bis auf einen dem Aktionskomitee vom Jewish Colonial Trust vorgestreckten Betrag, der für kurze Zeit zur Deckung unserer laufenden Ausgaben bestimmt ist, und dessen Rückzahlung von vermögenden Gesmnungsgenossen garantiert wurde, wird daher eine Inanspruchnahme unserer Finanzinstitution nicht erfolgen. Wir haben aber die Verpflichtung übernommen, für die Bereicherung und die Ausgestaltung all dieser Institutionen zu arbeiten, denn alles was auf dem Gebiete der Organisation und der Propaganda von unserer Zentralstelle aus geleistet wird, kommt diesen Institutionen zugute. Zionisten! Wir wollen uns würdig erweisen des Vertrauens, das uns der Kongreß geschenkt hat, sowie des Fortschrittes unserer Idee, den wir konstatieren können. Wir wissen aber, daß für die Ausführung der Kongreßbeschlüsse und die weitere Ausgestaltung unserer Tätigkeit die Schaffung eines Zentralfonds unerläßliche Voraussetzung ist. In dieser Erkenntnis begründen wir den ZIONISTISCHEN ZENTRALFONDS und fordern sämtliche Landesorganisationen, Föderationen, Ortsgruppen und einzelne Gesinnungsgenossen auf, mit allen Kräften die Agitation für den Zionistischen Zentralfonds einzuleiten. Das Aktionskomitee. JÜDISCHES VOLKSHEIM II., Stefaniestraße 12. ■ --r-7- Volkstümliche Vorträge hn Jüdischen Volksneime. Der Verwaltungsausschuß wird an allen Scnntagnachmittagen der Saison volkstümlich gehaltene Vorträge wissenschaftlichen und künstlerischen Inhaltes, denen Kunstproduktionen (Gesang, Rezitation, Instrumentalmusik etc.) angeschiossen werden, veranstalten. Sonntag, den 14. Jänner spricht Herr Dr. Plaschkes über „Rechtsfragen des Alltages“. Beginn halb 5 Uhr nachmittags. JÜDISCHE LESEHALLE Wien, II., Stefaniestraße 12. Die Lesehalle des ^Jüdischen Volksheimes“ ist bereits eröffnet. Es liegen sämtliche jüdische Zeitungen des In- und Auslandes, sowie eine Reihe von Tagblättern und Zeitschriften auf. Die Lesehalle ist für jederman frei zugänglich. Lesestunden: Von 10 bis l Uhr, von 3 bis 7 Uhr. Sonntag nachmittags wegen der stattfindenden Volksvorträge geschlossen. Die Junisiegee. Das freisinnige Wien rüstet bereits für die Wahlen in den Gemeinderat. Die Niederlage, welche die Christlichsozialen bei den Reichsratswahlen im Juni erlitten haben, soll vervollständigt werden, auch aus dem Gemeinderate müssen sie hinaus. So lautet die freisinnige Parole! An sich eine sehr schöne Sache. Aber die Parole ist nur eine halbe. Die Christlichsozialen hinaus! Einverstanden! Aber wer soll hinein? Diese Frage, welche rherkwürdigerweise nirgends erörtert wird, muß doch auch beantwortet werden. Ganz speziell wir Juden müssen auf die Beantwortung dringen, denn es ist uns noch von den Reichsratswahlen' her in Erinnerung, welch sonderbares Gelichter uns damals auf Grund des Schlagwortes „Gegen die Christlichsoziaien!“ um unsere Stimmen gebeten hat. Die Erzantisemiten Pollauf, Waber wurden uns präsentiert. Sogar den berüchtigten Weidenhoffer, den Verfechter der Schmidtschen Resolution, hat die „Neue Freie Presse“ ihren jüdischen Lesern aufs wärmste empfohlen, die Taufjuden des Deutschen Nationalverbandes selbstverständlich. Soll sich dieses Schauspiel bei den Gemeinderatswahlen wiederholen? Sollen wieder die jüdischen Wähler dazu mißbraucht werden, statt des klerikalen Antisemiten den noch gefährlicheren Rassenantisemiten, statt des christlichsozialen den ebenso verbohrten deutschnationalen Reaktionär zu wählen? Einzelne Symptome sprechen dafür. So agitieren bereits im siebenten Bezirke die Funktionäre des dortigen „Deutschwirtschaftlichen Vereines“ bei den zahlreichen jüdischen Wählern dieses Wahlkreises und präsentieren eine „freisin - nige“ Liste, welche ganz merkwürdig zusammengesetzt ist. Wir finden darauf die Herren Dr. M e 1 z e r und Weidner. Dr. Melzer hat bei den Reichsratswahlen auf deutschnational-antisemitisches Programm kandidiert und Weidner ist ein Christlichsozialer reinsten Wassers, der wegen persönlicher Streitsachen aus der Partei ausgetreten ist und eine eigene antisemitische Gruppe um sich versammelt hat. Ueber Nacht wurden die Herren taxfrei zu „Liberalen“ ernannt. So sieht afso der „Freisinn“ aus, den die jüdischen Wähler herunterschlucken sollen! In anderen Bezirken sind ähnliche Fakten zu verzeichnen. Die jüdi- sehen Wähler müssen auf der Hut sein! Insbesondere müssen sie der bekannten Sorte liberaler jüdischer und getaufter Politiker auf die Finger sehen, welche um den Preis eines Mandates mit Vergnügen dem ersten besten Antisemiten jüdische Stimmen zuführen. Alles natürlich „Für den Freisinn!“ und „Gegen die Christlichsozialen!“

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