Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr i wohl bei den nächsten Kultuswahlen nicht mehr gegen die Kultuskliquc kämpfen werden, weil sie mit diesen 2Ö0 Kronen „gekauft“ sind. — Zur Beruhigung und Aufklärng diene folgendes: Der Zentralverein bezieht für (die Erhaltung ieines der jüdischen Oeffentlichkeit dienenden Institutes aus öffentlichen jüdischen Steuergeldern die genug kleine Unterstützung von 2C0 Kronen! Aus (öffentlichen jüdischen Geldern, wohlgemerkt, lieber Schreiber von -der „Neuen Nationalzeitung“! Nur eine demütige Schnorrerseele kann die Steuergelder der Judengemeinde Wien als Eigentum des Dr. Stern bezeichnen! Wir Zionisten haben diese unwürdige Auffassung immer energisch bekämpft und werden uns immer gegen sie verwahren und nie darauf verzichten für öffentliche jüdische Zwecke jüdische Gelder •zu beanspruchen, gleichgiltig ob Dr. Stern Kultuspräsident ist oder nicht. Daß wir uns auch nicht von der geringsten Dankespflicht gegen die Personen des Herrn Dr. Stern und der anderen Kultusräte beschwert fühlen, beweist auch ein anderer Umstand. Der Zentralverein bezieht diese Subvention schon einige Jahre und die Zionisten haben bekanntlich in dieser Zeit die schärfsten Wahlkämpfe gegen Dr. Stern und seinen Anhang geführt. Man kann ruhig annehmen, daß wohl auch der Kultusvorstand selbst, nie die naive Hoffnung gehegt hat, daß mit diesen 200 Kronen den bösen Zionisten das Maul gestopft sein wird. Die Herren haben eben die Subvention bewilligt, weil kein Grund zur Abweisung vorhanden war, weil eine jüdische Lesehalle eine wirklich gemeinnützige Einrichtung, ist. Der Herr Schreiber von der „Nationalzeitung“ muß wirklich aus einem sehr billigen Lande sein, da er glaubt, daß das Programm der Wiener Zionisten für zweihundert Kronen bar zu haben ist. Bemberger Brief. Von unserem Korrespondenten. Was hat die Landeskonferenz gebracht? Eine entschiedene Absage an die Vergangenheit. Einmütig verlangten alle Delegierten eine Aenderung der Taktik und des Inhaltes der sogenannten Landespolitik. Anstatt Wahlpolitik Real p'o- 1 i t i k;. anstatt der nur zu Wahlzeiten einsetzenden Agitationstätigkeit stetige Arbeit, besonders auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete, im Dienste der breiten Jüdischen Massen. In rein zionistischen Fragen wurde gleich wie auf dem westösterreichischen Parteitage "das vollständigste Einvernehmen mit der Berliner Zentralleitung festgestellt. Die überwiegende Mehrheit der zionistischen Weltorganisation ist einig in der Auffassung, daß die Erwerbung einer Heimstätte in Palästina sich nur auf dem Wege langsamer Entwicklung vollziehen kann. Hingegen wurde der Frage der gesamtösterreichischen Organisation keine Aufmerksamkeit geschenkt. Das muß man für eine Unterlassungssünde erklären. Denn es ist widersinnig, daß man zwischen den Juden eines Reiches eine den Grundprinzipien der jüdischen Weltanschauung widersprechende Scheidung duldet. Was unterscheidet denn in dieser Hinsicht die Mitglieder der Alliance von den der galizisch - zion. Organisation? Platonische Versicherungen von der Zusammengehörigkeit .aller Juden geben ja auch die Herren Narcisse Lewen und Salomon Reinadh ab! Mit ^Nachdruck muß es betont werden: es darf keine separaten jüdischen Provinzinteressen geben, die unbekümmert um die Meinung der übrigen Juden im Reiche sozusagen in eigener Regie erledigt werden. Es fällt niemandem ein, in Galizien oder in der Bukowina eine Wiener Hegemonie aufzurichten. Aber der Zustand, daß man sich’ auf einen Austausch von Glückwunschdepesch'eri zur Zeit von Parteitagen beschränkt, ist einfach beschämend. Wie soll die Vereinigung von Ost- und Westjuden Zustandekommen, wenn sich jede Provinz eine Kanone anschafft und sich selbständig macht. Auf dem westösterreichischen Parteitage ist leine die Wiedervereinigung wünschende Resolution einstimmig angenommen worden. Eine G egenäußer ungist auf der galizischen Landeskonferenz nicht erfolgt. Und doch wäre ein Zusammenschluß leicht möglich! Man muß sich nur an einen Tisch setzen und eine Verständigung wird erzielt werden. Das neue Zentralkomitee findet eine günstige Situation zur Arbeit. Der zionistische Gedanke ist in den Massen lebendig; die oft angesagte und herbeigewünschte -Renaissance des jüdischen Volkes vollzieht sich rapid im galizischen Judentum. Jede Arbeit wird hundertfältige iFrüchte tragen. Unvoreingenommen tritt die zionistische Oeffentlichkeit der neuen Leitung gegenüber. An ihr ist es, das Vertrauen durch Taten zu rechtfertigen. Die galizische Landtagswahlrefornl steht nunmehr wieder im Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Die polnischruthenischen Verhandlungen haben sich wieder zerschlagen .und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Landtag aufgelöst werden wird. Die jüdischen Forderungen haben leider keinen entsprechenden Vertreter. Allerdings .obliegt den Assimilanten im Landtage die Pflicht, die Interessen der Juden zu wahren, aber sie tun das nur widerwillig und in so unauffälliger,bescheidener “Weise, daß die Juden, wie immer, die Geprellten sein werden. Dr. Löwenstein verlangte im Wahlreformaussehusse —;ut aliquid fecisse videatur — daß den Kultuspräsidenten von Lemberg und Krakau Virilstimmen zuerkannt werden. Diese Forderung wurde jedoch abgelehnt, weil sie zu spät erhoben wurde. Die Herren Polen sind im Ausreden nicht verlegen. Ein Wunder, daß Löwenstein nicht einen Vermittlungsvorsdhlag gemacht hat, demzufolge ,ein katholischer iSchlachziz statutarisch zum Kultuspräsidenten gewählt werden müsse. Dann wäre seine Forderung gewiß rechtzeitig erhoben und berücksichtigt (worden. * * * Die allpolnischen Konnationalen der galizisohen (MosChkos haben wohl viele Juden in ihren Reihen, verzichten aber auf die Zugkraft antisemitischer Schlagworte nicht. Jede offizielle Statistik bietet ihnen Gelegenheit, sich mit den mosaischen „Brüdern“ zu beschäftigen und Jammertönne anzuschlagen, daß der „nationale Boden“ von den Juden angekauft, daß manche Berufe verjudet sind und dergl. mehr. In einer der letzten Nummern weint das ^Slowo polskie“ über das traurige Schicksal der Stadt Lemberg, deren Gründe' zum großen Teile Juden gehören. Nichtsdestoweniger sind Herr Feldstein, Dr. Tenner und — last not least — der Tarnopoler Abg. G a 11 stramme Mitglieder 'der allpolnischen Partei und verlangen, daß ihnen Juden Vertrauen entgegen bringen. Wahrlich es gibt nichts Ekelhafteres als jüdische Antisemiten und Antisemitengenossen! * * * Die Hilfsaktion zugunsten der galizischen Juden, welche von der Ica und dem Hilfsvereine der galizischen Juden gemeinsam mit einem aus Galizianern bestehenden Komitee unternommen werden soll, läßt lange auf sich warten. Ein sicheres Zeichen, daß auch diese kreisenden Berge eine Maus gebären werden, ist ein Artikel des S. v. Horowitz in Krakauer „Tug“ gewesen. Schmelke Horowitz weist in dem Artikel nach, daß der rhilantropische Geist, in dessen Zeichen die Organisation zur Einleitung der Aktion (an ihren Titeln sollt ihr sie erkennen) geboren wurde, kein großzügiges Hilfswerk zustande bringen könne. Er verlangt weiters mit Recht, daß die Aktion aus dem Innern des Volkes heraus hervorgehen müsse . Mit einem Wort: Schmelke Horowitz predigt Selbsthilfe. Diese Ansichten sind richtig. Aber mit Ratschlägen sind wir, galizischen Juden, bis zum Ueberfluß versehen! Was uns nottut sind Männer, Taten, Ehrlichkeit und echtes demokratisches Gefühl bei den Führern. Die besten Ansichten, von Schmelke Horowitz oder Dr. Löwenstein vorgetragen, nehmen sich wie Hohn auf die Massen aus, sind pfäffische Heuchelei, denn die größte Schuld an den traurigen Verhältnissen, an der Korrumpierung der Massen, an der Mißwirtschaft im Lande und in den Kultusgemeinden (die in erster Reihe berufen sind, helfend einzugreifen), tragen gerade Schmelke Horowitz und die ihm politisch und geistig zunächst Stehenden! PartebNachrichten. Mitteilungen des zion. Distriktskomitees für ' Innerösterreich.; Ordentlicher Innerösterr. Distriktstag. ' Laut §§ 6 und 7 berufen wir für Sonntag, den 2S. Jänner 1912, 9. Uhr vormittags, den ordentlichen innerösterr .Distriktstag ein. Ort der Tagung: Großer Saal, IX., Türkehstralie Nr. 9. Tagesordnung: 1. Bericht des abtretenden D.-K. 2. Aenderungen des^ Distriktsstatuts im Sinne des neuen Statuts für'die Landesorganisation Westösterreich. ‘ ’ 3. Neuwahlen. , 4. Budget. 5. Referate: a) III. W.-Oe. Zionistentag; b) Jüdischer Nationalfond; c) Palästinapropaganda. 6. Eventualia. Die Beratungen, die öffentlich sind, beginnen präzise 9 Uhr vormittags und werden am Nachmittage fortgesetzt. An denselben nehmen teil mit beratender Stimme (§ T3): a) Die Mitglieder des EAC.; b) die W.-Oe. Mitglieder des großen AC.; c) die Mitglieder des ZK. für W.-Oe.; d) die Mitglieder des i.-ö. D.-K. Mit beratender und beschließender Stimme (§ 8): a) Delegierte der dem Distrikt angehörenden Vereine, die ihrer Verpflichtung zur Entrichtung des Verbandsbeitrages entsprochen haben; b) der Präsident der W.-Oe. Landesorganisation oder dessen Stellvertreter; c) drei Mitglieder des l.-Oe . D.-K. Das Resultat der vorgenommenen Delegiertenwahlen ist bis spätestens Donnerstag, den 25. d. M., bekanntzugeben. Die beziehungsweisen Aenderungen des geltenden Distriktsstatuts werden in der nächsten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ .verlautbart. Für das Zionistische D.-K. Innerösterreich: Dr. I. H. Körner, Obmann. Generalversammlung dtes Zionistischen Zentralvereines. Laut § 11 der Vereinsstatuten berufen wir für Donnerstag, den 1. Februar 1912 die diesjährige ordentliche Generalversammlung des Zionistischen Zentralvereines ein. Ort: Großer Saal, Jüdisches Volksheim, II., Stefaniestraße 12. Beginn präzise S Uhr abends. Tagesordnung: 1. Referat: „Die Lösung der W.-Oe. Organisationsfrage.“ 2. Bericht des abtretenden Vereinsausschusses. 3. Neuwahlen. 4. Budget. - 5. Eventualia. Stimmberechtigt sind lediglich die ordentlichen Mitglieder des Vereines. Für den Ausschuß: Dr. I. H. Körner, Obmann.