Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 slawischen Länder, gezählt wurde; wenn wir also einen Vergleich mit den seit 1903 gesondert für Oesterreich ermittelten Zahlen ziehen wollen, müssen wir von den früheren die Gesamtmonarchie betreffenden Summen einen schätzungsweisen. Abzug machen, der nach der seitherigen Erfahrung etwa 12 Prozent beträgt. Darnach hat Oesterreich in den einander folgenden Zählperioden für den NF. und die ihm angegliederten Fonde, wie Oelbaumspende und Siedlungsgenossenschaft, im Monatsdurchschnitt aufgebracht: 1 060, 21 60, 3.2 0 0 und 3 73 0 K, dann im Jahre 1908 — hier beginnt die erste Jahreszählung, welche zugleich völlig in das neue Regime der LSSt. fiel — 4919 K, im Jahre 1909; 6626, 1 0.200 K, im Jahre 1910: 1 0.8 6 2 und heuer 10.18 3 K. Es hat sich demnach der Ertrag aus Oesterreich, um nur die markantesten Zeitpunkte hervorzuheben .— seit Schaffung der LSST. im September 1907 verdreifacht, seit Herzls Tod, der nach dem Verdikt .unserer Feinde den Zusammenbruch des Zionismus bedeuten sollte, zumindest versechsfacht und seit Ablauf der ersten Zählperiode Ende Juli 1903 gar verzehnfacht. Leider ist heuer unser Siegeslauf etwas ins Stocken geraten. Die NF.- und Oelbaumspenden sind wohl von 105.000 K im Vorjahre auf mindestens 110.000 K gestiegen, hingegen die Widmungen für die Siedlungsgenossenschaft von 25.000 K auf 12.000 K gesunken; ist. Die Erscheinung zwang uns, daraus zu deuten, daß die vom 9. Kongreß als Ziel gesetzte Minimalsumme von 100.000 Frs. schon Ende 1910 erreicht und überschritten war, womit diese Sammlung ihren offiziellen Abschluß fand. Da sie sich vornehmlich an Nichtzionisten gewandt hatte, konnte die freigewordene Kraft dem NF. nicht voll zugute kommen. Hingegen ist der Ausfall von 8000 K, d. h. die Mehreingänge für die PLDC. und das hebräische Gymnasium gewiß wettgemacht. In manchen Parteikreisen herrscht die Zwangsvorstellung, an dem mäßigeren Aufstieg sei die böse Innenpolitik schuld. Wenn sich überhaupt von einer Schuld in diesem Zusammenhang sprechen läßt, dann wird kein Gewissenhafter sein Urteil aus dem Ergebnis eines Jahres schöpfen, vielmehr wird er längere Zeitperioden überblicken und zum Vergleich die Ergebnisse jener zionistischen Landsmannschaften heranziehen müssen, welche die böse Innenpolitik nicht betreiben. Nun, in der einen Hinsicht haben Sie .die,Zjffern über die rapide stetige Entwicklung des NF.s in ,Öesterreich schon vernommen — eine. Entwicklung, welche durch die seit Herbst 190| ununterbrochen fortgesetzte Innenpolitik keineswegs beirrt worden ist; und was den Vergleich mit andern Ländern anlangt, stehen wir unerreicht da. Dort schwankt die Kurve in jähem Zickzack hinauf und hinab, bei uns gibt es nur ein Hinauf. So ist Oesterreich unter den wetteifernden Landmannschaften allmählich vom fünften Platz — mit Ueberflügelung Rumäniens, Englands samt Südafrika und Nordamerikas.— allmählich auf den zweiten Platz vorgerückt, den es seit '1908 festhält und heuer fast mit dem ersten Platz vertauscht hätte, wäre Rußland nicht im letzten fast keinem Boxkampf beiwohnen zu können, ohne jüdische Pugilisten zu treffen. Berühmt geworden ist in Amerika das Boxmatch Abe Atell mit Frankie Bums im Winter 1911. Abraham (Abe) Atell hatte einen Monat vorher in einem bösen Match sein linkes Schlüsselbein gebrochen; einen Monat später sahen wir ihn in Newyork gegen Burns mit kaum verheilten Knochen antreten. In der. sechsten Runde brach das Schlüsselbein wieder; sein linker Arm, der Hauptstoßarm im Boxen, hing schlaff herunter. Er gab niöht auf, obgleich Burns ihn, den Wehrlosen, furchtbar punchte, und Atell siegte noch durch zwei furchtbare Rechtshänder im neunten und zehnten Gang. Die Newyorker waren ob solchen Heroismus außer sich vor Bewunderung; die Zeitungen brachten spaltenlange Artikel. Joe Choinsky hatte eine Weltmeisterklasse und Jeffries sagte von ihm, daß er nie in seinem Leben härtere Stöße bekommen als in seinem Match mit Choinsky. Kid Hermann (ein Chicagoer jüdischer Boxer) focht ein unentschiedenes Match, obgleich er im ersten Gang seinen Unterkiefer gebrochen hatte. Kid Goodman (ein Bostoner jüdischer Boxer) war einer der besten Leichtgewichtsboxer der Welt. Joe Bernstein war der einzige Boxer, der den „furchtbaren“ Ferry Mc Govern in seinem Siegeszuge aufhalten konnte;'Harry Harrys (Chicago) war in seiner Zeit ein „Wunder“; eine Klasse für sich in seiner Gewichtsklasse.“ Moment durch die Halperinspende vor der Ueberflügelung bewahrt worden. Naturgemäß ist auch die Quote Oesterreichs am Weltertrag der NF.-Spenden aller Art unaufhörlich gestiegen von 4.31 Prozent der ersten Zählperiode auf 17.7 Prozent im Jahre 1910. Auch wenn wir die Leistungen der einzelnen Distrikte Westösterreichs vergleichen, ergibt sich kein Anhaltspunkt dafür, daß die Innenpolitik dem NF. schade. Um die distriktsweisen Daten über den Ertrag der NF.- und Oelbaumspenden aus den Jahren 190S—1911 zu vergleichen, stieg Böhmen von 7.500 auf 12.000 K, also um 60 Prozent, Mähren-Schlesien von 6.900 K auf 16.000 K, also um 132 Prozent und. Innerösterreich von 7.900 K auf 43.000 K, also um 444 Prozent. Um Ihr seeliches Gleichgewicht wieder herzustellen, will ich bei Innerösterreich die heuer bezahlten Raten der außerordentlichen Zuwendung K a h a n e per 28.000 K in Abzug bringen, obgleich dies nicht voll begründet ist, da Kahanes Leistung immerhin auch ein Ergebnis der Agitation darstellt. Darnach verbleibt eine Steigerung Innerösterreichs von 7.900 K auf 15.000 K, also um 90 Prozent, weniger als in Mähren-Schlesien, doch mehr als in Böhmen, das übrigens seinen Höhepunkt per 12.904 K anno 190S erreicht hatte, und seither, wenn auch nur um ein kleines, zurückgegangen ist. Wenn wir die anderen Spenden für zentrale zionistische Zwecke mit heranziehen, würde sich für Innerösterreich eine noch günstigere Entwicklung ergeben. Dies erscheint umso bedeutsamer, als die Arbeit in der Großstadt notorisch schwierig und undankbar und als es mit der Organisation dieser Arbeit in Wien schlecht bestellt ist; denn die bester. Kräfte sind von der LSST. für deren Zwecke voll beansprucht. Um nunmehr auf die einzelnen Sammelmittel einzugehen, stellen wir als das wichtigste und aussichtsreichste — gleich dem Hauptbureau — die Büchse obenan. Deshalb ließen wir es uns Zeit, Geld und Mühe nicht verdrießen, Anfang 1911 für die damals 13.000 in Oesterreich aktiven Büchsen eine ortschaftsweise geordnete 'Kartothek einzurichten, in .welcher jeder Büchse ihre biographische Karte gewidmet ist. Diese Kartohek verrät dem prüfenden Blick sofort jene Orte, welche die obligaten Leerungstermine zu Pessach und Sukkoth Cholhamond versäumt haben, und gibt so der LSSt. den Anstoß, den säumigen Ortskommissären mittels spezieller Mahnformulare, in die nur die Zahl der vernachlässigten Büchsen eingesetzt wird, ans Gewissen zu rühren. Demnächst erfolgt die zweite, verschärfte Auflage dieser Mahnungen. Da die schon vom 7. Kongreß eingeführte S e 1 b s t besteuerung sich nach dem bisherigen Minjan-Systein so gut wie als undurchführbar erwiesen hatte, gab unsere SSt. im Herbst 1910 die Parole aus: „Selbstbesteuerung durch die Büchse“. Jeder sollte 2 Heller täglich in seine Büchse steuern und der Büchseninkassant die Befolgung dieser Pflicht kontrollieren, indem er jeder Büchse die seit ihrer letzten Leerung entsprechende Summe abverlangt. Im Gegensatz zu den Büchsen ist der Eifer für die doch so sinnreiche Oelbaumspende etwas abgeflaut; wir werden es nämlich gegenüber dem Vorjahr mit 2400 Bäumen heuer nur auf 2200 bringen, womit allerdings das erste Zehntausend überschritten und ein veritabler Oelbaumwald von den Zionisten Oesterreichs gepflanzt erscheint. Die NF. -Marke ist bei uns noch nicht so eingebürgert, wie anderwärts, zumal in Nordamerika, und leider nicht so, wie es, abgesehen vom Ertrag, ihr propagandistischer Wert verdient. Drum immer wieder, jeder Zionist versehe seine Post mit NF.-Marken! Vielfachen Anregungen folgend, haben wir kürzlich nach dem Muster diverser nationaler Schutzvereine, sogenannte Kellnerzettel ediert, welche zwecks Preisaufschlages von 2 Hellern das Bild der Palästinamarke eingeprägt tragen, und in jüdischen Gasthäusern Verwendung finden sollen. Relativ befriedigend ist der Vertrieb der Telegrammblankette, deren heuer auch mit tschechischem Aufdruck, ediert wurden. Doch empfiehlt es sich, allgemein darauf hinzuwirken, daß schon die Brautleute auf ihren Trauungsanzeigen zur Benützung unserer Blankette auffordern. Unser Ausweisorgan ist nach wie vor die „Jüdische Zeitung“. Wohl haben sich einzelne Stimmen dagegen erhoben, daß der nationalpolitischen Richtung dieses Blattes das offizielle Gepräge der Partei gegeben werde. Wir sind indes dem Blatte unerschrocken treu geblieben, weniger aus Dankbarkeit dafür, daß es in unseren Anfängen mit schöner Uneigennützigkeit uns seine Spalten bereitgestellt hat, als - einfach > deshalb, weil wir dabei allein unsere Rechnung finden. Uebrigens wußten wir uns bei der „J. Ztg.“ zwei volle Seiten als Beiblatt zu sichern, das immerhin die Selbständigkeit des NF. zu symbolisieren vermag. Ueberhaupt hält unsere NFKomm. es für ihre Pflicht, sich offen als überzeugte Anhängerin einer straff z e n t r a 1 i s i e r t e n NF.- Verwaltung zu bekennen; denn nur durch die Konzentrierung der Mittel an einem Punkt ist ihre rationelle Verwertung ermöglicht. Der Dilettantismus freiwilliger Mitarbeiter — auch mich zähle ich hinzu — ist gut genug für die ersten Jahre aufflackernder Begeisterung. Nun hat der NF. schon die Schwelle des schaffenden Mannesalters erreicht und muß schauen, rasch aus allen seinen Fähigkeiten Kapital zu schlagen. In die Landeszentralen gehören darum kaufmännisch geschulte, gut besoldete Beamte, welche alle Chancen des wirtschaftlichen Lebens durch unsere weitverzweigte Organisation — an 500 Ortskommissäre in Oesterreich allein — tüchtig auszunützen wissen, zumindest wie der Deutsche Schulverein mit seinen Zündern, Ansichtskarten, Bleistiften, Briefpapier, Schuhcreme usf. Auch in das dornige Gebiet des Versicherungswesens haben wir uns gewagt, indem wir uns von einer renommierten Gesellschaft Provisionen für zugebrachte Geschäfte und andere Vorteile zusichern ließen. Es gilt, Erfahrungen für die so lange geplante jüdische Versicherungsanstalt zu sammeln. Immerhin haben wir auch schon einige Versicherungen vermittelt, darunter zwei ä 2000 und 1000 K zugunsten des NF. selbst. Wir erwarten mit unserem Versicherungsinspektor H. Karl Fischer, daß dies Beispiel zünden wird. W Diese tastenden Versuche würden durch ein wohldotiertes NF.-Bureau gewiß zu großen, ertragreichen Aktionen ausgestaltet und deshalb ist die LSSt. sehr gerne bereit, mit dem ZK. zwecks Einrichtung eines aktionsfähigen Bureaus.zu kooperieren. Bevor ich mein Referat schließe, will ich ehrend jenes Mannes gedenken, der durch einen munifizenten Leibrentenvertrag 100.000 Francs, einen Großteil seines in mühereichem Leben erworbenen Vermögens, dem NF. zugesichert hat, damit eine Kolonie im Ahnenlande gegründet werde, die seinen Namen trage: Bar u c h K a h a n e. Sie müssen wissen, daß er damit den Traum seines Lebens zur Ausführung bringt und daß er nun alles daran setzt, die zur Komplettierung noch fehlenden Raten flüssig zu machen. Gerade jetzt vor Jahresschluß ist der alte Mann, er zählt über 70, zu diesem Zwecke ins Ausland gereist, während seine Frau, auch eine brave Zionistin, schwerkrank im Spital darniederliegt. Kahane möchte sein Lebenswerk noch mit eigenen Augen sprossen sehen. Solcher Männer brauchten wir mehr, so anspruchslos und bescheiden daheim, so begeistert und/ opferfroh für ihr Volk. Hoher Parteitag! Ich erachte mich durch Sie ermächtigt, Herrn Kahane Ihren wärmsten Dank zu vermitteln. B. Kahane scheint sein Ziel schon erreicht zu haben — ein Beispiel zu geben. Denn im letzten Jahre war ich beständig in Atem gehalten, dem und jenen bei Errichtung von Testamenten zugunsten des NF. und unserer Palästina-Institute — überhaupt zu beraten. — Nun, über kurz oder lang müssen diese stillen Zuwendungen segenspendend in die Erscheinung treten. Nicht länger werden uns dann die Jubelrufe der Deutschen, der Tschechen und alle der anderen jungen Völker Oesterreichs beschämend in den Ohren gellen, wenn sie sich der Millionenbudgets, der Millionenspenden zugunsten ihrer Schutzvereine rühmen. Kommt Zeit, kommt Rat. Wir Juden werden unser nicht spotten lassen. Vorerst aber gilt nur ein Wahrwort: „Zusammenhalten und fortarbeiten!“ Ein ungesdii&tep Angriff. In der Wiener „Neuen Nationalzeitung“ wird in einer Notiz, weiche den sensationellen Titel „D ic Zionisten nehmen von Dr. Stern G e 1 d a n“ trägt, ein Angriff puf 'die Wiener zionistische Partei versucht. In der Erfindung des vielsprechenden Titels scheint sich aber die Phantasie des Erzeugers der Notiz völlig erschöpft zu haben und der gespannte Leser wird in seinen Erwartungen arg betrogen. Die Zionisten nehmen von d e m Kultuspräsidenten Dr. Stern Geld an! Man sieht im Geiste, wie sich die Zionistenführer um Dr. Stern drängen und um größere und kleinere Münzen aus der Westentasche des Allgewaltigen raufen! Aber es kommt anders! Der zionistische Zentral verein, welcher in der Türkenstraße einen für jedermann zugänglichen Lesesaal erhält, bezieht von der Kultusgemeinde für diesen Zweck eine Subvention von 200 Kronen. Diese Tatsache wird in der „Nationalzeitung“ „angenagelt“ und im Anschlüsse daran wird die düstere Prophezeiung ausgestoßen, daß die Zionisten