Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 denen ein Großteil der Juden dank der Kunst ihrer Führer geradezu als Avantgarde voranmarschierte und stets mit den blutigsten Wunden aus dem Kampfe heimkehrte: Wenn Sie aber den Brunner Kultuspräsidenten oder einen bekannten mährischen jüdischen Landtagsabgeordneten, der mindestens monatlich einmal in den Spalten der „N. Fr. Pr.“ das mährische Deutschtum rettet, über die nationalen Aufgaben der Juden befragen, werden Sie vermutlich eine Antwort bekommen, die Ihnen nicht sehr behagen wird. Sie können sich aber auch an größere politische Kapazitäten wenden, die von den Genannten durch eine — wie man behauptet — unüberbrückbare Kluft einer Weltanschauung getrennt sind, und Sie bekommen Dinge zu hören, die uns empören würden, wenn wir nicht wüßten, daß sie die über alle Parteidogmen hinwegschreitende Entwicklung zunichte machen wird. Es hat sich z. B. der polnische Sozialist Daszynski und der mosaische Pole Diamant veranlaßt gesehen, der Jüdischen Sozialistischen Partei eine gewisse nationale Autonomie einzuräumen, und das mit der sonderbaren Begründung, für die jüdischen Genossen sei in der polnischen sozialistischen Partei zwar genügend Platz, die jüdische Organisation sei aber für jene jüdischen Genossen da, die noch nicht zur polnischen Kultur emporgehoben worden seien, also gewissermaßen ein Vorbereitungsstadium, ein Reinigungsbad oder zumindest eine sozialistisch eingerichtete Assimilationsanstalt.' Daß aber derjenige Teil des Judentums, der Macht und Einfluß besitzt, heute noch im Lager der Assimilation steht, das ist gewiß eine Tatsache, an der wir zwar nicht mit zugedrückten Augen 'vorübergehen können, eine Tatsache, die für uns zwar nicht sehr erfreulich ist, die uns aber nicht beschämen muß, weil wir. uns mit dem Gedanken .trösten können, daß wir noch nicht am Ziel, sondern eben erst auf dem Wege sind, und die Hoffnung, das Ziel zu erreichen, durchaus nicht aufgegeben haben. Als beschämend und betrübend finde ich aber die Tatsache, daß wir heute, nachdem fast drei Lustren Kongreßzionismus ins Land gezogen sind, nachdem rund 15 Jahre seit Schaffung der Basler Formel verflossen sind, jener Formel, die uns wahrhaftig bei strenger Festhaltung an ihren Grundsätzen von jedem Irrweg abhalten muß, wir überhaupt noch Debatten darüber führen müssen, welches die nationalen Aufgaben der Zionisten sind und wie man ihnen gerecht werden kann. „Ein Volk sind wir, ein Volk!“, so lautete der Weckruf, den. Herzl in das schlafende, in einem Auflösungsprozeß begriffene Judentum hineinschmetterte. Und was war das Echo? Die begeisterte, freudige Zustimmung eines Häufleins Intellektueller, und das wütende Geheul des ganzen ' offiziellen Judentums. Und wie auch anders? Bedeutet doch der Zionismus die Lebensbejahung des Judentums, die Assimilation seine gewollte Auflösung, der Zionismus den Kampf und die Hoffnung, 'die Assimilation die Flucht und die Entsagung, der Zionismus das Leben, die Assimilation den Tod. Und zwischen Leben und Tod gibt es .einen Kampf, siegen kann nur ein Teil, schließen Leben und Tod aber ein Kompromiß, dann ist die Folge Siechtum. Dieses Siechtum vom Zionismus fernzuhalten, das muß unser ernstes Bestreben sein. Und wie erhalten wir den Zionismus frisch und gesund? Nur durch das Festhalten seines kostbarsten Inhalts, des rücksichtslosen Bekenntnisses zum nationalen Judentum! . Zionismus ist nichts anderes als der bis zuseiner letzten Konsequenz ausgedachte nationa l jüdische Gedanke. Und wie Nationaljudentum ohne Zionismus ein Unding ist, so kann sich der nicht als Zionist bezeichnen, der nicht im Zionismus die Wiederbelebung, die Neuaufrichtung der jüdischen Nation erblickt. Lesen Sie die ersten von Herzl selbst geleiteten Jahrgänge der „Welt“! Erinnern Sie sich an sein Auftreten in der O e s t. - I s r. Union, an seinen historisch gewordenen Mauschelaufsatz, an seine Wahlkämpfe gegen den Wiener Kahal und an sein im höchsten Zorn gesprochenes Wort, daß er dafür Sorge tragen werde, daß durch die Fenster der Kultusstube frische Luft einziehen werde! Erinnern wir uns an seinen Sturmlauf gegen alle Festungen der Assimilation, an die verzweifelte Wut, die sein öffentliches Auftreten allenthalben hervorrief, dann können wir fast stolz darauf sein, und es nicht mehr als Verunglimpfung empfinden, wenn man uns Radauzionisten nennen sollte. Herzl kam nicht zu den Großen in Israel mit gezogenem Hute, um von ihnen den Schekel zu erbitten, wohl aber sagte er: „W e r d e t N a t i o n a I j u d e n, dann reden wir weiter!“ Die Assimilation tritt auf allen Gebieten auf. In der Kunst, in der Wissenschaft, im Familienleben, in allen jüdischen Wohltätigkeitsanstalten und selbstverständlich auch im öffentlichen Leben, in der Politik. Und deshalb freuen wir uns über das Entstehen einer jüdischen Kunst, und die Entwicklung der hebräischen Sprache, wenn wir auch in der Diaspora von ihr nicht viel verspüren werden, darum freuen wir uns, wenn aus den jüdischen Familien allmählich der Christbaum verschwindet; darum unterschätzen wir es nicht, wenn unsere nationale Auffassung des Judentums langsam eine wissenschaftliche Grundlage erhält, wenn man auch heute nicht mehr daran glaubt, daß die französische Revolution ausschließlich in den Gelehrtenstuben gemacht wurde, und deshalb gilt unser Kampf der Assimilation auch dort, wo sic mir am gefährlichj sten scheint, weil sie auf diesem Gebiete üher reale Machtmittel und eine öffentliche Tribüne verfügt, d. i. auf dem ganzen Gebiet des öffentlichen Lebens. Die Frage ist immer dieselbe: Haben wir uns mit reiner Palästinaarbeit zu befassen, oder sind wir berechtigt und verpflichtet, auch allen anderen jüdischen Angelegenheiten unsere beständige Aufmerksamkeit zu widmen? Am 4. Juni 1897 erschien die erste Nummer der „Welt“ und auf der ersten Seite das von Herzl verfaßte Programm. Und da findet sich ein Satz, der noch heute für unsere ganze Tätigkeit richtunggebend sein könnte. Es heißt da: „Unter der Zionsfahne finden wir uns zusammen. Blicken wir aber auch nach einem fernen Ziel, so dürfen und werden wir doch den heutigen Zuständen der Juden unsere Aufmerksamkeit nicht entziehen. Die „Welt“ soll dem jüdischen Volk eine Wehr und Waffe sein, und zwar eine reine Waffe. Gegen wen? Gegen seine Feinde — ohne Unterschied der Konfession.“ Die Frage, ob sich die Zionisten politisch betätigen sollen oder dürfen, scheint mir nicht richtig gestellt und in dieser Form sogar müßig. Die entscheidende Erage lautet: Dürfen oder sollen sich die Juden politisch betätigen? Und in dem Augenblick, in welchem Sie diese Frage bejahen, ist auch schon die andere; Frage, die Frage nach der politischen Betätigung der Zionisten entschieden. Kann man den Juden den Rat geben, sich vom politischen Kampfplatz zurückzuziehen? Ich glaube, dieser Rat wäre nicht nur Wahnsinn, er würde auch von niemandem befolgt werden. Der erste und gefährlichste Vorwurf, der gegen den Zionismus erhoben wurde, war: Der Zionismus ist die Flucht vor dem Antisemitismus, er ist der Verzicht auf die Erlangung der bürgerlichen Gleichberechtigung und das Aufgeben der durch die Emanzipation und lange, schwere Kämpfe erzielten Gleichberechtigung. Und die Antwort, die von autoritärer Seite gegeben wurde, war immer die gleiche: Wir denken nicht daran, die von uns erkämpften Stellungen aufzugeben, wir sind gute Söhne des Landes, in dem wir wohnen und wir lassen unsere Rechte in keiner Weise beschränken. Waren das Redensarten, oder lag in diesen Erklärungen wirklicher- Ernst? Allerdings, im ersten Dezennium des Herzischen Zionismus lagen die politischen Verhältnisse ganz anders. Ganz abgesehen davon, daß sich noch alles in einem gärenden Zustand der Entwicklung befand, daß man nur mit der allergrößten Vorsicht nach verschiedenen Seiten Fühlung nehmen konnte, waren damals infolge des Kurienwahlrechtes gerade jene jüdischen Kreise, die auch heute schon unserem Wort zugänglich sind, von den politischen Rechten vollständig ausgeschlossen. Das ist durch Einführung des allgemeinen Wahlrechts anders geworden. Und da drängt sich die Frage auf: Sollen wir die jüdische Bevölkerung weiter den Assimilanten verschiedenster Kouleur überlassen, oder haben wir nicht auch die Pflicht, die Juden im öffentlichen Leben aufzukliiren, zu beraten, zu unterstützen? „In unserem Lager ist Israel, ihr andern seid müßige Trümmer“, sagte einst Nordau, ein Grillparzerwort variierend. Wenn dies Wort kein leerer Schall sein soll, dann müssen wir immer und überall den Juden zur Seite stehen. Wir wecken in ihnen die Liebe für Palästina, und für die sich neu entwickelnde jüdische Kultur, wir eifern sie an zu Sammlungen für palästinensische Zwecke, kurz, wir kommen zu ihnen, wenn wir sie brauchen. Wir haben nicht das Recht, sie unberaten zu lassen, wenn sie unseres Rates bedürftig sind; Sämtliche politische Fragen berühren den Lebensnerv auch unseres Volkes. Die Lösung der nationalen Frage in Oesterreich, die soziale Fürsorge, der Ausbau des Verfassungslebens, sämtliche Fragen der privaten und öffentlichen Wirtschaft, sie berühren die Juden ebenso wie alle anderen Staatsbürger. Und wenn in politisch bewegten Zeiten die Wogen der Erregung hoch gehen, wenn irgend eine geplante Maßregel Tausende von jüdischen Existenzen bedroht, da genügt es nicht, wenn wir vom Nationalfond oder hebräischem Gymnasium erzählen — und wenn wir noch so stolz darauf sind — ebensowenig wie der Sozialist dem Arbeiter, der vor der Frage des Streiks steht, vom Zukunftsstaat erzählen wird. Legt der Zionismus die Verpflichtung zur politischen Betätigung auf? Darauf können wir nur antworten: Nein! Wir haben auch niemals das Gegenteil behauptet. Denn der Zionismus ist nichts anderes als das Bekenntnis zum nationalen Judentum und jeder Nationaljude, der im Zionismus die endgiltige Lösung der Judenfrage sieht und zur Herbeiführung dieser Lösung beiträgt, ist Zionist. Wie man ein guter Nationaldeutscher oder Tscheche sein kann, ohne sich politisch zu betätigen, so kann man sich auch als Nationaljude der politischen Betätigung enthalten. Eine andere Frage aber ist, ob der Zionist zur politischen Betätigung berechtigt ist. Diese Frage muß unbedingt bejaht werden. Die Zionisten haben immer Wert darauf gelegt zu betonen, daß sie sich von ihrem Staatsbürgertum nichts nehmen lassen. Es kann nicht im Wesen des Zionismus liegen, seine Anhänger an der Ausübung ihrer politischen Rechte zu hindern. Die Zionisten dürfen sich also am politischen Leben beteiligen und beteiligen sich auch tatsächlich, weil die äußeren Verhältnisse sie dazu ganz einfach zwingen. Es bleibt dann also die Frage offen, ob die Zionisten eine beliebige Politik treiben dürfen. Darauf gibt der Zionismus allerdings eine bündige Antwort. Da er das Bekenntnis zum nationalen Judentum bedeutet, ist den Zionisten jede Politik untersagt, welche sich mit dem nationaljüdischen Bekenntnis nicht in Einklang bringen läßt. Ich sagte vorhin, der könne ein guter Zionist sein, der sich politisch nicht betätigt; aber ebenso muß ich behaupten, die Politik eines Zionisten kann niemals deutschnational, tschechisch- oder polnischnational, kurz fremdnational sein, und wer eine solche Politik betreibt, ist kein Nationaljude mehr, infolgedessen auch kein Zionist. Ich will Ihnen dies an einem Beispiel zeigen. Bei den letzten Reichsratswahlen konnten wir in Westösterreich nur in zwei Wahlkreisen Kandidaten aufstellen. Wir erhielten aber auch aus sehr vielen anderen Wahlkreisen (insbesondere aus Mähren) viele Anfragen, welchen Rat wir den Gesinnungsgenossen geben, da sie keinen