Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438327-2438379--2785-2442494
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 52 Zweiter Tag. Dienstag, 26. Dezember 1911. Vonnitiagssitzung. Qg. Kurt Blumenfeld, Sekretär des Zentralbureaus in Berlin, erstattet das Referat über die Lage des Zionismus nach dem X. Kongreß. Im Nachfolgenden se:en bloß die Hauptpunkte des Referates angegeben. In einer der nächsten Nummern werden wir es ausführlich wiedergeben. Der Herzische Zionismus, die jüdische Staatsidee bedeutete für die Westjuden die Voraussetzung ihrer Nationalisierung; den Ostjuden bedeutete die Staatsidee die Konsequenz ihres , nationalen Fühlens und Denkens. Die Charteridee war ein Unding, sie mußte der Auffassung von der langsamen Erwerbung und Erarbeitung des Zieles weichen. Man muß etwas schaffen, was die Vererbung des Zionismus auf die kommenden Geschlechter verbürgt. Zwischen Zionist-Werden und Zionist-Sein ist ein großer Unterschied. Der Sinn des Zionismus ist, die Erhaltung des judentums; sein Mittel die stetige Erwerbung Palästinas. Die westlichen zionistischen Organisationen müssen sich bemühen, daß viele westliche Zionisten nach Palästina gehen, damit sie dort ihre Tätigkeit in den Dienst der Gesamtheit stellen. (Stürmischer Beifall.) Mitglied des E. A. K. Dr. Hantke berichtet von der Tätigkeit des Dr. Lewin in Galizien. Im Namen des A. K. ersucht er um materielle und moralische Unterstützung des Zentralfonds. Er ersucht um eine Beitragsleistung von 1S.000 Kronen, was auf die drei Distrikte verteilt 6000 Kronen für jeden Distrikt ausmacht. Schließlich stellt Dr. Hautke folgenden Antrag: „Der III. westösterreichische Zionistentag macht es dem neugewählten Z. K. zur Pflicht, das A. K. in der Ausgestaltung des Zentralfonds mit allen Mitteln zu unterstützen.“ Präsident Böhm, Dr. E. M a r g u 1 i e s, Dr. Friedmann und Dr. E. Zweig unterstützen diesen Antrag in kurzen Ansprachen, worauf er unter lebhaften Ovationen für Dr. Hautke und die Zentralleitung einstimmig angenommen wird. Hierauf werden über Antrag B ö h m die Herren Dr. M a r g u 1 i e s, Dr. Egon Zwei g, Gustav Finzi und Prof. Engel in den Zentralausschuß als Mitglieder und die Herren Ob.-Ing. Stricker und Dr. Licht w i t z als Ersatzmänner gewählt. Nachmittagssitzung. Vorsitzender: Prof. Engel. Dr. Jakob Ehrlich erstattet das Referat über „die nationalen Aufgaben der Zionisten“, das wir an anderer Stelle bringen. Die Ausführungen des Referenten wurden mit stürmischem Beifall aufgenommen. Am Schlüsse schlägt Dr. Ehrlich die Annahme folgender Resolutionen vor: 1. In Uebereänstimmung mit den Beschlüssen des Krakauer Parteitages vom 1. Juli 1906 begrüßt der Hl. westösterr. Zionistentag die nationalpolitische Betätigung der Juden aufs wärmste und erklärt: Da bei den gegenwärtigen in Oesterreich herrschenden Verhältnissen ein politischer Zusammenschluß der österreichischen Juden . auf national-jüdischer Basis geeignet ist, dieselben wirtschaftlich und moralisch zu stärken, ihr Volksgefühl zu kräftigen, ihre Beziehungen zu den übrigen Völkem zu klären und auf eine gesündere Grundlage zu stellen und insbesondere die Anerkennung der nationalen Existenz des jüdischen Volkes und dessen volle Gleichberechtigung unter den übrigen Völkem durchzusetzen, so erscheint ein politischer Zusammenschluß der österreichischen Juden als ein wichtiges Mittel zur Erreichung des zionistischen Endzieles. 2. Ein solcher Zusammenschluß kann jedoch nur dann dem zionistischen Endziele förderlich sein, wenn er auf rein nationaljüdischer Basis erfolgt. Der Ui. westösterr. Zionistentag begrüßt daher die Wirksamkeit des „Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“, welcher einen derartigen Zusammenschluß darstellt und fordert jene Zionisten, welche sich innerpolitisch betätigen wollen, auf, in Uebereinstimmung mit dem genannten Vereine vorzugehen und ihn aufs Kräftigste zu fördern. (Angenommen.) In der über das Referat abgeführten Debatte sprach als erster Prof. Engel, welcher folgende Zusatzresolution zur Annahme empfiehlt: „Der III. westösterr. Parteitag erklärt die Einberufung einer nur politischen Konferenz für notwendig und ersucht den jüdischen Nationalverein, die diesbezüglichen Vorbereitungen ehestens einzuleiten.“ (Angenommen.) Deleg. Dr. Kadisch (Wien) gliedert die Behandlung des in Frage kommenden Stoffes in drei Punkte: Warum muß man sich mit jüdischer Politik befassen? Wer soll das tun? Welchen Inhalt muß diese Politik haben? Der Zionismus als Summe aller jüdischen Bestrebungen muß für die nationale Erziehung und wirtschaftliche Hebung der Juden sorgen. Deutsch-liberale, .tschechisch-nationale und all- ¥ polnische Juden sind kein geeignetes Material für Palästinaarbeit. Die zweite Frage ist technischer Natur. Ihre Beantwortung ist durch die Beschlüsse des zionistischen Parteitages gegeben. Den Inhalt der jüdischen Politik möge eine einzuberufende nur-politische Konferenz mit Berücksichtigung des Krakauer Programmes nochmals beraten und festsetzen. Deleg. Dr. Z o 11 s c h a n (Wien) ist für die Einberufung einer politischen Konferenz, obwohl er die allgemeine Auffassung iin dieser Frage nicht teilt. Ob der Inhalt eines nationalen Programmes dem des jüdischen Nationalvereines gleichen müsse, erscheine ihm problematisch, wofür er jetzt allerdings keinen Beweis erbringen wolle. Die Politik erschwere unter Umständen die Annäherung des offiziellen Judentums. Nach Ansicht des Redners wäre es für die Juden manchmal politisch-'von Vorteil, wenn sie in verschiedenen politischen Lagern der anderen Nationen zerstreut blieben. Präsident Böhm bekämpft die Ansichten Zollschans und erklärt, daß die jüdisch-nationale Politik sich durch aktive jüdische Gruppenpolitik von der passiven und persönlichen Politik der Assimilanten unterscheiden müsse. Darum müses die in ein das jüdische Volk schädigende Chaos ausgeartete Assimilationspolitik von den Zionisten bekämpft werden. Nötig sei aber, die theoretischen Grundlagen zu schaffen. Hierauf wurde ein Antrag auf Schluß der Debatte und Wahl dreier Generalredner angenommen. Generalredner Deleg. Reizes bemängelt, daß sich der Parteitag nicht mit national-kulturellen Fragen beschäftige. Er beantragt folgende Resolution: Der III. west-österr. Zionistentag beschließt die Einberufung einer Konferenz der Jüdisch-Nationalen West-Oesterreichs, deren Programm sich mit der Frage der jüd.-nationalen Kultur und der der jüd.- natlonalen Politik zu befassen hat. (Angenommen.) Generalredner Ing. Stricker weist auf Grund vieler Beispiele nach, daß entgegen der Meinung des Dr. Z o 11 s c h a n die politische Betätigung ein wirksames Mittel zur Nationalisierung und Erziehung der jüdischen Massen zum Zionismus darstelle. Deleg. Dr. Z o 11 s c h a n ergreift zu einer tatsächlichen Berichtigung das das Wort. Generalredner Prof. L i e be n unterstützt die von Dr. Ehrlich vorgeschlagenen Resolutionen und stellt folgenden Zusatzantrag: „Der 111. west-österr. ‘Zionistentag spricht die Erwartung aus, daß der jüdische National- Verejn sich durch Einsetzung von 'Vertrauensmännern und alle sonstigen ‘zweckdienlichen Maßnahmen aus einer Wiener Lokalorganisation zu einer österreichischen Reichsorganisation ausgestalte.“ (Angenommen.) Damit ist die Debatte [erschöpft und alle vorgeschlagenen Resolutionen werden angenommen. Deleg. Dr. Stein erstattet das Budgetreferat, das in folgenden Anträgen des Z. K. gipfelt: 1. Die jährliche Parteisteuer inklusive Schekelsteuer und Distriktszuschlägen wird mit K 4.— pro Mitglied der westösterrerchischen Organisation und pro Jahr festgesetzt. 2. Das Z. K. wird ermächtigt, mit Rückacht auf die bisherigen Verhältnisse und auf die Bedürfnisse der Distrikte und Ortsgruppen Übergangsmaßregeln zu schaffen. 3. Die Vereine werden ermächtigt, den auf sje entfallenden Gesamtbetrag an Parteisteuer unter ihren Mitgliedern nach eigenem Ermessen aufzuteilen. 4. Das aktive Wahlrecht zum nächsten Parteitag auf Grund der entrichteten Parteisteuer wird unter Berücksichtigung dieser Bestimmungen vom Z. K. festgesetzt. Deleg. Dr. E Zweig referiert über den Nationalfonds. Wir werden das Referat in einer der nächsten Nummern veröffentlichen. Im Wesentlichen führt Dr. Zweig aus, daß die österreichische Landessammelstelle mustergiltig sei und daß die Sammlungen in fortwährenden Steigen begriffen sind. Er bespricht dann ausführlich die verschiedenen Propagandamittel und Sammelzwecke. Am Schlüsse gedenkt er der hochherzigen Spende des Gg. Baruch Kahane, was den lebhaften Beifall der Versammlung hervorrief. Präsident Böhm erstattet nunmehr das Palästinareferat, welches wir in der nächsten Nummer ausführlich veröffentlichen werden. Seine für Palästinaarbeit gestellten Anträge lauten: I. . Der westösterreichische Zionistentag hält die Agitation für die P. L. D, C. für die wichtigste Aufgabe der Palästina-Propaganda des Z. K. und fordert alle Gesinnungsgenossen auf, die Werbearbeit des Z. K. für diese Institution eitrigst zu unterstützen. II. Der westösterreichische Zionistentag begrüßt den Vorschlag Dr. Friedmänn, den 15. Schebat als Pulästinatag zu erklären und empfiehlt den Vereinen, an diesem Tage überall Palästinafeste zu veranstalten. Das Z. K. wird beauftragt, im Verein mit dem Antragsteller und der Sammelstelle des JNF. die nötigen Hilfsmittel zu beschaffen und die Organisation dieser Einrichtung zu übernehmen. III. Der III. westösterreichische Zionistentag spricht den Wunsch aus, daß sich die westösterreichische Organisation des Hebr. Gymnasiums in Jerusalem annehmen möge und lordert alle der Organisation angehörigen Gesinnungsgenossen zur regsten Unterstützung jeder zugunsten dieser Anstalt vom Z. K. zu unternehmenden Aktionen auf. JV. Der III. westösterreichische Zionistentag fordert die Vereine zu korporativem Abonnement der Zeitschrift „Palästina“ auf. (Angenommen.) ln der Debatte über die Referate der Herren Dr. Zweig und Böhm sprechen der Leiter der böhmischen Sammelstelle Prof. W ertheim, Dr. W einer, welcher die besondere Bedeutung der Palästinareisen hervorhebt und Dr. Friedmann, welcher den von ihm angeregten zweiten Antrag des Herrn Böhm für Palästinaarbeit besonders empfiehlt. Vorsitzender Prof. Engel gedenkt der ini vergangenen Jahre verstorbenen Gesinnungsgenossen, und zwar des Dr. Gabel, der Frau Julie Herzl, des Dr. Rappaport und des Mitgliedes des i.-ö. D.-K. Hugo Eben. Man geht nun zum Punkte Eventualia über. Deleg. Karl Schwarz (Graz) beantragt die Annahme folgender Resolution: Der III. westösterr. Zionistentag erblickt in der Turnbewegung eines der wichtigsten Fundamente für die Nationalisierung des jüdischen Volkes. Der Zionistentag erklärt es als Pflicht jedes Zionisten den bestehenden jüdischen Turnvereinen beizutreten und dort, wo keine vorhanden sind, solche zu begründen. Der Zionistentag fordert von allen zionistischen Behörden, die Turnvereine und die Begründung von solchen finanziell und moralisch zu unterstützen. (Angenommen.) Deleg. G e r s 11 (Wien) spricht sich sodann für die Schaffung der Jugendorganisationen aus. Seine diesbezüglichen Anträge werden dem Z. K. für Begutachtung und Durchführung zugewiesen. Nachdem Deleg. Dr. Stein dem Präsidium für die (objektive Leitung und der Brünner Lokalorganisation (für die.Vorbereitung 'des Parteitages gedankt hatte, schloß Prof. Engel nach einigen Schlußworten den Parteitag. Nach Absingung der Hatikwah verließen die Delegierten den Saal. Dem Parteitage lagen zahlreiche Begrüßungsschreiben vor, u. a. von der galizischen Landeskonferenz in Stanislau, - ein hebräisches vom Hauptbureau des JNF. in Köln, von vielen Vereinen, Gesinnungsgenossen u. a. * * * ln dem ursprünglichen Vorschläge des innerösterr. D. K. für die Wahl in das Zentralkomitee war auch Gg. Dr. Otto Abel es enthalten. Da er aus persönlichen Gründen auf eine Wiederwahl verzichtete, wurde von seiner Präsentierung abgesehen. Die naiionalpolHisdien Aufgaben der Juden. Referat, erstattet von Dr. J. Ehrlich, Obmann des jüdischen Nationalvereines für Oesterreich, am III. westösterr. Zionistentag. Das Thema, dessen Erörterung mir aufgetragen wurde, ist wohl nur infolge eines Versehens unrichtig bezeichnet worden. Wir wollen hier offenbar nicht über die nationalen Aufgaben der Juden sprechen, sondern richtiger über die nationalen Aufgaben der Zionisten. Denn daß der weitaus größere Teil der Juden außerhalb unserer Reihen steht, und daß uns deshalb jedes Mittel fehlt, dem größeren Teil der westösterreichischen Judenschaft in nationalen Fragen eine bestimmte Richtung vorzu- Schreiben, ist eine Tatsache, mit der wir uns vorläufig abfinden müssen. Wir haben uns ja gerade heute in einer Stadt versammelt, in der die Zierden des offiziellen Israelitentums eine geradezu frivole, ebenso Vernunftals charakterlose nationale Politik treiben, wir sind hier in der Hauptstadt eines Landes,- in welchem die jüdischen Führer durch Jahrzehnte geradezu volksmörderisch zur Pauperisierung und Entnationalisierung eines von Haus aus kräftigen und gesunden Teiles unseres Volkes beitragen, in dem klassischen Land nationaler Kämpfe, an

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.