Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 52 der auftretenden Wahlbewerber zu wählen in der- Lage seien. Da riet der Nationalverein den Gesinnungsgenossen überall dort, wo dies der Fall sei und insbesonders wo Wahlpflicht herrsche, den Stimmzettel mit dem Namen des Obmannes des Jüdischen Nationalvereines auszufüllen. Also eine sehr bescheidene Sache, und wenn man diese Kandidatur als Zählkandidatur bezeichnet, tat man ihr noch immer zu viel Ehre an. Es handelte sich lediglich, um ein Auskunftsmittel für die in politischer Gewissensnot befindlichen Gesinnungsgenossen. Die Angelegenheit w ar nicht geeignet, Aufregung hervorzurufen. So erhielt ich auch beispielsweise von Dr. Werner aus Iglau — den man als Gegner der politischen Betätigung bezeichnet — ein Schreiben, in welchem (er (seinem Bedauern jdarüber Ausdruck gibt, daß diese Anregung zu spät gekommen sei, die Iglauer Zionisten hätten sich schon anderweitig engagiert. Gegen dieses Verhalten, welches er übrigens noch näher erklärte, ist natürlich nichts einzuwenden. Was geschah aber in Olmütz? Dort hat man nach diesem armseligen zionistischen Spatzen mit Kanonen geschossen, und da auch ein Zionist (pr. Oppenheimer) mitschießen half, kann nicht unerwähnt bleiben, daß die Kanonen von schwerem, assimilatorischem Kaiibcr waren. Der Olmützer Obergermane Dr. Eben hat Arm in Arm mit Dr. Oppenheimer Manifeste erlassen, in welchem auch davon d Je Rede war, daß die Olmützer Juden mit ihren christlichen Mitbürgern in Frieden leben wollen. Das riecht stark nach einer Denunziation und erinnert ein wenig an die berüchtigte Aktion der deutschen Protestrabbiner, die sich gegen die Abhaltung (des J. Zionistenkongresses in München aussprachen. Auch in diesem Protest standen ähnliche liebliche Dinge. Davon will ich aber absehen. Ich. will nur Herrn Dr. Oppenheimer, der gewiß ein Gegner ider politischen Betätigung ist, fragen: „Ist es einem Zionisten zwar verboten, bei seiner politischen Betätigung jüdischnational zu sein, ist es ihm aber gestattet, für einen Kandidaten des Deutschriationalen Verbandes, dieses j u d e n - feindlichsten, reaktionärsten, unfähigsten und unverläßlichsten parlamentarischen Gebildes einzutreten?“ Wenn wir derartige Dinge erleben, können wir nicht den Gedanken von uns weisen, daß es manchen Zionisten, die gegen die politische Betätigung auftreten, nur darum zu tun ist, unköntrollieirt - ihren assimilatorischen Atavismen nachgehen zu dürfen. Ich wiederhole also: Wir zwingen keinen Zionisten zur Politik, wir verlangen aber, daß jeder politisch aktive Zionist sich jüdischnational betätigt oder zumindest niemals die jüdischnationale Plattform verläßt. Eine andere Frage ist wieder, ob die politische Betätigung der Zionisten wünschenswert ist. Und darauf lautet unsere Antwort: Sie ist wünschenswert und notwendig, allerdings nur unter der Voraussetzung, daß sie nicht als Selbstzweck aufgefaßt wird, sondern als Mittel zur Erreichung des zionistischen Endzieles; diesen Zusammenhang hat die TheseI des Krakauer Parteitages sehr glücklich durch die Feststellung hergestellt, daß der politische Zusammenschluß der österreichischen Juden. aut nationaljüdischer Basis geeignet ist, dieselben wirtschaftlich und moralisch zu stärken, ihr Volksgefühl zu kräftigen, ihre Beziehungen zu den übrigen Völkern zu klären und auf eine gesündere Grundlage zu stellen und insbesondere die Anerkennung der nationalen Existenz des jüdischen Volkes und dessen volle Gleichberechtigung unter den übrigen Völkern durchzusetzen und somit (als ein Wichtiges Mittel (zur Erreichung des zionistischen ' Endzieles erscheint. Wodurch unterscheiden wir das aber von der ehemaligen „Jüdischen Volkspartei“.? Den . Unterschied finden Sie klar ausgedrückt in These II, welche lautet: Als nationaljüdisch kann aber nur angesehen werden, der die nationale Einheit aller Juden der Welt £ sowie das unzerreißbare Band, welches das jüdische Volk mit seiner uralten Heimat Palästina verknüpft, anerkennt. Und wer soll die politischen Geschicke der Juden leiten? Das sollen wir unseren Gegnern überlassen? Sollen im öffentlichen Leben die Löwensteins und Redlichs die Wortführer der Juden sein? Ich glaube nicht, daß dies ein Zionist ernstlidi wünschen kann. > Welche Stellen müssen wir erobern! Alle, jene öffentlichen Stellen, die von Juden vergeben werden, müssen die Zionisten, in ihre Hände bekommen. Bevor dies nicht der Fall ist, ist die Behauptung, daß der Zionismus eine Volksbewegung sei, eine leere Deklamation. Sage man ja nicht, daß ein solcher Kampf unnötig Kräfte und Geld der zionistischen Sache entziehe. Denken Sie sich die Wiener Kultusgemeinde und die übrigen großen österreichischen Kultusgemeinden in zionistischen Händen. Eine Aktion eines zionistischen Gemeindebundes müßte Palästina in zehn Wochen soviel Mittel zuführen, als es unsere mühevollste Sammelarbeit in ebensoviel Jahren vermag. Es ist selbstverständlich und in den nationalen . Verhältnissen Oesterreichs gelegen, daß die Frage der politischen Betätigung gerade in Oesterreich (aufgeworfen ‘werden mußte. Sie W'ird zurücktreten in solchen Ländern, die nur von einer Nation bewrohnt werden, weil solche Länder eine nationale Frage nicht kennen und die Zugehörigkeit zu einer Nationalität nicht parteibildend wirkt. Die Bezeichnung „Deutscher“, „Franzose“, „Engländer“ W'eist in Deutschland, Frankreich und England mehr auf die Staatsangehörigkeit als die nationale Gemeinschaft hin. Wäre Oesterreichertum ein nationaler Begriff, unsere heutige Debatte würde w'ohl nicht stattfinden. Da aber in Oesterreich acht anerkannte Volksstämme siedeln, jeder Volksstamm ein nationales Sonderleben führt und als Volksstamm gewisse bürgerliche Rechte genießt, da scheint es mir für den Zionismus eine unabweisliche Notwendigkeit zu sein, die Anerkennung der nationalen Existenz unseres Volkes durchzusetzen; daß dies nur durch Zusammenfassung der Judenschaft im; Rahmen einer nationaljüdischen, politischen Organisation erzielt w'erden kann, ist selbstverständlich. Man wird mir einwerfen, eine aktive jüdischnationale Politik ist nur dort möglich, wo entweder Juden in der Majorität sind oder doch eine ansehnliche Minorität bilden. Dies ist nur teilweise richtig; nämlich nur insoweit richtig, als man Politik mit dem Kampfe um ein öffentliches Mandat identifiziert. Kommt man aber zur Erkenntnis, daß sich das politische Streben in Mandatspolitik nicht erschöpfen darf, dann wärd man auch einsehen müssen, daß die Grundsätze der Politik im ganzen Reiche, dieselben sein müssen. Verwechseln Sie dies nicht mit Regeln der Taktik! Daß sich die Taktik den lokalen Verhältnissen überall anpassen muß, erscheint mir selbstverständlich. Und w'ie die Grundsätze der Politik von einer legitimierten Leitung unter Aufsicht und Kontrolle der Gesamtheit nur einheitlich festgesetzt werden körüien, so wird man in Fragen rein taktischer Natur den Gesinnungsgenossen der einj zelnen Bezirke \ein änitentscheidendes Votum nicht venveigern dürfen. Ein detailliertes, politisches Arbeitsprogramm hier zu entwerfen, kann nicht meine Sache sein. Dazu. wräre der Ort schlecht gewühlt und w'ir haben ja den Grundsatz ausgesprochen, daß die zionistischen Organisationen als solche sich mit Politik nicht befassen sollen. Die politische Betätigung w'ird uns mehr Gelegenheit geben,. mit der jüdischen Bevölkerung in Berührung zu kommen. Wir haben unzählige Gelegenheiten, zum Volke zu sprechen und beständig Gelegenheit, gerade bei der. politischen Betätigung nationale Erziehungsarbeit zu leisten. Diese nationale Erziehungsarbeit kann dem Zionismus aber nur nützen. Oie 10. Landeskonferenz Der galU zischen Juden. . (Von unserem Berichterstatter.) Die X. Landeskonferenz der galizischen Zionisten, w'elche am 24. und 25. Dezember in Stanislau stattfand, befaßte sich hauptsächlich mit der Organisationsfrage. 'Die Frage “der ZweP teilung der Organisation in eine politische und rein zionistische sowie die Festsetzung der Kompetenzen des Z. K. bildeten den wichtigsten Teil der Beratungen. Durch die Einsetzung eines Permanenzausschusses w'urde der Hauptteil der mitunter recht heftigen Auseinandersetzungen dem Plenum entzogen und vor das rührige aber auch zielbew'ußtere Forum des Permanenzausschusses gebracht. Die Forderung der um Dr. Leon Reich gescharten Gruppe nach Zweiteilung w'urde abgelehnt und somit die Einheit der Partei gew'ahrt. Die Kritik der Tätigkeit des Z. K. in der abgelaufenen Amtsperiode war scharf, ließ sich jedoch stets vom Bewußtsein leiten, daß die Mitglieder des zurücktretenden Z. K, dennoch zu großem Teile berufen erscheinen, auch im neuzmvählenden Z. K. zu w irken. Immerhin w'urde die Machtbefugnis des Lemberger Z. K. erheblich beschränkt. Vor allem wurde ihm das Recht entzogen, Mitglieder zu kooptieren. Die Redakteure der Parteiblätter verloren ihre beschließende Stimme.' Zwischen Parteitag und Z. K. w'urde eine neue Körperschaft aus 20 Mitgliedern, der Parteirat, kreiert, welcher 'bei wuchtigen iFragen, jedenfalls aber vierteljährlich zusammentreten muß. Dem neugewühlten Zentralkomitee gehören an : Adolf Stand, Präsident; Dr. Michael R i ng e 1, Dr. Leon Reich, .Dr. Josef Löwenherz, Dr ^Rosmarin, Daw'id Schönfeld, Dr. Schreiber, Dr. Spindel, Dr. Zipper. Außerdem gehören dem Z. K. die Vorsitzenden der Kulturinstitutionen, je 2 Delegierte der D. K. wie A-. K.-Mitglieder an. Bus der Leopoldstadt. Makkabäer-Feier des „Jüdischen . Volksvereines 1 für die Leopoldstadt“. Am Donnerstag, den 21. Dezember, veranstaltete der „Jüdische Volksverein“ eine Makkabäer-Feier, \velche so recht den Beweis dafür erbrachte, welcher Sympathien der junge, rührige Verein, nicht nur in unserem Bezirke, sich erfreut. Obw'ohl die Veranstaltung des Festes erst einige Tage vor seiner Abhaltung beschlossen W'urde und daher für die Publizierung fast nichts geschehen konnte, war der große Festsaal des „Jüdischen Volksheimes“ bis zum letzten Plätzchen von einem andächtig lauschenden Publikum gefüllt, welches sich an der Fülle des Gebotenen erfreute. Nach der sehr eindrucksvollen Festrede des Vereinsobmannes, Gg. Ing. Robert Stricker, welcher in trefflicher Weise die Bedeutung des Chanukafestes und seine Nutzanwendung auf die heutigen Verhältnisse auseinandersetzte, erfreute Herr Dr . Fritz Löhn e-r (Beda) durch den Vortrag einiger seiner köstlichen Satyren und brachte damit die Anwesenden in die heiterste Stimmung. Dann lernte man einen jungen, hoffnungsvollen Opernsänger, Herrn Harry Glantz, kennen. Herr Glantz brillierte mit seinem mächtigen Heldentenor und riß durch den formvollendeten Vortrag Schubertscher und anderer Lieder das Publikum zu stürmischem Beifalle hin. Nach einer kleinen Pause entzückte Herr Friedr .Stein, von Herrn Emil Scharf meisterhaft begleitet, durch sein gefühlvolles Violinspiel. Er sowie Herr Margulies und Fräulein W i n t e r n i t z, welch -letztere Gedichte von Marris Rosenfeld rezitierten, ernteten für ihre ausgezeichneten Leistungen lebhaften Beifall. Nach Schluß der'Akademie würde noch eifrig getanzt und erst in sehr vorgerückter Nachtstunde verließen die letzten Gäste unser Vereinsheim voll des Lobes für die schöne Veranstaltung. Der „Jüdische Volksverein“ kann mit dem Ausfälle seines ersten Festes vollauf zufrieden seinti nd das beste für sein ferneres Wirken erhoffen. H.-Apsler.