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Jüdische Zeitung · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52 jüdische zeiTünö Seite 3 nehmste Aufgabe ist, den Zionismus als ideele Macht zu erhalten. Dies ist das wahre Erfülltsein vom Geiste unseres gewaltigen Führers,- das wahre „Z u.rückgehcn auf Theodor Herz 1“. (Stürmischer Beifall.) Die Entwicklung der Bewegung kann von uns gebieterisch die Aenderung der Methoden, der Taktik, der Praxis und der Technik verlangen, neue Geistesarbeit, wie die von einem unserer engeren Freunde auf dem Gebiete der Rassenforschung geleistete, kann der Idee neue/ Stützpunkte bieten, unveränderlich aber bleibt, was das wahre Erbe des großen prophetischen Führers ist: die Qualifikation unserer Bewegung. Nicht bloß Synthese von nationalem Gedanken und sozialer Hilfe, von Politik und Kolonisation, ein höheres ist der Herzische Zionismus: Er ist der Königsgedanke der äußeren Befreiung des jüdischen Volkes und der inneren Befreiung' des einzelnen Juden. (Lebhafter Beifall.) Die äußeren Bedingungen der Befreiung des jüdischen Volkes zu erringen, ist das Ziel unseres Programms, unseres vereinten Strebens. Die innere Befreiung vollzieht sich als fortdauernder Prozeß in der Seele jedes einzelnen Zionisten. . Mögen die Verhandlungen dieses Tages erweisen, daß wir an innerer Freiheit gewachsen sind, daß wir frei sind von Vorurteilen, von der Kleinigkeiten und dem Mißtrauen, der Erbteile des Ghettos, daß wir im Stande sind, Großes durch Größe zu .erstreben. Dann wird unsere Tagung vom echten Geiste Herzls durchdrungen sein! Der dritte vvestösterreichische Zionistentag ist eröffnet. (Lebhafter, sich immer wieder erneuernder Beifall. Der Parteitag erhebt sich und bringt dem Präsidenten stürmische Ovotionen dar.) Die Verhandlungen. Der 25. und 26. Dezember 1911 bildete für die Entwicklung des Zionismus in Westösterreich einen Merkstein. Die große Beteiligung, 163 Delegierte waren erschienen — das Niveau der Verhandlungen, die Anwesenheit des Mitgliedes des E. A. K. Dr. H a n d t k e, der zutage getretene Wille zur Einheit und zur Mitarbeit an allen Aeußerungen jüdischen Lebens, erhoben ihn hoch über alle vorangegangenen Tagungen. Um 11 Uhr vormittags eröffnete der Präsident des Z.K. Gg. Adolf Böhm den Parteitag mit der an leitender Stelle abgedruckten Rede, welche am Schlüsse einen sich zur Ovation steigernden Beifall auslöste. Hierauf ergriff das Mitglied des E. A. K. Dr. Artur H and tk e das Wort. Er dankte für die Begrüßung durch den Parteitag und hob hervor, daß Parteitage in gewisser Hinsicht charakteristischer seien als Kongresse, da an ihnen keine — was bei Kongressen unvermeidlich — Zufallsdelegierte, sondern die tatsächlichen Arbeiter der Partei ■ teilnehmen und weitaus einheitlicher sind. Auch die österreichischen Juden, welche über ein Fünftel der außerhalb Rußlands lebenden Juden bilden, müssen eine der größten Stützen der zionistischen Organisation und das Rückgrat der Bewegung sein. Die österreichische Organisation ist frei geworden von der Aufgabe, der Bewegung die Zentrale zu stellen. Daher ist sie in der Lage, ihre Kraft zu konzentrieren auf die Fortschritte der Organisation und der Idee in Oesterreich. Das umsomehr, als der Nationalitätenstaat Oesterreich die Juden für den Zionismus prädestiniert. Die Zentrale kann nicht die gesamte Organisation schaffen, wenn nicht die Grundlage von den Ortsgruppen und Landesverbänden gegeben ist. ln der Organisation muß ein lebendiger Geist herrschen, weicher immer zu neuen Arbeiten anfacht und die Idee weiter führt. Ich bin hieher gekommen, weil alle Erfahrungen zeigen, daß Männer, die an einem Ziele arbeiten, sofort zu einer Verständigung gelangen, wenn sie an einem Tisch gesessen und sich ausgesprochen haben. Ich begrüße diese Tagung, in dem ich hoffe, daß der III. Parteitag zum Ausgangspunkte für neue fruchtbare Arbeit im Dienste unserer Idee werden wird. Auf Vorschlag des Deleg. Geller wird hierauf per acclamationem folgendes Bureau gewählt: Präsident: Dr. Singer (Prag); Vizepräsidenten: Dr. Alt (Brünn), Prof. Engel (Prag), Dr. Ehrlich (Wien), Fritz Löw (Proßnitz); Schriftführer: Ing. Groag, Dr. Sonnenfeld, Goldstein. Vorsitzender Dr. Singer dankt im Namen des Bureaus für die Wahl und erteilt Gg. Dr. Schönhof das Wort zur Begrüßung des Parteitages im Namen der Brünner Ortsgruppe. Nach Verlesung der Begrüßungstelegramme wird über Vorschlag des Präsidiums die Resolution einstimmig angenommen, der Parteitag möge an die Landeskonferenz in Stanislau folgende Depesche absenden: „Der III. Parteitag begrüßt die gleichzeitig tagende Landeskonferenz in Stanislau und drückt den Wunsch aus, daß alle österreichischen Zionisten in einer gemeinsamen Organisation zum Heile des Zionismus und des jüdischen Volkes in Oesterreich wirken möge n.“ Hierauf wird über Vorschlag des Gg. Geller der Legitimations-Ausschuß, bestehend aus den Delegierten: Dr. L i c h t w i t z, Ing. Groag, Ing. Kramer, Richard Steiner, Dr. Hugo Herrmann und Leo Krieger gewählt. Hierauf wird zur Verhandlung .der Tagesordnung geschritten. Deleg. Dr. Friedmann (Troppau) verlangt, daß vor dem Berichte des Z. K. (der Punkt „Organisation“ .verhandelt werde. Deleg. Dr. Wolfmann (Wien) wendet sich gegen diesen Antrag und verlangt, daß vorerst der Bericht des Z. K. zur Kenntnis genommen und den Mitgliedern des Z. Kdas Absolutorium erteilt werde. Er beantragt folgende Resolution: „Der III. westösterreichische Parteitag spricht dem abtretenden Z. K. für seine unter den schwierigsten Verhältnissen geleistete mühevolle Tätigkeit Dank und Vertrauen aus.“ Deleg. Dr. E. M a r g u I i e s (Leitmeritz) unterstützt den Antrag. Die Tagesordnung des Z. K. wird beibehalten. Da sich zum Berichte des Z. K. niemand zum Worte meldet, schreitet man zur Abstimmung über die Resolution Doktor Wolfmann, welche einstimmig angenommen wird. — Die Organisationsfrage. Deleg. Dr. E. Margulies referiert über den vom Z. K. vorgelegten Statutenentwurf. Das Organisationsstatut ist die Form, in welche wir das Organisationsstatut lügen sollen, oder um bildlich zu reden, das Kleid, welches wir überzuwerien haben. Der Kleiderfrage wegen werden wir uns nicht in die Haare fahren. Ich möchte daher den Gegensatz, der vorhanden ist, ins prinzipielle Gebiet zurückführen, um den Streit zu versachlichen. Wir wünschen, daß der Landesparteitag souverän werde und im Z. K. die höchste Behörde in Westösterreich schaffe. Das müssen wir schon in Ausführung des am X. Kongresse . beschlossenen Organisationsstatutes der- Weltorganisation tun. Der Referent wendet sich gegen das Schlagwort „Wiener Diktatur“. Erstens sei er in jahrelanger Zusammenarbeit selbst zu den Ansichten der Wiener Genossen gelangt, weiters bilden ja die Wiener Mitglieder nur ein D ritt eil des Z.K. Im weiteren Verlaufe bespricht der Referent die Frage Zionismus-Politik und erklärt, daß er, der seineizeit in Prag den § 2 zu Falle brachte, sich nunmehr zu der vom Z. K. vertretenen Auffassung bekehrt habe. Er könne bestätigen, daß. Zionismus und Politik vom Z. K. immer auseinandergehalten wurden. ' Nach dem Referate tritt die Mittagspause ein. Nachmittagssitzung. Deleg. Dr. Lichtwitz erstattet im Namen des Legitimationsausschusses Bericht. Es sind 163 Delegierte erschienen. Alle Mandate wurden anerkannt. Es folgt, die Debatte über den Statutenentwurf. Als erster spricht Deleg. Fischer (Klagenfurt). Er ist für die Annahme des Entwurfes. Deleg. Dr. Friedmann (Troppau) ist für Beibehaltung des alten Zustandes und verlangt, weil die Einbringung des Entwurfes eine Ueberrumpelung sei, die Einsetzung einer Kommission zur Beratung über den Entwurf. Ohnehin habe der Kongreß den Landesverbänden ein Jahr Zeit gelassen, ihre Statuten dem der allgemeinen Organisation zu akkomodieren. Die Autonomie der Distrikte habe keinen Schaden gestiftet. Die Handlungsweise des Z. K. müsse berechtigtes Mißtrauen hervorrufen. Ohne Ausschußberatung könne man den Entwurf nicht annehmen. Einige Monate Verzögerung werden die Zionisten nicht auseinanderbringen. Professor Dr. Engel (Prag) wendet sich gegen die Hast, mit welcher man den Entwurf durchpeitschen will. Auch er verlangt die Einsetzung einer Statutenkommission. Die Autonomie der Distrikte hat sich bewährt. Ferner spricht er sich gegen politische Betätigung aus, welche durch den § 20 vorgesehen erscheint. Deleg. Dr. Stein (Wien) setzt sich für die Zentralisierung ein. Er verweist auf die Erfolge, welche der N. F. durch Zentralisation errungen hat. Will man in Oesterreich vorwärts kommen, so muß man an Stelle der Zerrissenheit in der Organisation Geschlossenheit setzen. Deleg. Ob.-Ing. Stricker (Wien) verlangt, daß die Leitung von alten Gesinnungsgenossen respektiert werde. Das sei bis jetzt nicht geschehen, weil das Z. K. gegenüber dem D. K. machtlos war. Redner widersetzt sich in entschiedener Weise gegen die Prinzipienteilung nach Provinzen, an deren Stelle eine vernünftige Arbeitsteilung einzuführen wäre. Bis jetzt hat das Z. K. kein Ansehen genossen. Redner führt eine Reihe von Fällen an, welche diese Behauptung beweisen. Die Krönung der das Ansehen der Leitung herabsetzenden Politik sind die Beschlüsse in Prerau gewesen, welche das mähr.- schlesische D. K. über den Parteitag gestellt haben. Präsident Böhm (Wien) bezeichnet als die Kernpunkte, um welche sich die ganze Debatte bewegen, die politische Betätigung und die Zentralisierung der Organisation. Es ist zweifellos, daß innerhalb des Staatslebens jüdische Interessen vorhanden sind. Es ist darum nicht möglich, sich die jüdische Politik wegzudenken. Diese jüdische Politik muß unter der Oberleitung der Zionisten betrieben werden. Die Assimilation hat sich hierzulande aus einem kulturellen Prinzip in ein politisches verwandelt. Gegen das Anwachsen der Assimilation aber ‘.müssen die Zionisten auf das schärfste ankämpfen, folglich müssen sie auch gegen den politischen Assimilationsgedanken Steilung ergreifen. Die Juden müssen aus den Kämpfen der einzelnen Nationen herausgenommen werden. Der Widerstand gegen die Politik ist vielfach nur der Widerstand gegen schlechte Politik. Es gibt aber neben der schlechten, eine richtige Politik, welche im Interesse aller österreichischen Juden geführt werden muß. {In der Frage (der Zentralisation spricht sich Redner für eine Erweiterung der Machtbefugnisse des Z. K. aus. Der jetzige Zustand sei unhaltbar. Der Präsident des Z. K. ist der Prügelknabe zwischen den einzelnen D. K. gewesen. Die D. K. sind nach dem Statut der Weltorganisation keine Urzeiten der Bewegung. Ihre Autonomie muß beschränkt werden, weil dadurch der lebenschaffende Verkehr zwischen dem Z. K. und den einzelnen Vereinen unterbunden wird. Deleg. Fritz Löw (Proßnitz) befürwortet den neuen Entwurf. und meint, daß man durch Ausgestaltung des Z. K. die Einrichtung eines Sekretariats und die Förderung der Parteipresse ermöglichen würde. Er schlägt vor, einen Mittelweg zu suchen, wo sich alle finden können. Deleg. Wittmann (Prag) bekämpft den Entwurf und wendet sich sowohl gegen innerpolitische Arbeit, wie auch gegen die Zentralisation. Deleg. Ing. Groag (Wien) polemisiert gegen Wittmann. Deleg. Prof. Lieben (Ung.-Hradisch) behauptet, daß durch die politische Betätigung der Zionismus geschädigt wurde. Beweis hiefiir seien die Verhältnisse in der Bukowina. Deleg. Waldmann (Wien) meint, daß in vielfacher Hinsicht wesensgleiche Begriffe — Zionismus und jüdischer Nationalismus — gegeneinander ausgespielt werden. Er widerlegt die Behauptungen des Vorredners. Deleg. Dr. R e a c h (Gaya) wünscht, daß die Abstimmung über den Entwurf verschoben werde. Deleg. Dr. Altar (Proßnitz) wünscht, falls der Entwurf Gesetz werden sollte, Kompensationen für die D. K. Redner, der sonst für politische Arbeit sei, müsse diese jetzt bekämpfen, weil man sich auf dem Wege zur Verschmelzung des Zionismus mit der politischen Arbeit befinde. Deleg. Frischer (Brünn) wünscht ebenso wie Deleg. Löw die Einhaltung eines Mittelweges, um Einigkeit zu erzielen. Der Hauptopponent gegen den Entwurf, Dr. Friedmann, sei auch für einen billigen Ausgleich. Der Unterschied bestehe ohnehin nur im Tempo. Deleg. Dr. A b e 1 e s (Wien) möchte die Forderungen der Troppauer Gesinnungsgenossen genau präzisiert sehen. Damit wird die Verhandlung abgebrochen. Die Vertreter aller drei D. K. beraten nun über einen Ausgleich bezüglich der strittigen Punkte. Nachtsitzung. Präsident Böhm teilt mit, daß eine vollständige Einigung erzielt wurde und gibt die Erklärung ab, daß die zionistische Organisation keine politische sei. Deleg. Dr. Margulies schlägt namens der Einigungskommission dem Parteitage einige im Statütenentwurfe durchgeführte Veränderungen zur Annahme vor. Diese Aenderungen garantieren den nicht in Wien wohnenden Mitgliedern des Z. K. eine größere Einflußnahme auf die Arbeiten des Zentralbureaus. Den D.K.s bleibt das Inkasso von Schekel- und Parteisteuer überlassen. Die Festsetzung der an den geschäftsführenden Ausschuß in Wien abzuführenden Quote der Parteisteuer wird dem Z. K. übertragen. Diese Aenderungen werden vom Parteitag einstimmig genehmigt, das Statut hierauf en bloc angenommen. Der Parteitag bereitet Dr. Handtke.der sich als Vorsitzender der Einigungskommission um das Zustandekommen der Einigung besonders bemüht hatte, sowie dem S Präsidenten Bchm stürmische Ovationen. Dann erfolgte die Wahl des Z. K. Ueber Antrag des Deleg. Geller wird Adolf Böhm unter jubelndem Beifalle neuerdings zum Präsidenten der westösterreichischen Organisation gewählt. Ferner werden in das Z. K. unter Beifall folgende Gesinnungsgenossen gewählt: Dr. Jakob Ehrlich, Dr. Emil Stein, Ob.-Ing. Robert Stricker, Dr. Egon Zweig (alle in Wien); Josef Süßmandl (Mähr.-Ostrau); Dr. Reach (Gaya); Dr. Fritz Eckstein (Troppau); Dr. Albert Schönhof (Brünn); Dr. Friedmann (Troppau); Ernst Bechert (Teplitz-Schönau); Dr. Emil Margulies (Leitmeritz); Frau Elisabeth Perutz (Teplitz-Schönau); Max Saudek (Pilsen); Dr. Ludw. Singer (Prag). Als Ersatzmänner: Ing. Oskar Kramer, Dr. Alfred Lanzer (Wien); Leo Krieger (Mähr.-Ostrau); Dr. Wilhelm Wagner (Bielitz). | (Schluß der Sitzung 1 Uhr nachts.)

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