Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEiTÜNG Nr. 51 statt, auch der Geist, der beide belebt, ist ein und derselbe. Immer stärker ertönt auch in unserer Bruderorganisation der Ruf nach Wiedervereinigung der getrennten Teile. Angesichts dieses größeren Zieles tut es dringend not, daß wir unsere Vereinigung nicht in weitere Teile zersplittern, daß wir einig und stark sind, damit nicht unsere Schwäche Schuld daran werde, daß wir zu jener höheren Einigung nicht Vordringen konnten. (Lebhafte Zustimmung.) Zur Einigung bedarf es aber Nachgiebigkeit aut allen Seiten. Ich bin überzeugt, daß die Delegierten des Zionistentages hierin nicht jenen des X. Kongresses nachstehen werden, welche, mit dem früheren Präsidenten David W o 1 f fs o h n an der Spitze, den Beweis geliefert haben, daß ihnen für die Herstellung der Einheit und Einigkeit unserer Organisation kein Opfer zu groß ist. Ich kann das umso eher annehmen, als unter den Zionisten Oesterreichs niemals eine Meinungsverschiedenheit gerade in der heißumstrittensten Frage unserer Bewegung geherrscht hat, jener, welche man mit Unrecht in die Antithese: Politischer kontra praktischer Zionismus zu kleiden versucht hat. Die österreichische Organisation hat seit Jahren auf all ihren Tagungen in dieser Frage stets jenen Standpunkt eingenommen und mit Festigkeit vertreten, der am X. Kongreß von der Gesamtbewegung endgültig als richtig anerkannt wurde: Daß politischer und praktischer Ziönismus keine Gegensätze darstellen, sondern unauflöslich miteinander verflochten sind, daß die praktische Arbeit Voraussetzungen für die politische zu schaffen und die politische der praktischen die Wege zu ebnen hat. Wenn diese Anschauung sich endlich Bahn brechen konnte, so i st dies vor allem den Fortschritten zu danken, welche die jüdische Siedlung in Palästina in den letzten Jahren dank den Ausstrahlungen der zionistischen Idee und nicht zuletztauch dank der zionistischen Arbeit im Lande gemacht hat. Diese Fortschritte mögen an unseren ungeduldigen Wünschen und an dem Wachstum der moralischen und sozialen Not des Volkes gemessen, unendlich gering erscheinen, aber es sind die einzigen wirklichen Fortschritte, welche das jüdische Volk auf dem Weg zu einerbesseren Zukunft gemacht hat und ihre Bedeutung ist deshalb unendlich groß, weil sie heute schon diese Zukunft sichern. Mögen noch so trübe Zeiten über die Judenschaft hereinbrechen, der heutige Stand der jüdischen Siedlung in Erez Israel verbürgt, daß das J udentum nicht mehr üntergehen kann. Das Resultat einer, dreißigjährigen zionistischen Arbeit ist dieses: daß heute nicht mehr des Judentums Sein oder Nichtsein in Frage steht, sondern nur mehr das Tempo seines Wachsens und Werdens. Eine vielleicht unbewußte Ahnung dieser unschätzbaren Errungenschaft dämmert auch in den Kreisen der nichtzionistischen Judenschaft und ist die Ursache der erfreulichen Erscheinung geworden, daß Palästina heute in den Mittelpunkt des allgemein jüdischen Interesses gerückt ist. Wir sehen eine Entwicklung vor sich gehen, die ich einmal mit den Worten vorauszunehmen gesucht habe: N i c h t d e r G o 1 u s wird Palästina,' sondern Palästina den Golus erobern! Seitdem Palästina nicht mehr nur empfängt und zehrt, sondern dem Judentum etwas zu geben, neue Werte zu geben hat, zieht es alle Kreise des Volkes in seinen Bann. Denken und Fühlen der Judenheit ist wieder palästinazentrisch geworden. Das ist die zweite große Errungenschaft, der so mühseligen, aber allen Schwierigkeiten mutig begegnenden zionistischen Palästinaarbeit dreier Jahrzehnte. (Beifall.) Doch so wertvoll das Erreichte auch erscheinen mag, uns ziemt es nicht, die Freude darüber in erschlaffende Sebstzufriedenheit umschalen zu lassen. Das Referat über Palästina, das auf der Tagesordnung unserer Verhandlungen steht, wird Ihnen dartun, worin unsere nächsten und dringendsten Aufgaben in Erez Israel bestehen. Diese Aufgaben sind von ungeheurer Größe und Schwere. Wohl sehen wir heute schon manche erträumte Atöglichkeit durch Wirklichkeiten übertroffen, aber diese Wirklichkeiten sind selbst nur Hinweise auf viel größere Möglichkeiten. Und keine Wirklichkeit wird jemals die Größe und Höhe unseres Ideals erreichen, das wir unverwässert und unverkleinert in unseren Herzen tragen: Unsere eigene Arbeit muß daher rastlos immer weiter streben, von den äußeren Bedingungen erfordert sie nur so viel, als nötig ist, um unsere nationale Individualität frei und ungehindert entwickeln zu können. Wir verlangen keine Sonderrechte und hegen keine Machtgelüste. Es ist notwendig, diese Selbstverständlichkeit immer aufs neue auszusprechen, insbesondere jenem Staate gegenüber, in dem allein wir die Bürgschaften für ein freies nationales Ausleben gegeben sehen, um dadurch immer wieder niedrigen Verleumdungen zu begegnen, die noch immer von einzelnen übelwollenden Menschen kleiner persönlicher Vorteile halber über unsere vermeintlichen Ziele verbreitet werden. Es erfüllt uns daher mit großer Genugtuung, daß unsere Vertretung in Konstantinopel mit wahrhaft staatsmännischer Einsicht und bewunderungswürdiger Zähigkeit unablässig daran arbeitet, die Bevölkerung und die leitenden Kreise des osmanischen Reiches darüber äüfzuklären, daß unsere Ziele in völligem Einklang stehen mit.döri wohlverstandenen Interessen dieses Staates und daß der Erfolg unserer Bestrebungen aufs innigste verknüpft ist mit dem Erstarken und Aufblühen der neuen Türkei. Mit umso größerem Schmerze sehen wir daher das ottomanische Reich von aüßenher in schwere Verwicklungen gezogen. Es ist unser lebhaftester Wünsch, daß die neue Türkei, fdie (übrigens (fn'Jden) (ernsten Zeiten die .sie durchzumachen hat, die Stärke ihrer Hilfsquellen in überraschender Weise offenbarte, aus dieser Prüfung ohne Schädigung ihrer Existenzbedingungen hervorgehen möge, um sodann all ihre Kräfte dem Werke der inneren Regeneration widmen zu können. (Stürmischer, Sich immer wieder erneuernder Beifall.)- Die Hilfe, die der Zionismus zu dieser Arbeit dem türkischen Reiche gerne und freudig zur Verfügung stellt, wird im politischen Cälcul einen umso größeren Faktor bilden, je mehr unsere finanziellen Mittel und unsere Organisation an Stärke gewinnen werden. Unsere finanziellen Mittel sind i n Bank- und Nationalfond konsolidiert. Wir hoffen Und Wünschen, daß unsere Bank in der Folge Unbehindert durch etwaige, ihren eigentlichen Zwecken fern liegenden Inanspruchnahme, sieh kräftigen und mit der Zeit jenen Platz in unserem Finanzsystem erringen können wird, der ihr Von ihren) großen Initiator .zugedacht "War, Der Jüdische Natiönälfönd hät seinerseits diese Stellung errungen. Er . ist heute im Herzen des Volkes fest verankert ünd stellt nichts geringeres dar, als den greifbaren Niederschlag, der tief in der Völksseele wurzelnden Palästinaliebe, in der Art seiner Verwendung spiegelt sich der Geist des Zionismus in voller Reinheit wieder. Mag der Nationalfond Boden als dauerndes Volkseigentum erwerben, jüdischen Händen in Stadt und Land Beschäftigung geben, mag er der geistigen Renaissance und ihren Jüngern Heimstätten bauen, immer und überall sind seine Taten beseelt von dem im Judentum uralten demokratischen Geiste, dem in unseren Gesetzen, wie in unserem Blute tief eingeprägten sozialen Sinn und dem traditionellen echtjüdischen Geist der Duldsamkeit. Diese Art der Anwendung seines großen Fonds ist es, die den Zionismus von allem, was äußer ihm im Judentum und in Palästina arbeitet, scharf und deutlich unterscheidet, sie ist es, die ihn zum wahren und einzigen Sachwalter ■ des jüdischen Volkes macht. Das Referat über d e n N a t i o n a 1 - fonÜ wird Ihnen schildern, welchen Aufschwung die Sammlungen unter bewährter Leitung genommen haben. ' Unter den Ländern, welche für den Nationalfond steuern, nimmt Oesterreich einen Ehrenplatz ein, den wir unbedingt behaupten wollen. Doch all die großen. Erfolge auf dem Gebiete der Sammlungen sind noch immer zu klein gegenüber' den vorhandenen Möglichkeiten sowie angesichts der gewaltigen Aufgaben, die dem Nationalfond gestellt sind. Allüberall müssen die Eingänge für den Jüdischen Volksschatz verdoppelt und vervierfacht werden, wir betrachten ihre bisherige Entwicklung nur als kleines, bescheidenes Vorspiel einer größeren und rascheren Progression. Sollen sich unsere Wunsche erfüllen, sollen Nationalfond, Bank sowie alle anderen Institutionen erstarken ünd gedeihen, so ist die erste Voraussetzung dafür, daß die zionistische Weltorganisation, welche sie alle geschaffen nat und dauernd für sie sorgt, an Geschlossenheit, Einheitlichkeit und auch an Kraftbewußtsein stetig zunimmt. Der zehnte, der Jubijäumskongreß, -hat vor aller Welt dokumentiert, daß die schweren Entwicklungskämpfe, die unsere Organisation durchzumachen hatte, zu endgiltigem Abschluß gelangt sind. Er hat jene Synthese der verschiedenen Strömungen geschaffen, welche einer Auffassung des Zionismus entspricht, wie sie irt unseren Reihen immer die herrschende war. In dem neuen Statut, das der Kongreß der Weltorganisation gegeben -hat, sowie in den Prinzipien, nach denen die neue Leitung eingesetzt wurde, haben auch jene speziellen Postulate, welche unsere vorjährige Tagung aufgestellt hat, die Sanktion des Kongresses erhalten. Das Kollegialprinzip wurde durchgeführt, Vertreter der Ostjuden wieder ind ie Leitung aufgenommen, diese in einjüdisches Zentrum verlegt und dem großen Aktionskomitee seine Rechte zurückgegeben. Das Referat über die Lage nach dem zehnten Kongreß wird Ihnen dartun, in welcher Weise die fruchtbaren Anregungen, welche von dieser denkwürdigen Tagung ausgegangen sind, nutzbar gemacht werden sollen, um die günstigen Dispositionen zu nützen, die allüberall für einem mächtigen Aufschwung der Bewegung vorhanden sind, der vor allem in einer starken Vermehrung ihrer Anhänger zahl zum Ausdruck gelangen muß. (Beifall.) - In dem Eifer, den wir für diese Arbeit aufzuwenden bereit sind, wissen wir uns eins mit der vom Kongresse gewählten neuen Leitung, die wir aufs wärmste begrüßen. Wir haben zu ihren Mitgliedern, an deren Spitze der von -uns seit jeher geehrte und geschätzte Og. Prof. Dr. Öttb Warburg (Beifall) steht, das uneingeschränkteste Vertrauen und wir versprechen, ihr freudige Gefolgschaft zu leisten. Mit hoher Befriedigung 'sehen wir zum ersten Male seit Bestand unserer Organisation, ein Mitglied des engeren Aktionskomitees, Herrn Dr. Arthur Handtke (Beifall)," in unserer Mitte, den wir als langjährigen Leiter der großen und wohldisziplinierten deutschen Landsmannschaft schätzen gelernt haben. Gg. Dr. Handtke ist mit dem Sekretär der Parteileitung Gg. Kurt Blumenfeld erschienen, um eine engere Fühlungnahme mit der westösterreichischen Organisation zu suchen. Wir hoffen, daß das Engere Aktionskomitee sich durch die Teilnahme dieser Herren an unseren Tagungen von der Arbeitsfreude, aber auch von der Bedeutung unserer Landsmannschaft ein richtigeres Bild zu machen in der Lage sein wird, als es bisher, außer unseren Landesgrenzen möglich war. Dieses Bild wird umso eindrucksvoller sein, je sachlicher und gediegener wir unsere Beratungen führen Werden. Daß t lefgehende Meinungsverschiedenheiten in Unserer - Mitte zu finden sind, wird_unsere verehrten Gäste.nicht überraschen. Sie werden bemerken, daß es sifih dabei trotz aller Unrichtiger Ausstreuungen, uhi keinerlei persönliche; sönderii nur um sachliche Differenzen. handelt: Es sind hauptsächlich Fragen der Taktik, .in weichen Gegensätze der Anschauungen äufeinanderstoßen, die keine spezifisch österreichischen sind, die aber bei uns deshalb stärker in Erscheinung treten, weil sie infolge der von mir schon berührten Eigenart unserer Lage unmittelbare praktische Bedeutung für die Interessen der Zionisten gewinnen — vor allem in dem Problem der nationaljüdischen Landespolitik. Ein Referat, das dem Zionistentag über diese Frage erstattet werden wird, wird sich mit ihr auseinanderzusetzen haben. Aber ich darf wohl schon an dieser Stelle betonen, daß niemandem von uns die Landespolitik als Selbstzweck, sondern daß sie seibst ihren eifrigsten Verfechtern nur als Atittel zum Zweck, zum Zionismus, erscheint. (Lebhafte Zustimmung.) Nicht irgend welche politischen und persönlichen Aspirationen haben in unserer westösterreichischen Organisation den bestimmenden Antrieb zur Führung der Landespolitik gegeben, sondern das treibende Moment war und ist das nationaljüdische Bewußtsein der betreffenden Zionisten. Und wenn auch die Führung einer politischen Aktion noch mariche starke Gegnerschaft erweckt, im Punkte des natidnäljüdischen ErrtfP findens sind wir westösterreichischen Zionisten eines Sinnes: Die Versuche, durch psychologische Spitzfindigkeiten einen Zionismus zu konstruieren, der seine Wurzeln nicht im jüdischen Volksbewußtsein hät, wurden von uns einmütig und entschieden abgelehrtt. Uns Westösterreichischen Zionisten ist der Zionismus nichts anderes, als der logisch zu Ende gedachte jüdische Volksgedanke. In Unseren Debatten, so heftig sie sich auch gestalten mögen, sollten wir uns stets vor Augen halten, daß diese prinzipielle Einigkeit in bezug auf die letzten Quelltiefen zionistischer Weltanschauung uns stärker binden muß, als alle Differenzen in den Anschauungen ■ über die einzelne praktische Aktion uns jemals trennen können. Je mehr aber Unser nationales Fühlen sich in uns vertieft, mit desto größerer Sehnsucht streben wir in nichtjüdische Umwelt gebannt, zu engerem Anschluß an die ineujüdische Entwicklung. Wenige von uns sind so glücklich, den radikalen Bruch mit dem Golus vollziehen und ihr Leben mit dieser Entwicklung verknüpfen zu können. Unsere Organisation ist stolz auf diese Wenigen, denn sie hat in ihnen manche vorzügliche Kraft gestellt. Wir andern aber haben erkannt, daß die einzige Möglichkeit für uns, wenigstens innerlich an jener Entwicklung teilnehmen zu können, jn der Erlernung der h e - bräischen Sprache liegt. Durch sie allein sind wir imstande, uns in den Strom jüdischer Geistesentwicklung einzuschalten, die Schätze der Vergangenheit zu heben und mit der neuen Generation in Erez Israel, die unsere Zukunft bereitet, in Zusammenhang zu stehen. Die hebräische Bewegung, die von Palästina aus im Siegeslauf die Geister erfaßt, hat deshalb in uns begeisterte Jünger gefunden. Wir sehen in der wiedererwachten Sprache das einzige Band, das alle Juden der Welt mit der neujüdischen Kultur und miteinander verknüpfen, und sie wieder zu einer Nation im geistig kulturellen Sinn vereinigen wird. (Lebhafter Beifall.) Nicht minder hoch werten wir die s y m p t omatische Bedeutung der neuhebräischen Renaissance : Das Wiedererwachen unserer längst totgeglaubten Sprachse erschien jenen Vielzuvielen, die an die Ausschließlichkeit mechanisch-materialistischer Evolutionen glauben, als ein Wunder. Uns, die wir auf die schöpferische, umwerfende Kraft von Ideen all unsere Hoffnungen setzen, ist sie eine köstliche Bestätigung unserer idealistischen Weltanschauung und erfüllt uns als solche mit hoher Zuversicht. Die Erreichung unseres Endzieles kann — das ist unsere innerste . Ueberzeugung — nicht bloß das Produkt dessen sein, was man gemeinhin Entwicklung nennt, das höchste kann von uns nur erreicht werden, durch die umwälzende Kraft von Ideen! Darum wissen wir. , daß' cs unsere erste und vor-.