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Jüdische Zeitung · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JUDME ZEITUNG NRTIDNRL -JUDI5CHE5 DRGRN MXXK!■■■■■■■■■■■ ■■■■■■■ ■ ■ ■ ■ nnm | Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- M ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ g . Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ■ Nr. 52 Wien, Freitag, den 29. Dezember 1911 V. Jahrgang 3. Hestösterreidiisdier Zionistentag InlBrünn 25. und 26. Dezember 1911. Die Bedeutung des Zionistentages. Mit Stolz und Freude können die Zionisten Westösterreichs auf den Verlaut des dritten westösterreidhisChen Zionistentags zurückblicken. Trotz der großen Differenzen der Anschauungen, trotz der Erregung, die seit Wodien über den Zentralisierungsvors'dhlag, der vielfach mißverstanden worden war, in mandhen Kreisen geherrscht hat, ist eine volle Einigung erzielt worden. Die westösterreidhische Organisation hat sich ein straffes Statut gegeben, eine vergrößerte, arbeitsfähige Leitung eingesetzt und — was nicht weniger wichtig ist — derselben auch jenes Mindestmaß von Mitteln bewilligt, , ohne welcheauek-bei der opferwilligsten Anstrengung ihrer einzelnen Mitglieder nichts geschaffen werden kann. Nicht minder erfreulich ist die Einigung in der heiß umstrittenen Frage der inneren Politik. Der Zionistentag bekräftigte einstimmig die These des Krakauer Parteitages 1906, nach welcher die Führung einer innerpolitischen Aktion sowohl im Interesse der österreichischen Judenschaft, als auch in dem des Zionismus gelegen ist. Jene ‘ Zionisten, welche sich an dieser Aktion beteiligen, wurden von ihrer obersten Instanz, dem Zionistentag, angewiesen, nur in Uebereinstimmung mit dem »Jüdischen Nationalverein« vorzugehen, dessen Organisation durch Angliederung von Vertrauensmännern der Provinz ausgestaltet werden solle. Damit ist endlich der ganze, aus tausend Mißverständnissen geborene Streit um die innere Politik — hoffentlich endgiltig — aus der Welt geschafft worden. Klar und deutlich sind ivom Zionistentag die grundlegenden Prinzipien .festgelegt worden: Die zionistische Organisation ist als solche keine po 1 it ische. Die Politik ist aber ein wirksames Mittel zum Zionismus. Kein Zionist kann gezwungen werden, innere Politik zu betreiben. Jene Zionisten aber, welche sich inner politisch betätigen, haben das unter e i n he i t lich e r Te it u ng zu t un, tlie dem Jüdischen N at io naive rc i n zust ejh't. Dieser wird;sich aus einer Organisation, die bisher vorwiegend aus den Zionisten Wiens sich zusammensetzte, zu einer Vereinigung gestaltet werden, die alle Zionisten Westösterreichs, welche Politik betreiben, umfassen wird. Nichts anderes wurde bisher von den Wiener Leitungen vertreten. Die Grundsätze sind so klar, daß sie audi in dem Momente durchdringen mußten, in welchem sie von berufenen Interpreten den teilweise durch falsche Auffassungen, entstellte Berichte etc. irregeleiteten Delegierten vorgelegt wurden. Eine weitere, nicht hoch genug zu schätzende Errungenschaft des Zionisteninnige Verknüpfung der westösterreichitags ist die enge, ja man kann sagen, sChen Landsmannschaft mit der obersten Leitung der Weltorganisation, dem Engeren Aktionskomitee, welche durch das Erscheinen Dr. Handtkes und Kurt Blumenfelds bewerkstelligt wurde. Die brüderliche, kollegiale Art, in weicher diese Gesinnungsgenossen an den Beratungen teilnähmen, der große Anteil, der Thnen. an der „erzielten ELugung gebührt und die streng demokratische Auffassung der Stellung der Leitung gegenüber der Organisation, ‘welche aus all ihren Handlungen und Reden hervorleuchtete, haben aut der Tagung den allerbesten Eindruck erzielt und aufs (deutlichste dargetan, das endlich erreicht wurde, wofür die westösterreichischen Zionisten solange gekämpft haben: Daß Leitung und Organisation in engster Arbeitsgemeinschaft und in fruchtbarer Wechselwirkung zueinanderstehen müssen, wenn anders Erfolge größeren Stils erzielt werden sollen. Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß die Referate über Palästinafragen und Nationalfond nur wieder aufs neue dargetan haben, daß die westösterreichische Organisation in den Hauptfragen des Zionismus einig und geschlossen ist, wie dies in der Eröffnungsansprache des Präsidenten, welche die Aufgaben und die Eedeutung der Tagung deutlich umschrieb, aufs nachdrücklichste betont wurde. Der stürmische und einmütige Beifall, den der Ausdruck der Sympathien für die Türkei, welche gleichfalls in dieser Ansprache enthalten war, seitens des Tages fand, brachte neuerdings zum Ausdruck, daß allen Zionisten bewußt ist, daß der Zionismus das stärkste Interesse an einer Kräftigung der Türkei hat, der er in Freud und Leid ein treuer Freund zu sein gewillt ist. Eng verknüpft mit der obersten Leitung, mit ihr über die Richtlinien der Arbeit einig, gekräftigt in ihrer Organisation und völlig geklärt in ihren wichtigsten internen Fragen, so geht die westösterreidhische Landsmannschaft aus ihrer dritten Tagung hervor — wir hoffen zu neuen Erfolgen, zu einem mächtigen Aufschwung! Eröffnungsrede des Präsidenten. Präsident Adolf Böhm, mit stürmischem Beifall begrüßt, eröffnet den Zionistentag mit einigen hebräischen Sätzen und fährt deutsch fort: Zum drittenmale versammeln sich die Zionisten Westösterreichs, um in ernster Beratung die schwierigen Fragen zu lösen, die ihnen durch die besonderen Verhältnisse in denen sie leben, gestellt sind. In die Mitte zwischen West und Ust gerückt, in den Treffpunkt zweier Schichten des Judentums, die dem Soziologen nicht nur nach Dichtigkeit und Verhältnissen der Umwelt verschieden gelagert erscheinen, sondern die er auch als typisch für zwei zeitlich aufeinanderfolgende Phasen jüdischer Entwicklung betrachten kann, in einem Staate lebend, in welchem das noch immer ungelöste Grundproblem seiner Existenz, die heiß umstrittene Frage nach der richtigen Formel für das Gemeinschaftsleben seiner Völkerschaften auch . die. Juden gebieterisch» zu einer -nationalen Stellungnahme zwingt und damit die Assimilation aus einem bloß kulturellen in ein politisches Postulat verwandelt, organisatorisch künstlich getrennt von unseren Brüdern im Osten der Monarchie, mit denen uns nicht nur die Identität staatsbürgerlicher Interessen, sondern die Gefühle engster Zusammengehörigkeit verbinden, sind wir Zionisten Westösterrcichs vor organisatorische Aufgaben von besonderer Schwierigkeit gestellt. < Es ist deshalb begreiflich, daß unsere Tagungen sich immer aufs neue mit der Lösung von organisatorischen Problemen beschäftigen müssen und auch diesmal ein solches als erster Punkt auf die Tagesordnung gestellt wurde. Der Ernst dieser Fragen ist uns allen bewußt, wir wissen, daß sie keine nebensächlichen und inhaltslosen sind, daß vielmehr die Organisierung der Judenheit die erste und schwerste Aufgabe des politischen Zionismus ist. Wir kennen und dürfen nicht an ihrer Lösung verzweifeln, denn dies hieße am Zionismus selbst verzweifeln, dessen grundlegende Voraussetzung die Erkenntnis der unbedingten Einheit aller Juden der Welt ist. Die Macht dieser Wahrheit hat schon größere organisatorische Schwierigkeiten besiegt, als jene es sind, an deren Ueberwindung wir zu arbeiten haben. Sie hat Freidenkende und Orthodoxe, Bürger und Proletarier, Ost- und Westjuden auf ein gemeinsames Ziel geeint. Sie wird sich auch stärker erweisen, als die Differenzen, die in unseren Reihen bestehen. Denn trotz der Verschiedenheiten unserer Auffassungen ist auch uns der Zionismus talnologisches, zweckstrebendes Judentum: Nicht, weil wir aus verschiedenen Lagern kommen, müssen wir uns trennen, nein, weil wir zu einem Ziele gehen, müssen wir u n s e i n e n! Zehn Jahre sind gerade verflossen, seit die Zionisten ganz Oesterreichs zu ihrer ersten Tagung zusammentraten. Sie bildeten damals eine Organisation, von der die heutige westösterreichische nur ein Teil ist. Die Trennung von unseren Brüdern im Osten der Monarchie ist nicht nach unserem Willen geschehen, wir wurden vor die vollendete Tatsache gestellt. Westösterreich hat den durch sie geschaffenen Zustand niemals akzeptiert, wir haben unsere Organisation stets nur als einen Teil einer gesamtösterreichischen angesehen, wir haben immer zum Ganzen gestrebt. Wenn wir uns heute auch selbständig konstituieren müssen, so tun wir dies nur aus Gründen praktischer Zweckmäßigkeit. Wir fühlen uns eins mit unseren Gesinnungsgenossen im Osten des Reiches und nicht nur unsere Tagungen finden gleichzeitig

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