Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438378--2772-2442480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
jUDlSCHE ZEITUNG Seite 4 kcit der für die Zweiteilung angeführten Gründe der Oeffentiichkeit zu demonstrieren. Diese kurze und beißende Kritik ist vollkommen gerecht, denn selten wurde eine schlechte Sache mit so schlechten Gründen verteidigt, wie es Dr. Leo Reich tat. Der Gedankengang seines Aufsatzes " bewegt sich folgendermaßen: Der reine Zionismus leidet unter der politischen Betätigung. Anderseits stehen viele nationalgesinnte Juden der Organisation fern, weil sie keine Zionisten sind. Durch die Schaffung einer jüdischnationalen Organisation soll diesen fernstehenden Elementen die Möglichkeit des Anschlusses und der Betätigung geboten werden. Schließlich werden doch die Zionisten die Oberhand in der neuen Organisation behalten. Demgegenüber wäre anzuführen: Entweder fällt die innerpolitische Betätigung in den Bereich der zionistischen Arbeit oder nicht, im bejahenden Falle — nun Herr Dr. Reich bejaht die zionistische Landespolitik — entfällt die Notwendigkeit einer separaten Organisation. Im verneinenden — geht uns die ganze Sache nichts an. Nun hat sich aber die zionistische Partei mehrfach und nachdrücklichst für die innerpolitische Arbeit ausgesprochen. Sie hat also die Pflicht diese Arbeit zu leisten. Diejenigen, welche nur jüdischnational aber nicht zionistisch sind, mögen eine separate Organisation schaffen. Wir Zionisten haben nicht den geringsten Anlaß unsere Kräfte jener Elemente wegen, die verschwindend an der Zahl sind, zu teilen. Uebrigens ist die Voraussetzung der Reichschen Beweisführung falsch. Es ist ntcht wahr, daß die zionistische Arbeit infolge der politischen Betätigung Schaden gelitten hat. Das Gegenteil ist richtig. Gegen eine separate jüdischnationale Vereinigung läßt sich noch der folgende, unseres Eradrtens wichtigste Grund anführen: Das zionistische Programm ist das Regulativ der jüdischnationalen Politik. Ohne das Gerüst der zionistischen Weltanschauung könnte die jüdischnationale Politik Wege einschlagen, welche dem jüdischnationalen Empfinden zuwiderlaufen. Für uns Zionisten ist die Landespolitik nie. Selbstzweck gewesen und wir müssen es verhindern, daß sie je Selbstzweck, Alpha oder Omega, der jüdisdien Renaissance in Oesterreidi werde. Darum werden sidi alle bewußten Zionisten gegen die Zweiteilung und die damit verbundene Verwässerung der zionistischen Grundsätze mit aller Entschiedenheit wenden. * * ln der letzten Zeit waren Gerüchte von einer von Löwenstein geplanten Gründung einer neuen jüdischen Organisation im Umlaufe. Es ist möglich, daß diese Gründung versucht wird, doch läßt sich mit Bestimmtheit Voraussagen, daß die ganze Sache im Sande verrinnen wird. Denn was nützen Programme und Gründungen, wenn dahinter keine überzeugten Männer stehen? Das Volk wird dem Löwenstein nicht trauen, ebenso wie es seinen Leibjournalen „Tag“ und „Jednosc“ nicht traut. Die Frage Assimilations- oder zionistische Politik ist ja nicht rein politischer, sie ist ethischer Natur. Die Assimilanten sind ja nicht nur schlechte Politiker, sie sind schlechte Menschen. Darum ist (jedes Kon ihnen! inaugurierte «Werk von vorneherein totgeboren, weil nicht Ueberzeugung und Ideen, sondern Geschäftsmachertum dahinter stecken. Dr. Löwenstein mag verkünden, was er will, seine Macht wird nie im Volke wurzeln, sondern — solange sie bestehen wird — ein Kind der Unterdrückung, des Schwindels und der Brutalität sein. ♦ * * Die polnische Sozialdemokratie hat auf der Mitte Dezember stattgefundenen Konferenz in Lemberg die separate jüdische Organisation anerkannt. Damit wäre eigentlich der jüdischen Sozialdemokratie die Möglichkeit zur intensiven Arbeit innerhalb der jüdischen Massen gegeben, wenn die Macher der jüdischen Organisation ehrliche Jüdisch-Nationale wären. Das aber kann man von ihnen nicht behaupten, denn noch immer dulden sie es, daß die meisten Obergenossen auf Kosten der jüdischen iMitglieder polnische Parteiführer sind. Diamant will noch immer nichts von Juden und der jüdischen Organisation wissen und auch Liebermann schweigt sich gründlich aus. Anerkennung der jüdischen Nationalität un*d Prämierung des Abfalles vom Judentum, das sind unvereinbare Gegensätze. Das werden die Juden nicht verstehen und der jüdischen Sozialdemokratie dasselbe Vertrauen wie der polnischen entgegenbringen, nämlich — keines. Bericht des zionistischen Zentralkomitees an den III. westösterreichischen Zionistentag in Brünn, 25. und 26. Dezember 1911. Personalia. Am II. westösterreichischen Zionistentag, der am 27. und 28. März 1910 in Wien stattfand, wurde nachfolgendes Zentralkomitee gewählt: Adolf Böhm, Präsident; Dr. Otto Abel es, Wien; Dr. Emil Margulies, Prag; Dr. Hugo Rappaport, Trautenau; Dr. Ludwig Saiger, Prag, Josef Süßmandl, Mähr. Ostrau; Dr. Emil Stein, Wien; Dr. Gustav Zweig, Proßnitz; ferner als Ersatzmänner: Dr. Gustav Kuh, Prag; Fritz Löw, Proßnitz; Dr. Karl Pollak, Wien. Da Dr. Sigmund Werner die Wähl nicht annahm, wurde an seinerstatt Herr Fritz Löw* Proßnitz und (an Stelle des leider verstorbenen Dr. Rappaport, Herr Dr. G. Kuh, ins Zionistische Zentralkomitee einberufen. Ins Zentralbureau wurden vom ZK Adolf Böhm und Dr. Stein, zum Vizepräsidenten des ZK. Dr. Emil Margulies (gewählt. Dr. Hugo Rappaport. In.Dr. Rappaport verlor das ZZK. einen hervorragend begabten Mitarbeiter, dessen vornehmer Charakter und seltene Geistesgaben sich allseits hoher Schätzung erfreuten. Das ZK. war bei dem Leichenbegängnis durch Dr. Margulies vertreten und beteiligte sich an dem vom Verein Trautenau zu Ehren des Verstorbenen. gegründeten Oelbaumhain. Parteitag. Der' Parteitag selbst nahm einen außerordentlich befriedigenden Verlauf. Die Ansprache des früheren Präsidenten des ZK Dr. Isidor Margulies war eine wahrhaft staatsmännisclie Enunziation, die Referate und Debatten standen auf bemerkenswerter Höhe. Allseits kam der Wunsch nach stärkerer Zusammenfassung der Organisation zum Ausdrück. Auf die einzelnen .Beschlüsse 'des Parteitages werden wir an der betreffenden Stelle des Berichtes eingehen. . . Aufgaben des ZK. Wie bereits im ersten Berichte erwähnt wurde, ist die am 1. W.-Oe. ZT. in Brünn geschaffene Organisation als ein Versuch anzusehen, unter möglichster Schonung der Autonomie der Distrikte leistungsfähige Gesamtorgane zu schaffen. Bei diesem Stand der Dinge ist es dem ZK nur möglich, Initiative und Anregungen zu geben und eine vermittelnde sowie überwachende Tätigkeit zu entfalten. Eine wirkliche Oberbehörde, welche über die Parteimittel und Parteikräfte in erster Reihe verfügt, kann das ZK, solange die vollkommene Autonomie der Distrikte besteht, nicht darstellen. Die. Tätigkeit desselben konnte sich daher auch nur in der oben erwähnten Richtung bewegen. Vertretung nach Außen. Das ZK hat statutengemäß den Verkehr der Organisation Imit der Zentralbehörde, den anderen zionistischen Organisationen und jenen der DK untereinander vermittelt. Der westösterreichischen Organisation wurde die Stellung einer Landesorganisation zugestariden und dem Präsidenten, iresp. Vizepräsidenten die Teilnahme an der Jahreskonferenz eingeräumt. Im Laufe der Amtsperiode des ZK hat sich leider ein Konflikt mit der früheren Leitung ergeben, welcher auch zur Demission des Präsidenten führte. Das ZK hat hierbei einstimmig dessen Haltung gebilligt und die Forderungen des ZK wurden bis auf eine („der Wiener Korrespondent der „Welt“ könne nur mit Zustimmung des ZK bestellt werden"), welche aber inzwischen von der neuen Leitung zugestanden wurde, bewilligt, womit der Konflikt beendet war. Auf der Jahreskonferenz 1910 war die Organisation außer durch ihren Präsidenten Adolf Böhm, welcher; als Aktionskomiteemitglied Sitz und Stimme hatte, auch durch seinen Vizepräsidenten Dr. Emil Margulies vertreten. Beide Gg. haben regen Anteil an der damals zustande gekommenen Einigung genommen. Am Kongreß war die westösterreichische Organisation durch 32 Delegierte, vertreten und entsendete-die Herren Prof. Engel. Dr. Margulies, Dr. Werner und Dr. Zweig in. den Permanenzausschuß, wo sich die Genannten um das Zustandekommen der Einigung, welche in Basel erzielt wurde, sehr bemüht haben. Der Vizepräsident des ZK- Dr. Emil Margulies war auch Referent des Organisatiönsstatuts am 10. Kongreß. In das Große AC wurden .aus. Westösterreich die Gg. Kremenetzky. und Böhm gewählt. Auf dem 10. Kongreß sind diejenigen Postulate, welche der 2. westösterreichische Zionistentag aufgestellt hat: Wiederwahl von Vertretern des östlichen Judentums in die neue Leitung, Verlegung derselben in ein großes jüdisches Zentrum, Durchführung des kollegialen Prinzips beim EAC und Reform des Großen AC vollkommen durchgedrungen. Die neue Leitung, welche vom 10. Kongreß gewählt wurde, ist sofort mit dem ZK in den regsten Verkehr getreten und es hat sich ein Nr 5i außerordentlich intensiver Kontakt mit ihr herausgebildet, wodurch unsere Arbeit wesentlich gefördert wurde. Insbesondere sind wir dem EAC dankbar, daß es uns Kräfte für die Agitation zur Verfügung stellt und daß seine Mitglieder persönliche Fühlung mit unserer Organisation nehmen. Das Mitglied des EAC. Dr. Salom. Levin hat anläßlich seiner Vorträge in Wien sich mit den Leitungen' der Wiener Komitees in Fühlung gesetzt und ein sehr herzliches Verhältnis derselben mit dem EAC. hergestellt. Dr. Hänicke, Mitglied der EAC. hat zugesagt mit dem Parteisekretär Gg. Blumenfeld am III. w.-ö. Zionistentag die Zentrale zu ver7 treten. Mit der galizischen Organisation standen wir in stets freundschaftlichem Verkehr und konstatierten wiederholt, namentlich anläßlich einer Reise unseres Präsidenten nach Galizien die Bereitwilligkeit der Lemberger Leitung, in irgend einer Form eine Gemeinsamkeit der zionistischen Arbeit -in Oesterreich zu schaffen.; Politische Organisation ,.. Was die politische Organisation betrifft, so konnte das ZK sich nur aüf dem Boden der Krakauer Beschlüsse stellen. Als die politischen Vereine als-solche am 15. und 16. Mai 1910 eine,neue politische Gesamtorganisation für Oesterreich schufen, richtete der Präsident, fies ZK an die Konferenz ein Schreiben, worin er betonte, daß in irgend einer Weise ein' Zusammen hang der politischen mit der zionistischen Organisation geschaffen werden müsse, weil nach dem in Krakau beschlossenen Resolutionen die politische Organisation nicht vollständig unabhängig von der zionistischen sein dürfe. Die Konferenz wählte, um; diesem : Standpunkt zu entsprechen: den Präsidenten des ZK in die politische 'Reichsexekutive. Allerdings konnte dieselbe irgend eine Tätigkeit nicht entfalten und ist auch heute die Frage der politischen Reichsorganisation nicht gelöst: *. ■ - In Wiederholten Fähen wurde, von zionistischer, Seite und einmal, sogar von einer tschechischen Partei die Intervention des ZK in politischen »Fragen fangenden. In allen diesen Fällen hat das ZK diese Angelegenheiten an den .Jüdischen Nationalverein“ für: Oesterreich; weitergeleitet. Ueberwachung der Verbandsorgane und der Distriktskomitees. ’ Die Sämmelstelle' des Jüdischen Nationalfonds; ist dem Z. B. laut Statut angegliedcrt.. Der Leiter derselben, Gg, Dr. Egon Zweig, wurde den Sitzungen des Z.-K, zugezogen, die Mitglieder des.' Z. B., Gg. Adolf Böh m und Dr. Stein sind in der NF.-Konimission1 ständig tätig gewesen. Die Distrikte erforderten eine spezielle Aufsicht nicht, da sie stets arbeitsfreudige, Leitungen gehabt haben. Als im Herbst 1910, in Innerösterreich durch den Rücktritt des damaligen Obmannes des: D.-K. ein Interregnum eintrat, hat der Präsident des Z. K. im; Einvernehmen mit den Wiener Gesinnungsgenossen die Vorbereitungen für einen D.-T. getroffen und es wurde am 8. Dezember 1910 ein neues D.-K. mit' Dr. Körner an der Spitze gewählt. Dem Uebelstande, daß in Wien . eine , ganze Reihe , von Komitees für verschiedene Zwecke bestehen, deren praktische Aktionen oft parallel' gehen, suchte das 2.. B.- nach Möglichkeit dadurch abzuhelfen, daß es wiederholt für gemeinsam zu behandelnde Fragen gemeinsame Sitzun^ e n der einzelnen Leitungen, unter Vorsitz des . K.-Präsidenten veranstaltete. Den 'innerösterreichischen D. T. wohnte' der Präsident des Z. K. stets bei. Oeftere Kontroversen : zwischen den D.Ks. in Wien und Troppau, welche hauptsächlich die Frage der innerpolitischen Betätigung betrafen, hatten wiederholte Vermittlungen zur Folge. Ein Wahlprotest, den das D. K. in Troppau gegen eine Wiener Kongreßwahl an das Z. B. leitete, wurde von diesem an. den Legitimationsausschuß des, 10. Kongresses weitergegeben, da es selbst zum Einschreiten keinen Grund fand. : ‘ ' Propaganda. Ideenpropaganda. Das Z. K. war sich dessen bewußt, daß ’ seine wichtigste Aufgabe die der; löeenpröpäganda und jene für? P'a 1 äst i n a a r b e i t - sei. Bezüglich der . ersteren hat das, Z-K. die Bedeutung -des Zo 11 s cha n sehen Werkes sofort erfaßt und' dessen Verbreitung in jeder Weise gefördert. Es hat sich aufs lebhafteste für die : Veranstaltung von Vorträgen des-Gg. Dr. Z ö 11 s ch a.n; im In-, und ^uslande, eingesetzt, schon .zu einer. Zeit, als die Bedeutung des Werkes noch länge nicht allgemein erkannt war. Ueher Antrag des Z. K. wurde Dr. Zo 11 s c h a n auf den Ra s s e n ko n gr e ß nach London delegiert, wo dessen 'Auftreten außerordentlich: erfolgreich war. Am 10. Kongreß verunstaltete die westösterreichische Organisation einen Vor-' trag dieses Gesinnungsgenossen. 'Das Z.K. erkannte .auch, daß das .einzige ( Mittel, die. Theorie Zollschans in: die, Massen zu .bringen,, die Herausgabe einer p.o.pulären Broschüre wäre. Allerdings ' verursachte es große Schwierigkeiten;- eine solche zustande zu - bringen, welche : allen Anforderungen . entsprechen könnte. Das ist; endlich; nach vielen Bemühungen gelungen, und die Broschüre wird in Kürze