Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 * JÜDISCHE ZEITUNG_Seite 3 einer einseitig informierten Mehrheit die wichtigsten Angelegenheiten unter lokalem Gesichtspunkte betrachtet wurden, zeigen aber, daß es so wie bisher einfach nicht weiter geht. Es handelt sich nicht um einen Kampf zwischen Wien und den Provinzen oder um die Entscheidung zwischen „Zentralismus“ und „Föderalismus“, sondern um den Kampf zwischen Prinzip und zur Prinzipienlosigkeit ausartendem verwaschenen Opportunismus, zwischen jenen, die eine einheitliche öster. zionistische Organisation und jenen, welche das Gegenteil wollen. Wir appellieren diesbezüglich vom schlecht beratenen Distriktstag an den besser urteilenden Zionistentag in Brünn. Die Rfition der Vereinigten Staaten in der Passfrage. Der russische Antisemitismus macht nicht einmal.vor Bürgern fremder Staaten Halt. Kein ausländischer Jude, mag er in seinem Heimatslande Minister sein, darf sich in Rußland aufhalten, wenn er nicht Kommis einer ausländischen Handelsfirma ist, in welchem Falle er ein halbes Jahr in Rußland reisen darf. In der Zurückweisung ausländischer Juden liegt zweifellos neben der Bekundung antisemitischer Anschauung auch eine Beleidigung des Staates, dessen Bürger der nicht zugelassene Jude ist. Die europäischen Staaten stecken diese Beleidigungen ruhig ein, da es sich doch nur um Juden handelt. Vergeblich wurde in Frankreich, England, Deutschland und Oesterreich von führenden Politikern darauf verwiesen, daß in dem Gewährenlassen der russischen Regierung in ihrer Behandlung der ausländischen Juden ein Mangel an Selbstbewußtsein gelegen sei. Manche Staaten, wie Ungarn und Preußen, machten sich vielmehr das russische Beispiel zunutze und wiesen ihrerseits Juden aus, ohne daß von den „Vaterländern“ der Ausgewiesenen dagegen Einspruch erhoben würde. ln der letzten Zeit war es nun zu lesen, daß die Vereinigten Staaten mit diesem Prinzip des Gewährenlassens gebrochen haben. Das Repräsentantenhaus nahm eine Resolution an, in welcher die Kündigung des russisch-amerikanischen Vertrages gefordert wurde, weil Rußland amerikanischen Bürgern den Aufenthalt in seinem Staatsgebiete verweigere. Auf Grund dieser Resolution kündigte Präsident Taft den seit 1832 bestehenden Handelsvertrag. Viele Leute wollen in diesem Verhalten der Union einen philosemitischen Akt erblicken. Dieser Auffassung muß entgegengetreten werden. Es ist bekannt, daß in Nordamerika ein gesellschaftlicher Antisemitismus rüdester Art besteht. Doch ist dort auch Selbstachtung und Machtbewußtsein vorhanden. Die Union hat nur ihre eigene Würde gewahrt, als sie dem flegelhaften Benehmen der russischen Regierung entgegentrat, welche sogar einem amerikanischen Botschafter, Herrn Straus, seines Judentumes wegen, den Aufenthalt in Rußland verbot. Das politische Verständnis der nordamerikanischen Bürger ist größer als das der Bürger in europäischen Staaten. Andererseits ist auch der jüdische Teil der amerikanischen Bevölkerung politisch reifer als die Juden in Europa. Seit Jahren haben die amerikanischen Juden alle um jüdische Stimmen werbenden Kandidaten verpflichtet, die Forderung auf energischen Schutz der amerikanischen Juden in Rußland zu vertreten. Fast jede Partei mußte unter dem Drucke der jüdischen Wähler diese Forderung in ihr Programm aufnehmen. In den letzten Monaten wurde diese Forderung in der Oeffentlichkeit mit allem Nachdruck erhoben und die amerikanischen Politiker lösten nur einerseits ihr gegebenes Wort ein, andererseits gaben sie dem Drucke der öffentlichen Meinung nach, indem sie die Paßfrage der amerikanischen Juden im Sinne der Gerechtigkeit und der wahren Selbstachtung behandelten. Bei uns in Oesterreich ist es anders. Oesterreichische Juden werden nicht nur aus Rußland, sondern auch aus Preußen ausgewiesen und die österreichischen Juden haben sich noch nie zu einer gemeinsamen Aktion in dieser Hinsicht aufgerafft. Vor drei Wochen machten wir neuerdings auf die Ausweisung österreichischer Juden aus Preußen aufmerksam. Als nun der neugewählte Abgeordnete Reizes dieser Anregung folgend, diesbezüglich die österreichische Regierung interpellierte, mußte er die nötigen Unterschriften bei den Ruthenen und Tschechen sammeln, weil sich die jüdischen Mitglieder des Polenklubs,sowie die jüdischen Sozialdemokraten weigerten, diese Interpellation zu unterschreiben. Die Union ist doch ein Staat ganz anderer Art als Oesterreich und die amerikanischen Juden haben, wiewohl auch sie nicht in jeder Hinsicht mustergiltig sind, mehr Ehre im Leibe als die „Polen“ und „Deutschen“ mosaischer Konfession. * * * Zur Aufhebung des russischamerikanischen Handelsvertrages wird uns von unterrichteter Seite geschrieben: Das Repräsentantenhaus hat mit dreihundert gegen eine Stimme die Resolution Sulzer angenommen, die die sofortige Aufhebung des im Jahre 1832 zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten geschlossenen Handelsvertrages verlangt, weil Rußland sich weigert, die an Juden verabfolgten amerikanischen Pässe anzuerkenn e n. Damit kann die Annullierung des russischamerikanischen -iVertragSjiwenn iauch formell noch noch die Zustimmung des Senats erforderlich ist,*) als vollendete Tatsache angesehen werden. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das Oberhaus sich dem nahezu einstimmigen Beschluß der Repräsentantenkammer anschlicßen wird, zumal da dieser Beschluß dem einmütigen Wunsche der gesamten öffentlichen Meinung in Amerika entspricht. Wie aus Newyork telegraphisch berichtet wird, herrscht in dortigen jüdischen Kreisen große Genugtuung über den Beschluß des Repräsentantenhauses. Es wird in der jüdischen Presse hervorgehoben, daß seit dem Berliner Kongreß ein derart entschiedenes Auftreten einer Großmacht für die Gleichberechtigung der Juden nicht zu verzeichnen gewesen sei. Die Vereinigten Staaten hätten den europäischen Kabinetten wieder einmal ein Beispiel wahrhaft liberalen Geistes, unbeugsamen Bürgerstolzes und demokratischen Selbstgefühls geboten, das seinen Eindruck in der alten Welt sicherlich nicht verfehlen werde. ln Rußland hat das entschiedene Vorgehen der Vereinigten Staaten sehr überrascht. Man hatte in Petersburger amtlichen Kreisen die amerikanische Agitation zugunsten der Aufhebung des Handelsvertrags bedeutend unterschätzt, und jedenfalls nicht erwartet, daß der Kongreß die Resolution Sulzer ohne weiteres zum Beschlüsse erheben würde. Die russische Regierung sucht nun einzulenken und die Aufhebung des Handelsvertrages noch im letzten Augenblick zu verhindern. Aus St. Petersburg wird nämlich unter dem 15. Dezember berichtet: Gutem Vernehmen nach ist K o k o w z e w bereit, den amerikanischen Juden den Zutritt nach Rußland zu erleichtern, und wird in diesem Sinne Vortrag beim Zaren in L i v a d i a halten, wohin er sich heute begibt. Offiziell wird erklärt, der Beschluß des amerikanischen Repräsentantenhauses könne auf die Politik Rußlands keinen Einfluß haben. Tatsächlich ist aber die Kündigung des amerikanischen Handelsvertrages für Rußland im höchsten Grade unerwünscht. Kokowzew hat darüber mit Sasonow eine Besprechung gehabt. Dieser soll sich der Ansicht Kokowzews, daß Rußland bemüht sein müsse, seine freundschaftlichen Beziehungen zu Amerika aufrecht zu erhalten, angeschlossen haben. *) Ist inzwischen erfolgt. (Anm. der Redaktion.) Der rote saure fipfel. Die Herren sozialdemokratischen Führer haben doch hineinbeißtn und den Bestand der Jüdischen Nationalität anerkennen müssen. Anläßlich des jüngst abgehaltenen Lemberger Parteitages wurde endlich den Juden in der galizischen sozialdemokratischen Partei das Recht zuerkannt, eine e i g c n e j ii d i s c h c Partei zu bilden. Lang hats gedauert, bevor die Herren nachgegeben haben. Erst die letzten Wahlen haben ihnen heiß gemacht. Die jüdischen Wähler zeigten sich rebellisch und haben irn Wahlkampfe den Kandidaten das Versprechen ahgerungen, sich der immer lauter werdenden Forderung der Juden nach nationaler Selbständigkeit nicht länger entgegenzustellen. Der Beschluß des Lemberger Parteitages ist ein Erfolg der jüdisch-nationalen Sache und die jüdischen Sozialdemokraten, welche den Kampf um die Anerkennung geführt haben, sind zu beglückwünschen. Doch hat sich diese Anerkennung unter Begleiterscheinungen vollzogen, welche äußerst verdächtig sind und es empfehlenswert erscheinen lassen, den zur Liebe gezwungenen Führern scharf auf die Finger zu sehen. Besonders der Referent Daszvnski hat in seinen Reden und Resolutionen durch kleine Winkelzüge die Konsequenzen der Anerkennung abzuschwächen gesucht. Vor allem sagt er: „Alle jüdischen Parteigenossen, die sich als Polen fühlen und mit uns verbunden sind durch unzerreißbare Bande d e r Brüderlichkeit, sehen wir als vollberechtigte Mitglieder der polnischen soz.-dem. Partei an“, d. h.: den assimilatorischen Juden soll es trotz der bestehenden jüdischen Partei unbenommen bleiben, sich auf die waschechten Polen herauszuspielen. Der Zweck ist leicht zu erkennen. Herr Daszvnski hat viele jüdische Wähler, und er fürchtet, daß diese, als Mitglieder der jüdischen Partei, auf den fatalen Gedanken Rommen »könnten, an Stelle eines polnischen Chauvinisten, und Daszvnski ist ein solcher, einen Juden zu wählen. Außerdem sollen seine jüdischen Freunde D i a m a n d, Austerlitz, Ellbogen, u. a , die heute ein behagliches Dasein als „polnische und „deutsche“ Parteiführer pflegen, davor bewahrt werden, daß man sie ins jüdische Lager abschiebt, wo ihrer kein guter Empfang harrt. Es wirkt allerdings komisch, wenn ein so gewiegter Politiker wie Daszvnski den Gang der Entwicklung durch solche Mätzchen aufzuhalten können glaubt. Neben dieser Naivität leistet sich aber Daszynski noch eine unglaubliche Frechheit, um den jüdischen Genossen den Beitritt zur jüdischen Partei zu verekeln. Er sagt in seiner Resolution: „Wir erklären, daß die neugebildete jüdische Partei autonom zu wirken berechtigt ist. in der jüdischen Arbeiterbevölkerung, die von der polnischen Kultur noch nicht erfaßt ist und die Fähigkeiten noch nicht erreicht hat, zum gemeinschaftlichen Klassenkampf!“ Durch diese gemeine Beleidigung der jüdischen Arbeiter soll die neue Partei als eine Partei zurückgebliebener Parias gekennzeichnet werden, wird den jüdischen Arbeitern die Fähigkeit zum gemeinschaftlichen Klassenkampf abgesprochen und allen Mitgliedern empfohlen, sich möglichst rasch „hinauszuentwickeln“. Als ob der jüdisch denkende Sozialist nicht mindest so hoch stünde, nicht mindestens so „befähigt“ zum Klassenkampfe wäre, wie die christlichen polnischen Arbeiter des Herrn Daszvnski. Man muß Galizien kennen, um diese arrogante Phrase in ihrer ganzen Verlogenheit zu erkennen. Als erste Aktion der neuen Partei wäre eine Zurückweisung dieser Flegelei gut angebracht. Merger Brief. Von unserem Korrespondenten. Als Anhänger der Zweiteilung der zionistischen Organisation hat sich auch Gg. Dr. Leon Reich bekannt, welcher seine Ansicht in einem längeren im „Tagblatt“ erschienenen Artikel verteidigte. Die Redaktion des „Tagblattes“ versah den Artikel mit einer Fußnote, in welcher erklärt wird, daß der Aufsatz nur darum abgedruckt wurde, um die Fadenscheinig-