Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 ä conto 200 Lei in Banknoten zu 20 Lei, die mit einem Zeichen seitens Herrn f. und der Polizei versehen wurden. Der Advokat nahm das Geld und wollte das Zimmer verlassen, da traten die Polizeiagenten aus ihrem Versteck hervor und verhafteten ihn und seinen Sekretär. Der Untersuchungsrichter aber beließ sie nachher auf freiem Fuße! Wann wird der Prozeß stattfinden? Das bleibt ein Rätsel. Er wird wahrscheinlich so lange vertagt Werden, Ibis .... Und Selbst, wenn er stattfinden sollte, ist es fast sicher, daß die Gauner freigesprochen werden, denn es handelt sich ja um einen Prozeß zwischen einem Juden und einen Advokatenf!). (In Rumänien können nämlich die Juden nicht Advokaten werden.) G. Viktor. Rußland und die; amerikanischen Juden Newyork. Präsident Taft teilte in seiner Botschaft vom 7. Dezember dem Washingtoner Kongreß mit, daß in Petersburg Besprechungen bezüglich der Paßfrage begonnen hätten. Es seien Verhandlungen im Gange, um eine klare, den Interessen Amerikas und seiner jüdischen Bürger entsprechende Auslegung des Vertrages von 1832 zu erzielen. Ich glaube, fügte der Präsident hinzu, daß ein hinlänglicher Fortschritt erzielt worden ist, um die Fortsetzung der Konferenzen zu ermöglichen, in der Hoffnung, daß diese die Beschwerden über Vertragsverletzungen von russischer Seite aus dem Weg räumen werde. — Inzwischen hat die Kommission für auswärtige Angelegenheiten beschlossen, dem Senate zu empfehlen, den mit Rußland im Jahre 1S32 geschlossenen Handelsvertrag zu kündigen, weil die russische Regierung sich weigert, jüdischen amerikanischen Staatsbürgern den freien, unbeschränkten Aufenthalt in Rußland zu gewähren. Antisemitismus in der russischen Duma. Aus Petersburg wird der „N. J. K.“ geschrieben: Nach viermonatlichen Ferien wurde am 28. Oktober die neue Session der Reichsduma eröffnet. In die Ferienzeit fielen die Kiewer Ereignisse. Man war daher in weiten Kreisen gespannt, wie die gesetzgebende Körperschaft des Reiches auf idiese Ereignisse reagieren würde. Dazu kam, daß die meisten größeren Dumaparteien Interpellationen über die Ermordung Stolypins und über die Tätigkeit der stark kompromittierten Kiewer „Öchrana“ (Lockspitzelorganisation der Geheimpolizei) angekündigt hatten. Die jüdische Bevölkerung hatte Grund zu befürchten, daß die Mehrheitsparteien der Duma die Gelegenheit benutzen würden, um eine Pogromhetze von der Parlamentstribüne aus in Szene zu setzen. Man war sich von vornherein klar, daß die Nationalisten-Fraktion es nicht unterlassen würde, die Ermordung des Ministerpräsidenten durch einen Anarchisten jüdischer Abkunft zum Anlaß zu nehmen, um das blutige Pogromgespenst heraufzubeschwören. Daß aber auch die Oktobristen, gewissermaßen die „Nationalliberalen“ Rußlands, den Ton der Pogromagitation anschlagen würden, wollte niemand recht für möglich halten. Und doch kam es so. Die Interpellation der Oktobristenpartei begann mit den Worten: „Der Jude Mordko Bagrow ..“ Als der jüdische Abgeordnete Nisselowifsch seinem Erstaunen darüber Ausdruck gab, daß die führende Partei der Duma in ihrer Interpellation die jüdische Abstammung Bagrows in ganz unmotivierter Weise so scharf betonen zu sollen glaubte, erteilte ihm ider 'Führer der Oktobristen, Alexander Gutschkow, eine Antwort, die ah Deutlichkeit hinter der Sprache Markows nicht zurückblieb. Gutschkow riet ihm nämlich zu, er möchte doch seine Stammesgenossen lieber lehren, daß sie sich von der Revolution fernhielten. Nisselowifsch sah sich dadurch zu einer Replik veranlaßt, in welcher er die geistige Verwandtschaft zwischen den Oktobristen und der blutrünstigsten Reaktion kennzeichnete. „Bis jetzt glaubte ich,“ erklärte Nisselowitsch, „daß nur die Angehörigen der Rechten bestrebt sind, mit jüdischem Blute jene Grundsätze zu verwischen, die dem Manifeste vom 17. Oktober historische Bedeutung verleihen, ich konnte aber nicht annehmen, daß auch die Oktobristen einen jüdischen Pogrom anstreben. Nun sehe ich, daß ich mich auch hierin getäuscht habe. Die Grenze zwischen den Oktobristen und der „Rechten“ ist offenbar ganz geschwunden.“ Das offene antisemitische Bekenntnis Gutschkows hat in weiten Kreisen Verwunderung hervorgerufen. Jedenfalls liegt in dieser wetterwendischen Haltung der pseudo-konstitutionellen Partei ein hochbedeutsames Svmptom für die in maßgebenden Kreisen herrschende Stimmung. Hus Palästina. Jaffaer Chronik. .l_Jaffa. Lebhaftes Treiben herrscht gegenwärtig im hiesigen Hafen. Die Zeit der Orangenausfuhr ist gekommen, und man sieht hier, tausende von Kisten aufgestapelt, in denen die Früchte aus den Bojaren der näheren und weiterer. Umgebung Jaffas verpackt sind, um nach Liverpool, Marseille, Australien und anderen Orangemärkten verfrachtet zu werden. Täglich bringen zahlreiche Kamele größere Apfelsinentransporte aus den umliegenden Ortschaften und Kolonien nach dem Jaffaer Hafen, ln eingeweihten Handelskreisen hält man den Ertrag der diesjährigen Orangenproduktion für außerordentlich befriedigend und hebt mit besonderer Genugtuung die guten Preise hervor, die die palästinensischen Früchte auf dem Wiltmarkt erzielen. Nach einer Reihe trüber, winterlicher Regentage herrscht in Jaffa und den benachbarten Kolonien wieder heiteres, angenehmes Wetter. Der hiesige jüdische Turnverein macht sehr erhebliche Fortschritte. Die Mitgliederzahl steigt andauernd und auch das Interesse der Mitglieder für die Turnsache gestaltet sich immer reger und intensiver. Die Turnübungen finden vorläufig in der Aula der jüdischen Mädchenschule statt, doch gedenkt die Vereinsleitung schon in nächster Zeit einen eigenen Turnsaal zu mie- ’ten. Auch soll in Tel-Awiw ein Zweigverein ins Leben gerufen werden. Besondere Verdienste iim die jüdische Turnsache in Jaffa hat sich der wackere Turnlehrer, Herr Orlow, erworben, der unermüdlich für den Aufschwung des Vereins tätig ist und es verstanden hat, denselben auf ein recht hohes, achtungsgebietendes Niveau emporzuheben. Die Mitglieder des Zentral-Komitees des hebräischen' '.Lehrerverbandes haben hier zwei Abendkurse für Erwachsene eingerichtet, von denen der eine in den Räumen der Mädchenschule und der andere im Hebräischen Gymnasium abgehalten wird. Das jüdische Publikum bringt dieser neuen Institution lebhaftes Interesse entgegen, lind die Zahl der Teilnehmer an den Kursen steigt von Tag zu Tag. Die Absolventen der hiesigen Tachkemonischule haben einen Verein zur Pflege der jüdischen Literatur und Wissenschaft ins Leben gerufen. Vor kurzem hielt in diesem Verein Herr Dr. Grünhut aus Jerusalem einen Vortrag über das Thema „Ein geistiges Zentrum in Palästina". Am 14. November verließ der hebräische Schriftsteller Achad-Haam Palästina und schiffte sich wieder nach Europa ein, nachdem er fast zwei Monate im Lande geweilt und die jüdischen Kolonien in Judäa und Galiläa sowie die meisten palästinensischen Städte besucht hatte. Der Waad von Tel-Awiw veranstaltete ihm zu Ehren einen Festabend, der von den angesehensten Kreisen der Jaffaer Judenschaft besucht war und sich zu einer imposanten Kundgebung der hebräischen Renaissancebewegung gestaltete. Aus der Kolonie Pethach-Tikwah. Pethach-Tikwah. Am 11. November fand hier die übliche jährliche Generalversammlung der Koloniebewohner statt. Es wurde neben anderen wichtigen Beschlüssen interner Natur der Beschluß gefaßt, der ottomanischen Heeresverwaltung 1000 Frs. als vorläufigen Beitrag zu den Kosten der Landesverteidigung zur Verfügung zu stellen. Ferner beschloß die Generalversammlung, alle Mittel aufzubieten, um dem Mörder des grusinischen Juden (vgl. Nr. 42 der „N. J. K.“) auf die Spur zu kommen und ihn der Bestrafung zuzuführen. Die orthodoxe „Freie Vereinigung,, in Frankfurt a. M. hat Herrn Di. B. M. Lewin zum Lehrer ari der hiesigen Talmud-Thora berufen. Derselbe hat sein Amt mit dem Beginn des neuen Schuljahres angetreten und bereits eine Reihe von Verbesserungen im Schulbetrieb eingeführt. Besonders anerkennenswert ist die Verfügung, wonach die Talmud-Thora-Schü!er nunmehr zum ausschließlichen Gebrauch der hebräischen Sprache im Verkehr miteinander verpflichtet sind. In dieser Beziehung geht die Leitung der Talmud-Thora der hiesigen Ica- Schule mit gutem Beispiel voran; in dieser Anstalt bedienen sich die Schüler noch vielfach des jüdisch-deutschen Idioms. Zu wünschen wäre allerdings, daß in der Talmud-Thora endlich die sephardische Aussprache des Hebräischen zur Geltung käme, wie dies auch in der orthodoxen Tachkemonischule in Jaffa seit einigen Jahren der Fall ist. Zur Bewachung der Orangegärten sind kürzlich 17 neue jüdische Wächter angestellt worden. Erfreulicherweise macht sich auch in Pethach-Tikwah in letzter Zeit das Bestreben geltend, die oft ganz unzuverlässigen arabi - sehen Wächter nach Möglichkeit durch jüdische Kräfte zu ersetzen. Die Handwerker von Petach-Tikwah haben unter dem Namen „Achieser" (Brüderlicher Beistand") eine Vereinigung ins Leben gerufen, die die Interessen des Handwerkerstandes wahrnehmen soll. Auch auf die geistige Fortbildung ihrer Mitglieder will die neue Organisation bedacht sein und plant zu diesem Zwecke die Einrichtung von Abendkursen. Der Vorstand des Handwerkervereins hat sich an die hiesige Lehrerschaft mit der Bitte gewandt, ihm bei der Ausführung dieses Vorhabens zur Seite zu stehen. Die neue, nach E. Saphier benannte Volksbibliothek und Lesehalle wurde am 10. November eröffnet und erfreut sich eines sehr regen Zuspruchs. Eine jüdische Musikschule in Jerusalem Jerusalem. Ain 13. November wurde hier eine jüdische Musikschule eröffnet, die bereits eine beträchtliche Schiiler*zahl aufweist. Damit haben wir (in Palästina die zweite jüdische Musikschule. Bekanntlich gibt es seit zwei Jahren auch in Jaffa eine solche Anstalt, die unter der Leitung von Frau Dr. Ruppin steht. Eine Seifen- und Oelfabrik in Moza. Jerusalem. Demnächst wird in dem benachbarten jüdischen Kolonie Moza eine neue Seifen- und Olivenfabrik unter dem Namen „Hermon“ eröffnet werden. Besitzer der Fabrik ist der Chemiker Klimker. Als Geschäftsführer fungiert Herr Baruch Streit aus Pethach-Tikwah. Ein Sanatorium für Lungenleidende in Jaffa. Aus Jaffa wird der „N. J. K.“ geschrieben: Vor kurzem erwarb ein jüdischer Arzt, Herr Dr. Auerbach aus Rowno (Rußland), ein größeres Grundstück in der Nähe von Tel-Awiw, auf dem er eine Heilstätte für Lungenkranke errichten will. Die Jaffaer Behörden verhalten sich dem Plan gegenüber sehr wohlwollend und haben das Konzessionsgesuch Dr. Auerbachs bei der Zentralregierung wärmstens empfohlen. ParteisHachrichten. Mitteilungen des i.-ö. D.-K- III. Westösterr. Zionistentag. Brünn, 25. und 26. Dezember 1011. Delegierten wählen. Die Delegierten und Ersatzdelegierten der Wiener zion. Korporationen werden gebeten, ihre Legitimationskarten im Büro des i.-ö. D.-K., IX., Türkenstraße 0, zu beheben. Die Vereine, welche das Ergebnis ihrer Wahlen dem D.-K. noch nicht mitgeteilt haben, werden ersucht, dies sofort zu veranlassen. An die auswärtigen Delegierten erfolgt die Zuweisung der Legitimationskarten mittels Post. Delegierten-Versammlung. Die Delegierten des i.-ö. Distrikts werden ersucht, an einer wichtigen Besprechung die Mittwoch, den 20 . d. M., abends S Uhr, im großen Saale des „Jüdischen Volksheimes“, II., Stefaniestraße 12, stattfindet, zuverlässig teilzunehmen. Tagesordnung: 1. „Der III. Zionistentag“; 2. Vorschläge für die Wahlen in die Ausschüsse; 3. Eventualia. Wohn u ngszu weis für die Delegierten. Die Delegierten, die auf Zuweisung einer Wohnung in Brünn reflektieren, mögen das dem i.-ö. D.-K. umgehend mitteilen. Informationsbüro fiqr Palästina, ln letzter Zeit sind in unserem Büro häufig Palästina-Auswanderer erschienen, die ohne vorher schriftlich Informationen über die Reisebedingungen bei uns eingezogen zu haben und ohne im Besitze der notwendigen Mittel für die Reise nach Palästina zu sein, ihre Beförderung nach Palästina verlangen. Da unser Büro über keine Mittel verfügt, müssen wir derartige Verlangen kurzweg abweisen. Das Büro stellt den Auswanderern lediglich Anweisungen auf ermäßigte Fahrkarten Wien-Triest und Triest-Jaffa (Haifa) zur Verfügung. Geldunterstützungen können nicht gewährt werden. Auswanderer, die, ohne im Besitze des notwendigen Geldes für die Reise zu sein, nach Wien kommen, müssen darauf vorbereitet sein, unverrichteter Dinge nach ihrer Heimat zurückzukehren, da in Wien keine philantropische Institution geneigt ist, Palästina- Auswanderer zu unterstützen. Auf viele diesbezügliche Anfragen erklären wir, daß die Wiener Israelitische Allianz prinzipiell keine Unterstützungen den Palästina-Emigranten gewährt, ohne Rücksicht auf die Motive der Auswanderung. Wir machen noch die Emigranten aufmerksam, daß sie mindestens drei Tage vor Abgang der Dampfer im Büro behufs Behebung der Anweisungen persönlich erscheinen müssen. Der Mindestbetrag für die Reise Wien-Palästina beläuft sich auf 70 (siebzig) Kronen. Das Informationsbüro für Palästina. Warnung! Ein junger Wiener, Alois Reich, hat sich verschiedenen Mitgliedern der Posener Ortsgruppe als Vertreter des Jüdischen Verlags vorgestellt und uns gehörige Bücherobjekte zu veräußern gesucht. Reich ist, nachdem er beim Leeren einer Nationaifondsbüchse in den Räumen des Zentralbüros überrascht wurde, unserem Dienste entlaufen. Er hat uns anscheinend eine Reihe von Büchsen entwendet. Wir ersuchen, uns Mitteilung zu machen, falls er Bücherobjekte anzubringen sucht. Reich ist zirka 18 Jahre alt, mittlerer Statur, hat hellblondes Kraushaar. Jüdischer Verlag, Berlin, W 15. Notizen. Wir machen unsere gesch. Leserauf das dieswöchentliche Inserat der bestrenommierten Blumenhandlung Mathilde Aschncr, I., Dorotheergasse 14, aufmerksam und ersuchen die Firma bei festlichen Anlässen, wie Bällen, Veranstaltungen sowie Hochzeiten zu berücksichtigen.