Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 50 meinde Dembica, wo von der vereinigten zionistischen oppositionellen Liste acht Kandidaten siegten. * * Die jüdisch - nationale Hochschuljugend — darunter sehr viele Studentinnen — hielt eine grolle Versammlung ab, in welcher die Postulate der Studierenden besprochen wurden. Wegen der bedeutenden Schwierigkeiten ökonomischer Natur, unter denen die Studierenden zu leiden haben, wurde nachdrücklich die Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses betont, um durch Selbsthilfe wenigstens einen Teil der Uebelstände zu beseitigen. Die Vertreter der weiblichen Studentenschaft erklärten sich mit den Forderungen der männlichen Kollegen, insbesondere bezüglich der Anerkennung der jüdischen Nationalität, solidarisch und beantragten eine Resolution, betreffend die Zulassung der Frauen zu den juristischen und technischen Studien. Nach Erstattung eines Referates über die bestehenden studentischen Wohlfahrtsinstitutionen und einer eingehenden Debatte wurde die Versammlung geschlossen. * * * Der Klub der jüdischen Frauen in Lemberg hielt kürzlich seine Generalversammlung ab. Aus dem Berichte geht hervor, .daß sich die Tätigkeit des Frauenklubs hauptsächlich auf die Fragen der Erziehung und Palästinaarbeit sowie äudi der kulturellen Arbeit erstreckt. Der Frauenklub veranstaltete viele Versammlungen, gibt die Jugendzeitschrift „Haschachar“ heraus und propagiert den zionistischen Gedanken unter den Frauen. Zionismus und Landespoliiib. (Zum Brünner Parteitag.) Ob wir Zionisten in Oesterreich Landespolitik betreiben sollen? Ja! Wir sollten sogar dazu verpflichtet werden! Das ist mein Standpunkt in dieser Frage, denn Landespolitik vom zionistischen Ideal getragen, in jüdischnationalem Geiste geleitet, heißt meiner Ueberzeugung nach, gute zionistische Arbeit feisten. Auch unsere russischen Genossen, heutige E. A. C.-Mitglieder, an deren Zionismus niemand zweifelt, griffen gelegentlich der Wahlen in die erste Duma, in die Politik ihres Landes ein. Sie kandidierten Sokolow und Dr. Lewin, welch letzterer auch gewählt wurde, und sie taten recht! Als vollblütige Juden, als gute Zionisten — durch Erfahrungen in den Westländern gewitzigt — durften sie die politische Führung ihrer Volksgenossen nicht den Assimilanten überlassen. Und es ist unerklärlich, warum wir hierzulande, die politische Führung und Vertretung unserer Volksgenossen nicht selbst besorgen sollen. „Es schadet, es verdunkelt unser Ideal!“ meinen die Herren Puristen im zionistischen Lager. Mit Unrecht. Gerade das Gegenteil ist der Fall; es nützt der Bewegung und führt ihr neue Kräfte zu, was wir Zionisten, die sich politisch betätigen, bezeugen können. „HerzI war dagegen!“ werfen andere, Unbeholfenere, ein. „Aber auch das ist eitel“ sagt Salomo. — Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit mit unserem unvergeßlichen Führer auf einer Reise über dieses Thema zu sprechen. Herzl war es darum zu tun, unserem Volke das Ideal „Zion“ zu erhalten, er sah darin, wie wir, seine Jünger, die einzige endgiltige Lösung der Judenfrage und verurteilte die politische Tätigkeit des damaligen jüdischen Volksvereines nur deshalb, weil ihr eben dieses Ideal abging, weil damals in der Politik Ziel und Zweck erblickt wurde. Gegen eine jüdischnationale Politik aber, vom Zionsgedanken ausgehend und ihm zustrebend, wie wir Zionisten sie seit 1907 betreiben und in Zukunft zu betreiben entschlossen sind, hätte unser Herzl nie sein können! „Erobert die Kultusgemeinden!“ lautete sein Kommandoruf. Um die Kultusgemeinden zu erobern, um unsere Organisation auszugestalten, müssen wir das Volk für und mit uns haben! Es steht aber, vielfach —wie die Verhältnisse überall durch verfehlte assimilatorische Führung gestaltet wurden — nicht nur abseits, sondern gegen uns, in allen möglichen und unmöglichen politischen und fremdnationalen Lagern. Das Volk, der' Durchschnittsmensch, ist einer rein aufs Ideal gerichteten Agitation schwer zugänglich. Zur Empfänglichkeit für ein Ideal muß ein Volk erst erzogen werden, zumal, das unsere, das eine zweitausendjährige Wanderschaft hinter sich hat. i Die Kultusgemeinden erobern, das Judentum* in seiner Gänze zionistisch machen, das können wir nur durch gut geleitete nationale Erziehungsarbeit zuwege bringen.- Diese nationale Arbeit aber kann sich nicht in der Errichtung von hebräischen Sprachschulen, Kindergärten erschöpfen. Wir können auf die politische Erziehungsarbeit nicht verzichten. Unser jüdisches Volk muß erst für das jüdische Land geeignet gemacht werden, wie dieses Land für das Volk. Beides wurde vernachlässigt! Mit Feuersteinsklaven, Löwensteinabhängern können wir -nie nach Zion. Befreien wir erst unser Volk aus der Sklaverei, aus der Gefangenschaft der Assimilation, erziehen wir unsere Brüder zu selbständigen guten Juden, zu Zionisten! Wer hierzulande gut jüdischnational denkt und handelt, muß über kurz oder lang ein guter Zionist werden! Es wäre zu wünschen, daß die westösterr. Organisation — gleich der galizischen — diese Arbeit besorgt und in Brünn das neue Statut entsprechend einrichtet. Ich war seit Beginn der politischen Aera in der Partei für die Zusammenfassung der politischen und zionistischen Organisation und bin sicher, daß es dazu kommen wird. Solange dies jedoch nicht der Fall, ist, dürfen wir nicht die politische Behörde, den „Jüdischen Nationalverein“, als Fremdkörper betrachten, er ist Fleisch von unserem Fleische, Blut von unserem Blute. Die Arbeit, die er leistet, ist positive zionistische Arbeit und der bezügliche Antrag des Z. K. ist nur ein M:nimum dessen, was im Interesse der Sache verlangt werden sollte. Ich hoffe, daß die Delegierten diesem Anträge einmütig beipflichten werden. E. T orczvner. Prager Brief. Rassenproblem und Judenfrage. (Von finserem Korrespondenten.) (Ein Vortrag Professors von Ehrenf eis in Prag.) Ein bekannter Prager Universitätsprofessor, Dr. Christian Freiherr von Ehrenl e I s, hielt am letzten November in' Prag einen Vortrag, der vor allem die „deutsche“ Studentenschaft interessierte, weil die Behandlung der Judenfrage auf dem Tapet stand. Daher hatte sich die gesamte israelitisch-liberale Studentenschaft in dem Saale der deutschen Lesehalle zusammengestopft, um neuer Weisheiten teilhaftig zu werden. Und nun passierte das Ergötzliche, daß der arische Philosophieprofessor mehr als eine Stunde lang die Bedeutung eines zionistischen Werkes pries; er würdigte nämlich in sehr objektiver und konsequenter Weise die Schlußfolgerungen, zu denen unser Gesinnungsgenosse Teilhaber mit seinem aufsehenerregenden Buche „Der Untergang der deutschen Juden“ gelangt ist. Der Gedankengang des Vortrages sei kurz skizziert. Professor Ehrenfels steht auf dem Standpunkt, den nunmehr alle ernsten Forscher anerkennen. Er definiert die Rasse als den Inbegriff aller angeborenen und philosophisch vererbbaren seelischen und körperlichen Anlagen des Menschen. In diesem Sinne verstanden, können wir die Rassengüter den Kulturgütern entgegenstellen. In dieser Gegenüberstellung muß. man mit Entschiedenheit die Rasse oder die Konstitution als das wichtigere bezeichnen. Denn ein Volk, welches in seiner Rasse gesund bleibt, kann selbst durch die schwersten kulturellen Krisen nicht dauernd geschädigt werden, andererseits wird alle Kultur wertlos, wo die Konstitution zurückgeht und nicht mehr imstande ist, das Erbe der Vorfahren sich anzueignen. Nun ist es eine traurige Tatsache, daß die Rasse aller abendländischen Kulturvölker sich gegenwärtig im Niedergang befindet, infolge schlechter Ausleseverhältnisse. Neben diese große innere Rassengefahr tritt eine ungeheure äußere Rassengefahr: Ehrenfels fürchtet nämlich ein unausweichliches Vordringen der gelben Rasse, der Chinesen, die unter guten Ausleseverhältnissen leben, steigende Geburtenziffern haben, während die weiße Rasse vor allem in physischer Beziehung im Rückgang ist. t Diese gelbe Gefahr beherrscht nun das Denken des Herrn Professors, — der sich in diesem Punkte mit Werner Sombart eins fühlt. Und darum empfindet er es als 'lächerlich, wenn die arische Unterrasse der weißen Rasse, statt sich bloß um die gelben Feinde |zu kümmern, Rvie hypnotisiert jclie jüdischsemitische Bruderrasse fürchtet, haßt und verfolgt.- Jene jüdische Rasse, deren Rassequalitäten so ungeheuer wertvoll seien; jene j üd i s c h e Rasse , die heute — nach Felix Theilhaber — mehr als jede andere Rasse bedroht und dem Untergang geweiht erscheint. Diese im Sterben begriffene Rasse könne doch den Ariern niemals gefährlich sein; i.m Gegenteil beide Rassen müßten sich zusammenschließen zur Abwehr der gelben Gefahr. Herr Professor Ehrenfels, der von der Mehrzahl seiner Hörer sichtlich kaum verstanden wurde, hat zum großen Teile recht mit seinen Prämissen. Wir wissen es am besten, daß die jüdische Rasse keine wirkliche Gefahr für Europa bildet; außer vielleicht eben dadurch, daß sie, rassisch (degenerierend und kulturell verkommend, kein wertvolles Mischungsprodukt abgeben kann. Wir wissen, daß i n der Regel die Assimilation mit ihrer letzten Konsequenz — der Rassenmischung — die wertvollen jüdischen Rassenqualitäten verschleudert, alles schlechte aber potenziert: Prozeß Wertheim! , Aber Professor Ehrenfels hat wenigstens zur Zeit seines Vortrages jene Tendenzen und Strömungen nicht genügend gekannt, die im Wege der nationaljüdischen Auslese, des Zionismus, den Untergang aufhalten und neues Blut in den alten Körper führen wollen. Und uns J ud en darf es doch nicht verdacht werden, wenn wir, von einer Sturmflut bedroht, uns zunächst vor dem Ertrinken retten wollen; vor dem Feuertode mag uns die kräftig gewordene Zukunft schützen. Vor den C h i.n esen haben wir momentan noch wenig Angst. Professor Ehrenfels sieht vielleicht gut in die fernste Zukunft. Wir wollen uns aber zunächst in die nächsten Jahrhunderte zu neuem jüdischen Leben hineinretten. Bus dem iüöilchen Beben. Ritualmordhelden als Erpresser. Ein Erpressungsfall, der jetzt die öffentliche Meinung in Bukarest (Rumänien) beschäftigt, hat den traurigen Beweis geliefert, daß es im 20. Jahrhundert noch Menschen gibt, die dem Ritualmordmärchen Glauben schenken. Die ganze Affäre hätte für die schon genug unterdrückten . Juden in Rumänien bestimmt schwere Folgen gehabt, wenn sich die Erpresser nicht selbst bloßgestellt hätten. Im März klagte ein Herr Park einen jüdischen Kaufmann Finkeistein an, und behauptete, letzterer hätte im ein Kind weggenommen, es zwei Tage lang bei sich eingesperrt, und zu dem Zwecke weggenommen, um an ihm einen Ritualmord zu verüben. Die Klage wurde mit der Begründung zurückgewiesen, daß sie unbegründet sei. Die antisemitischen Blätter füllten ihre Spalten mit der Besprechung dieser Angelegenheit, verbreiteten ihre Zeitungen unentgeltlich, und hofften, so einen Progrom nach russischer Art heraufzubeschwören. Am 18. Oktober besuchte der Sekretär des Herrn Niculescu-Scartani, der der Anwalt des Herrn Park ist, den Kaufmann Finkeistein und forderte von ihm eine Geldsumme, und versprach dafür, alle Feinseligkeiten einzustellen. Herr F. sagte ihm, er möge später kommen und erstattete inzwischen eine Anzeige an die Polizei, welche zwei Agenten in der Wohnung des Herrn F. versteckte. Nach drei Tagen kamen der Advokat und sein Sekretär 'zu Herrn F. und verlangten 1000 Lei und drohten, für den Fall der Verweigerung, in den antisemitischen Zeitungen zu hetzen, öffentliche Versammlungen einzuberufen und den Kampf gegen die Ritualmörder zu predigen. Herr F., der1 mit der Polizei einverständlich handelte, kam zum Schein auf 600 Lei überein, gab