Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 50 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Thema des jüdischen Schaffens. Allgemein wirdden Juden der Vorwurf gemacht, daß sie für die Kunst keine Begabung haben. An der Hand der originalen jüdischen Schöpfungen in Palästina wies Dr. Lewin nach, wie ungerechtfertigt diese Vorwürfe sind. Nicht im Wesen, sondern im Objekte unterscheidet sich jüdische Kunstart von der der Anderen. Die jüdische Kunst offenbart sich hauptsächlich in der Formung der •Gesellschaft, denn ebenso wie ^esthetik die Ethik der Kunstäst, ist die Ethik, lejas'originellste Produkt jüdischen Schaffens, Aesthetik des Lebens. Das jüdische Recht, die hebräische Sprache, sind hinlängliche Beweise für das schöpferische Kunstgenie der Juden. Im Golus aber, wo die Juden kein eigenes Leben führen konnten, äußerte sich die schöpferische Kraft der Juden in der Kunst nicht. Die Juden mußten sich begnügen , das Leben der Wirtsvölker zu kopieren — sie wurden Handwerker. Erst der Zionismus stellt die wiedererwachte Sehnsucht nach Schaffung eigener Werte dar. Unter der Einwirkung des Zionismus sind denn auch/von Juden in den letzten 25 Jahren mehr originelle jüdische Werte geschaffen als im gesamten Verlauf des Exiles. Die hebräische Sprache feiert eine kraftvolle Auferstehung, die hebräische . Literatur ist in kurzer Zeit zu ungeahnter Blüte gelangt. Mit einem Appell, die Sehnsucht nach eigenem selbständigen Leben und nach ungehemmter Entwicklung in sich wirken zu lassen, schloß Dr. Lewin seine mit rauschendem Beifall aufgenommene Rede. Nach der Festrede sang unter Leitung des Dirigenten Gg. Richard F r ä n k 1 ein vierstimmiger Chor das Makkabäerlied. Die exakte Aufführung, an die sich später das „Brüllsche Chorlied „Ein Hauch weht durch ‘die Lande“ anschloß, erweckte lebhaften Beifall. Die Vortragsakademie wies ein reichhaltiges Programm auf. Herr Hofburgschauspieler Konrad Löwe rezitierte mit gewohnter Meisterschaft „Saul bei der Hexe von Endor“ und „Samson“, Herr Egon Brecher, Mitglied des Josefstädtertheaters, der beliebte Gast in zionistischen Kreisen, trug Bialiks Gedicht „Das letzte Wort“ in der Dr. Zuckermannschen Uebersetzung vor. Fräulein Vika Engel,- Mitglied der Wiener Volksoper, brachte unter lebhaftem Beifall einige Opernarien zum Vortrag. In einer Pause wurden neue Lichtbilder aus Palästina, die die österr. Sammelstelle des Jiiidschen Nationalfonds gütig zur Verfügung gestellt hatte, projiziert. Die schönen und interessanten Ansichten aus den ländlichen und städtischen Kolonien und aus dem Leben unserer Brüder in Erez Israel wurden stürmisch akklamiert. Der Clou des zweiten Teiles der Akademie bildete die Vorführung einer Musterriege des „I. Wiener Jüdischen Turnvereines“ unter Leitung des Gg. Popper. Die glänzenden Darbietungen am Gerät erweckten den lebhaftesten Beifall aler Festgäste. Unter den strammen Turnern befand sich auch unser rühriger Gesinnungsgenosse, Herr Karl Schwarz aus Graz, der als Gast zur Feier nach Wien gekommen war und durch seine mustergiltige Leistung besonderes Aufsehen erregte. Die Vorführung der Turnerriege läßt mit Spannung dem nächsten gleichfalls in den Sophiensälen stattfindenden großen Schauturnen des „I. Wiener Jüdischen Turnvereines“ entgegensehen. Den Tanz eröffnete das große Damen- und Herrenkomitee mit 120 Paaren. Bei den Klängen der „Hatikwah“ erfolgte der Einzug in den großen Saal, wo bis zum frühen Morgen unter dem Arrangement des Tanzmeisters Löw flott und unermüdlich getanzt wurde. Unter den Gästen des Abends, deren Zahl weit (über 2000 betrug, jwaren u. a. .zu bemerken: Der Präsident des westösterr. Zentralkomitees, Gg. Adolf Böhm mit Gemahlin, Herr u. Frau Dr. Zweig, Obmann der NF.-Sammelstelle, der Präsident des „Jüd. Nationalvereines“ Dr. Jakob Ehrlich mit dem Gesamtvorstande, Reichsrats- Ahgeordneter Dr. Benno - Straucher, die Z. K. Mitglieder Dr. Otto Abeies und Frau, Dr. Emil Stein und zahlreiche Vertreter der Provinzvereine. Der Errorg des Festes ist sowohl in moralischer wie auch in materieller Flinsicht vollauf befriedigend. Die Veranstalter, an ihrer Spitze Dr. Körner und Ing. Groag, haben sich durch die Vorbereitung dieser traditionellen zionistischen Repräsentationsfeier den Dank aller Freunde und Mitglieder unserer Organisation erworben, i Proportionalwahlperfit und Wiener Freisinn. (Zu den bevorstehenden GemeinderatswahlenA Die für das Frühjahr 1012 bevorstehenden Gemeinderatswahlen werfen bereits ihre Schatten voraus. Die „Junisieger“ sehen diesen Wahlen mit großen Hoffnungen entgegen und ihre Siegeszuversicht hat Wien ein ungewohntes Schauspiel gebracht. Die sonst so trägen und langsamen „Freiheitlichen" haben schon jetzt mit einer, wenn auch nicht sehr imponierenden Agitationstätigkeit begonnen und suchen unter dem ■ neuen Schlagwort der „politischen Wirtschaftsorganisation" alle jene Elemente gegen die Christlichsozialen zu einigen, die nur immer, d er Ansicht sind, daß für diese Partei die Stunde geschlagen hat und die daher rasch von dieser Seite abzurücken suchen. Man wittert Morgenluft und hofft auf Mandate. Und so ergibt sich denn eine Raillierung aller „aufstrebenden" Elemente gegen die bisherigen Herren von Wien, eine Verbindung, die für den unbeteiligten Zuschauer viel des Merkwürdigen und Ergötzlichen enthält. Was sich gestern noch wütend und gehässig befehdet hat, steht heute auf einmal „fest und treu“ zusammen und man erlebt es z. B., daß der getaufte Vertreter des Rathausviertels, der strebsame Herr Dr. Neumann in einer Versammlung der strammen antisemitischen 'Wähler des Dr. Heilinger bejubelt wird. Daß diese neue Wiener „Partei" bald in sich selbst zusammenfallen muß, da sie nichts prinzipiell Gemeinsames hat und nur durch die Sucht nach Mandaten und den Wunsch, aus dem „Nachlaß“ der totgesagten Christlichsozialen möglichst viel für sich herauszuschlagen, zusammengekettet ist, das bekümmert niemand. Es ist noch niemals Sache der Bürgerlich-Fortschrittlichen gewesen, über den nächsten Tag hinaus zu denken. ’ Wie sehr es sich bei diesem ganzen Rummel nur um persönliche Ambitionen handelt und nicht um eine prinzipielle Stellungnahme, ersieht man klar aus dem. Verhalten der neuen Herren von Wien, zu der jüngst aufgeworfenen Frage des Proportional Wahlrechtes1 für den Wiener Gemeinderat. Bekanntlich haben einige christlichsoziale Gemeinderäte, deren Mandate bedenklich wackeln, vor einigen Tagen einen Antrag auf Einführung des Proporzes für die Wahlen in die Wiener Ratsstube eingebracht. Nun ist es ja gewiß richtig, daß es diesen Herren nicht um eine wirkliche demokratische Reform zu tun ist, und das Ganze nur ein parteitaktisches Manöver ist, um zu retten, was' noch zu retten ist. Aber diese Tatsache befreit ja noch nicht die Freiheitlichen von der Pflicht, die Forderung nach dem Proporz auf das Energischste zu unterstützen und dafür zu sorgen, daß diese Frage einmal aufgeworfen, nicht mehr von der Tagesordnung verschwinde. Es wäre hier für die „künftigen Herren" von Wien eine Gelegenheit, in einer großzügigen Agitation die Bevölkerung für die demokratischen Ideen zu gewinnen. Und wenn der iReformvorschlag gegenwärtig von einer Seite gestellt ist, die gewiß die Sache bedenklich macht, so müßten die Wiener Demokraten erst recht mit besonderer Aufmerksamkeit das Schicksal desselben verfolgen und dafür Sorge tragen, daß nicht der Proporz verfälscht und seines -wahrhaft demokratischen Wesens entkleidet zur Durchführung gelange. Vor allem müßte man jetzt als Voraussetzung dieser Wahlreform die Agitation für das allgemeine und gleiche Wahlrecht auch für die Gemeindestube — weil im Wesen eines demokratischen Wahlrechtes, wie es die Verhältniswahl ist, begründet — in alle Wiener Bezirke leiten. Was aber tun die Wiener Freiheitlichen? Sie — schweigen! Diese Wahlreform ist ihnen jetzt, wo sie glauben, an die Futterkrippe zu kommen, unangenehm, eine direkte Stellungnahme gegen den Proporz wagen sie denn doch nicht einzunehmen und so tun sie eben das, was sie noch immer am besten treffen - sie schweigen sich gründlich aus. Auch in der Leopoldsstadt haben die Herren in ihren letzten Versammlungen kein Wort über diese Frage verloren. Der „Jüdische V o 1 k s v e r e i n für die L e o p o 1 d s s t a d t" wird da für die Juden die Aufgabe auf sich nehmen müssen, zu den kommenden Gemeinderatswahlen, die ja für die Wiener Juden von größter Bedeutung sind, und zu der besprochenen Wahlreform prinzipiell Stellung einzunehmen. Es ist zu erwarten, daß in Bälde die jüdische Bevölkerung in einer Reihe von Versammlungen über die Fragen aufgeklärt und ihnen auch in dieser Sache die ganze Schwäche der Wiener „deutfreiheitlichen“ Politik vor Augen geführt werden wird. Wir, Jüdischnationalen, werden gewiß die Gemeinderatswahlen von einem höheren Gesichtspunkt aus betrachten, ohne Rücksicht ob dabei Mandate zu gewinnen sind oder nicht. Dr. Ch. W. Lemfiergep Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Als Vorbote der 10. Landeskonferenz stellte sich eine ziemlich lebhafte Diskussion über die Frage der Organisation ein. Der Stanisiauer „Jud“ vertritt die Meinung, daß zionistische und landespolitische Arbeit von einander geschieden und zwei separate Organisationen geschaffen werden sollen. Andere wollen überhaupt die politische Betätigung aus der zionistischen Bewegung ausgeschaltet sehen. Es ist aber nicht anzunehmen, daß diese Forderungen eine nennenswerte Zahl von Vertretern finden wird. Wohl ist es zu begreifen, daß so mancher mit der in letzter Zeit geleisteten politischen Arbeit nicht zufrieden ist. Doch begehen die sogenannten Gegner der Politik einen Denkfehler. Sie sind mit der verfehlten Art der Politik, die geübt wurde, unzufrieden und wollen nunmehr mit dem Bade auch das Kind ausschiittcn. Nicht die politische Betätigung an sich, die eine Naturnotwendigkeit des erwachten Volksbewußtseins darstellt, verdient Tadel und Ablehnung. Die Unzufriedenheit darf sich lediglich gegen die verantwortlichen politischen Akteure kehren. Was die Frage der Zweiteilung betrifft, so verlohnt es sich kaum darüber ein Wort zu verlieren. Die zionistische Bewegung hat so viel Inhalt und motorische Kraft, daß sie. die Führung des Volkes zu übernehmen nicht nur berechtigt, sondern allein imstande ist. Es ist daher vollkommen überflüssig einen „Ableger“ der Partei zu schaffen. Ohnehin sind es und werden es nur Zionisten sein, welche alle Arbeit leisten. Organisch Zusammenhängendes zu teilen, wäre ein Mißgriff, der sich bitter rächen müßte. Denn leicht könnte zwischen beiden Organisationen — wenn auch unbegründete - Reibungen entstehen, die beiden Formen jüdisch - moderner Betätigung Schaden zufügen könnten. Die Klagen der „Gegner" der Politik sind ungerechtfertigt. Es besteht ja kein Zwang sich politisch zu betätigen. Allerdings ist es Zionisten verboten gegen die jüdisch-nationale Politik zu wjrken. Es fragt sich, was vielen „Gegnern“ unangenehmer ist, die politische Arbeit der Partei oder das Verbot, dem offiziellen Judentum stillschweigende Unterstützung zu gewähren. * * Oft und nachdrücklich haben wir darauf verwiesen, daß die Eroberung der Kultusgemeinden die wichtigste zionistisch-politische Aufgabe darstellt. Ohne daß für diese Arbeit besondere Propaganda gemacht würde, schreitet sie ruhig fort. In Galizien gelingt es besonders in den kleinsten Kultusgemeinden den Zionisten ihre Kandidaten durchzubringen. Zu der ziemlich bedeutenden Anzahl von eroberten Kultusgemcinden kam in der vorigen Woche auch die Ge-