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Jüdische Zeitung · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 50 haben. In wirtschaftlicher Hinsicht sei die Stellung der Juden eine sehr . günstige und werde dies vermutlich bleiben. Wie aber werde sich das Verhältnis zum Staat gestalten? Sombart kann, wie er sagt, absolut nicht verstehen, weshalb die Juden in diesem Punkte Bedenken haben. Es sei durchaus kein Erfordernis für den Staat, daß alle seine Bürger derselben Nationalität angehören. Die Bewohner der Schweiz seien Deutsche, Franzosen und Italiener, dennoch aber seien sie begeisterte Schweizer. Freilich gehört kluge Staatskunst dazu, mehrere Nationen in einem Staate zur gedeihlichen Zusammenwirküng zu vereinen, aber im Prinzip liege kein Grund vor, die Nationalitäten in ihrer Eigenart zu nivellieren, oder nur eine Nationalität im Staate zu dulden. Was die Beteiligung der Juden an den Staatsstellungen beträfe, so lautet seine Formel, die freilich, wie er wisse, auf Widerspruch stoßen werde, folgendermaßen: Die Staaten werden den Juden volle Gleichberechtigung gewähren, und die Juden werden die Klugheit und den Takt haben, diese Gleichberechtigung nicht im vollen Umfang auszunützen. Es gebe Verhältnisse im Leben der Völker, die nicht durch Aufstellung von Prinzipien, sondern nur durch Takt gelöst werdenkönnen. Dazu gehört die Stellung der Juden im Staate. Wenn die Juden volle Gleichberechtigung fordern, so müssen sie überlegen, ob sich wirklich ein Prinzip der Gerechtigkeit im Staate durchführen läßt. Solle man etwa nach den Prozenten der verschiedenen Konfessionen oder Nationalitäten im Staate die Stellen vergeben? Und wenn gefordert würde, daß der Tüchtigste diese Stellen erhält, so müsse man sagen: es gebe keine Methode, um mit Sicherheit festzustellen, wer der Tüchtigste sei. Die Bewegung zur jüdischen Renaissance sei im Wachsen. Es handelt sich um eine Kulturerscheinung, die Beachtung verdient, und scharf zu verurteilen sei die Totschweigetaktik der jüdischliberalen Zeitungen, die über diese Bewegung hinwegzugehen versuchen. Man habe diese Totschweigetaktik auch ihm gegenüber anzuwenden, versucht, und jüdisch-liberalen Blätter boykottierten seine (Vorträge .über'die Judenfrage. Hiergegen lege er ganz entschieden Verwahrung ein, und wenn ihm von manchen Seiten gesagt worden sei, weshalb er denn durchaus diese Probleme in der Oeffentlichkeit behandeln wolle, so antworte er, daß dies sein gutes Recht sei, denn er sehe in der Frage nach der Zukunft der Juden eine wichtige Kulturangelegenheit, die für die Entwicklung der Menschheit von größter Bedeutung sei. Sombarts Vortrag hat gewiß einige Schwächen. Schon der erste Vortrag zeigte, wie schwer es einem christlichen Gelehrten ist, jüdische Proleme zu verstehen. Auch in seiner Behandlung der Judenpolitik, zeigen sich mancherlei Irrr tümer. So glaubt er einen „extremen Zionismus“ bekämpfen zu müssen, der die ganze judenheit in Palästina sammeln soll. In Wirklichkeit hat ja die zionistische Organisation stets den Standpunkt vertreten, daß nicht sämtliche Juden, insbesondere nicht alle westlichen Juden, sondern nur ein Teil derselben nach Palästina auswandern werde und auswandern solle. Was Sombart über die Gerechtigkeit im Staatsleben sagt, muß Widerspruch erwecken. Die Forderung, daß der Tüchtigste an die Stelle berufen wird, die der Staat zu vergeben hat, mag in der Praxis nicht immer durchgeführt werden können, als Prinzip aber muß sie aufrecht erhalten bleiben. Auch stimmt sie ja ganz zu der wahrhaft liberalen Auffassung, die Sombart vom Zusammenleben der Nationen in einem Staate vertritt. Dagegen trifft er ganz das richtige, wenn er meint, daß die Erziehung der Juden zum Nationaljudentum das Uebermaß eines niedrigen und äußerlichen Ehrgeizes dämpfen werde, das die Juden heute vielfach dazu führt, nach allerlei Ehrenposten zu streben. Für das vorwiegend jüdische Publikum aus Berlin W., vor dem Sombart sprach, hätte es vielleicht einer genaueren Definition bedurft, was unter wahrem Judentum zu verstehen sei. Für einen Mann wie Sombart, der das Judentum als historische Erscheinung bewertet, kann es freilich keine andere Alternative geben, als Artzerstörung oder Nationaljudentum. Den halb assimilierten Kreisen der Berliner Juden hätte aber deutlich zu Gemüt geführt werden müssen, daß ihr Scheinjudentum nur ein unklares Umherschwanken zwischen diesen beiden Möglichkeiten ist. Assimilation oder Zionismus? .... Das ist die Formel, in die die gegenwärtige Situation zusammengefaßt werden kann, und das hat Sombart, der Nationalökonom und Geschichtsschreiber, mit klarem Blick erkannt. Sein Vortrag ist als bedeutsame Zeiterscheinung zu werten. Es ist das erstemal, jdaß ein christlicher Gelehrter und Fachmann von solchem Ruf sich vor der Oeffentlichkeit klar für das Nationaljudentum, d. h. für den Zionismus entscheidet. Wir sehen hierin ein Zeichen für die siegreiche Kraft der zionistischen Idee, die immer weiter vordringt, und aii der die Völker nicht mehr gleichgültig vorüber gehen können. Hat doch Sombart in seinem ersten Vortrag sich fast ausschließlich auf Quellen berufen, die in unseren zionistischen Kreisen wohl bekannt sind. Es zeigt, wieviel die Zionisten im Laufe der Jahre gewirkt haben, und wie ein christlicher Gelehrter zionistische Quellen zitieren muß, wenn er über die Judenfrage spricht. Zehn Jahre Judifiher Nationalfond. Von Dr. Emil Stein. „Stellen wir uns vor, unsere Almen hätten bei ihrer Auswanderung ins Exil eine, wenn auch noch so kleine Summe für künftige Zeiten gesichert, so würden wir heute damit größere Territorien erwerben können. Was unsere Vorfahren iteils nicht gekonnt, teils versäumt haben, das sind wir zu tun verpflichtet, für uns und unsere Nachkommen". Mit diesen Worten leitete Hermann Schapira, Professor der Mathematik an der Heidelberger Universität, am 31. August 1S97 seinen dem 1. Zionistenkongreß zur Beschlußfassung vorgelegten Antrag auf Schaffung eines f,Territorial“-Fonds ein. Damals wurde zwar dieser Antrag im Prinzip angenommen, doch dauerten die Vorarbeiten juristischer und technischer Art fast 41/., Jahre, ehe der V. Kongreß am 29. Dezember 1901 über Vorschlag Dr. Schalits, der den am Erscheinen Verhinderten Referenten Johann Kreinenetzky vertrat, die .Schaffung des J ü d i s c h en Nationalfonds beschloß. Damals aber bedurfte es noch des entschiedenen Auftretens Theodor Herzls, um die sofortige Aufnahme der Sammeltätigkeit beim Kongresse durchzusetzen. Denn die Delegierten waren voll Sorge darüber, daß die Arbeiten für den J. N. F. die Entwicklung der jungen Kolonialbank beeinträchtigen könnten. Diese Sorge war auch Ursache, daß ein schon dem V. Kongreß .Vorgelegener;Antrag nicht realisiert war. Die Entwicklung hat gezeigt, daß der J. N. F. ganz andere Wege ging, als der damalige Kongreß glaubte, sie hat sich aber stärker erwiesen, als alle Voraussicht kluger Berechnung. Nach dem Vorschlag des Referenten wurde auf dem V. Kongreß zwar „nicht als ausschließliches Mittel", so doch „als Hauptkern“ ein bis ins kleinste Detail durchdachtes Markensystem für die Schaffung des J. N. F. vorgesehen. Doch schon der Rechenschaftsbericht des nächsten Kongresses 1903 zeigt uns, daß die Praxis dieses System durchbrochen hat, denn von Pfd. St. 19,767, die in zwei Jahren einkamen, waren kaum die Hälfte, nämlich Pfd. St. 8610 durch den Verkauf der Marken erlöst. Schon damals erfreute sich das „Goldene Buch" größter Popularität. Der N. F. verdankte ihm' in seiner ersten Periode einen Zuwachs von Pfd. St. 7418. Seither ist ein langsames, aber sicheres Anwachsen dieser jungen Institution zu verzeichnen. Am 8. Kongreß 1907 konnte bereits über ein Vermögen von Vu Millionen Kronen berichtet werden, das heute bis auf über 21/; Millionen Mark gewachsen ist. Diese Summe, die sich aus kleinen und kleinsten Beiträgen zusammensetzt, zeugt von der Popularität dieser „Schöpfung, welche an Bedeutung inzwischen über alle anderen, von welcher Seite und zu welchem Zwecke immer initiierten jüdischen Unternehmungen hinausgewachsen ist und heute nicht eine, sondern geradezu die nationale Institution des jüdischen Volkes geworden ist.“ (Adolf Böhm). Die Popularität und damit das Vermögen des N. F. wuchsen in dem Maße, als der N. F. in Palästina selbst zu arbeiten begann. Kaum eine wirtschaftliche oder kulturelle Arbeit wird in Palästina unternommen, die nicht im besten und modernsten Sinne vom N. F. befruchtet, oft sogar erst ermöglicht wird. Doch das sind Tatsachen, die heute bereits jeder Zionist kennt, und ,wer sich noch ausführlich darüber orientieren will, findet dazu die Möglichkeit in der bereits zitierten Broschüre Adolf Böhms „Der Jüdische Nationalfonds". Da kann sich auch Jedermann über die großen Aufgaben informieren, die des J. N. F. noch harren und Jeder wird überzeugt sein, daß das heutige Vermögen für seine großen Zwecke nicht ausreicht. Doch mag dieses Vermögen als schöner Anfang gelten. Nun aber müßten wir daran gehen, es zu vervielfachen. Gilt auch der N. F. und in ihm sein Rayon „Oesterreich“, als organisatorisches Muster für alle übrigen zionistischen Institutionen, so ist damit noch nicht gesagt, daß dessen Organisation nicht noch ausgebaut werden könnte. Und dazu ist Jeder verpflichtet, der die großen Aufgaben des N. F. anerkennt. Noch gibt es in Oesterreich, trotz der 500 N. F. Kommissäre, die teilweise in aufopferndster Weise arbeiten, nicht weniger als 200 Kultusgemeinden, in denen sich noch kein Gg. d er Arbeit für unseren Fond unterzogen hat, an manchen Orten reicht die Kraft eines einzelnen nicht aus. Noch sind die Gemeinden, die jüdischen Banken, die verschiedenen Chewras und andere jüdische Institutionen nach dem Beispiel der anderen österreichischen Völker zur Beisteuer zu bewegen, noch stehen wir mit einer Jahresleistung von 3.94 Pfennig an 12. Stelle unter allen Sammelstellen! Die Arbeitsmöglichkeit ist daher für alle Gg. in reichstem Maße gegeben. Und wenn die Arbeit auch keine leichte i st, so ist sie doch ehrenvoll und gibt innere Befriedigung, denn es gilt, den Schatz seines Volkes zu mehren! An diesem Tage, da wir das erste Dezennium des Bestandes unseres Jüdischen Nationalfonds überblicken, können wir wohl begeistert konstatieren, daß viel geleistet wurde, daß aber noch mehr zu tun übrig bleibt. Wir wollen, mit frischen Kräften an die Weiterarbeit gehen. Jeder Heller, den wir dem J. N. F. zuführen, bringt uns in unserer Arbeit um einen Schritt vorwärts, in der Arbeit, das jüdische Volk wieder bodenständig und damit wurzelfest zu machen. Mit jeder Vermehrung des Jüdischen Nationalfonds wächst der Besitz des jüdischen Volkes an heiliger Erde. „An dem Tage aber,“ sprach Theodor Herzl in jener Kongreßsitzung, in der Herman Schapira den Antrag auf Schaffung des J. N. F. stellte, „an dem Tage, wo wieder der Pflug in der erstarkten Hand des jüdischen Bauern ruht, ist die Judenfrage gelöst.“ Die Wiener Mahhabäerfeier. Im festlich dekorierten Sophiensaale fand am Dienstag die heurige Makkabäafeier statt, welche von den zionistischen Korporationen Wiens unter Leitung des innerösterreichischen Distriktskomitees veranstaltet wurde. Die Feier bot schon äußerlich ein anmutiges und fesselndes Bild. ' Ueber dem Podium hing, umrahmt von einem aus Glühlampen gebildeten Davidszeichen, das Bild des Makkabi unserer Tage, Theodor Herzls. Die Logen waren von Vertretern der Korporationen besetzt und mit den Vereinsemblemen verziert. Um halb 10 Uhr eröffnete der unermüdliche Obmann des Distriktskomitees, Gg. Doktor Körner, die Feier mit einer formvollendeten Begrüßungsansprache. Nach ihm ergriff der Festredner des Abends, Dr. Schemarjalin L e w i n aus Berlin das Wort. Die Art der Lewinschen Redekunst ist in zionistischen und jüdischen Kreisen zu bekannt, als daß man darüber viel schreiben müßte. Dr. Lewin befaßte sich in seiner Rede mit dem

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