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Jüdische Zeitung · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ _• täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurQckgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- B ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteüähr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ' ■ Nr. 50 Wien, Freitag, den 15. Dezember 1911 V. Jahrgang Zionistischer Zentralverein II., Stefaniestraße 12. Samstag, den 16. Dezember, präzise S Uhr abends im „Hotel Zentral“ II., Taborstraße 8, öffentliche allgemein zugängliche Versammlung. Referent: Dr. Schmarjahu Lewin, Mit glicd des zionistischen Aktionskomitees in Berlin, ehern. Abg. der I. russischen Duma. Thema: Die Tragödie der Heimatlosigkeit. Der Vorstand. Regiebeitrag:-50 Heller. JÜDISCHES VOLKSHEIM II., Stefaniestraße 12. Die Mitglieder der gesinnungsgenössischen Vereine werden zu der am Montag den IS. Dezember, S Uhr abends, stattfinden Eröffnung liöflichst eingeiaden. Das Kuratorium des Jüdischen Volksheimes. Professor Sombart über Juöenpolitifo. Am S. Dezember fand in Berlin der zweite Vortrag Soinbarts über die „Zukunft der Juden“ statt. In dem ersten Vortrag war der Versuch gemacht, die gegenwärtige Lage der Juden zu schildern; nunmehr suchte der Vortragende die Richtlinien der „Judenpoditik“ zu bestimmen. Um es gleich vorweg zu sagen : Es war ein unzweideutiges, u n e i ngeschränktes Bekenntnis zum Nation a 1 j u d e n t u in, was wir aus dem Munde des bekannten Gelehrten hörten. Sombart ging davon aus, daß jede Politik etwas Sukjektives sei,' denn sie verfahre nicht nach der objektiven Methode des Gelehrten, vielmehr bedeute sie Werturteile auf Grund persönlicher Lebensanschauung. Aber trotz dieser notwendigen Subjektivität müsse sich der Politiker doch an die realen Zustände und' Möglichkeiten halten. Es sei sinnlos, etwa das Verschwinden der Juden als politische Maxime aufzustellen. Man müsse die vorhandenen Zustände und Möglichkeiten in Betracht ziehen, wenn man Real-Politik treiben wolle. Die Judcnheit kann gegenwärtig in zwei große Gruppen eirigeteilt werden, die sich in ihren Lebensbedingungen durchaus unterscheiden: östliche und westliche Juden. Die östchen Juden leben unter so unerträglichen Bedingungen, daß ihre Lage verbessert werden müsse, wolle man ihr Dasein sichern. In Rußland und Rumänien sei in absehbarer Zeit keine wesentliche Besserung zu erwarten, England und Amerika sträubten sich gegen die immer mehr anwachsendc Einwanderung der östlichen Juden, und so sei nur eine Versorgungspolitik für die östlichen Massen möglich, nämlich die zionistische. Auf den Streit zwischen Territarialismus und Zionismus wolle er nicht näher eingehen, Jüdisches Volksheitn. In der üeopolÖStaM, II., StefanlcstPaße 12, im Zentrum der Wiener Judenschaft, wurde ein Voltisfieim geschaffen, in welchem neben anderen gemeinnützigen Institutionen, eine Volkslesehalle, Volksbibliothek und ein Rechtsschutzbüro ihren Sitz haben. Die Erhaltung dieses Volksheimes, in welchem unsere jüdischen Mitbürger Schutz ihrer wirtschaftlichen und politischen Rechte finden, in welchem auch dem Schwächsten und Ärmsten Bildungsgelegenheiten jeder Art geboten werden, in welchem der verfolgte und verachtete Jude als gerngesehener Gast und Freund Stärkung seines Selbstbewußtseins erfährt, ist eine gute Sache und gewiß der Unterstützung aller Volksgenossen wert. Spendet für den Fonds des Jüdischen Volksheimes! Spenden sind mit dem Vermerk „Jüdisches Volksheim“ an die „Jüdischen Zeitung“, II. Stefaniestraße 12, zu richten. Sammelbogen (Sammelblocks) sind im Volksheim erhältlich. doch sei cs scin persönlicher Wunsch, daß die Zionisten mit ihren Argumentkf‘ftecht behielten. Er glaube auch, daß dies der Fall sein werde, da Palästina den Auswanderungsländern näher liege, als alle anderen vorgeschlagenen Gebiete, und weil die jüdische Kolonisation in Palästina bereits auf eine 30jährige Erfahrung zurückblicken könne. Er wolle jedoch davor warnen, die zionistische Bewegung mit ailzuvielen Experimenten zu belasten, denn die Kolonisation im Orient sei an sich schon eine so schwere Aufgabe, daß es nicht angebracht sei, mit der jüdischen auch noch die soziale Frage lösen zu wollen. ' •Während Sombart so für die östlichen Juden die zionistische Lösung fast als eine Selbstverständlichkeit betrachtet, erhebt sich nach seiner Ansicht ein sehr schweres Problem, wenn die westliche Judenpolitik in Frage steht. Die materiellen Lebensbedingungen der westlichen Juden seien unzweifelhaft gut, und so könne die .Judenfrage für sie nur eine ideelle, keine materielle Seite haben. Das Problem besteht darin, ob die westlichen Juden das Judentum erhalten oder vernichten wollen. Es handelt sich um keine andere Frage, als die der „Arterhaltung“ oder „Artzerstörung“. Mit größter Entschiedenheit erklärt Sombart, daß die Antwort nur lauten dürfe: Arte r h a 11 u n g. Die Auflösung der Artverschiedenheiten und die Bildung eines europäisch-amerikanischen Universal-Menschentums sei eine fürchteriiche Perspektive, und schon aus diesem ganz allgemeinen Gesichtspunkte müsse alles gefördert werden, was zur Erhaltung nationaler Eigenart dient. Im speziellen Fall der Juden würde diese Tendenz zur Arterhaltung, also die Pflege jüdisch-nationaler Kultur und Gesinnung, die Folge haben, daß die Art sich verbessert und gerade diejenigen Fehler der Juden verschwinden, die man heute als spezifisch jüdische Fehler bezeichnet. Wenn die Juden ihr Judentum aufgeben, so hat der einzelne Jude nur noch Interessen. Wollen sie aber ihr Volkstum erhalten, so wird ein ideales Streben entfesselt, das den Charakter im besten Sinne beeinflußt. Der'Mangel an "Respekt, den man an dein Juden rügt, sei liaupt- ■ sächlich bei denjenigen anzutreffen, die sich an die anderen Völker bedingungslos herandrängen wollen, nicht aber bei denen, die ihr eigenes Volkstum pflegen. Wenn also die westlichen Juden Nationaljuden werden sollen, so wolle er damit nicht für den „extremen Zionismus" cintreten, der alle Juden nach Palästina zu führen beabsichtigt. Es sei eine Uebersehätzung der idealistischen Momente irn Seelenleben der Juden, wenn man hoffe, sämtliche Juden in Palästina zu vereinigen. Auch könnten dies die christlichen Völker garnicht zulassen, da die Juden für sie unentbehrlich seien. Sie sind es, die einen großen Teil der Steuern aufbringen, die die Konzerte und Theater füllen, die die Bücher kaufen. Die völlige Auswanderung der Juden würde ebenso verderbliche Wirkungen haben, wie die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich oder die Vertreibung der Juden aus Spanien tür diese Länder gehabt haben. Es sei aber zur Gründung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina und zur Erziehung der Juden zum Nationaljudentum auch garnicht nötig, daß sämtliche Juden nach Palästina auswandern. Seit der Zeit des babylonischen Exils haben stets mehr Juden in der Diaspora, als in Palästina gelebt. Die Nationalisierung der westlichen Juden könne durch eine Reihe von Mitteln bewirkt werden, so vor allem durch Erziehung der jüdischen Jugend. Vielleicht sei es sogar möglich, die Juden an manchen Punkten lokal zu konzentrieren; hierbei geht Sombart soweit, die Gründung jüdischer Ackerbau-Kolonien im deutschen Osten zu empfehlen, ein Vorschlag, der freilich nicht in den Bereich politischer Möglichkeiten fällt. Die wichtige Frage, wie sieh das Zusammenleben einer national-jüdischen Bevölkerung mit den umgebenden Völkern gestalten werde, beantwortet Sombart dahin, daß dies sieh durchaus befriedigend entwickeln könne. In kultureller Beziehung läge kein Grund vor. weshalb ein Nationaljude nicht an den Schöpfungen deutschen Geisteslebens vollen Anteil nehmen soll. Man könne einer bestimmten Art, einem bestimmten Volke angehören und doch volles Verständnis für andere nationale Kulturschöpfungen

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