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Jüdische Zeitung · 1911-12-08 · 49 (8.12.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 49 nismus mit der Politik“ herbeigeführt werden soll. Wer kein Interesse daran hat, die zionistische ßeffentlichkeit falsch zu Informieren, wird diesem Versuch einer gewaltsamen Verdrehung im Interesse der Wahrheit energisch entgegentreten müssen. , ■ Die zionistische Organisation soll sich also mit Politik nicht beschäftigen. Es b'.eibt noch die Frage offen, ob die Zionisten zur politischen Betätigung berechtigt oder verpflichtet sind, in welchen Linien sich die Politik bewegen soll und wer sie zu leiten hat. Daß aktive politische Betätigung eine z i onistische Pflicht wäre, läßt sich aus dem Wesen und Begriff des Zionismus gewiß nicht ableiten und ist auch niemals behauptet worden. Ebenso sicher ist jedoch auch, daß der Zionismus keinen jüdischen' Staatsbürger an der Ausübung seiner politischen Rechte hindern darf oder will. Da der Zionismus aber bei seinen Anhängern das nationaljüdische Bewußtsein voraussetzt, muß man weiter folgern, daß den Zionisten nur eine solche politische Betätigung gestattet ist, welche die Zionisten nicht in Widerspruch zu dem im Zionismus gelegenen jüdischnationalen Bekenntnis bringt. Eine der7 artige Politik, von Zionisten betrieben, müßte notwendigerweise eine Schädigung des zionistischen Gedankens zur Folge haben, und es ist deshalb nur selbstverständlich, daß die zionistische Organisation (insbesondere in Oesterreich) Vorsorge treffen muß, daß die von Zionisten betriebene Politik nach der einzig möglichen Richtung geleitet und überwacht werde. Eine andere Frage ist' allerdings, ob die Beteiligung der österreichischen Zionisten am öffentlichen Leben wünschenswert oder gar eine Notwendigkeit ist.. Die Frage ‘ ist vom - Krakauer Parteitag bekanntlich mit großer Entschiedenheit bejaht worden und es ist seither nichts eingetreten, was eine Aend.-rung der seither eingcschiagenen Richtung rechtfertigen könnte, denn es bedarf wohl keines Beweises, daß der Zionismus im öffentlichen jüdischen Leben erst dann die ihm gebührende Stellung erreicht haben wird, bis sämtliche-'öffentliche Stellen, welche Juden zu vergeben haben, in zionistischen Händen sein werden. Als der zweite Zionistenkongreß die Parole ausgab: „Erobert die Kultusgemeinden!“, war er sich der politischen Bedeutung dieser Aufgabe zweifellos bewußt. „Das Judentum wird zionistisch sein, oder es wird n i c h t sein.“ Auch an dieser unserer Ueberzeugung hat sich nichts geändert. Solange aber das Judentum einen Jankel Feuerstein zum Ku'.tusvorsteher und Bürgermeister, einen Herrn von Löwenstein und Redlich zu Abgeordneten wählt, solange ist das Judentum wohl nicht zionistisch, und selbst wenn wir die Ergebnisse unserer Sammlungen — die wir gewiß auch nie und nimmer vernachlässigen dürfen — um das Zehnfache vermehren. Solange der Zionismus nur in engen Vereinszirkeln seine Stimme erhebt, von jeder öffentlichen Tribüne herab aber die Assimilation als jüd:sches Ideal proklamiert wird, solange ist die Einflußnahme des Zionismus auf .das öffentliche jüdische Leben natürlicherweise eine beschämend geringe. Man 'hört öfters die Warnung vor politischer Betätigung der Zionisten. Aber merkwürdig ist. daß diejenigen, welche die besorgten Kassandrarufe ausstoßen, sich durchaus keine politische Enthaltsamkeit auferlegen. Man betreibt doch nicht nur dadurch Politik, daß inan jüdischnationale Kandidaten als Bewerber, um öffentliche Mandate aufstellt. Wenn sich die Zionisten in irgend einem Wahlkreis entschließen, beispielsweise einen Sozialdemokraten gegen einen Deulschnationalen oder Tschechischnationalen zu unterstützen, betätigen sie sich doch auch politisch, und die Ablehung einer entschiedenen Stellungnahme gegen die Wahlbewerbung Dr. Lichts — was wir zu unserer nicht geringen Ueberraschung gelegentlich der letzten Reichsratswahleri erlebten — erleichtert zweifellos den vereinigten Ostraue] Deutschnationalen, Christlichsozialen und Assimilanten ihre Arbeit, war somit auch eine politische Betätigung der dortigen Zionisten, allerdings eine nicht sehr glückliche. Es ist also eine unleugbare Tatsache, daß die Zionisten überall dort, wo Juden in nennenswerter Zahl wohnen, am politischen Leben beteiligt sind, wasnur selbstverständlich ist, weil die Politik die wichtigsten jüdischen Interessen berührt. Wer hätte auch das 'Recht zu lverlangcn, daß die Juden sich ihres, wenn auch geringen Einflusses, auf die Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten begeben? Und soll dieser Einfluß in Galizien'auch weiter unter Führung der K a h a I n i k s öder in Mähren unter Patronanz der Redlich sehen Kultus vorsteh er geübt werden? Daß dies dem Judentum, also auch dem Zionismus nicht nützlich sein kann, bedarf wohl keines Beweises. Aus diesen Ausführungen muß also der Schluß gezogen werden, daß die Zionisten zur Teilnahme am politischen Leben berechtigt sind, und daß diese Betätigung überall dort, wo ein jüdischer Einfluß möglich ist,' sich nicht bloß als wünschenswert und notwendig darstellt, sondern auch tatsächlich erfolgt. Ist dies aber der Fall, dann ist die einheitliche Leitung dieser politischen Betätigung durch eine von der zionistischen Organisation anerkannte ünd infolge dieser Anerkennung mit einer größeren Autorität ausgestattete Stelle eine unabwelsliche Notwendigkeit. Diese Stelle soll nach den Intentionen des Verfassers des neuen Organisationsstatuts der „Jüdische N a t i o n a 1 v e r e i n“ sein,- der sich dieser Aufgabe bisher vielfach ohne jede Unterstützung der weiteren gesinnungsgenössischen Kreise unterzogen hat und diese Arbeit auch weiter leisten wird, wenn der Parteitag sie ihm überträgt. Die Wiener Gesinnungsgenossen werden auf dem Parteitag für die Annahme des Statutenentwurfes des Gg. Dr. Emil. Margulies eintreten; im Interesse der Gesamtorganisation, keineswegs aber in Verfechtung eines engherzigen lokalen oder Vereinsinteresses. Denn für die Wiener Gesinnungsgenossen bringt das neue Statut ein privilegium -odiosum. Bedeutet doch schon die Zweiteilung in eine zionistische und politische Organisation eine außerordentliche-Ber lastung der Wiener Parteigenossen, die sich vollständig darüber im Klaren sind, daß die Notwendigkeit dieser ausschließlich für die Wiener kostspielige Zweiteilung für Wien in dem Augenblick entfällt, in welchem sich die Wiener zionistischen Organisationen zu einem eigenen unabhängigen Distrikt Zusammenschlüßen. Nur in diesem -Zusammenhang will ich auf einen in der letzten Nummer der „Jüdischen Volksstimme“ erschienenen „Zum wesfösterreichischen Parteitag“ benannten Artikel zurückkommen. Es ist schwer zu glauben, daß der Verfasser ein böhmischer Gesinnungsgenosse ist. Da er am 27. November behauptet, ,daß . man in Böhmen nicht die Notwendigkeit für die Schaffung eines neuen Statuts einsieht“, einige Tage darauf aber der böhmische Distriktstag mit einer erdrückenden Majorität das Gegenteil ausspricht, ist er entweder; nicht gut informiert oder hat nicht die Absicht, gut zu informieren. Bedenklicher ist schon ein zweiter Punkt seines Artikels; er behauptet nämlich, daß nach Ansicht der Wiener politisch gearbeitet werden müsse, und da eigene Mittel hiefür nicht vorhanden seien, müßten die Parteigelder herhalten“. Diese Behauptung ist allerdings — gelinde gesagt — eine dreiste Unwahrheit, für welche der anonym gebliebene Autor wohl schwerlich eintreten wird. Rundschau. Wo bleiben die jüdischen Abgeordneten? Im österreichischen Parlamente bereiten die Tschechen und Polen eine energische Aktion gfgen die preußische Regierung vor. Bekanntlich gehen die preußischen Behörden gegen polnische und tschechische österreichische Staatsbürger mit größter Rücksichtslosigkeit vor, verweigern ihnen das Aufenthaltsreclit, holen sie bei Nacht und Nebel aus den Betten heraus und jagen sie über clie Grenzen, ohne sich zur Angabe von Gründen herbeizulassen. Die mit Recht erbitterten polnischen .-und tschechischen Parlamentarier wollen nun die österreichische Regierung zwingen, dem preußischen Nachbarn und Bundesfreund den ^Standpunkt klar zu machen und ihm beizubringen, daß der österreichische Staatsbürger nicht dazu da ist, um von den preußischen Junkern und Polizeiknechten wie ein räudiger Hund behandelt zu werden.' Wir Juden können diese Aktion nur sympathisch begrüßen, nur möchten wir sie in gewisser Hinsicht vervollständigt sehen. Noch ärger ergeht es ja den österreichischen Juden im freundnachbarlichen Preußen. Während sich die ungerechten upd inhumanen Maßnahmen der preußischen Regierung, soweit sie österreichische Slaven betrefen, fast ausschließlich auf Arbeiter und Handwerker beschränken und wenigstens Angehörige der bürgerlichen und intelligenten Stände verschont bleiben, wird den österreichischen Juden ausnahmslos das Wohnrecht abgesprochen. Kaufleute, Akademiker werden ausgewiesen, kein Stand bleibt verschont. Es ist daher nur recht und billig, wenn auch die Juden in die bevorstehende Aktion einbezogen Werden.' Von den tschechischen und polnischen Parlamentariern ist kaum zu erwarten, daß sie sich aus freien Stücken ihrer jüdischen Mitbürger annehmen werden. Aber wir haben ja im Hause eine stattliche Anzahl jüdischer - Abgeordneter! Was ist’s mit diesen Herren. Bisher haben sie sich nicht gerührt. Vor den Wahlen haben sie den, Mund mit Versicherungen und Versprechungen den jüdischen Wählern gegenüber vollgenommen. Jetzt tun sie nichts dergleichen. Während alle anderen Abgeordneten bemüht sind, die Rechte ihrer Volksgenossen im Auslande zu schützen, bleiben die jüdischen Abgeordneten kalt und stumm. Sie tun gerade so, als ob sie nicht von Juden gewählt worden wären! * * „ ♦ Die Wirtschaft in der Wiener Israelitischen Allianz. Der, Wiener Korrespondent des;,F r ä j n d“ („Warschauer Tagblatt“) erhebt' in drei ’ Zuschriften an sein Blatt gegen die Wiener Allianz schwerwiegende "Vorwürfe. Die~ Behandlung der über Wien reisenden Emigranten durch das Wiener Allianzbureau bezeichnete er als aller Menschlichkeit hoh'nsprechend. Mit 'den beschwerdeführenden Reisenden wird kurzer Prozeß gemacht: ein Polizist, welcher im Bureau ständigen Dienst hat, entfernt die Emigranten mit Brachialgewalt. Die Emigranten werden auf dem Bahnhofe nicht erwartet. Trotzdem jeder Auswandernde.schon in/Rußland] 3 Rub. für eventuelle Auslagen der Wiener Allianz an die russischen Bureaux entrichtet und diese Beträge nach Wien geschickt werden, finden die Emigranten in Wien keinerlei Förderung. Durch die Schuld der Wiener Allianz werden viele Emigranten zu kostspieligem Aufenthalt in Wien gezwungerf. Beim Geldwechsel zahlt die Wiener Allianz, trotz des höheren Kurses, bloß •2 K 50 h. Im Laufe des Jahres ergeben diese Beträge (3 Rubel pro Kopf sowie die Verkürzungen beim Geldwechsel) recht ansehnliche Summen, ueberhaupt herrscht nach Angabe des „Frajnd“-Korrespondenten in der Wiener Allianz ein reaktionärer Pölizeigeist. Alle Emigranten (die meisten zahlen ihre Reisekosten' selbst) erfahren eine so demütigende Behandlung, als ob sie unverschämte Bettler wären. Am ärgsten gebärden sich die intelligenten, akademisch graduierten Beamten der Allianz. Soweit der Berichterstatter der „Frajnd“, welcher alle Behauptungen durch- Schilderung verschiedener Vorfälle erhärtet. Seine Schilderungen beweisen wieder einmal, daß es nichts Heuchlerisches und Unmenschlicheres gibt, als der Geist in den Wohlfahrtsiristituten des offiziellen (lies: volksfremden, assimilatorischen) Großjudentums. fcembergep Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Es w'äre vielleicht verfrüht, wollte mau . über den stattgefundenen Hebräertag ein abschließendes Urteil fällen, denn die Bedeutung dieser Tagung war größer, als die Veranstalter mutmaßen konnten und die Wirkungen werden

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