Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 48 solut notwendig; Organisation heißt ja nichts anderes als Zentralisation und von diesem Prinzip darf man nur abweichen, wenn wichtige Gründe gegeben sind. Wohin würde uns die ewige Distriktelei führen? ■ Man pflegt zu sagen, die besonderen lokalen Verhältnisse hinderten die Zentralisierung. Aber gerade auf diese besonderen lokalen Verhältnisse nehmen die bisher zutage gekommenen Vorschläge der „Autonomisten“ keine Rücksicht, sie führt nur das eine Bestreben, von Wien unabhängig zu sein. Als krasses Symptom dieser „Furcht vor Wien“ erscheint der unglückselige Gedanke der Verlegung des Z.K. von Wien nach Prag, der zeigt, wie weit es kommt, wenn man für Organisation kein Verständnis hat. Es gibt ja in Wirklichkeit gar keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Wien und Prag; auch das Verhalten zur inneren Politik bildet ihn nicht, denn alle sind in gleicher Weise der Ansicht, Zionismus und Politik dürfe nie und nimmer verquickt werden. Unsere Organisation hat ihren Ausgangspunkt in jenem Brünner Parteitag, wo die 'Scheidung zwischen Ost- und. Westösterreich durchgeführt wurde; schon damit entstand ein Ex lex-Zustand, von der Organisation blieb nichts anderes übrig als die Distrikte, ln der Weiterentwicklung entstand eine neue Entwicklungsstufe, ein Kompromiß, dargestellt durch das heute geltende Statut, das die Distrikte stehen läßt und den Distriktsverband schafft, dessen Organe aber ohne jede Machtvollkommenheit läßt. Dieses Statut hat einen Zweck als Uebergangsstufe, und diesen Zweck hat es erfüllt. Und heute müssen wir alles aufbieten, um eine wirkliche zionistische Organisation in Westösterreich zu schaffen. Nicht nur, weil es vom Statut des Kongresses verlangt wird, sondern weil es das Interesse der zionistischen Bewegung in Oesterreich verlangt; es wäre ein Verbrechen gegen unsere Idee, in der bisherigen Weise weiter zu gehen und immer mehr und mehr absplittern zu lassen. — Nach einer sehr eingehenden und. ausführlichen Diskussion, an der sich u. a. besonders die Herren Dr. A. Engel-Prag, Dr. E. Margulies^ Leitmeritz, Ernst und Kurt Bechert-Teplitz beteiligten, wurde ,die Resolution des Referenten von der Versammlung angenommen. Sie.lautet: „Der erste nordböhmische Zionistentag in Aussig erklärt seine volle Uebereinstimmung königlichen Blute Davids zu sein. Der heraldische Löwe auf dem Petschaft des Momet Tauraus soll daher möglicherweise an den Löwen raus soll daher möglicherweise an den „Löwen vom Stamm Juda“ erinnern. Bis über die Mitte des 13. Jahrhunderts waren diese provencalischen Judenkönige freie Allodialherren, die unmittelbar unter dem französischen Könige standen. Reicher AÜodialbesitz kam in Südfrankreich unter den Juden schon von gallisch-römischer Zeit her vor, jedoch ohne Gerichtsbarkeit und ohne die Macht, Untertanen zu Kriegsdienst aufzubieten. So blieb es unter der merowingischen und unter der karolingischen Herrschaft. Die Feudalzeit trieb die kleineren jüdischen Allodialbesitzer, ebenso wie die Christen, dazu, sich als Lehensleüte unter den Schutz, größerer Herren zu begeben. Sie kamen auch als Lehensleute von Abteien und Bischöfen vor. Die mit den Kreuzzügen entstehende Feindseligkeit der Christen . veranlaßte dann die jüdischen Grundbesitzer, ihre Güter nach und nach zu barem Geld zu machen. Als 1306 die große Konfiskation kam, da fanden sich bei den „Judenkönigen“ .nur mehr etwa dreißig Häuser vor; ihren Allodial- und ihren Feudalbesitz hatten sie klugerweise einige Jahrzehnte vorher veräußert. * * * Die Juden Berlins. In Berlin lebten 1905 im ganzen 98.S93 jüdische Seelen, 1910 aber nur noch 89.954 Seelen, also ein Rückgang von 8939 Personen. Das kommt daher, daß die Vororte beständig an jüdischer Bevölkerungszahl zunehmen. Es beträgt in den Vororten die jüdische Seelenzahl 1910 (die eingeklammerten Zahlen sind die von 1905): In Charlottenburg 22.508 (15.604), Rixdorf 2080 JÜDISCHE ZEITUNG * mit der Resolution I des Z.-K. vom 22. Oktober 1911 über die Notwendigkeit einer strafferen Zentralisierung der westösterreichischen Organisation. (Einstimmig.) — II. Er billigt die Prinzipien, auf denen der von Dr. Margulies ausgearbeitete Statutenentwurf aufgebaut ist.“ (Mit mehr als Zweidrittelmajorität.) Angenommen wurde ferner eine Zusatzresolution des Herrn Dr. Margulies: „Die Autonomie der Distrikte soll nach Möglichkeit gewahrt werden“, und zwei Zusatzresolutionen des Herrn Ernst Bechert: „Es soll je ein Vertreter jedes D.-K. Sitz und Stimme im Z.-K. haben“, und: „Die Gelder werden nach Wien abgeliefert, von wo die Schekel nach Berlin und die Landessteuer an die Distrikte zuriickbe - zahlt werden.“ Zum zweiten Punkte der Tagesordnung (Resloution II des Z.-K.) hielt . Herr Dr. Emil Margulies-Leitmeritz das Referat, worin er u. a. ausführte: Das Z.-K. hat beschlossen, dem Zionistentag eine Resolution vorzulegen, wonach, wenn Zionisten jüdische Politik machen, dies im Einvernehmen mit dem Jüdischen Nationalverein geschehen möge, und zur Herstellung dieses Einvernehmens eine Vermittlungsinstanz aufgestellt werde. Diese Resolution hat zu Mißverständnissen geführt. An politischen Fragen können und dürfen wir nicht mit geschlossenen Augen vorübergehen; durch das Prinzip der vollständigen Passivität ergibt sich eine außerordentliche Gefahr für die zionistische Organisation. Es kann kein Zionist gezwungen werden, politisch tätig zu sein; lassen wir aber die Zionisten für den Fall, daß sie jüdische Politik machen, ohne jede Direktive, so werden ihre Aktionen verworren sein, und die Lasten von allen begangenen Fehlern werden wir zu tragen haben.. Wie können wir uns nun eine gewisse Direktive aufstellen, 'ohne von Organisations wegen Politik'zw machen? Es gibt heute in Oesterreich eine Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hatj die jüdischen Interessen im politischen Kampf zu vertreten, : deren Basis die gleiche ist, wie die unserer Organisation: das jüdischnationale Programm, und die von Zionisten geleitet wird. Darum sollten wir den Zionisten empfehlen, sich mit diesem jüdischen Nationalverein ins Einvernehmen zu setzen, wenn sie jüdische Politik machen wollen. Damit aber stellen wir den einzelnen Zionisten einer mäch- (11-76), Schöneberg 11.641 (6929), D. Wilmersdorf 9698 (4297), Lichtenberg 685 (471), Steglitz 670 (250), Rummelsburg 418 (212), Weißensee 618 (497), Friedenau 870 (237), Pankow 1100 (519) usw. Auf je 1000 ortsanwesende Personen kamen am 1. Dezember 1910 in Berlin 43 Juden, in Charlottenburg 74, Schöneberg 67, D. Wilmersdorf S8, Hieraus gehert hervor, daß die jüdische Bevölkerung die westlichen Vororte stark bevorzugt. Wilmersdorf, Charlottenburg, Schöneburg und Frankfurt a. M. weisen im Königreich Preußen den stärksten Prozentsatz jüdischer Bevölkerung auf. * * . , * Schwarze und weiße Juden Indiens. Unter den verschiedenen Rassen und Völkern, die im Laufe der Jahrtausende an der Westküste Indiens auf dem Seewege eingewan- dert sind und hier eine zweite Heimat gefunden haben, sind wohl die Juden in Cochin besonders bemerkenswert. Man unterscheidet weiße und schwarze Juden. Die weißen Juden sind nach der zweiten Zerstörung Jerusalems (68 n. Chr.) eingewandert. Sie haben sich vollständig rein erhalten und merkwürdig berührt der Anblick dieser „weißen Eingeborenen“, die teilweise hellblondes Haar und hellblaue Augen aufweisen. Ihre Hautfarbe ist, wie der Forschungsreisende Oskar Kaufmann mitteilt, trotz der jahrhundertlangen Einwirkung der südindischen Sonne hell geblieben, so daß einzelne sich eines rein germanischen Aussehens erfreuen. Sie leben in guten Verhältnissen und tragen einen Stolz, der sich schon darin kundgibt, daß sie sich sehr ungern photographieren lassen. Merkwürdigerweise scheinen Folgen der Inzucht — sie leben abgeschlossen für sich — innerhalb der kleinen Seite 3 tigen politischen Organisation gegenüber, der gegenüber er seine Meinung nicht mit der gehörigen Intensität durchsetzen kann. Um das zu verhüten, wollen wir eine neutrale Zwischeninstanz schaffen, die den Verkehr zwischen dem einzelnen Zionisten und dem Nationaiverein hersteilen soll und die so zusammengesetzt sein soll, daß sie auch den besonderen Bedürfnissen der einzelnen Provinzen Berücksichtigung verschaffen kann. Nachdem in der Debatte insbesondere auch Herr Ernst Bechert-Teplitz sich rückhaltslos für den Antrag Dr. Margulies ausgesprochen hatte, wurde die Referentenresolution angenommen. Sie lautet: „Die am nordböhmischen Zionistentag versammelten Delegierten erklären ihre volle Uebereinstimmung mit der Resolution II. des Zentralkomitees vom 22. Okt. 1911.“ Bus der Leopoldstadt. Konstituierung des „Jüdischen Volksvereins für die Leopoldstadt“. Während sich die ehemaligen „Herren“ der Leopoldstadt vergeblich bemühen, ihre so sehr ins Schwanken geratene Position durch Heranziehung von „Persönlichkeiten“ wieder zu stärken, — sie sind auf der Suche nach „Namen“ auf den alten Hofrat Kareis gekommen, jüngere Kräfte, denen man keine „ausgeglichene“ Gerichtsverhandlung nachsagen kann, scheinen nicht vorhanden zu sein — macht unsere Sache im Bezirke stetige Fortschritte. Dies kam in der konstituierenden Generalversammlung zum Ausdruck, die der „Jüdische Volksverein fürdie Leopoldstadt“ am 23. November 1. J. im großen Saal des „Hotel Guth“ abhielt. Die intensive Anteilnahme der jüdischen Bevölkerung an unserer Arbeit zeigte sich in dem massenhaften Besuch, den die Versammlung zu verzeichnen hatte. In der Versammlung, welche Dr. P 1 a s c h - k e s namens des Proponenten eröffnete, sprach Dr. W o 1 f m a n über die Zwecke einer jüdischpolitischen Organisation und berichtete anschließend über die bisherige vorbereitende Tätigkeit. Man erfuhr aus dem Referate, daß trotz der geringen Agitationsmittel, die den Proponenten zur Verfügung standen, und trotzdem noch der größte Teil des Bezirkes von unserer Agitations¬ und Versammlungstätigkeit unberührt bleiben mußte, unsere Organisation doch schon in wenigen Wochen über 300 Mitglieder gewonnen hat und die Aufsichten für die weitere Arbeit die allergünstigsten sind.. Bei den zerfahrenen politischen Verhältnissen unseres Bezirkes werde die neue Organisation die Aufgabe haben, alle gesunden, lebenskräftigen Elemente zu sammeln und die politische Atmosphäre zu reinigen. Den Kolonie im Laufe der Jahrtausende gar nicht zu existieren. Sie machen ganz den Eindruck einer gesunden und kräftig gebauten Rasse, interessant ist es ferner, daß sie vom Sonnenstich nicht getroffen werden. Allgemein ist die Ansicht verbreitet, daß die Europäer der Sonnenstichgefahr ausgesetzt sind, weil ihnen das schwarze Pigment in der Haut fehlt. Diesen Menschen fehlt es auch; trotzdem können sie sich den ganzen Tag über unbedeckten Hauptes den tropischen Sonnenstrahlen aussetzen. Man ist geneigt anzunehmen, daß es nur die Vererbung einerseits und die Anpassung an die Tropensonne andererseits ist, die den Sonnenstich verhindert. Entartet sind im Gegensatz zu den weißen Juden ihre schwarzen Glaubensgenossen, die ein anderes Stadtviertel von Cochin bewohnen und eine eigene Gemeinde bilden. Man braucht ihnen nur ins Gesicht zu sehen, um sich davon zu überzeugen, daß ihre Ureltern mehrere Jahrhunderte von den reinen Juden nach Indien gekommen sein müssen. Dennoch haben beide sich eine charakteristische Haartracht gemeinsam erhalten, nämlich kleine Ringellöckchen von den Schläfen herabhängend, wie wir sie bei den polnischen Juden zu sehen gewohnt sind. Die schwarzen Juden haben zum Teil den breitnasigen Typus mit rundem Gesicht, ein Beweis,- daß sie durch ihre Kreuzung mit den Eingeborenen schon fast ganz in deren Rasse übergegangen sind. Erklärlich ist es daher, daß die weißen Juden ihre schwarzen Brüder als eine niedere Klasse ansehen und sie auch als solche behandeln. Ueber die Herkunft der schwarzen Juden berichten die Chronisten, daß sie nach den Phönikern um das Jahr 1000 v. Chr. in Indien eingewandert sind.