Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438375--2737-2442442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2___JÜDISCHE ZEITUNG__/_ •-_N'f. 48 , Die Nachwahl in Zloczow. Am 28. November fand die Wahl eines Reichsratsabgeordneten für den Zloczower Wahlkreis — der Abg. Breiter hatte infolge Doppel- .walil auf das Mandat verzichtet —, statt. Gewählt wurde der Unabhängige Henrik Reizes, der Kandidat des Polenklubs, R. v. Dulemba ist unterlegen. Ein Programm hat der unabhängige Jude Reizes nicht entwickelt. Seine während der Wahlkampagne abgegebenen Erklärungen,' daß er dem Polenklub nicht beitreten werde und das Bestehen der jüdischen Nation anerkenne, sind allerdings sympathisch. Es ist aber abzuwarten, welche Haltung Herr Reizes der zionistischen Partei und ihrem Programme gegenüber einnehmen wird. — Der Ausfall dieser Wahlen drängt uns wieder die Frage auf, warum denn kein Zionist in Zloczow kandidiert wurde? Wenn ein Jude, der jedes Parteianhanges entbehrt und seine Hauptstütze bei den Zionisten Zloczows fand, gegen die mächtige Regierung aufkommen konnte, so hätte menschlichen Ermessens nach ein Vertreter der zionistischen Partei audi reüssieren müssen, um so mehr, als Herr Reizes gegen einen solchen nicht kandidiert hätte und die Zloczower Zionisten selbst die Forderung nach einer selbständigen Kandidatur erhoben haben! — Wir haben die Unterlassung der Aufstellung von zionistischen Kandidaten in Zloczow und Drohobycz beizeiten und mit Nachdruck verurteilt. Wir haben hiebei auf das Argument, daß doch zumindest eines der Mandate zu erwerben sei, weniger Nachdruck gelegt, und die Aufstellung zionistischer Kandidaten im‘ Interesse des Ansehens der Partei, insbesondere aber im Hinblick auf die Vorgänge bei der Hauptwahl als Erfüllung einer moralischen Pflicht den zionistischen Wählern gegenüber gefordert. Der Ausgang der Wahl zeigt, 4aß die Unterlassung nicht nur vom prinzipiellen, sondern auch vom taktischen Standpunkt als arger Mißgriff bezeichnet werden muß. - * *■ » « Wahlen in die Wiener Advokatenkämmer. Wir haben seinerzeit berichtet, daß als Kandidat für den erledigten Posten eines zweiten Vizepräsidenten der Wiener Advokatenkammer der getaufte Jude Dr. Harpner aufgestellt wurde. Der fragliche Posten ist' bis nun immer mit Kleines Feuilelton. Ein jüdischer Eintagskönig in Polen. in seinen „Skizzen und. Studien zur Geschichte der Juden in Polen“ (Louis Lamm, Berlin) berichtet Dr. Majer Balaban über die Geschichte des jüdischen Eintagskönigs Saul Wahl nadi einer Urkunde vom Jahre 1733 folgendes : „Saul Wahl war der Sohn eines ausgezeichneten Talmudisten, des Samuel Jehuda- Padua. Wie allgemein bekannt ist, erhielt er den Beinamen Wahl, weil er zum König über Polen gewählt wurde, und er für seine Wahl alle Stimmen des Adels für sich hatte. Damit verhält es sich folgendermaßen: Saul war bei dem hohen Adel sehr beliebt, und angesehen, da er überaus klug war. Der König von Polen war damals gestorben. Bei dem Hochadel Polens besteht nun der Wahlmodus, daß man vorher, ehe man zur Stimmenabgabe schreitet, einen Tag festsetzt, an welchem unter allen Umständen eine gütige Wahl zustande kommen muß. Der Tag war erschienen, es gab große Meinungsverschiedenheiten, und man konnte sich über den Thronkandidaten nicht einigen. Der Abend rückte heran, und man sah, daß es nicht möglich sein würde, die gesetzliche Frist ziir Königswahl einzuhalten. Um gegen ein solches Grundgesetz nicht zu verstoßen und den Tag denn doch mit einer Königswahl zu beschließen, kamen alle Fürsten überein, den Saul Wahl provisorisch für diesen Tag und die nächste Nacht zum König zu proklamieren. So geschah es auch. Sie huldigten Säul und riefen in ihrer Sprache: „Es lebe unser König und Herr!“ Die ganze Nacht wurde ihm wie einem König begegnet, man übergab ihm das Buch, in welchem einem Juden besetzt worden, der Präsident und der »erste Vizepräsident sind Christen. Wenn man bedenkt, daß zirka SO Prozent aller Wiener Advokaten Juden sind, kann der bisherige Brauch nicht als jüdische „Unbescheidenheit“ gelten, im Gegenteil, man kann .daraus eher auf Mangel von berechtigtem Selbstbewußtsein bei den Wiener jüdischen Advokaten, schließen. Die Aufstellung Harpners hatte daher einfach den Charakter einer Provokation. Sie hat auch ein böses Ende gefunden. Dr. Harpner ist kräftig durchgefallen. Die Christen haben ihn nicht gewählt, weil er ihnen trotz Weihwasser zu jüdisch roch, und die- Juden haben den Täufling Harpner nicht gewollt. Aus der Urne ging der Arier Dr. Pfeiffer hervor. Wenn das Resultat auch insofern erfreulich ist, als dem Renegaten der Standpunkt klar gemacht wurde, so kann doch dieser lendenlahme Verzicht auf jeden Sitz im Präsidium nicht gutgeheißen werden. Gibt es denn in jüdischen Advokatenkreisen wirklich niemanden, der berufen und befähigt ist, den Stand zu repräsentieren? Können sich die sonst doch nicht um Worte verlegenen jüdischen Advokaten ohne christlichen Fürsprecher nicht behelfen? Ja, wenn die gewählten christlichen Präsidenten einzigartige Genies wären, würden über den Verzicht der achtzig Prozent Juden auf Vertretung im Präsidium wenig Worte zu verlieren sein, aber das ist absolut nicht der Fall. Wenn die jüdischen Advokaten nur „Christen“ in ihre Repräsentanz Wählen, so steckt dahinter lediglich Ghettofurcht. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn auch in den Reihen unserer Advokaten Anzeichen des erwachenden. jüdischen Mannesbcwüßtseins bemerkbar würden. Der Zionistentag in Aussig. Von unserem : Korrespondenten. Der erste nordböhmische Zionistentag, ursprünglich als zwängslose ünd'üi'ärmlöse Zusammenkunft der nord- und westböhmischen Zionisten gedacht, gestaltete sich unter dem Druck der gegenwärtig in der westösterreichischen Organisation aktuellen Fragen zu einem wichtigen und bedeutsamen Ereignis, das auf die Verhandlungen des bevorstehenden Distriktstages in jeder Herrscher gesetzliche Bestimmungen nach seiner Einsicht verzeichnet und verordnet, und Saul Wahl schrieb allerlei Bestimmungen zugunsten der Juden ein. Der andere Tag führte zu einer Verständigung, Saul trat zurück und man wählte den König, auf den man sich verständigt hatte. Beweist der Vorgang, daß Saul Wahl bei dem polnischen Adel große Ehren genoß, so fehlte es ihm andererseits nicht an Neidern und Gegnern. Seine jüngere Tochter Hannah war eine blendende Schönheit und von seltenem Verstand. Der König hatte zu der Zeit seine Frau durch den Tod verloren. Sauls Gegner veranlaßten nun den König, Hannah zu entführen. Saul, rechtzeitig gewarnt, kam seinen Gegnern zuvor, indem er seine Tochter schnell mit einem 70 jährigen Witwer verheiratete. Ueber die Person Saul Wahls ist historisch folgendes festgestellt: Saul war der Sohn des Rabbiners von Padua, Samuel Juda, und er lebte von 1561 bis 1671. Sein eigentlicher Name war Katzenellenbogen, und er stammte aus einer berühmten Rabbinerfamilie, deren Vorfahr aus Mainz nach Padua, kam... Der Name Wahl ist erst bei seinem Sohn Maijer Wahl festzustellen, der Rabbiner von. 'Prese und Begründer der separaten Organisation, der Juden Lithauens war. Saul selbst scheint ein Kaufmann, in großem Stil, ein Finanzmann gewesen zu sein, der auf die Staatsverwaltung großen Einfluß gewann. Er wird immer nur Saul Judycz, d. h. Sohn des Juda, genannt. König Stephan Bathory schätzte ihn sehr hoch,'und König Sigismund der Dritte ernannte ihn am 7. Juni 1589 zum Hoffaktor und königlichen Diener. Ein „königlicher Diener“ genoß die Auszeichnung, keinem Beamten oder Gericht verantwortlich zu sein, »außer dem König, selbst. Aus dem Umstand, daß Saul Präg und des Parteitages in Brünn nicht ohne wesentlichen Einfluß sein wird, wenngleich die Tagung selbst keine eigentlichen Beschlüsse zu fassen berufen war. Es ist von großer beweisender Kraft, daß der geistige Urheber der jetzt so lebhaft diskutierten Neuordnung der österreichischen Partei, Z.-K.-Präsident Adolf Böhm, die Tagung in einem sehr herzlich gehalterten Schreiben begrüßte, worin dr den Irrtum zurückwies, als ob dr eine' Uniformierung der zionistischen Arbeit int Sinne habe. Im Gegenteil, er freue sich' über die zweckdienliche Differenzierung in der Partei, da nichts "anderes sein Ideal sei, als eben möglichst reiche, fruchtbare Differenzierung einer durch kräftige Zentralorgane fest zusammengehaltenen Organisation. Ganz entsprechend diesem Leitgedanken sprach sich dann auch der Zionisterttäg dirihdllig für die Durchführung eirier kräftigeren Zentralisierung im Sinne des Z.-K. aus. An den Beratungen nahmen außer dem Vizepräsidenten des westösterreichischen Z.-K., Dr. Emil Margulies—Leitmeritz und drei Mitgliedern des böhmischen D.-K. Vertreter folgender elf Orte teil: Aussig, B.-Leipa, Brüx, Dux, Gablonz a. N., Karlsbad, Komotau, Königinhof a. E., Nachod, Teplitz-Schönau, Trautenau, insgesamt 32 Delegierte. Den Vorsitz führten die Herren Ernst Bechert—Teplitz, Ing. H. Pollaczek aus Trautenau und /Louis Schiff—Aussig. Als Referent zum ersten Punkt der Tagesordnung (Organisationsfragen) sprach Herr JUC. Herbert Birnbaum, Delegierter des Volksvereines in Teplitz-Schönau. Das Referat führte u. a. folgendes aus: Das vom letzten Kongreß angenommene Organisationsstatut, das für alle Zionisten bindend ist, kennt nur Landesverbände und Sonderverbände (wie Misrachi, Poale- Zion). Haben wir nun in Oesterreich einen Landesverband? Nein; dertn unsere Organisation bezeichnet sich selbst als einen Distriktsverband. Es ist durchaus notwendig, endlich einmal ins Reine zu kommen und das zu schaffen, was unserem Gesetz entspricht.. Wenn ein Zirkular des D. K. meint, die jetzige Organisation entspreche dem „Rahmengesetz“, das das Kongreßstatut bildet, so beruht das auf der Auslegung, daß ein Rahmengesetz einfach alles erlaube. Das ist ja aus einer gewissen .Unterschätzung der Organisation zu erklären; aber eine straffe. Organisation ist für jede moderne Bewegung ab- Wahl Vertrauensmann (des Königs wurde und den Titel „königlicher Diener“ führte, leitet nun Balaban den Ursprung der ganzen Legende her. Der Titel „königlicher Diener“ wurde mit dem Königstitel verwechselt, die uralte Sage, der große Reichtum Sauls und sprachliche Verwechslung und Unrichtigkeiten trugen das ihrige dazu bei, die merkwürdige Legende vom jüdischen Eintagskönig von Polen 'entstehen zu lassen. * * * Die Judenkönige der 'Provence. Das Museum von Narbonne besitzt ein Judenpetschaft aus dem Ende des 13. oder vom Anfang des 14. Jahrhunderts. Es stammt aus der Zeit, wo die Wappen nicht mehr das ausschließliche Vorrecht des Adels \varen, sondern wo auch die namhaften Bürger in den Städten anfingen, sich solche beizulegen. Das Petschaft ist zweiseitig und zeigt einen steigenden Löwen . in : heraldischer Form. Die Umschrift mit dem Namen ist auf der einen' Seite provencalisch, aut der andern hebräisch. Das Petschaft gehörte dem Momet Tauros oder Kalonymos ben - Todros III. aus dem alten, reichen Geschlecht der „Judenkönige“, in welchem das Vorsteher amt der Gemeinde von Narbonne erblich war. Der Verfasser einer Studie über diese Gemeinde, Jean Regne, führt in der „Revue des Etudes Juives“ aus, daß der von . einer Generation auf die andere fortgeführte Namen „Roi Juif“ von den Christen hergerührt habe, welche den hebräischen Vorstehertitel irrtümlich deuteten. Die Familie leitete sich' her von einem Gelehrten, den Karl der Große aus Babylon berufen haben ' soll, damit er in Narbonne eine Talmudschule nach dem Muster der babylonischen Akademien gründe. Diese jüdischen Gelehrten in Babylon, die sogenannten . Exilarchen, behaupteten, von; 278