Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Zionisten in politischen Fragen einzig maßgebenden und in diesen Fragen allein entscheidenden Körperschaft machen. Diese Tendenz muß entschiedenst bekämpft werden. Zionistische und poetische Organisation müssen getrennt bleiben.“ Demgegenüber muß ich feststellen, daß in der letzten Sitzung des Z. K., in der die Grundzüge des Entwurfes besprochen wurden, der Obmann des Prager D. K., Gg. Glaser, an mich die Anfrage richtete, inwieweit der neue Entwurf vom alten Statut abweichen werde. Ich erwiderte, daß erstens die D.'K. künftig dem Z. K. untergeordnet und nicht wie bisher nebengeordnet sein werden, zweitens, daß das Z. K. das Recht haben wird, mit den Vereinen direkt zu verkehren. Ich begreife nicht, wie das böhmische D. K. dazu kommt, den obigen Satz im offiziellen Zirkular aufzustellen. Das neue Z. K. wird genau wie das alte nur rein zionistische Agenden haben. An das erschöpfende' Referat knüpfte sich eine rege Debatte, an welcher sich die Gg. Dr. Weisengrün, Wechsner, Dr. J. Kohn, Ingenieur Stricker, Dr. Ehrlich, Geller (Hatchija), Nebenzahl, Dr. Abeies u. a. beteiligten. Dr. Weisengrün drängt darauf, daß am Brunner Parteitage auch bezüglich der innerpolitischen Tätigkeit die heute einen wichtigen Faktor der zionistischen Renaissance bildet, Klarheit geschaffen werde. Dr. Jakob Kohn tritt dafür ein, daß die zionistische Partei keinerlei Einfluß auf die innerpolitische Tätigkeit nehmen, diese vielmehr im Vereine mit außerhalb stehenden, also auch den nicht national gesinnten Elementen betrieben werden' solle. Wechsner (Bar Kochba) will, daß die Partei sich von jeder politischen Tätigkeit fernhalten soll. Dr. Abeies, Dr. Ehrlich, Nebenzahl, Geller (Hatchija) u. a. treten dieser Anschauung entgegen und erklären, daß die Zionisten zur Leistung innerpolit'scherGegen\vartsarbeit verpflichtet sind und diese Arbeit von assimilatorischen Einflüssen unbedingt frei gehalten werden muß. Denselben Standpunkt vertritt auch Ingenieur Stricker, der festgestellt wissen will, daß das -Streben der sogenannten Wiener Richtung nicht dahin läuft, jeden Zionisten zur innerpolitischen Betätigung zu zwingen, sondern lediglich verlangt, daß jeder österreichische Zionist, welcher sich politisch betätigt, sich an das Programm der jüdischen Nationalpartei und an die Weisungen der Parteileitung halte. Nach dem Schlußworte des Referenten Böhm werden verschiedene Anträge und Resolutionen, welche alledas Einverständnis mit dem neuen Statutenentwurfe ausdrücken und eine einheitlich geleitete innerpolitische Betätigung freudig begrüßen, fast einstimmig angenommen. Aus dem judifchen Leben. Verband der Deutschen Juden. Unter starker Beteiligung aus allen Teilen Deutschlands hielt der Verband der deutschen Juden am Sonntag, den 5. November, seine vierte Hauptversammlung in Berlin ab. Als Ehrengäste waren Bürgermeister Dr. Reiche, der Stadtverordnetenvorsteher Michelet, die Stadtverordneten Geheimrat Cassel und Gericke 'für Berlin, Stadtrat Blohm für Wilmersdorf, außerdem Reichtstagsabgeordneter Gothein für den Verein zur Abwehr des Antisemitismus erschienen. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden Justizrat Horwitz sprach als erster Bürgermeister Dr. Reiche, der den Verband narfiens des Magistrats der Stadt Berlin und des dienstlich verhinderten Oberbürgermeisters willkommen hieß. Stadtverordneter Michelet sprach im Namen der Stadtverordnetenversammlung. Der Vorsitzende erstattete sodann den Geschäftsbericht. Erwähnenswert ist die bevorstehende Herausgabe einer Apologetik des Judentums und Schaffung eines apologetischen Archivs. Der Verband hat in der Schächtfrage an der Bekämpfung der antisemitischen Angriffe teilgenommen. Auch mit der Zurücksetzung der Juden im Heere hat sidi der Verband wiederholt beschäftigt. JÜDISCHE ZEITUNG Den ersten Vortrag hielt Rabbiner Doktor Bäck-Düsseldorf über „Das Judentum unter den Religionen“. Landtagsabgeordneter Dr. Cohn- Dessau behandelte das Thema „Der Staat und die Juden“. Besonders scharf kritisierte er das Verhalten des preußischen ^-Staates gegen die Juden. Er erinnerte an die Ausweisungen ausländischen Juden und an die Zurücksetzung der jüdischen Beamten. Nur der getaufte Jude erhalte Aemter als Lohn für seine Charakterlosigkeit. Den letzten Vortrag hielt Dr. Goldstein- Darmstadt über „Das deutsche Geistesleben und die Juden“. Zum Schlüsse wurde der Ausschuß wiedergewählt. Für die verstorbenen Mitglieder Kommerzienrat Benjamin Hirsch-Halberstadt und Dr. Vogelstein-Stettin wurden Dr. Abraham Hirsch-Halberstadt und Justizrat Berger-Königshütte gewählt. Sitzung der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite. Sonntag den 19. November d. J. fand in Berlin eine Sitzung der deutschen Konferenzgemeinschaft der A. J. U. statt, ln derselben berichtete der Vorsitzende über Vermittlungs- Vorschläge, die Herr Justizrat Blau-Frankfurt a. M. in Paris unternommen hat. In der Debatte kam allgemein der Wunsch nach einer Verständigung zur Sprache, gleichzeitig aber auch die entschiedene Ansicht der Versammelten, den Pariser Kooptationsantrag nicht zu akzeptieren. Es wurde beschlossen, einen Brief nach Paris zu richten und darin der. Bereitwilligkeit zu Verhandlungen unter der Voraussetzung Ausdruck zu geben „daß der Kooptationsvorschlag vorläufig nicht weiter verhandelt werde. Ausländerhetze In Paris. Seit kurzem hat die Agitation gegen die in Paris ansässigen 'osteuropäischen Juden von neuem eingesetzt. Die aus Rußland, Galizien und Rumänien eingewanderten Juden bewohnen meist einige Straßen im vierten Arrondissement, in der Nähe des Rathauses. Hier ist im Laufe der Zeit ein eigenes Ghetto entstanden, wie man es in vielen westeuropäischen Großstädten kennt. Diese ausländischen Juden sind meist Handwerker und Kleinhändler, und leben in recht ärmlichen Verhältnissen. Einzelne unter ihnen haben es jedoch zu einigem Wohlstand gebracht und infolgedessen den Konkurrenzneid der christlichen Geschäftsleute wachgerufen. Schon vor zwei Jahren sind in einzelnen nationalistischen Blättern gehässige Angriffe auf die „ausländischen Einwanderer“ erschienen. Damals trat die christliche Schriftstellerin Severine diesen antisemitischen Ausfällen in dankenswerter Weise entgegen, während eine Abwehr von jüdischer Seite nicht erfolgte. Neuerdings hat nun der Verband der selbständigen Kaufleute und Gewerbetreibenden im vierten Bezirke eine Eingabe an den Ministerpräsidenten Caillaux gerichtet, worin die Regierung ersucht wird, Maßnahmen gegen die Einwanderung unerwünschter Elemente zu ergreifen. Es braucht nicht besonders liervorgehoben zu werden, daß unter den „unerwünschten Elementen“ in erster Reihe die armen osteuropäischen Juden zu verstehen sind, die im freien Frankreich eine Zufluchtsstätte und Gelegenheit zu redlichem Broterwerb suchen. Merkwürdigerweise stellen die „offiziellen“ Kreise der Pariser Judenheit dieser ganzen Hetze, deren «antisemitischer Charakter doch klar zutage liegt, völlig gleichgiltig und untätig gegenüber. Kampf der russischen Bureaukratie gegen kranke und tote Juden. Die der jüdischen Bevölkerung so wohlgesinnte russische Verwaltung dehnt ihre Fürsorge neuerdings auch auf kranke und tote. Juden aus. In Charkow hat der Gouveirneur dem Semstwoamt aufgetragen, von den Juden, die sich um Aufnahme in das dortige Krankenhaus bewerben, den Nachweis des allgemeinen Wohnprivilegs zu fordern, und die Gesuchsteller, die diesen Nachweis nicht führen können, unnachsichtlich abzuweisen. Noch schöner gehts in der Gouvernementsstadt Witebsk zu. Dort sind sogar schon die Toten heimatlos;. Nr. 47 Seit vielen Jahren ist der alte jüdische Friedhof überfüllt, und in zahllosen Eingaben an den Gouverneur bat die jüdische Gemeinde um die Erlaubnis zur Anlage eines neuen Friedhofs. Allein die Gouvernementsverwaltung bleibt unbeugsam. Bekanntlich haben die Juden in Rußland kein Recht, außerhalb ‘ der Städte und Flecken Boden zu erwerben, folglich ist ihnen auch die Anlegung (von Begräbnisplätzen ohne spezielle behördliche Genehmigung verwehrt. Und nun bildet unter den Juden von Witebsk jeder neue Sterbefall eine Quelle von Verlegenheiten peinlichster Art, da auf dem Friedhof jedes kleinste Plätzchen belegt ist. Alle Vorstellungen an den Gouverneur blieben bisher fruchtlos, und die Juden werden sich schließlich gezwungen sehen, ihre Toten nach anderen Städten überzuführen, vorausgesetzt, daß. die Verwaltung nicht etwa auch diesem letzten Auskunftsmittel Hindernisse entgegensteilen wird. . . Nicaragua will die Juden. L o n d o n. Laut einer Mitteilung, die im hiesigen „Globe“ vor einigen Tagen erschienen ist, fordert die Regierung von Nicaragua die Juden Rußland wie auch anderer Länder, wo sie verfolgt werden, auf, nach Nicaragua auszuwandern und sich dort als Landwirte niederzulassen. Diese Einladung erfolgt offiziell durch Herrn R. Sosman, den Generalkonsul der zentralamerikanischen Republik in den Vereinigten Staaten, der selber ein russischer Jude ist und bei der letzten Revolution in Nicaragua eine hervorragende Rolle gespielt hat. Jedem jüdischen Ansiedler werden 140 Morgen Land versprochen. Im Falle einer größeren Jüdischen Ansiedlung würde die Regierung bereit sein, örtliche Autonomie zu gewähren. In der Notiz des „Globe“ werd ferner berichtet, es verlaute, daß die nicaraguanische Regierung ‘sich mit einer der. großen jüdischen Wohltätigkeits-Organisationen in Europa in Verbindung setzen wolle, um sie für die Gründung einer solchen jüdischen- Ansiedlung zu interessieren. Diese Nachricht ist mit ■ Vorsicht aufzunehmen. Das Klima ist dort im wesentlichen tropisch und von den Höhen aus, wo Europäer leben könnten, würde sich der Absatz der Bodenprodukte, vorwiegend Mais und Kaffee, sehr schwierig gestalten. Der Zar für weitergehende Entrechtung der f Juden. Daß der Pogromzar, den man gewöhnlich als ein Opfer seiner Umgebung 'hinstellen will, an allen Gewalttaten höchstpersönlich beteiligt ist, beweist folgende Petersburger Meldung: Daß Pmit den neuen, täglich sich vermehrenden Gefahren für die russischen Juden die alten nicht überwunden werden, dafür sorgen schon unsere Staatsretter vom schwarzen Verbände, denen der Wind von oben seit dem Kiewer Verbrechen besonders günstig weht. Wer dachte beispielsweise noch an die seinerzeit in einem kranken echtrussischen Gehirn entstandene Idee von der Ausschließung der Juden aus der Armee? Nun erfährt man in Dumakreisen, daß der Kriegsminister Suchowkinow auf direkten Befehl des Zaren eine Gesetzvorlageüber die Ablösung der Wehrpflicht der Juden durch Geldzahlung in aller Form ausgearbeitet hat. Spekulation auf die Angst der Juden. Ueber einen originellen Erpressungsversuch, der sich auf die Angst der Juden vor dem antisemitischen Pöbel gründet, wird aus Bukarest berichtet: Der Postbeamte Gregorwitsch ■ aus Czernowitz wandte sich dieser Tage an das Rabbinat in Bukarest mit einem Schreiben, in welchem er berichtet: „Unter den Büchern, die ich von meinem Großvater „geerbt“ habe, befindet sich ein Buch, unter dem Titel: „Eduth be Israel“ (Zeugenschaft über Israel), welches die jüdischen Gesetze und Gebräuche auseinandersetzt. Dieses Buch wurde im Jahre 1S03 in Jassy auf Kosten des damaligen Metropoliten der Moldau gedruckt. Der Verfasser ist ein getaufter Jude, der früher einmal Rabbiner war. Wie es heißt, haben die Juden damals die ganze Auflage dieses Buches aufgekauft lind vernichtet, weil des- | sen Inhalt für sie gefährlich war.