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Jüdische Zeitung · 1911-11-24 · 47 (24.11.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47 einer Regelung der Sprachenfragc scheint noch immer nicht in. allen Kreisen empfunden zu werden. Nicht nur, daß sie für unsere kulturelle Entwicklung von unerläßlicher Wichtigkeit ist, nicht nur, daß sie überall bei der Anerkennung der jüdischen Nationalität eine Rolle spielt, auch eine politische Bedeutung kommt ihr in hohem Maße zu. Vom Judentum haben sich im Laufe seiner Geschichte große Teile losgetrennt. Auch jetzt besteht die Gefahr, daß die deutschen, französischen, englischen Juden vom Körper des Ostjudentiims losgerissen werden, trotz ihrer derzeitigen nationalen Begeisterung. Denn diese ihre Begeisterung beruht auf, ich möchte sagen, «atavistischen, jüdischen Rassenmomenten, die auf die Dauer nicht imstande sind, den Druck der Assimilierung zu . ertragen. Was vermag eine nationale Bewegung; die um rein wirtschaftliche und soziale Interessen kämpft, aber gar keine kulturellen, wirklich nationale Forderungen aufstellt? Sie verdient diesen Namen nicht. Es ist höchste Zeit, diese so hart bedrängten Außenposten zu befestigen. Und so gewinnt (diese .'Reform des ..Religionsunterrichtes auf nationaler Basis, diese einzig mögliche, alle Klassen umfassende Sprachenregulierung eine historische Wichtigkeit, von deren Erfüllung die künftige Geschichte unseres Volkes in günstiger oder ungünstiger Weise beeinflußt werden wird. Freilich, das Judentum wird auch dann nicht untergehen, wenn die Hoffnung auf eine Wiederbelebung der hebräischen Sprache sich als trügerisch erweisen sollte, dafür bürgt der starke, ostjüdische Wurzelstock mit seiner kulturell originalen Entwicklung; mit der Entwicklung der jüdischen Sprache und Literatur. Aber im Interesse des Zionismus und des ganzen jüdischen Volkes wäre ein so starker Aderlaß unbedingt zu verhüten. Die neujüöiftfie Kulturentwitälung in Palästina. (Vortrag des Prof. Dr. Ben.-Zion Mossinsohn, gehalten im „Zion. Zentralverein“ in Wien am 23. Oktober 1911.) III.*) Das Wichtigste der neuen jüdischen Kuliurentwicklung in Palästina ist das Schulwesen. Zunächst die Kindergärten. Es ist nicht Hauptsache, daß die Kinder hebräisch sprechen, es ist mehr: Diese Kindergärten sind eine Art nationale Retorte, in der die differenziertesten Elemente zusammengebracht werden. Da sieht man drei- bis 'sechsjährige Kinder, helläugige und blonde zusammen mit den dunkelfarbigen Yemeniterkindern im frohen Spiele vereint, stets mit der Natur in Berührung ohne den schweren Druck des Ghettos aufwachsen. Während die ältere Generation untereinander sich fremd bleibt, ersteht in den Kindern, die immer zusammen sind, zusammen wohnen, gemeinsam essen, spielen, singen und lachen, ein neuer Typus, der jüdisch-palästinensische „Typti s“, mit dem einzigen Merkmale eines gesunden Juden. Aehnlich verhält es sich in den Dorfschulen. Was den oft mit so großen Mitteln erhaltenen Gemeindeschulen in der Diaspora nicht gelingen konnte, wurde hier in der ärmlichsten Schule erreicht. Es ist nichts Fremdes da, es entsteht kein Gegensatz, schon in der frühesten Jugend. Die Kinder schauen stolz in die Welt, sie sind ganze Menschen, zumindest versprechen sie es zu werden. Sie haben das von der ganzen Umgebung, die jüdisch ist, sie erhalten alles, was ihnen gegeben wird, in einer jüdischen Form. Das wirkt auf sie. Die Psyche des Kindes in der Schule reagiert sehr empfindlich auf die geringste Einwirkung des Pädagogen. Es ist ein Unterschied, ob in der Rechenstunde, wie es heute zum Beispiel in Rußland geschieht, den jüdischen Kindern das Exempel: Was kosten drei Schweine zu dreißig Rubel, vorgelegt wird, um ihnen beizu¬ *) Vgl. die Nummern 44 und 45 der „Jüd. Ztg.“. JÜDISCHE ZEITUNG bringen, dt.is dreimal dreißig neunzig ist, oder aber, wenn im Anschauungsunterricht d i e Früchte der jüdischen Kolon ien vorgezeigt und mit ihnen arithmetische Lehrsätze de-v monstriert werden. Auch die Form dieses Unterrichtes wirkt schon auf die Schule in der Diaspora. Die Unterrichtsanstalten des alten Jischuw mußten sich den neuen Lehrmethoden anpassen, schon deshalb, weil die Kinder nicht anders lernen wollten. Zwei Schulen kommt die größte Bedeutung zu: Dem Beza lei und dem hebräischen Gymnasium in Jaffa. Der Bezalel hat revolutionierend gewirkt, nicht nur, weil er neue Erwerbsmöglichkeiten bot, sondern dadurch, daß er das Schöne in das jüdische Leben einführte. Er ist ein Protest gegen den Schmutz und die Enge in unserem Leben. Als der Bezalel in Jerusalem eine Ausstellung machte, öffnete er damit den drei- bis viertausend Juden, die hingekommen waren, die Tore in ein neues Land. Ihre Sehnsucht nach dem Schönen wurde wach, die Unzufriedenheit mit ihrem bisherigen Leben in den schmutzigen Gäßchens Jerusalems überkam sie und sie strebten fortan, hinauszukommen. Unsere Kunstgewerbeschule hat noch etwas geschaffen, was mir das Wichtigste erscheint; die hoffnungsvollen Ansätze für eine jüdische Kunst. Wir haben in den Ländern der Diaspora viele jüdische Künstler, aber keine jüdische Kunst. Sie haben dort keine Schulen und einzelne Künstler vermögen nicht viel. Wir sind reiche Bettler, aber doch Bettler bei fremden Türen. Wir hatten große Künstler Israels zum Beispiel; ist seine Kunst jüdisch? Oder S. Hirschenberg. Als er starb, schrieben die polnischen Zeitungen: LI ns e r Hirschenberg ist im Exil in Palästina gestorben. Mit gewissem Recht schrieben sie das. Denn er schuf aus dem polnischen Milieu heraus. Seine Kunst war polnisch. Nun haben wir den gelungenen Versuch des Bezalel und bewundern die Erzeugnisse einer jüdischen Kunst mit ihren spezifischen Eigenheiten. Wenn ich vom Bezalel spreche, erinnere ich mich an den Engadin. Nach den Franzosenkriegen war diese herrliche Gegend ganz verödet. Die Ausgewanderten hatten ihre Heimat vergessen. Da kam ein Mann, der die Schönheit seiner Heimat erkannte, und was Worte und Melodien nicht vermochten, das wurde durch Linien und Farben bewirkt. Der Maler Segant i n i hat seinen Heimatsgenossen die Schönheit des vergessenen Landes aufgedeckt und aus allen Ländern strömten die Ausgewanderten zurück; nun ist der Landstrich einer der blühendsten der Erde. Kein Platz in der Welt, wo eine jüdische Kunst geschaffen werdenikann, a I s 'P a I ä s t i n a! In den Lüften schwebt etwas Altjüdisches, die Trümmer tragen es, unsere Sehnsucht wird wach und regt den Künstler zu neuem Schaffen an. Diese palästinensisch-jüdische Kunst Wird die ausgewanderten Juden wieder in ihre Heimat zurückrufen. Nun zum hebräischen Gymnasium. In Palästina entstand eine Mittelschule und das wirkte wie ein Ereignis. Unsere Mittelschulen im Golus sind nur dann jüdisch, wenn sie die Kinder aufnehmen, denen andere Schulen die Aufnahme verweigern. In Jaffa ist der Versuch einer jüdischen Erziehung glänzend gelungen. Es ist eine konventionelle Lüge, daß die nationale Erziehung einengt und beschränkt. Die Erziehung muß sich nach den vorhandenen inneren Kräften richten und das Wertvollste im Leben eines Volkes ist die Erziehung auf nationaler Grundlage. Unsere Kinder haben ihre inneren Kräfte, die werden beschränkt durch die Erziehung inmitten und durch die fremden Völker. Deshalb haben wir so viel halbe, so viel schwache Menschen, weil wir keine ganze jüdische Erziehung haben. Das Beispiel des hebräischen . Gymnasiums in Jaffa wirkt auch schon auf die ganze Diaspora. In Rußland sind der jüdischen Jugend alle Türen zur Bildung verschlossen. Das jüdische Kind träumt schon im zartesten Alter von der fremden Schule; es muß einen Kampf ums Dasein führen und über seine besten Freunde hinweg den Zutritt zur Schule erringen. Jetzt aber Seite 3 träumen tausende von Kindern vom jüdischen Gymnasium. Nun h.at das Hebräische für sie einen Wert; man muß es lernen, um aufgenommen zu werden. Wie viel reicher ist jetzt das Volk, das nur diese eine Schule hat! Gewiß gibt es auch Schattenseiten im Leben Palästinas. Wenn sich ein neues Leben in so ikurzer (Zeit •und' hervorgerufen durch so wenig Leute entwickelt hat, kann nicht alles nur gut sein. Aber die Pioniere haben ihre Arbeit verrichtet, die Wege zu einer Entwicklung sind geebnet. Von den Juden allein hängt alles Weitere ab. Wenn wir den Wert alles dessen, was in Palästina geschaffen wurde, richtig verstehen wollen, müssen wir zum Vergleiche mit den Ländern der Diaspora greifen. Dort sehen wir eine Zerfahrenheit des ganzen jüdischen Lebens, es gibt keinen Halt. Die religiöse Form des jüdischen Lebens vermochte den Auflösungsprozeß aufzuhalten. Aber was den Großvätern noch heilig war und den Vätern teuer, wird von den Enkeln mit Füßen getreten. Im Golus können wir keine neuen Werte schaffen, die Umgebung erdrückt uns. Wir verachten die Fahnenflüchtigen; aber mit Wehmut, denn das Leben hat sie hinweggerafft. Die Zersetzung des jüdischen Lebens hat in Westeuropa den höchsten Grad erreicht und auch im Osten beginnt sie ihr unheilvolles Wirken. Nur wo der Zionismus Wurzeln schlug, gibt es einen Halt. Er hat uns auch das Beste, was wir besitzen, zugeführt: Unsere Jugend. Auf diese wirkt das neuaufblühende Leben in Palästina. Unser ganzes Sein und Hoffen wird beleuchtet von den Strahlen, die aus dem Orient kommen. Palästina hat uns d'en Weg zum Leben gewiesen. Wir gehen diesen Weg! G—g. fliteopöentlite innemteweidiiföiep DistPifctsfag. Am 18. d. M„ um halb 8 Uhr abends, wurde unter dem Vorsitze des Distriktsobmannes Gg. Dr. Körner, ein außerodentlicher, sehr zahlreich beschickter, Distriktstag abgehalten. Vertreten waren 21 Vereine durch 43 Delegierte. Die Tagesordnung war lediglich auf die Stellungnahme zu dem vom Zentralkomitee vorgelegten Statutenentwurfe für die westösterreichische zionistische Organisation, welcher bekanntlich den Hauptgegenstand der Beratungen des Brünner Parteitages bilden soll, beschränkt. Nach der Eröffnungsrede des Vorsitzenden erstattete der Präsident des westösterr. Verbandes, Gg. Adolf Böhm, ein erschöpfendes Referat über den Statutenentwurf. Dem Entwürfe liegt die Idee zugrunde, daß an die Stelle des jetzigen losen Verbandes dreier vollständig antonomer Distrikte eine starke Landespartei treten muß, deren Leitung die Distriktskomitees untergeordnet sind. Die Leitung (Zentralkomitee) besteht aus je fünf Mitgliedern der drei Distrikte Innerösterreich, Böhmen, Mähren und Schlesien. Der jetzige Zustand, welcher durch die seinerzeitige Losreißung Galiziens von der österreichischen zionistischen Gesamtpartei hervorgerufen wurde, widerspricht auch dem in Basel beschlossenen Statut der Weltorganisation, welches die Schaffung straffer Landesorganisationen strikte vorschreibt. Er hemmt also nicht nur jede ersprießliche zionistische Arbeit im Lande, sondern ist auch mit Hinblick auf die Weltorganisation unhaltbar. In weiterer Besprechung des Entwurfes des neuen Organisationsstatuts führte Herr Böhm folgendes aus: „Es tut mir sehr leid, in Verteidigung des Entwurfes auch mit einer' zion. Behörde polemisieren zu müssen. Das Distriktskomitee für Böhmen hat an seine Vereine und Vertrauensmänner ein Zirkular ausgesandt, in dem es heißt: „Die neu zu schaffende Zentralgewalt soll dem deutlich und offen ausgesprochenen Zwecke dienen, zionistische und politische Betätigung untrennbar zu vereinigen, soll den „Jüdischen Nation a 1 v e r e i n“ in Wien, dessen Organ die Wiener „Jüdische Zeitung“ ist, zu der für

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