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Jüdische Zeitung · 1911-11-24 · 47 (24.11.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 47 Ha!! der Metropolitan Life Building versammelt, um mit flammender Entrüstung gegen die Vergewaltigung der Juden und die Zurücksetzung der jüdisch-amerikanischen Staatsbürger in Rußland zu protestieren. Bischof James Courtnev, ein SOjähriger Greis, hat vor Rührung, als er die blutigen Verfolgungen der russischen Juden schilderte, zu schluchzen begonnen und war nicht im Stande seine Rede zu beenden. Diesem Meeting wurde auch Oskar Strauß, der gewesene nordamerikanische Botschafter in Konstantinopel zugezogen. Strauß, der bei seinem Erscheinen von der Versammlung stürmisch bejubelt wurde, nahm auch das Wort zu einer Rede, in der er unter anderem sagte: Die Geistlichen sind dazu berufen, das Gewissen des Volkes zu erwecken und gegen eine Tyrannei anzukämpfen, die sonst kein Ende nehmen würde. Wenn Rußland amerikanischen Bürgern das /Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum bestreitet, dann ist es nicht unsere Sache, nach tihrem Glauben zu fragen. Das Siegel Nordamerikas ist nicht das Siegel einer Sekte. Etwas Schändlicheres als die Interpretation des Vertrages vom Jahre 1832 durch Rußland ist in der Geschichte des internationalen Rechtes kaum zu finden.“ Nach dieser Rede spielte sich eine schöne Szene ab. Der Präsident der Versammlung, Reverend Strong, schritt auf Strauß zu, legte die Hand auf dessen Schulter und sprach feierlich: „Kein amerikanischer Gesandter hat zum Schutze unserer christlichen Missionen der Türkei jemals soviel geleistet, wie Oskar Strauß — der Jude.“ Und Reverend Dr. Raison fügte unter unbeschreiblichem Jubel hinzu: „Einen solchen Botschafter wie Mr. Strauß benötigen wir in Rußland!“ Die Versammlung hat zwei Resolutionen angenommen und beschlossen, dieselben sowohl dem Präsidenten Taft, wie auch dem griechisch-orthodoxen Erzbischof in New-York, zwecks Absendung an den Zaren, respektive an die Heilige Synode zu überreichen. Der Hebräertag in Lemberg. Von unserem Korrespondenten. Am 19. und 20. November fand in Lemberg ein Hebräertag statt, der von 32 Städten besucht war und an welchem ungefähr 300 Abgesandte teilnahmen. Abgesehen von seiner Bedeutung als Demonstration der Lebendigkeit des Hebräischen zeitigte die Tagung auch praktische Ergebnisse. ln Galizien und in. der Bukowina bestehen Ö0 hebräische Schulen mit 4000 Schülern und SO Lehrkräften. Jede Schule hat einen Wa-ad. das ist einen Ausschuß. Auf dem Hebräertage wurde eine Vereinigung aller Wa-adim geschaffen und darüber beraten, wie man das hebräische Schulwesen auf eine sichere Grundlage stellen könne. Es wurde beschlossen, allen Eltern, welche ihre Kinder in die hebräischen Schulen schicken, eine monatliche Steuer von 20 Heller aufzuerlegen, was einen jährlichen Ertrag von 15.000 K ergeben wird. Diese jährlich einfließende Summe soll als Fond zur Sicherstellung der Schulen und der Existenz der Lehrkräfte dienen. Bezüglich des Unterrichtswesens wurde der Beschluß gefaßt, hebräische Kindergärten zu gründen, vorerst jedoch einen Musterkindergarten ins Leben zu rufen. Zur Heranbildung von entsprechenden Lehrkräften wird in Lemberg ein Lehrerseminar gegründet werden. Die Vorarbeiten und Sammlungen für die angestrebten Ziele obliegt dem auf dem Hebräertage gewählten Ausschüsse, welchem auch Mitglieder des hebräischen Fachverbandes der Lehrer angehören. — Der 'Hebräertag hat somit ersprießlich gearbeitet. An seinen Beratungen nahmen die hervorragendsten Gesinnungsgenossen des Landes, Dr. Schemarjahu Lpwin und offizielle Vertreter der Lemberger Kultusgemeinde teil. Die jüdische Oeffentlichkeit brachte der Tagung lebhaftestes Interesse, was sich wohl am deutlichsten darin äußerte, daß am Abend in der Bernsteingasse, wo der Hebräertag stattfand, alle Fenster illuminiert waren. Im Anschluß an den Hebräertag fand am Sonntag den 19. d. eine Massenversammlung statt, in welcher Dr. Lewin, Kurt Blumenfeld und Dr. O. Thon sprachen. Dr. Lewins Referat übte einen ungeheuren Eindruck aus. Der hebräische Sprachunterricht und die Reform des Religionsunterrichtes. Von Heinrich Fleiß. Obwohl die Kulturfrage von dem X. Zionistenkongresse noch nicht erledigt wurde, merkte man doch an der Spannung der Gemüter, an dem Enthusiasmus, den Ussischkin auslöste, als er den Kongreß hebräisch leitete, welche Wichtigkeit alle Delegierten dieser Frage beilegen. Zahlreich waren wiederum die Vorschläge und Anträge, die auf Verbreitung der hebräischen Sprache' hinzielten, obwohl man bei keinem von diesen die zuversichtliche Empfindung hatte, daß dieser oder jener Weg zum Ziele führen würde. Denn was nützen alle Sprachvereine und wissenschalfiche Akademien, wenn es gilt, einem ganzen Volke eine von ihm n.cht gesprochene Sprache anzuerziehen und lediglich eine kleine Schar von Idealisten einer weithin verstreuten Menge ihre Ideen einzuflößen sucht. — Bei all den Versuchen hat man einen Weg übersehen, auf dem man am schnellsten zum Ziele gelangen könnte. . Dieser Weg ist die gründliche Reformierung des Religionsunterrichtes. Alle Vorschläge verblassen neben dem einen, weil sie alle auf dem freien Ermessen des Einze'nen, also seinem stärkeren oder schwächeren Idealismus, seiner freien Zeit und seinen Geldnitteln beruhen, während dieser Weg ein d i e ganze jüdische Jugend zwingender ist. Auch wenn, man nicht die Erlernung des Hebräischen im Auge hat, ist eine gründliche Reformierung des Religionsunterrichtes unbedingt notwendig. Wenn man bedenkt, daß wir vier Jahre lang in der Volksschule und acht Jahre Gymnasium 2—3mal wöchentlich Religionsunterricht haben, so ist es kläglich, mit welchen Kenntnissen die jüdischb Jugend die Schule verläßt. Und dieser. Unmut wird noch größer, wenn man bedenkt, welche Früchte in dieser Zeit mit einer modernen, allen Anforderungen entsprechenden Unterrichtsmethode zu erzielen wäre. Unser gänzlich veralteter Religionsunterricht zeitigt in 12 Jahren Früchte, die gleich Null sind. Im Osten, wo die Religion /einen ungleich stärkeren Boden bei der jüdischen Masse besitzt, wo jedes Kind nicht nur in der Schule, sondern privat darin unterrichtet wird, werden in den Gymnasien die Psalmen Hiobs, Jesaias, also die schwierigsten Werke unserer alten Literatur, gelernt. In einer ebenso geistwie zwecklosen Weise. Dem Schüler wird die deutsche Uebersetzung diktiert, die er dann auswendig lernt. Nie yvird der Versuch gemacht, den Schüler selbst übersetzen zu lassen. Ebenso gut könnte man ja spanisch oder Sanskrit lesen und übersetzen. Was im lateinischen und griechischen Unterrichte am schärfsten verdammt wird, das Lernen nach einer gedruckten Uebersetzung, ist hier vorgeschrieben oder wenigstens gang und gäbe. Das Resultat ist, daß nur ein ganz geringer Teil der Schüler manche, unzähligemal wiederkehrende Worte, wie z. B. Volk, Gott, Brot, Himmel u. dgl. kennt, allen anderen ist das, was sie schon hundertema! gelernt haben, jedesmal neu und unbekannt. Noch ärger ist es im Westen. Das Alpha bet ist hier eine ganz unbekannte Sache. Die Schüler, welche die schwierigsten Werke übersetzen sollen, können so wenig lesen, daß sie die hebräischen Wörter mit deutschen Buchstaben aufschreiben müssen und dann auswendig lernen. Daß die drolligsten Verwechslungen herauskommen, wenn der hebräische und der deutsche Satz nicht genau gegenüberstehen, leuchtet ein. So steht es um den einzigen nationalen Unterricht, den die jüdische Jugend erhält. Als zweite Folgeerscheinung kommt dann hinzu, daß durch diese geistlose Methode sich gerade die intelligenteren Schüler abgestoßen fühlen, und die Glanzzeit der hebräischen Literatur mit ganz anderen als Bewundernden Bücken ansehen. Was ganz besondere Sorgfalt erfordert, den Geist einer 2000 Jahre alten. Kultur verständlich zu machen, wird so jämmerlich behandelt, ln diesem Punkte muß die Arbeit der zionistischen, der ganzen jüdjschnationalen Partei einsetzen. Was von so vielen Seiten behauptet wird, daß nämlich die Religion doch hoch das stärkste Eand des Judentums sei, halte ich für eine einseitige, nur in beschränktem Maße richtige Ansicht. Die Religion bietet wohl die Grundlage für das jüdische Gefühl, halten kann sie aber heute nur wenige. Alle anderen überwinden die Religion und glauben, damit das Judentum überwunden zu haben. Deshalb muß der Religionsunterricht in nationalem Sinne reformiert werden. Eine durchaus moderne Unterrichtsmethode, welche ihre Aufmerksamkeit. auf unsere Geschichte und Literatur in ganz besonderem Maße aber auf die Sprache richtet, soll dafür sorgen, daß unsere Jugend schon im frühestem Zeitpunkte national erzogen werde und die Assimilation schon in den Anfängen bekämpft wird. Den Unterricht des Hebräischen denke ich mir wie fo'gt. Während in der Volksschule das Hauptgewicht auf das Erlernen des Lesens und Schreibens der hebräischen Sprache, sowie der ersten Anfänge der G amma'ik gelegt werden soll, wird in den höheren -Schulen nach der Berlitz-Methode (Ibrith Be’lbrith) vorgegangen und die Sprache von der ersten Stunde an als eine lebende behandelt. Wer den modernen Sprachenunterricht kennt, weiß, daß dies nicht schwierig ist, daß das Interesse der'Schüler dabei ständig wachgehalten wird, weil man einerseits alles Nützliche des jetzt Gelernten, also die Kenntnis der Literatur, mit den 'Vorzügen, einer lebenden Sprache verbinden kann. Selbst dem ärgsten Pessimisten muß es einleuchten, ‘ daß ein Unterricht, S Jahre lang auf diese Weise geführt, zu dem von uns angestrebten Ziele führen muß. Jetzt entsteht aber die große Frage, wie diese Reform durchgeführt werden kann, da sie ja nicht. allein . Sache der Kultusgcmeinde, sondern auch Sache der öffentlichen Unterrichtsbehörden ist. Für diejenigen, die die Möglichkeit einer solchen Reform deshalb leugnen, weil die Regierunges niemals gestatten wird, aus einem Religionsunterrichte einen nationalen Unterricht zu machen, sei hier bemerkt, daß schon unser heutiger Religionsunterricht absolut kein rein religiöser oder kirchlicher ist, wie etwa der katholische oder protestantische. Sonst würde es ja genügen, bloß einen Teil der Bibel, die 10 Gebote und andere wichtige Glaubensschriften .vorzutragen. Was für einen Sinn hätte dann der Unterricht in der Geschichte? Das ist doch wohl c:n Beweis, daß selbst diejenigen Kreise, welche das Programm des Religionsunterrichtes zusammenstellten, einsahen, daß das Judentum nicht bloße Religionssondern eine nationale Gemeinschaft ist, deren Geschichte nicht vernachlässigt werden darf. Ist uns dies aber zugegeben, so ist doch damit die Reformmöglichkeit zugestanden. Daß die Regierung diese Notwendigkeit von selbst einsehen sollte, kann man von ihr nicht verlangen. Welche Wege können wir nun einschlagen, um diese so wichtigen .Forderungen durchzubringen? Meiner Meinung nach steht uns folgender Weg offen. Ein auf Anregung des jüdischen National Vereines einzuberufender österreichischer Religionslehrertag hätte sich mit diesen Fragen zu befassen, die derzeitigen Mangel klarzulegen, die Reformvorschläge in einem Memorandum, der Kultusgemeinde, bezw. dem Unterrichtsministerium zu unterbreiten. Gleichzeitig wird, falls dies notwendig sein sollte, auf parlamentarischem Wege die Realisierung dieses Planes gefördert. Diese Reformaktion aber müßte auch in Deutschland und den übrigen Ländern, wo die jüdisch-nationale Bewegung Fuß gefaßt hat, durchgeführt werden. Denn die Notwendigkeit

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