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Jüdische Zeitung · 1911-11-17 · 46 (17.11.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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✓ Seite 4 das Kabinett Stürgkh mit Rücksicht auf die überaus ernste Lage am Balkan .und den allerdings sehr kurzfristigen Frieden in Ungarn noch vor Weihnachten die erste Lesung des Wehrgesetzes fordern wird. Dann werden die Parteien des österreichischen Abgeordnetenhauses die Wahl haben, ob sie gewillt sind, eine parlamentarische Majorität und die Parlamentarisierung des Ministeriums zu ermöglichen oder auch das zweite Volkshaus zu vernichten und Mitschuldige eines Regime des § 14 zu sein. Wenn keine Verständigung in der deutsch-tschechischen Sprachenfrage infolge der Quertreibereien der deutschen und tschechischen Radikalen zustande kommt, wenn der allpolnische Einfluß den p o 1nisch-ruthenischeri Ausgleich durch Bekämpfung einer gerechten galizischen Landtags wahlref o r m sowie einer ruthenischen Universität verhindert und ein Kompromiß zwischen Deutschen, Italienern und Südslawen im Sinne der Errichtung einer italienischen Universität in Görz und slowenischer Volksschulen und Mittelschulen in Triest mißlingt, dann ist der Ausbruch einer akuten parlamentarischen Krise — unvermeidlich. Die X. uestgalizHche Distriiitsftonferenz in Tawiow. Von unserem Berichterstatter. Unter großer Beteiligung — zirka 50 Delegierte aus allen Städten Westgaliziens waren erschienen — tagte vorige Woche die westgalizische Distriktskonferenz. Vorsitzender war Herr Dr. Wahrhaftig (Krakau), der in hebräischer Ansprache seiner Freude Ausdruck gab, daß die Jubiläumskonferenz gerade in Tarnow tage, der Geburtsstadt des praktischen Zionismus und daß dessen Begründer, Herr Dr. A. S a 1 z erschienen sei. Er begrüßte den Vertreter des in den langen, schmalen Hausflur: die Frau Flammen, die aus den Tiefen der Seele emporzuckten. Schweigsam saß er da, zornig, mit gerunzelter Stirn und warf von Zeit zu Zeit ungeduldige Blicke nach dem dunklen Winkel des Alkovens. Dort saß in der Ecke der alte Mendel Gdansk}' regungslos und stumm. Zusammengekauert, die Ellbogen auf die Kniee gestützt, das Gesicht in die Hände vergraben, so saß er schon seit Mittag, seit dem Momente, da er erfahren hatte, daß hem Knaben keine Gefahr drohe. Diese Regungslosigkeit und dieses Schweigen des alten Buchbinders versetzten den Studenten in Unruhe. „Herr Mendel“ brach er endlich los, „kriechen Sie doch schon mal aus Ihrem Winkel heraus! Trauern Sie etwa, oder was sonst zum Teufel? Ein wenig Fieber, weiter nichts. In einer Woche geht der Knabe wieder in die Schule, das Fleisch muß nur ein wenig zusemmenwachsen. Und Sie sitzen so niedergeschlagen da, als ob Ihnen jemand gestorben wäre.“" Der alte Jude schwieg. Nach (einer Weile hob er den KopHund sagte rnit leidenschaftlicher, bewegter Stimme: „Sie fragen mich, ob ich in Trauer dasitze? Nun, ich sitze in Trauer da! Ich habe Asche aiuf dem Haupte und einen groben Sack auf dem Kopfe und auf Asche sitze ich und meine Füße sind bloß jind ich fühle tiefe Trauer, großen Schmerz und große Bitterkeit . . .“ " " Er schwieg und barg wieder das Gesicht in den Händen. Das kleine grüne Lämpchen warf ein gespenstisches Licht a,uf sein graues Ha,upt. Der Kleine seufzte einmal, zweimal und wieder herrschte Schweigen. Und mitten in dieser Stille hob dann Mendel Gdansky noch einmal den Kopf und sprach: „Sie sagen, daß mir niemand gestorben ist? Nun, mir ist das gestorben, womit ich geboren ward, womit ich siebenundsechzig Jahre gelebt womit ich zu sterben hoffte ... Mir ist die Liebe zu dieser Stadt gestorben! . . .“ JÜDISCHE ZEITUNG C. K. Herrn Dr. M. Ringel (Lemberg) und entwarf ein Bild der zehnjährigen Parteiarbeit. Er sprach den Wunsch aus, daß die Arbeit für unsere Heimat Palästina energischer betrieben werde, als bisher. Nach vollzogener Wahl übernahmen H. Dr. Salz das Präsidium, Herr Dr. Silbermann (Neu-Sandez) das Vizepräsidiüm. .Herr Ing. Goldwasser (Krakau) und Herr Bendet Fett (Debica) das Schriftführeramt. \ Der Vertreter des C. K. Herr Dr. M. Ringel (Lemberg) begrüßte die Konferenz und gab der Hoffnung Ausdruck, es möge ein engerer Zusammenschluß von Ost- und Westgalizien in naher Zukunft hergestellt werden. Den Rechenschaftsbericht erstattete Dr. Zimmermann (Krakau) und stellte fest, daß die Bewegung in unserem' Distrikte erheblich zugenommen habe, was am besten bei der Volkszählung und bei den Wahlen zutage trat. Dr. Leser (Krakau) erstattete den Kassabericht und stellte fest, daß die Zahl der Schekel- und Parteisteuerzahler, der Einkünfte des N. F. und aller anderen zionistischer Institutionen stark gewachsen sei. An der Debatte nahmen die Delegierten regen Anteil und mächten u. a. dem Z. K. Vorwürfe wegen der Einberufung der galizischen Landeskonferenz nach dem1 weit entlegenen Stanislau, was den Anschein erwecke, als wolle man die westgalizischen Zionisten, die sich voraussichtlich gegen das herrschende System im Z. K. aussprechen werden, ferne halten und majorisieren. Auch die Parteiblätter „Wschod“ und „Tagblatt“ wurden einer Kritik unterzogen. Auf Antrag des H. Unger (Krakau) wurde dem zurücktretenden D. K. das Vertrauensvotum erteilt. Dr. Feldblum (Krakau) trat in einer groß angelegten-Rede für die seinerzeit aufgestellten Forderungen ein, welche er in einer unermüdlichen realen Arbeit in Palästina — Kulturarbeit — und in der ökonomischen Hebung des jüdischen Kaufmannstandes verwirklicht sehen will. Er verfocht besonders den regen Verkauf der P. L. D. C.-Aktien, verlangte die Gründung hebräischer Schulen, Toynbeehallen, Volks- und Wanderbibliotheken, kaufmännischer Vereine und Zweigstellen der Kredit'‘Union. '’EF beantragte , eine Resolution, in welcher' d‘em rieugewählten Aktionskomitee in Berlin volles Vertrauen aus-’- gesprochen wird. Das Budget und dje Propaganda besprach in einem ausführlichen Referate Dr. Leser. Er verlangte für das körnende Jahr die Summe von 3000 Kronen, welche es dem D. K. ermöglichen wird, die Agitation in allen, -kleineren Städten in Wort und Schrift zu führbi. In der Debatte kam; eine heftige Opposition unter Führung des Gg. Dr. Pilz er aus Krakau (zz. in Debica) zum Vorschein. Gg. Dr. P i 1z e r, der als erster das Wort ergriff, brachte in einer flammenden Rede seinen Unwillen über die bisherige, leider so plan- und zügellos geführte Politik des Zentralkomitees in Lemberg zum Ausdruck, indem er auf den Verlauf der letzten Parlamentswahlen hinwies. Er ist voller Entrüstung über die ganz unerlioffte und verhängnisvolle Zurückziehung der zion. Kandidaturen in Westgalizien, die unser Ansehen untergraben hat. „Hinter mir“, so führte er aus, „steht eine große Schar echt zionistisch denkender und prinzipientreuer Parteigenossen, die gegen das heutige System' des Z. K. mit aller Kraft kämpfen werden.“ Er wies auf die unglaubliche Wahlabstinenz >bei den Ersatzwahlen in Zloczow und Droliobycz, die in weiten mißbilligt wird, hin und kündete an, daß die Opposition des Z. K. auf dem nächsten Parteitage für diesen Schritt zur Rechenschaft ziehen wird. Am Schlüsse seiner wirkungsvollen Rede forderte Gg. Dr. tPilzer einen energisch geführten Kämpf, um die Kultusgemeinden den Händen der polnischen Hausjuden zu entreißen und eine großangelegte Aufklärungsarbeit unter der .jüdi- Masse, um auf diese Weise unseren größten Feind, den Indifferentismus, zu beseitigen. Gg. Dr. Pilzer verlangt, das D. K. möge als die nächste Aufgabe betrachten, Westgalizien für den Parteitag in Stanislau zu organisieren, damit Westgalizien nicht majorisiert wird. - Die Rede des Gg. Dr. P i l'z e r fand großen Beifall. Gg. Bornstein (Debica) richtete einen Appell an die Versammelten, sie mögen zahlreich die Landeskonferenz in Stanislau beschicken und schon jetzt eine klare! Stellung zu derselben einnehmen. Auch er erhebt den Vorwurf, daß das Z. K. ' während der ganzen Zeit wenig für Palästina und die kulturelle Hebung der jüdischen Massen geleistet habe. Er will statt der bloßen Wahlarbeit eine wirklich unermüdliche Gegenwartsarbeit, pie nächsten Redner, Ing. Goldwasser und Dr. Silbermann, wandten ihr Augenmerk den aufgestellten Thesen zu, worauf dieselben fast einstimmig angenommen wurden. ' Man schritt sodann zur Wahl des neuen . D. K? Zum' Obmann wurde H. Dr. S. Feldblum, zum Vizeobmann Dr. Zimmermann, Dr. Krengel zum Sekretär, Dr. Leser zum Kassier und zu Beisitzern Dr. Thon, Leschner und Dr. Wahrhaftig, alle in Krakau, gewählt. Nach Nr. 46 Schluß der Sitzung fand eine imposante Volksversammlung statt, in welcher H. Dr. Thon über die Kolonisation Palästinas und die Lage im Zionismus sprach und großen Beifall erntete. Entwurf eines Organisationsstatutes des zionistischen Landesverbandes für (destösterreicfi. § 1. Der Zionistische Landesverband West- Österreich ist* der Landesverband im Sinne des § 3 des Kongreßstatuts für die in den österreichischen Kronländern mit Ausnahme Galiziens und der Bukowina wohnenden Mitglieder der Zionistischen Kongreßorganisation. § 2. Der Landesverband gliedert sich in Vereine (Schekelzahlergruppen). § 3. Die Vereine werden in Distriktsorganisationen zusammengefaßt. Innerhalb des Landesverbandes Westösterreich werden die drei Distjiktsorganisationen Böhmen, Innerösterreich, unef Mähren-Schlesien unterschieden. Sämtliche Vereine (Schekelzahlergfuppen) in Böhmen bilden die böhmische, sämtliche Vereine in Mähren und Schlesien die mährisch-schlesische, alle übrigen die innerösterreichische Distriktsorganisation. § 4. Organe des Landesverbandes sind: a) der westösterreichische Zionistentag; b) das Zionistische Zentralkomitee für Westösterreich. c) das Zionistische Zentralbureau für Westösterreich. § 5. Der Zionistentag (Delegiertentag) jst die höchste beschlußfassende und legislative Körperschaft im Landesverband im Sinne der §§ 9 und 10 des -Kongreßstatuts. § 6. Der ordentliche Zionistentag findet mindestens jedes 2. Jahr statt. Ort Zeit und Tagesordnung bestimmt im Rahmen dieses Statuts das Zentralkomitee. ' § 7: Wenn die an diesem Statut Vorgesehenen Delegiertentage zweier Distriktsorganisationen (Distriktstage) oder mindestens 10 Verbandsvereine mit einer Mitgliederanzahl' von mindestens 1000 . Schekelzahlern den Antrag auf Einberufung eines außerordentlichen Zionistentages stellen, hat das Z. K. einen Zionistentag, dsrji binnen 6 Wochen nach Einlangen des Antrages beim Z. K. zu eröffnen ist, einzuberufen. Aut die Tagesordnung des Zionistentages sind die von den Antragstellern gewünschten Gegenstände zu stellen. § 8. Das Z. K. ist berechtigt, jederzeit einen außerordentlichen Zionistentag einzuberufen. § 9. Das aktive und passive Wahlrecht der Schekelzahler für den Zionistentag ist abhängig von der Zahlung der Landesparteisteuer samt eventuellen Distriktszuschlägen, das aktive Wahlrecht überdies von der Vollendung des 18. Lebensjahres, das passive von der Vollendung des 20. Lebensjahres. § 1 0. Hiebei senden je 15— 25 Wähler 1 Delegierten, 26- 50 „ 2 51—100 „ 3 101—200 „ 4 „ u. s. f., wobei jedem angefangenen Hundert ein weiterer Delegierter entspricht. Vereine und Schekelzahlergruppen, die weniger als 15 Wähler zählen, sind unter Rücksichtnahme auf die örtlichen Bedingungen mit anderen zu Wahlgruppen zusammenzulegen. Diese Maßnahmen sind durch die Distriktsbehörden vorzunehmen, bedürfen aber der Genehmigung des Z. K. Außer diesen Fällen sind Zusammenlegungen von Vereinen -zu Wahlzwecken unzulässig. § 11. Die Einberufung des Zionistentages durch das Z. K. hat mindestens sechs Wochen vor dem Termine der Tagung stattzufinden.. Bei Einberufung eines außerordentlichen Z. T. kann das Z. K. diese Frist aus 'zwingenden Gründen bis auf vier Wochen abkürzen. § 12. Die Wahl der Delegierten ist geheim und direkt: Die Durchführung der Wahlen erfolgt nach ’ den vom Z. K. zu erlassenden Weisungen durch die von diesem damit betrauten Organe. § 13. Am Zionistentag nehmen mit Sitz und Stimme teil: a) die Delegierten der Verbandsvereine (Schekelzahlergruppen); b) die Mitglieder des Z. K.; * c) die westösterreichischen A. K. Mitglieder; d) die Mitglieder des E. A. K. § 14. Jeder Delegierte hat ohne Rücksicht 'äur die Zahl der auf ihn gefallenen* Wahlen nur eine Stimme, und kann nur ein Mandat ausüben. Das Mandat ist nicht übertragbar. Bis zum Beginn der Tagung können Ersatzwahlen vorgenommen werden. Das*Eintreten von Ersatzdelegierten ist nur zulässig für Delegierte, die bereits vor Beginn der Tagung an der verhindert wurden, oder von mehreren auf sie gefallenen Mandaten sich bis zu diesem Zeitpunkte für ein bestimmtes entschieden haben. § 15.' Dem-, Zionistentag obliegen außer den ihm durch das' Kongreßstatut ausdrücklich zugewieseneh Befugnissen: i ’a) Die Entgegennahme und Prüfung, bezw. Entlastung des vom Z. K. über seine Tä-

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