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Jüdische Zeitung · 1911-11-17 · 46 (17.11.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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r SS Nr. 46 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 diese Art am wenigsten geeignet sei, das angestrebte Ziel zu erreichen. Bezüglich der angeblichen Animosität des Berichterstatters sei bemerkt: Wenn genaue Kenntnisse der Verhältnisse und ihre wahrheitsgemäße Schilderung den Eindruck von Animosität auslösen, so liegt die Schuld an den Tatsachen oder an jenen Faktoren, welche den Tatsachen keine Rechnung tragen. 'Es ist doch nicht Sache Ihres Berichterstatters, die galizizischen Parteinotwendigkeiten 'mit der Art ihrer* Erledigung in Einklang zu bringen. Keineswegs aber kann von böswilliger Absicht oder von einem „das Ansehen untergrabenden Systeme“ gesprochen werden. Alle beteiligten Faktoren wären froh, wenn die Berichte aus Galizien in ihrer nackten Schlichtheit Ruhmeszeugnissen gleichen würden. Schließlich bekennt sich Ihr Berichterstatter, gleich dem ihm als ehrenwerten und opferfreudigen Gesinnungsgenossen bekannten Herrn Häusler aus Kossow, sowie vielen anderen in Galizien ohne Scheu als entschiedener Anhänger der Vereinigung aller Organisationen, welche früher oder später im Interesse der gesamtösterreichischen Partei erfolgen muß. Die Samstagnummer des „Lemberger Tagblattes“ bespricht an leitender Stelle die Haltung der galizischen Zionisten anläßlich der Ersatzwahlen. Die angeführte^ Gründe für die Abstinenz sind schon mehrfach angegeben worden, ohne dadurch irgendwie stichhältiger geworden zu sein. Auch in diesem Aufsatze läßt sich der bereits konstatierte logische Widerspruch bemerken. Es wird von .unseren Prinzipien , unserer Entschlossenheit usw. gesprochen und am Ende verlangt (implieite) wir mögen in Zloczow den Herrn Reizes unterstützen. Herr Reizes ist wohl oppositioneller Kandidat .aber als Jude bekanntlich nichts weniger als jüdisch-national. Wie können ihn alsdann „prinzipienfeste, __entschlossene und .30 weiter“ Zionisten schon im ersten Wahlgang bedingungslos unterstützen? Ich stelle diese Frage aus „Sch . . .“ flüsterte er besänftigend. Jetzt erst suchte - er den Weinenden zu beruhigen, welcher bereits von selbst, vom großen Schrekken bewältigt, verstummt war. Jetzt erst kam ihm das schon verstummte Schluchzen des Kindes zum Bewußtsein. In diesem Momente stürzten einige Weiber in den Augen brannten noch die erlöschenden des Garnwirkers mit dem Kind auf dem Arm, die Hausmeisterin und die Greislerin. „Fort Mendel!“ schrie die Hausmeisterin, „lauft ihnen aus den Augen! Ich werde hier im Fenster ein heiliges Bild oder ein Kreuz aufstellen! In den anderen Stuben stehen schon welche . . . Dort geht man nicht hin . . .“ Sie packte den Kleinen bei der Hand. „Vorwärts Kubus! Ins Schlafzimmer . . .“ Sie umzingelten die beiden, stellten sich vor sie, stießen sie hinter den roten Vorhang. Sje kannten den Juden schon so längerer war ein gefälliger, guter Mensch. Nach den Weibern kamen auch andere Bewohner des kleinen Häuschens' herbei. Die Stube füllte sich mit Menschen. Der alte Mendel legte die eine Hand fest auf die Schulter des Knaben, mit der anderen wehrte er die Weiber ab. Er war mit einemmal wieder ganz gefaßt. „Lassen Sie mich in Ruhe, Janora!“ sagte er mit harter, klingender Stimme. „Lassen Sie mich! Ich danke Ihnen, weil Sie mir Ihr Heiligtum geben, mich retten wollen, aber ich will in mein Fenster kein Kreuz. stellen! Ich will mich nicht schämen, daß ich Jude bin! Ich will mich nicht fürchten! Wenn Sie kein Mitleid in sich haben, wenn sie nach fremden Blute verlangen, nun, dann werden sie auch dieses Kreuz und auch dieses Bild nicht beachten. . . Dann sind sie eben keine Menschen mehr. Dann sind sie eben wilde Bestien.“ -is „Wenn sie aber Menschen, wenn sie Christen sind, dann muß für sie der graue Kopf eines alten Mannes und ein unschuldiges Kind auch wie ein Heiligtum sein.“ purer „Animosität“ und rede darüber weiter nichts! Vorige Woche fand in Tarnow der Distriktstag der westgalizischen Zionisten statt. Berichte und Debatten bewiesen, daß d-ie zionistische (Arbeit;in (Westgalizien trotz Verschiedener Hindernisse besonders auf kulturellem Gebiete stetig fortschreitet. Im Laufe der Diskussion wurde vielfach, am nachdrücklichsten von Gg. Neiger (Tarnow) die Vereinigung aller österreichischen Organisationen verlangt. Besonders heftig war die Diskussion über die Taktik der Parteipolitik. Das neugewählte D. K. wird seinen Sitz in Krakau behalten. Obmann des neugewählten D. K. ist Dr. Simon F e l d b 1 um-, ,Obmannstellvertreter Dr. Juda Zimmmermann. * * Einige Gg. Gg., an ihrer Spitze die Herren Dr. Ringel, Frostig und Dr. Schmorak gehen daran, eine gründliche Reorganisation der zionistischen Partei in Lemberg durchzuführen. Die Art ,wie man sich zu diesem Werke anschickt, beweist ,daß man doch viel gelernt hat. Kleinarbeit, wirtschaftlicher Zusammenschluß, vor allem aber unermüdliche Energie und Stetigkeit — durch Anwendung dieser Mittel, wird das Wachstum der Partei in Lemberg die Entwicklung der Partei im ganzen Lande günstig beeinflussen. Uebrigens läßt sich als günstiger Rückschlag der Wahlniederlage ein erhöhter Arbeitseifer allenthalben bemerken. Auch verspricht man sich von der Agitationslournee des Mitgliedesdes E. A. C. Dr. Schemarjahu Lewin .welcher -einige' Wochen in Galizien weilen und in allen größeren Städten Agitationsvorträge halten wird, einen sehr großen Erfolg. Der am 19 und 20. d. stattfindende Hebräertag in Lemberg wirddem hebräischen Schulwesen nützen. Hoffen wir, daß die neue Leitung, welche auf der am 24. und 25. Dezember in Stanislau stattfindenden Landeskonferenz gewählt werden soll; diese Bestrebungen ~ eifrig' fördern und in die Parteiarbeit System und Stetigkeit tragen wird. „Komm, Kubus . . . .“ Und trotz des lärmenden Protestes der Anwesenden schleppte er den Jungen zum Fenster, riß beide Flügel mit einem Ruck auf und stellte sich mit offenem Rocke, in der Lederschürze, mit dem zitternden grauen Barte und stolzi erhobenem Haupte auf, an, seine Seite, drückte er den kleinen Gymnasiasten in der Schulblusc, dessen große Augen, in das grausige Chaos starrend, sich immer weiter auftaten. Die Szene machte einen so gewaltigen Eindruck, daß die Weiber zu schluchzen begannen. Die Horde bemerkte den im Fenster stehenden Juden, ließ die anderen Häuser im Stich und stürzte auf ihn los. Dieser heldenhafte Mut des Greisen, dieser stumme Appell an die menschlichen Gefühle der Masse, wurde als Verhöhnung und Herausforderung aufgefaßt. Hier suchte man nicht mehr ein Faß voll Essig oder Branntwein, einen Ballen Waren, ein Federbett, einen Korb mit Eiern. Ein wildes Verlangen, sich, an fremder Qual zu weiden, machte sich hier Luft; der Instinkt der Grausamkeit war frei und steckte den Pöbel wie ein Feuer .an. . . . Noch waren sie nicht beim Fenster und schon traf ein Stein den Kopf des Knaben. Der Kleine schrie auf, die .Weiber stürzten auf ihn. Der Jude ließ den Arm des Kindes los und ohne sich umzudrehen und beide Hände in die Höhe reckend, schweifte sein starrer Blick über die anstürmende Menge und mit bleichen Lippen murmelte er: „Adonaj! Adonaj! . . .“ und dicke Thränen rollten über sein faltiges Gesicht herab. In diesem Momente war er ein wahrer „Gaon“, ein Hoher, ein Erhabener. Als die ersten aus der Menge an das Fenster gelangten, stießen sie dort auf ein unerwartetes Hindernis in der Gestalt des mageren Studenten aus der Mansarde. Mit wirren Haaren, aufgerissener Uniform, verschränkten Armen, geballten Fäusten, die Das österreichische Rbgeorönetenhaus am Scheidewege. Obwohl von den Juden im österreichischen Parlament derzeit wenig gesprochen wird, so bereiten sich doch allerlei Verschiebungen innerhalb der Parteien vor, bei denen auch der Antisemitismus eine gewisse Rolle spielt. Die Bestrebungen der deutschen, tschechischen und polnischen „R a d i k a I e n“ auf Sprengung des „Deutschen Nationalverbandes“, respektive des Tschechenklubs und Polenklubs drängen zu einer neue n Parteigruppierung. Es gibt nun zwei Möglichkeiten, entweder werden die wahrhaft freiheitlichen Elemente a 1 - 1 e r Nationalitäten sich von den Chauvinisten und Antisemiten emanzipieren und sich zu einer großzügigen österreichischen modernen Reichspolitik aufraffen, oder aber sie werden ihren klerikalen Gegnern aller Volksstämme die Wege ebnen. Die Stellung der Christlichsozialen sowie die Reden der Abgeordneten Doktor Hruban und Sustersic, der Führer der tschechischen und slovenischen Klerikalen während der Budgetdebatte zeigen, daß auch ohne den „Deutschen Nationalverband“ sowie ohne die Jungtschechen eine parlamentarische Mehr - heit möglich ist. Die nächsten Wochen werden unter Umständen entscheidend sein für die Zukunft des Parlamentarismus und der Freiheit in Oesterreich. Die Erledigung des sogenannten kleinen Arbeitsplanes, des Budgetproviso-. riums, die Gesetzesvorlage über die Gehalte der Staatsbeamten und die provisorische Geschäftsordn ungsnoveile sind wohl gesichert. Aber die Situation wird im Parlamente sofort eine andere werden, wenn Füße auseinandergespreizt, stand er unter dem Fenster des Juden. Er war so hoch, daß er mit seiner Gestalt das Fenster fast zur Hälfte deckte. Zorn,. Scham, Verachtung, Mitleid wogten in seiner Brust, und schlugen wie Flammen aus seinem schwarzen, blatternarbigen Gesichte. „Fort von diesem Juden!“ brüllte er wie wütend die Vordersten an, und wenn nicht, dann schlagt mich einer nach dem andern, ihr Lumpenpack, Hundsfotte! Halunken!“ Er zitterte am ganzen Körper und vermochte keinen vollen Ton herauszubringen, so würgte in ihm der Zorn. Aus seinen kleinen graueh Augen sprühten Funken. Und in diesem Augenblicke war er so schön .... Ernüchtert wichen einige zurück. Die Gestalt des Jünglings ■ und seine Worte hatten gewirkt. Dies machte sich der lange Student zunutze, sprang durch das niedrige Fenster in die Stube, stieß den Juden zurück und stellte sich selbst im Fenster auf. Mit dumpfem Gebrüll zog der Pöbel bei dem Fenster vorbei. Hohnrufe, Drohungen, Schimpfworte und Geschrei begleiteten diesen Zug: allmählich legte sich der Lärm, er wurde immer schwächer und klang schließlich in einn undeutliches fernes’ Getöse aus. Niemand lernte an diesem Abend bei .dem Birkentisch, niemand arbeitete in der Werkstatt. Hinter dem roten Vorhang aus dem Alkoven drang von Zeit zu Zeit das leise Stöhnen des Kindes, sonst herrschte dumpfe Ruhe. 'Nur eine zerbrochene Scheibe im Fensterchen und die auf dem Fußboden liegende Uniform und der Schulranzen deutete auf den Sturm, der heute früh hier vorübergebraust war. In dem Alkoven hinter dem roten Vorhang lag der kleine Gymnasiast mit verbundenem Kopfe. T)as grüne Lämpchen brannte neben ihm und der magere Student saß am Rande des Bettes, die Hände des Kleinen in den seinen. Das Gesicht des Studenten sah wie gewöhnlich aus, blatternarbig und häßlich; nur

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