Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 sen, hingegen aber die zionistischen und ruthenischcn Staatsbürger — denen sie allerdings kein Geld schulden und daher auch nach ihrer Ansicht keine Gerechtigkeit — mit barbarischen Freiheitsstrafen belegen. Dabei sind die Herren Schlachzizen auf ihre heimische „Rechtspflege“ sehr stolz. Man erinnert sich noch an das Entrüstungsgeschrei, welches sie erhoben, als bei politischen Prozessen von den Angeklagten die Delegierung nichtgalizischer Richter verlangt wurde. Sie versicherten, daß auch in Galizien. Gerechtigkeit zu finden sei! Nä ja, zu finden ist sie, aber etwas schwer, und wenn man sie schon findet, dann schaut sie gut aus! Siehe Dobuszynski! Sitzung des gro&enRMionsftomitees der zionistifdien Organisation. (Schluß des Berichtes.) Sitzung vom Dienstag den 7. November. Dr. H a n t k e berichtet über die Verhandlungen mit der F ö d e r a t i o n M i s r a c h i, die zu einem Einigungsbeschluß zwischen dem E. A. C. und der Misrachi-Föderation geführt haben, der dem A. C. zur Bestätigung unterbreitet wird. Nach einer längeren Debatte, in der die Herren Motzkin, Fischer, Stand einige größere oder geringere Bedenken gegen manche Punkte dieses Abkommens äußern, -während das E. A. C., jierr Dr. Franck als Vertreter des Misrachi,'sowie die Herren Wolffsohn, Böhm, ldelsohn und Friedemann die vorgeschla-j genen Anträge befürworten, werden die Anträge des E. A. C. in folgender Weise angenommen: 1. Es wird mit dem Misrachi ein Abkommen dahin getroffen, daß der Vorsitzende der Föderation Misrachi, Herr Dr..Franck, zu den Sitzungen des großen A. C. regelmäßig mit beratender Stimme 'hinzugezogen wird, und daß der Misrachi in dem Kulturausschuß, der zur Vorbereitung aller von der Zionistischen Organisation unternommenen kulturellen Arbeiten dienen soll, eine gebührende Vertretung erhält. 2. Zur Ausführung der kulturellen Arbeiten beschließt das A. C. die Wahl eines Ausschusses von 6 Mitgliedern. In ' diesen Ausschuß soll ein Mitglied des E. A. C. den Vorsitz. führen. Von den 6 Mitgliedern des Kulturausschussems sollen 3 Mit¬ FeuiUeton. Nachdruck verboten. Mendel Gdanski. Von Marya Konopnicka. Liebersetzt aus dem Polnischen von R. M. (Schluß.) Liebevoll blickte der Alte auf das Kind. Seine Stirn glättete sich, seine Lippen wurden breiter und die Augen leuchteten. Dann lächelte er glückselig und stille, und nachdem er eine große Tabakwolke aus der Pfeife eingesogen, beugte er sich nieder und blies sie dem Knaben direkt in die Nase. Der Kleine begann zu husten, wadite auf, öffnete seine goldigen Augen und rieb sie mit den beiden mageren Fäustchen. Er beeilte sich sehr; er war ganz Verlegen: eine Aufgabe war unvollendet geblieben, und die Bücher und Hefte lagen noch, ungeordnet auf dem Tische. Er trank seinen Kaffee nicht aus und wollte das Brötchen für das zweite Frühstück nicht mitnehmen, und warf rasch die Bücher in den Schulranzen. Doch kaum hatte er den Mantel über die Schultern geworfen, und sich zur Türe begeben, als diese hastig geöffnet wurde und der magere Student aus der Mansarde ihn in die Stube zurückstieß: „Lauf fort, man schlägt die Juden!“ ''" Er schien sehr-erregt zu sein. Sein blatternarbiges langes Gesicht sah noch länger und narbiger aus; durch den Sprung, den er von dem Flur nach der Tür gemacht hatte, spreizten sich seine dünnen "Beine auseinander. Seine kleinen grauen Augen sprühten Zornesfunken. Der erschrockene Kleine prallte zurück und ließ Mantel und Ranzen fallen. ... Der Alte war starr. Bald faßte er sich und sprang wie ein Eber auf den Studenten zu. „Was heißt fortlaufen?.-... Wohin soll er laufen? . . . Weshalb soll er laufen? . . . Hat ■ er etwa jemanden bestohlen, daß er davonlaufen muß? . . . Sitzt er etwa in einem fremden JÜDISCHE ZEITUNG glieder gemäß den Personalvorschlägen des Misrachi gewählt werden. Das E. A. C. gibt dem A. C.- die Erklärung ab, daß es zur Ausführung des Kongreßbeschliisses, wonach die Zionistische Organisation nichts unternehmen darf, was dem Religionsgesetz widerspricht, in strittigen Fragen eine rabbinische Autorität zuziehen wird, die dem A. C. Ratschläge oder Gutacl»en unterbreiten soll. Die Entscheidung liegt in allen Fragen bei dem A. C. Hierauf wird der Kultürausschuß gemäß den“-" Vorschlägen des E. A. C. und der Misrachi-Föderation in folgender Zusammensetzung gewählt: So k o I o w (Vorsitzender), Dr. Buber, Motzkin, Dr. Heinrich Löwe, Dr. Wilhelm Levy, Dr. P i ck, Dr. Berlin. Hierauf erstattet Dr. Hantke Bericht über die Frage der Anerkennung des Order of Ancient Maccabeans. Der O. o. A. M. t eilt in einem Briefe mit, daß er seine Anerkennung als Föderation beantragt! da er den erforderlichen Bestimmungen des Statuts genüge. Er verfüge über 3000 Schekelzahler und vertrete eigene Anschauungen, innerhalb der Organisation. Ferner hätten die englischen Delegierten auf dem Kongreß mit einer Ausnahme erklärt, daß sie dem neuen Statut unter der Voraussetzung zustimmen, daß der Passus des Statuts, wonach eigene Sonderverbände existieren dürfen, auf den Order of Ancient Maccabeans in dem Sinne angewendef würde, daß seine (Anerkennung erfolge." Herr C o w e n, der Vorsitzende 'der English Zionist Federation, widerspricht dem Anträge des Orders, weil er die Interessen des englischen Zionismus schädige und weil der Order gar keine eigenen Anschauungen vertrete. Dr. Hantke erklärt, der Order müsse anerkannt werden, da er tatsächlich fast alle Befugnisse besitzt, die einer Federation zukommen und man einen schon längst anerkannten Regelung sei unbedingt notwendig. Es werden von verschiedenen Seiten Bedenken gegen die Anerkennung erhoben, weil noch nicht feststehe, ob der Order tatsächlich eigene Anschauungen vertrete. Die überwiegende Mehrheit des A. C. ist der Ansicht, der sich das E. A. C. anschließt’ daß eine freundliche .Zusammenarbeit der nun einmal bestehenden . beiden Gruppenim' englischen Zionismus erstrebt werden müsse: Es gelangt daher folgender Antrag zur Annahme: „Der O. o. A. M. soll als Federation anerkannt werden, sobald dem E. A. C. sowohl von dem Order wie von der .English Zionist Federa¬ Quärtier? . . . In fremdem Haus? ... Er sitzt in seinem Quartier! In seinem Haus! Er hat niemanden bestohlen! Er geht' in die Schule! Er .wird nicht davonlaufen!“ Er sprang auf den Studenten zu, verkrümmt, pustend, und schäumend und der Bart zitterte. „Wie Sie wollen!“ sagte barsch der Student". „Ich sagte . . .“ Er wandte sich zum Gehen. Doch der alte Buchbinder packte „ihn bei den Schößen "seines abgenutzten Mantels. „Wie ich will? . . . Nun, was ist das für Gewäsch, wie ich will? Ich will Ruhe haben! Ich will ruhig mein Stückchen Brot verzehren, für das ich 'arbeite! Ich will diese Waise, diesen Knaben erziehen, damit aus dem Kinde ein Mensch werde, und daß niemand auf ihn spucke, solange er sich nichts zu schulden hat kommen lassen! . . . Ich will, daß man weder mir noch einem anderen ein Unrecht zufüge, daß Gerechtigkeit herrsche, und daß die Menschen Gott ehrfürchten! . . . Nun, dies will ich! Doch d o v o n 1 a u f e n will ich nicht! Ich bin in dieser Stadt geboren, in diesem Hause hatte ich Kinder, ich'habe hier niemand unrecht getan, ich habe hier eine Werkstatt . . .“ Er vollendete nicht, denn von der Ecke der Gasse scholl ein dumpfes Getöse, wie ein herannähendes Gewitter klang es. Ueber das Gesicht des Studenten huschte ein Zucken, ein halblauter Fluch entfuhr seinen zusämmengepreßten Zähnen. Der alte Buchbinder blieb stumm, richtete sich auf und lauschte eine Weile, indem er den mageren Hals in die Höhe, reckte/ Das Gebrüll näherte sich rasch. Schon hörte man langgezogenes Pfeifen, Lachen,. Apsrufe, Geschrei, Weinen und Lamentieren. Schrecklich ging es in der Gasse zu. Die Tore wurden geschlossen, die Läden zugeworfen, die einen stürzten sich ins Getümmel, andere flohen. Plötzlich begann der erschrockene Kleine Nri;/46 tion die schriftliche Erklärung zugegangeh ist, daß beide sich einen gemeinsamen Council’bilden wollen. Dieser gemeinsame Council soll der Organisation gegenüber den .englischen Zionismus vertreten, und das E. A. C. soll mit ihm verkehren.“ Die Frage der Anerkennung des Orders Knights Of Zion wird gemäß dem Anträge des A. .C. vertagt, da das notwendige. Material zur Klärung der Sachlage erst beschafft werden muß. F Das E. A. C. "beantragt, daCs Große A. C. möge ihm Vollmacht erteilen für das Ehrengericht der Organisation ein Statut festzustellen. Das A. C. stimmt diesem Antrag zu. , TJ, - Zur Frage der ..Organisation und Propaganda werden eine Reihe von Anregungen vorgebracht. Herr Motzkin begründet die Notwendigkeit, die Organisation für hebräische Sprache und Kultur" zu unterstützen. Das E. A. C. teilt mit, welche Pläne ies inlder nächsten ‘Zeit für die Ausdehnung der Propaganda durchzuführen gedenkt. Die Herren aus Rußland wünschen, daß der „Haolom“ nach Berlin .übernommen wird. Das A. C. beschließt, für die Zwecke der Ausbreitung der hebräischen Sprache 2000 Mk. auszusetzen. Ueber die Modalitäten der Verwendung entscheidet das E. A. C. Nach einem kurzen Schlußwort schließt der Vorsitzende Prof. Dr. Warburg die Sitzung. Gemberger Brief. (Von unserem Korrespondenten.) . In der letzten Nummer des „Wschöd“ (das polnisch geschriebene Organ des zionistischen Zentralkomitees in Lemberg) wird gegen die Ausführungen der „Jüdischen Zeitung“ über die Parteiverhältnisse in Galizien Stellung genommen und bei dieser Gelegenheit dem Berichterstatter insinuiert, er lasse sich von persönlicher Animosität bei der Abfassung (der Berichte leiten, ln weiterem .Verlaufe wird versucht, zwischen dem Vorgehen der „Jüdischen Zeitung“, welche „Zuschriften aus Kossow“ abdruckt, und der „Neuen- Nationalzeitung“, welche anläßlich der Wahlen sich Zuschriften schicken ließ, eine Parallele zu ziehen. Schließlich wird als Grund „dieses das Ansehen der galizischen Parteileitung untergrabenden Systemes“ das Bestreben, alle zionistischen Organisationen Oesterreichs zu vereinigen, angegeben und hiebei bemerkt, daß laut zu weinen. Der Student schlug die Tür heftig zu und verschwand im leeren Flur. Der alte Jude horchte auf. Er schien weder das Schluchzen des Kindes, nach das Fortgehen des Studenten zu bemerken. Sein Blick war gleichsam ins Innere gerichtet, die Unterlippe hing herab/ er lauschte angestrengt. Durch die Lederschürze konnte man. das Zittern seiner alten Knie bemerken; das Gesicht war rot, dann grün, dann gelb, dann kreideweiß. Er glich einem, von einer Kugel getroffenen Menschen. Noch eine Weile, und der alte, schwache Körper wird zusammenbrechen und niederfallen ... Das immer nähere, immer deutlichere Gebrüll wälzte sich endlich in die öde Gasse, die stürmischen Ausbrüche, das Schreien, Pfeifen, Lachen, Fluchen und Schimpfen. Heisere, betrunkene Stimmen schmolzen mit dem satanischen Pfeifen halbwüchsiger Burschen zusammen. Die Luft schien von diesem fürchterlichen Getümmel gesättigt. Eine tierische Zügellosigkeit bemächtigte sich der Gasse, rollte fort, und wälzte sich. über sie, wild und betäubend. Das Krachen der zerbrochenen Fensterläden, das Getöse der rollenden Fässer, das Klirren des zerschlagenen Glases, das Gepolter der Steine, das Knarren der Eisenstangen, das alles klang so wild zusammen. Wie dichte Schneeflocken flogen und fielen die Federn aus den zerfetzfen Kissen und- Betten, herab. Nur wenige, kleine Läden trennten Mendels Behausung von der wütenden '"Menge. Der Kleine' hörte auf zu schluchzen ,iimd schmiegte sich, am ganzen Körper zitternd, an den Großvater. Seine großen dunkeln Augen wurden noch dunkler und leuchteten ‘traurig aus dem bleichen Gesichtchen. Sonderbar! Das Anschmiegen des Kindes und ■die schon nahe Gefahr verliehen dem alten. Juden Kraft. Er legte die Hand , auf - den Kopf des Enkels, holte tief Atem und, wenn auch ■das Gesicht weiß war wie Schnee, so sprühten seine Augen lebendiges Feuer,