Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die augenblickliche politische Lage in Oesterreich ist ohne Mitwirkung der Juden zustande gekommen. Die Majorität der Parteien und die Majorität im Hause sind offiziell antisemitisch und auch soweit sie diesen Umstand nicht besonders betonen, gewiß von allen „jüdischen Einflüssen“ frei. In gewisser iBeziehung könnte man diese Konstatierung als für die österreichische Judenschaft höchst sch'meichelaft bezeichnen. Denn nie .waren die Zustände im Parlamente so beschämende, nie zuvor war die Situation im Lande so verworren, und trostlos, wie gerade jetzt, und es ist eigentlich sehr angenehm, von jeglicher Mitwirkung, respektive Mitschuld, an dem, was in Oesterreich vor sich geht, freigesprochen zu werden. „Wir sind froh, daß wir mit diesen Dingen nichts zu tun haben!“ So dürften die österreichischen Juden sprechen, wenn sie die unbeteiligten Dritten wären. Nun I e'b e n wir aber in Oesterreich und werden von den Mißgeschicken dieses Landes mindestens so hart betroffen, wie die anderen. Daher ist die Feststellung, daß die Juden als solche an den politischen Vorgängen keinen aktiven Anteil nehmen und ihren Feinden frefe Hand gewähren, kein Kompliment, sondern sie ‘ bildet eine schwere Anklage. Die österreichischen Juden verletzen durch ihre Teilnahmslosigkeit in gröblichster Weise ihre Pflicht gegen Oesterreich und die Pflicht gegen ihr eigenes Volk, das unter den traurigen politischen Verhältnissen unsäglich leidet. Die österreichischen Juden dürfen nicht abseits stehen, sie müssen an den Geschicken dieses Landes aktiv teilnehmen. Das einzige Mittel zur Gewinnung politischen Einflusses ist aber die Zusammenfassung und die Organisation aller Juden auf nationaler Basis. — Gegen die Bildung einer solchen Organisation wurde bisher die „Stärke“ der Antisemiten und die „Schwäche“ der Juden ins Treffen geführt. Die jetzige, .so traurige Situation ist insofern erfreulich, als sie uns lehrt, wie es eigentlich um die unüberwindliche Stärke unserer Feinde bestellt ist. Die Deütschnationalen, die stärkste Partei im Hause, bieten das Bild unsäglichster Schwäche. Heute laufen sie der Regierung nach, morgen raffen übermorgen wieder in frömmste Regierungstreue sie sich zu einer impotenten Opposition auf, um zu versinken. Die Christlichsozialen spielen überhaupt nicht mit, ihre ganze Tätigkeit erstreikt sich auf das Vertuschen von Schmutzgeschichten, der Polenklub frißt wie gewöhnlich aus der Regierungskrippe und tut so gut wie nichts. So stark sind alle diese Herren, daß die unfähigste aller österreichischen Regierungen spielend mit ihnen fertig wird. Und uns Judeh erschienen diese Leute bisher so übergewaltig, ihnen gegenüber schien uns jeder Widerstandso aussichtslos, daß wir bisher auf jede Organisation verzichtet haben und ihren Uebermut, ihre Willkür ruhig ertrugen! Es ist wirklich hoch an der Zeit, mit diesem Köhlerglauben von der absoluten Machtlosigkeit der österreichischen Juden zu brechen und durch die Tat zu beweisen, daß eine stramm organisierte österreichische Judenschaft kraftvoll in die Geschicke des Landes einzugreifen vermag, vor allem aber den Uebermut der österreichischen Antisemiten stark herabstimmen kann. Wahlen in die Wiener Advokatenkanuner. Am 17. d. M. soll die Neuwahl des Vizepräsidenten der Wiener Advokatenkammer stattfinden. Diese Stelle war bisher immer in jüdischen Händen und wurde mit Rücksicht auf die große Zahl der jüdischen Advokaten gewissermaßen als jüdischer Besitzstand angesehen. Auch der kürzlich verstorbene Dr. E m a n u e 1 St roß war Jude. Nun soll dem Vernehmen nach von einem Klüngel jüdischer Advokaten der getaufte Jude Dr. H a r p n e r für diese Stelle kandidiert werden. Hoffentlich werden sich die anständigen Elemente unter den jüdischen Advokaten, die sich noch ein Fünkchen jüdischen Selbstbewußtseins erhalten haben, diese Kandidatur nicht gefallen lassen. Die Anzahl der „Zierden des Bärreaus“, die in den letzten Jahren aus dem Judentum geflüchtet sind, ist auffallend groß. Wir bezweifeln, daß auch nur einer unter ihnen aus Ueberzeugung seinen Glauben gewechselt hat; die Motive dieser Uebertritte waren in allen Fällen nicht weniger unehrenhaft, als dies bei den Renegaten anderer Stände der Fall ist. Ist schon die Bevorzugung getaufter Juden im Staatsdienst eine Prämie für Gesinnungslumperei, nur erklärlich durch den Klerikalismus gewisser hoher Kreise, wäre die freie Wahl eines Renegaten durch die jüdischen Mitglieder eines freien Standes eine Selbsterniedrigung, welche den schärfsten Protest herausfordern sollte. Antisemitische Frechheit eines galizischen Richters. Ueber ein neues Stückchen galizischer Justiz wird aus San'ok berichtet: In einer Gerichtsverhandlung, die hier am 26. Oktober stattfand, spielte sich der folgende empörende Vorfall ab: Ein Bauer trat als Kläger gegen einen Juden auf, an den er eine Geldforderung hatte. Der Richter Dobuszynski, der die Verhandlung leitete, wandte sich an den Kläger mit der vorwurfsvollen Frage, weshalb er denn dem Juden kredidiert habe. Ein Jude verdie ne doch k ei a\Vertrauen. Der anwesende jüdische Advokat Dr. Spiegel wies diese antisemitische Aeußerung des Richters entrüstet zurück, worauf ihn der Richter aufforderte, denSaal zu verlassen. Als sich Dr. Spiegel weigerte, dieser Aufforderung Folge zu leisten, ließ ihn der judenfeindliche Richter durch einen Gerichtsdiener gewaltsam aus dem Saale" weisen. Dieses unerhörte Vorgehen rief ■ ciinen Protest seitens der anwesenden christlichen Advokaten hervor, die auch beim Gerichtspräsidenten hierüber Beschwerde führten. Der Präsident ordnete hierauf die Unterbrechung der Verhandlung und die sofortige Versetzung des Richters in eine andere Abteilung an. Zum Zeichen des Protestes und der Solidarität mit ihrem jüdischen Kollegen weigern sich jetzt sowohl die jüdischen wie die christlichen Advokaten, Verteidigungen bei Verhandlungen, die der obgenannte Richter leitet, anzunehmen. — Dieser liebe Dobuszynski reiht sich würdig an die lange Reihe antisemitischer Edelmenschen aus Galizien an. Er ist der erhabene Typus „russischer“ Justizwächter, welche branntweiiiduftende Rohheit, Korrup'ion mul Willi ür unter der Etikette „Recht und Gerechtigkeit“ verzapfen. Der würdige Kollege jener Drohobyczer Rechtsorgane, die au einem Lischkofski, Feuerstein, Steinhäuser und den anderen Urhebern der Drohobyczer Morde kein Fehl finden und diese gemeingefährlichen Subjekte ifrei herumlaufen lasis^Motfe Neueste MoflelleÄ^a für den Herbst K 12.50, K 16.50 IV., Rainerplatz 3 L, Rotenturmstraße 12 VI., Mariahilferstraße 47. *