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Jüdische Zeitung · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 45 bandes noch immens viel andere, praktischere, konkretere Arbeit geleistet werden kann, is't klar. Eben auf die Art und Weise, wie sie die denkbar beste und erfolgreichste ist, die zwanglose Unterhaltung, die Agitation Von Mann zu Mann. Sammlungen für einzelne Zwecke, Auswahl von geeigneten Agitatoren, die man ja dort eben kennen lernt, eventuell gemeinsame Stellungnahme zu irgend welchen, die Ehre des Judentums oder der jüdischen Akademiker tangierenden Vorkommnissen. Aber all das sind Dinge, mit deren detaillierten Ausarbeitung sich das gewählte Dreier - komitee nicht die Köpfe zu zerbrechen braucht, Dinge, die sich ganz von selbst ergeben, wenn nur an dem Prinzipe des Verbandes -festgehalten wird, das uns als das grundlegende, seinen Wert bedingende erscheint, Sammlung der Intellektuellen zur gemeinsamen zwanglosen Aussprache über alle möglichen Themen des jüdischen Lebens, Politik oder Wissenschaft des Judentums, Partei- oder Kultusfragen, die dadurch mögliche Festigung jedes einzelnen in all diesen Fragen. Der Verband soll auf einer hohen, der ersten Stufe des Geistes und. der Geselligkeit stehen, seine Debatten und Vorträge sollen vornehm, ruhig, akademisch geführt sein, die Zugehörigkeit zum Verbände soll eine von allen jüdischen Intellektuellen zu erstrebende Ehre sein; schon dadurch soll er Leute anz'iehen können, die durch das bloße Interesse an der Sache nicht herbeigezogen werden können, die man dann aber eben durch die persönliche Aussprache zu überzeugungstreuen, opferwilligen und tatkräftigen Zionisten machen kann. Die Aufnahmsbedingungen sollen nur fordern, daß der Betreffende Akademiker und Zionist sei. Das muß eine Garantie für die Art des Verbandes Sein. Um aber auch äußerlich die höhere Geistesstufe dieses der inteasivsten Pflege des Zionismus gewidmeten Instituts zu kennzeichnen, möchte ich vorschlagen, den Verband: „Gesellschaft der zionistischen Akademiker“ zu nennen. % Dr. Kohner. Die neujudifdie Kulfurenttridtlung in Palästina. .(Vortrag des Prof. Dr. Ben.-Zioa Mossinsohn, gehalten im „Zion. Zen t r a 1 v er ein“ in Wien;am 23., Oktober 1911.) »•*) Das Gefühl der Sicherheit Von Leben und Gut in den jüdischen Kolinien hat eine neue Psychologie ihrer jungen Bewohner geschaffen. Die" alten haben nodi Rußland und Rumänien auf ihren Schultern. Aber in den jungen Kolonisten hat sich etwas Starkes, Stolzes und Freies festgesetzt, das wir bei den Juden keines Landes sonst finden. So unterscheidet sich auch der jüdische Feldarbeiter wesentlich von den Arbeitern in anderen Ländern. Die meisten haben Schulbildung, viele auch Hochschulbildung genossen. Sie sind nach Palästina gekommen, weil sie zurück zu dem teuren Boden wollten, um der heiligen Sache als Pionniere zu dienen, als Beispiel für das ganze Volk. Nun arbeiten sie für 60 bis 70 Heller vom Morgen bis zum Abend, oft ohne eine Unterkunft zu haben, schlafen auf den Treppen einer Synagoge oder auf einer Terasse und ziehen morgens und abends mit Gesang ins Feld und vom Felde, voller Freude und voll Leben, weil sie fühlen, daß sie etwas schaffen. Sie haben die Kolonien umgestaltet. Während der Administrationswirtschaft war es Sitte, daß der Jude nur Aufseher ist, der Araber der Arbeiter. Die jungen, kräftigen jüdischen Arbeiter haben die Kolonisten und besonders deren Söhne gezwungen; selbst zu arbeiten. Noch mehr: Sie wurden Wächter und Hirten, obgleich das der beschwerlichste Beruf ist, verbunden mit einer steten Lebensgefahr im1 vollen Sinne des Wortes. Als die ersten Hirten und Wächter hinauszogen, ereignete sich etwas ganz Merkwürdiges. Die Araber wollten das nicht zugeben, sie dachten ihr Prestige gefährdet und kämpften für ihren Ruhm, ihrer Stärke und ihr bisher unangetastetes Recht des Waffentragens. Ueber diesen Kämpfen liegt ein romantischer Schimmer. Die Araber waren gewohnt, die Juden bisher in den engen Gäßchen Jerusalems und Saffeds als Händler oder Bettler zu sehen, für die sie das in ihrer Sprache *) Siehe Nr. 44 der „Jüd. Zeitung“ vom •3. November 1911. schlimmste Schimpfwort „totes K i n d“ hatten. Nun zeigten sich die Juden auf einmal als „lebende Kinder“ und diesen galt ihr Zorn und ihr Kampf. Es gab in Palästina Zusammenstöße zwischen Juden und Arabern, die in der europäischen Presse fälschlich als Pogrome bezeichnet wurden. In diesen Kämpfen haben sich die jungen Juden bewährt, wie selten jemand. Viele von ihnen wurden niedergeschossen, aber fast immer meuchlings. Denn Angesicht gegen, Angesicht mit diesen jungen, mutigen Juden zu kämpfen, haben die Araber bald unterlassen, sie zeigten sich dabei als die Schwächeren. Diese Kämpfe forderten viele Opfer, aber die Reihen schlossen sich immer wieder, die Lücken wurden ausgefüllt. Dabei waren fast alle die jungen Leute sozialistisch angehaucht; aber sie fielen für das Eigentum der Unternehmer, wo es galt, es gegen. die Araber zu verteidigen. Damals hatten die Kolonien in Palästina und das in ihnen neu auflebende jüdische Volkstum die ersten Blutopfer. Wir mußten in jeder Zeit der Menschheitsgeschichte solche Opfer bringen. Im Mittelalter w'aren es die Kedoschim, die für ihre religiöse Ueberzeugung starben. Das w'aren aber passive Opfer. Die zahllosen •Opfer in Rußland fielen für fremde, nichtjüdische Interessen. In Palästina hatten wir das erstemal Opfer in den jungen, vofi den Arabern niedergemetzelten Juden, die ihr Leben für die Stärke und den Ruhm ihres neuauflebenden Volkes hingaben. Neue Kedoschim entstanden zur Ehre unseres neueji Lebens in Palästina. Mit gesenktem 'Haupt standen wir an den Gräbern dieser jüdischen Helden, das Herz blutete uns, aber wir w'aren stolz, W'eil w'ir in ihrem Tode Leben gefühlt haben. Die s t ä d t i s c h e n Kolonien sind jünger als die Dorfkolonien. Der Aufschwung, den w’ir heute in ihnen sehen, datiert erst seit zehn Jahren und doch ist er so bedeutend, daß, w'er Jaffa und Jerusalem vor sieben Jahreil sah, es heute nicht wdedererkennen würde. Nicht nur das jüdische, sondern das ganze Leben in Palästina hat sich anders gestaltet, ein anderes Kolorit angenommen. Wo früher ein Chalukaleben armselig vegetierte, entwickeln sich heute Handel und Industrie, wenn auch in kleinem Maßstabe. Die wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande haben sich von Grund aus geändert'. Es ist alles noch klein, wreil w'ir w'enig Leute haben, um Großes zu schaffen. Aber doch welche Veränderung! T e l a w i w, das neue jüdische Stadtviertel in Jaffa mit seinen breiten Straßen, öffentlichen Anpflanzungen, mit seiner Wasserleitung, zeigt deutlich, w'as die Juden in das Land hineingetragen, w'elch große Werte sie dort geschaffen haben. Der neue Jischuw wirkt auch schon auf den alten. Die Chalukajuden gehen aus den engen Gäßchen Jerusalems hinaus und streben zur Arbeit. Wir sehen zum erstenmale in der Diaspora, daß unter einer jüdischen Kulturentwicklung neue Werte für ein ganzes Land geschaffen werden. Das wird verständlich, wenn wir uns vor Augen halten, daß die Juden in jedem Lande, wo sie in der Minorität sind, unter dem Zw'ange einer fremden Kultur stehen, die sie aufnehmen müssen, um nichtim Kampfe ums Dasein verloren zu gehen. In Palästina besteht dieser Zw-ang nicht. Dort ist keine Nötigung, die türkische oder arabische Kultur sich anzueignen. Wenn eine zwingende Kultur da ist, so ist ^es die jüdisch-nationale, und so schaffen die Juden zum erstenmale nach ihren inneren Entwicklungsmöglichkeiten und nach ihren . inneren Kräften im Lande. Die Verschiedenheit der Umgangssprachen in Palästina erzeugte, die. Notwendigkeit einer Verständigungssprache. Eine große ■ Reihe von Faktoren haben dazu beigetragen, daß das Hebräische zu dieser Sprache wurde. Nun ist es die leben digste Sprache im Lande und von allen anerkannt. Wie kam es . nun, daß die hebräische’ Sprache so rasch aufblühte? Die Juden, die aus allen Ländern nach Palästina kamen, sprachen in derf verschiedenen Idiomen ihrer bisherigen Heimat, sie konnten sich untereinander nur mit den paar Worten verständigen, die sie alle kannten. Das waren hebräische Worte und die begannen beweglich zu werden und zu leben. Während bisher das Hebräische im reichen Wortschätze der Rabbinnen nur eine tote Sprache war, weil ihr die {motorische Freiheit fehlte, wurden die paar hundert hebräischen Worte, die die Juden Palästinas im täglichen Verkehr untereinander gebrauchten, zu einer lebendigen Sprache.. Dazu kommt noch ein zwingendes Motiv. Der Jude, der nach Palästina geht, trägt zum Unterschiede von den Emigranten nach Amerika, der dem Gesamtjudentum entflieht, um nur sich selbst und seine Existenz zu retten, das ganze Judentum auf seinen Schultern und fühlt die Verantwortung vor seinem Volke. Er sucht .unwillkürlich das Nationale und Allgemeine zu pflegen, da es sonst keinen Sinn hätte, nach Palästina zu gehen. Und nur in Palästina konnte sich das Hebräische so entwickeln, denn die Sprache ist die Errungenschaft im Kampfe mit der Umgebung. In Palästina hat sich die nationale Sprache dereinst entwickelt und hier mußte sie wieder lebendig werden. Der Streit, ob Hebräisch oder Jargon, hat in Palästina keinen Platz gefunden. Es ist wahr, der Jargon ist das Spiegelbild der Tränen unserer Seele, die in fremden Ländern weilt. Aber das gilt für jeden Jargon, den die Juden sprechen und so konnte sich wieder nur das Gemeinsame entwickeln;und das, was feinem teuer 'ist für 'Zion, die hebräische Sprache. Man sagt oft, daß die Sprache .'wichtiger Sei als .'der vBoden. Pas gilt'bei einem Volke mit dem Boden unter den Füßen. Für uns Juden, einem Volke der Hoffnungen, muß die Sprache einen noch viel größeren Wert haben. , Uns, die wir fast ohne Zusammenhang sind, blieb bisher fast nur der Zusammenhang des Leidens. Pogrome in Osteuropa müssen erst irgend einen reichen Juden des Westens erinnern, daß er jüdische Brüder hat; aber selbst dieses schwache Band zerreißen wir selbst, weil wir einander nicht verstehen: "Hätten wir eine gemeinsame Sprache, so wäre heute unsere Lage eine ganz andere. Mit Recht sagt der Sprachforscher Fritz Mauthner: „Die Sprache ist für die Nation das, was das Zentralnervensystem für den Menschen.“ Für uns ist das einigende Band der hebräischen Sprache von größter Wichtigkeit. In Palästina sprechen sie schon viele Tausende. Die sie schon kannten, frischten ihre Kenntnisse auf, die anderen lernen sie neu, vor allem die jüdische Jugend. Nicht lange wird es Währen undl die große Kluft zwischen Ost und West wird überbrückt sein: Hier ist ein neuer Halt in der Zerfahrenheit des jüdischen Lebens. Bus der fceopolösfaöf. Die Agitation für den „J ü d i s c h-e n Volks verein für die Leopoldstad t“, die seit mehreren Wochen schön in einer größeren Anzahl von kleineren Sprengelversammlungen und Vertrauensmännersitzungen betrieben wurde, hat nunmehr im großen Stile eingesetzt. Für Montag, den 6. d. M. hatten die Proponenten unserer neuen Organisation eine jüdische Volksversammlung in den großen Saal des Hotel „Arco“ einberufen, die sowohl „durch den massenhaften Besuch wie durch den würdigen Verlauf davon Zeugnis ablegte, daß die Arbeit, die die Jüdischnationalen während der diesjährigen Wahlaktion Inauguriert und seither emsig fortgesetzt haben, nicht fruchtlos geblieben ist. Wohl noch .nie' hat unser .Bezirk außerhalb der Wahlzeiten eine so großartig besuchte politische Versammlung der Juden gesehen. Und die rege Anteilnahme und fortwährenden Zustimmungskungebungen der Ver- ■Safhihlungsbesucher — fast durchwegs Wähler der Leopoldstadt — zeigten deutlich, wie tiefe und starke Wurzeln unsere Idee der nationalpolitischen Betätigung der Juden in unserem Bezirke gefaßt, hat. Das warendiesmal keine Leute, die aus Neugier ‘für die „interelsanten Unbekannten“ — die wir Jüdischnationalen bisher für die großen Massen der Wiener Juden gewesen sind — oder wegen' etwa angesagter Sensationsreden „hervorragender Parlamentarier“ in die Versammlung gekommen sind! Die 5^- 600 Wähler, die den geräumigen Saal des Hotel „Arco“ bis auf das letzte Plätzchen füllten, waren bewußte und begeisterte Anhänger unserer Sache, Mitkämpfer, die auf unseren Ruf

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